Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 1 (9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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tränkt von einer neuen Weltanschauung ihresgleichen wahrscheinlich in der Welt nicht haben, so dürfen wir niemals diese Betrachtung der Herkunft aus dem Auge verlieren. Der ostjüdische Menschentypus hat nach Palästina alle Erfordernisse mitgebracht, die für den Aufbau notwendig sind. Einmal die Robustität, die nur Menschen haben, die nicht aus der Atmosphäre des gesicherten Bürgertums, sondern aus der Schicht der Entbehrung, der Atmosphäre des Kampfes stammen. Außerdem bringt dieser Typ einen Fanatismus mit, der zu jenen ungeheuren Taten geführt hat, die das neue Rußland geschaffen haben. In diesen Menschen liegen ganz unverbrauchte schöpferische Kräfte, die in dieser Stärke in Westeuropa verloren sind. Was sie nun besonders fähig macht, die Initiative im Aufbau des Landes zu ergreiien, ist eben die Herkunft aus einem traditionell bestimmten Volkskreis. Alle Grundbedingungen, die nötig sind, die hebräische Kultur zu schaiien, sind in ihnen praedisponiert. Sie brauchen nicht die geistigen Kämpfe zu bestehen, die jeder von uns durchzumachen hat, wenn er sich dem hebräischen Kulturphänomen nähern will. Jenes tief verankerte Gefühl, daß eine jüdische Masse hinter ihnen steht, gibt ihnen die Sicherheit ihres Vorgehens. Der deutsche Zionismus, dessen Kraft in seiner Organisation besteht, ist müde geworden, weil ihm diese quantitative Breite fehlt', deren Bewußtsein den ostjüdischen Menschen intensiv durchdringt und in jedem Augenblick zu beleben vermag. Zum Aufbau Palästinas selbst: wenn wir die staatlich-politische, wenn wir die soziologische Gliederung und das Wesen des Neuaufbaues erkennen wollen, müssen wir eindeutig konstatieren, daß das Wesentliche von der Arbeiterschaft geleistet worden ist. Man kann sich der Größe dieser Leistungen nicht verschließen. Auch ein Werk wie Tel-Aviv darf, man nicht unterschätzen, denn an einer so starken Leistung kann man nicht ohne Staunen vorübergehen. Der große Unterschied ist aber, daß dieses Tel- Aviv unwillkürlich geworden ist: Die Meeschen sind nach und nach gekommen, sie haben weitergebaut, wo andere aufgehört hatten, und so ist die Leistung mehr geworden m i t den Menschen und trotz der Menschen, während die ungeheure Leistung der Arbeiterschaft darin besteht, daß sie ein Werk geschaffen hat, das neu, das tatsächlich schöpferisch ist und für das vor allem kein Vorbild vorhanden war. Schließlich haben es die Arbeiter verstanden, Gegebenheiten des Landes entsprechend dem Neugeschaffenen die einheitliche, bezeichnende und einmalige, neue Form zu geben. Die beherrschende Weltanschauung ist ein Sozialismus, dessen Inhalt nicht einfach umrissen werden kann: Ein Sozialismus, der tausend Bildungen annehmen kann und angenommen hat; überall ist Inhalt und Form der Sache nach grundsätzlich verschieden. Kaum eine Siedlung gibt es, wo eine authentische Auflassung von der einheitlichen Struktur der sozialistischen Lösung und Erfüllung vorhanden ist. Ueberau ist sie verschieden, und gerade diese Vielfältigkeit zeugt für das Lebendige, Produktive dieses „konstruktiven" Sozialismus, der sich dem Aufbau des Landes und seinen Menschen anpassen muß, der 25