Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 1 (9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alles heißt, daß die Juden nicht auf einem europäischen Niveau, sondern wie Araber leben müssen, es sei denn, daß die Differenz zwischen den Lebensbedingungen von außen bezahlt wird. Diese Zahlung ist bisher auf dem Wege der Spende erfolgt. In letzter Zeit wirkt auch das einströmende Kapital der Einwanderer entscheidend mit. Tel Awiw verdankt so seine Entwicklung dem Verbrauch dieses Vermögens. Es ist jedoch zu befürchten, daß das private Kapital in absehbarer Zeit verzehrt sein wird und daß eine produktive Anlage und Vermehrung dieses Kapitals bei den bestehenden Voraussetzungen nur zum geringsten Teil geschehen kann. In Palästina wirken alle Faktoren verteuernd ein. Das Fehlen des Hafens, schlechte Post- und Schiffahrtsverbindung, eine nicht geschulte bürokratische Beamtenschaft mit ihren gesetzgeberischen Experimenten, der wenig qualifizierte jüdische Arbeiter mit seinen hohen Lohnsätzen, der teure Boden, die Valuta, Fehlen des langfristigen Kredites, Unzulänglichkeit unserer Nationalbank und noch viele andere Momente — sie alle bedeuten Konkurrenzunfähigkeit gegenüber dem Weltmarkt und ein notwendig unrentables Wirtschaftsleben. Auch für das private Kapital ist daher eine Hilfe von außen unerläßlich. In welcher Form muß diese Hilfe geschehen? Die frühere Methode des direkten Geldgebens hat erstens ihre Grenze und zweitens ihre große Gefahr. Die Grenze liegt darin, daß ein von dauernden Nöten und katastrophalen Verfolgungen geplagtes Volk für ein gesundendes Palästina keine riesenhaften Sammlungen aufbringt. Die seil Jahren ungefähr konstanten Spendeneingänge reichen im besten Falle aus, um einige hundert Familien jährlich anzusiedeln. Eine Änderung in der Abkehr von der Landwirtschaft zu erblicken, erscheint verfehlt. Solche mechanischen Antithesen sind immer falsch. Die Argumente sind zu bekannt, um hier wiederholt zu werden. Die Gefahr der direkten Hilfe liegt in der lähmenden und demoralisierenden Wirkung der Spende. Die Entwicklung von der Chalukkah zu Rothschild und Keren Hajessod hat nur bedeutet, daß man das Geld nicht mehr den notleidenden Menschen, sondern den notleidenden Dingen schenkt. Ob es die Rothschild'schen Kolonisten sind oder die Angestellten und Arbeiter des Großunternehmers Keren Hajessod, sie können nicht aus eigener Kraft leben. Auch in anderen Ländern kennt man staatliche Hilfe, Wenn dort die Landwirtschaft schwere Krisen hat, gibt man ihr Schutzzölle oder Exportprämien oder billige Kredite, aber man verteilt nicht pro Kopf eine Geldsumme. Hier liegt der Unterschied zwischen staatlichem Denken und Handeln und einer Wohltätigkeitstradition. Die eine Hilfe bleibt vollkommen im Rahmen konstruktiver Wirtschaftsführung, während die zweite von ethischen und sozialen, d.h. persönlichen Motiven bestimmt wird. Ein Staat will der Landwirtschaft helfen als wichtigem Glied seines Ganzen; die Wohltätigkeit sucht den einzelnen Landwirt zu unterstützen. ' Wir lehnen also die Spende, d. h. den Keren Hajessod, als d i e zentrale zionistische Arbeit ab, weil sie erstens in ihrem Erfolg begrenzt ist und 17