Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 1 (9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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seine Formen danach bestimmt, von welchen Menschen — russischen, polnischen oder rumänischen Juden — er verwirklicht, und unter welchen ökonomischen Bedingungen er geschaffen wird. Folgendes ist aber wichtig: dieser Sozialismus erschöpft sich nicht im Bekenntnis zum Wehsozialismus. Dieser konstruktive Sozialismus hat eine fast religiöse Aufbaustimmung und einen Geist geschaffen, ein Axbeitswerk, in dem nach Ideen regiert wird. Man empfindet eine solche Leistung als besonders unerhört, wenn man weiß, daß in Palästina die eigentliche staatliche Autorität fehlt. Die Arbeiterschaft — das empfindet man allseits in Palästina — hat etwas getan, was von hoher Gesamtverantwortung zeust. Die Aufbaubestimmung, die ihr eigentümlich ist, hat sie zum absoluten Postulat erhoben und ganz Palästina gezwungen, sich ihren Ideen zu beugen. Es ist nötig, diese starke, eigenartige und große Leistung des Aufbauwerks in Palästina hervorzuheben, wenn mit voller Unbefangenheit auch die negativen Stellen gezeigt werden sollen. Die Darstellung der ökonomischen Situation wird hierzu Anlaß geben. Zur Eigenart des Aufbauwerkes gehört, daß es an einer Hypertrophie des Gruppenprinzips krankt. Der Geist der Arbeiterschaft ist weniger von einem unbedingten Willen zum Allumfassend-gemeinsamen bestimmt, als vielmehr von einer Gruppentendenz, die sich schon im Grunde befriedigt, wenn an irgend einer Stelle ein begrenztes, schönes Werk geschaffen wird. Zwar besitzen einige Teile der Arbeiterschaft, besitzt vor allem der Gdud starke Ausdehnungstendenzen. Wenn man aber die Gesamtheit der Palästinaprobleme übersieht, so findet man, daß die Arbeiterschaft ihr keineswegs gerecht wird. Betrachtet man allein die problematische Stellung der Arbeiterschaft zum Problem „Stadt", so wird schon hier klar, daß sie die Staatsautorität usurpiert hat, ohne zu ihr berufen zu sein. Einleuchtend ist, daß eine solche Usurpation viele Schäden enthält. So zeigt die Furcht etwa vor der baalbatischen Einwanderung deutlich, daß man in Palästina vielfach die „Judenfrage", diesen großen Herzlschen Gedanken des Gesamtiudentums, vergessen hat. Vielleicht ist man zu resigniert, um an die Lösung der Judenfrage zu glauben, vielleicht findet man es ausreichend, wenn in Palästina ein Werk errichtet wird, zu dem ein Teil der jungen Judenheit hinstrebt. Man hat sich aber zu sehr auf die Inseln der Seeligen zurückgezogen, hat vergessen, daß die scheinbare Nichtbeachtung vieler Probleme des Aufbaus trotz allem sozialen Ethos und aller starken Aufbaustimmung die Arbeiterschaft vom zionistischen Weltproblem, von der „Judenfrage" entfernen kann. Man hat vergessen, wie sehr man ökonomische Kräfte zurückstößt und eine Atmosphäre des gegenseitigen Kampfes schafft, die das Land in zwei oder mehrere Parteien spalten muß. Denn, so ausgesprochen der Gegensatz der Arbeiterschaft gegen die Stadt auch sein mag, so kann man nicht mit solchem Fanatismus hassen, wenn man das zionistische Weltproblem im Auge behält. Die Mehrheit der Arbeiterschaft glaubt, daß sie die westeuropäische Idee des Klassenkampfes entbehren kann, bei nähcrem Hinsehen bemerkt man aber, wie sehr der Klassenkampf geschürt, wie stark Trennimjjslinien gezogen 26