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Blau-Weiss-Blätter · 1925-09-01 · 1 (9.1925) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1925)
Issue
1 (9.1925)
Date
1925-09-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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auch nur annähernd einem europäischen Niveau entsprechen, müßten auch Hunderte von Millionen oder gar einige Milliarden Mark ins Land fließen. Ein alter Palästinenser, der nie in Kultur-Europa war, sah sich eine märkische Landwirtschaft an und erklärte, zum ersten Male richtigen Boden gesehen zu haben. Seit vielen Generationen ist hier die Erde kultiviert, seit Jahrhunderten Reichtum auf Reichtum erarbeitet und gehäuft worden, um den Unterschied zwischen einem Fellachendorf und deutscher Wirtschaft zu schaffen. Der heutige Kapitalismus ermöglicht es in zauberhaft schneller Zeit, Epochen der Entwicklung zu überspringen. Aber nur jene konzentrierte Kraft, die Kapital heißt, schafft dieses Wunderwerk. c) Die Wirtschaft eines Landes gleicht einem Motor, von dessen Tourenzahl die Energie abhängt. Jede Reihung des umlaufendeu Kapitals vermindert das Tempo. Es möglichst reibungslos laufen zu lassen, ist die Aufgabe der Wirtschaftsleitung. Die Organisierung der Produktionen mit allen Fragen der Technik, die Organisierung des Konsums mit ihren Verkehrsaufgaben, Schifffahrt, Eisenbahn, Post, Straße, Häfen mit Ausbau des Handels, Reklame, Presse etc., die Organisierung der Finanzierung, Kredite, Valuta sind die Probleme des Wirtschaftlers. Auf all diesen Gebieten gibt es eine Fülle produktiver Leistungen, die den Wohlstand des Landes heben. Ob es ein Emil Rathenau ist, dessen Elektrizitätsversorgung bahnbrechend war oder ein Siemens, der die Deutsche Bank geschaffen hat, sie haben den nationalen Reichtum erheblich gefördert und an Deutschlands Großmachtstellung mitgewirkt. Merkwürdig, daß diese tatsächlichen Probleme Palästinas erst auf sehr beschränktes Interesse stoßen. Nur in maßloser Ueberschätzung, wie z. B. Ruthenberg's Elektrifizierung werden sie überhaupt geschätzt. Als notwendige, normale Arbeit sind sie mehr oder minder verachtet. In der Wertskala zionistischer Arbeit haben sie einen geringen Rang. In Wirklichkeit liegen hier die produktiven Wege des Aufbaus. d) Um die Majorität des Landes zu bilden, müßten 20 Jahre lang ca. 60000 Juden jährlich einwandern. Das bedeutet: selbst bei Zugrundelegung der letzten hohen Immigrationszahlen gebrauchen wir dafür 35-40 Jahre. Wenn marr die politische Situation Palästinas und des Orients übersieht, so begreift man die Unmöglichkeit der jetzigen Kolonisation. Nach diesen allgemeinen Voraussetzungen zu den eigentlichen Fragen: Die ökonomischen Bedingungen Palästinas sind für eine jüdische Einwanderung sehr ungünstige. Das Land besitzt, abgesehen vom Toten Meer, dessen Ausbeutung noch fraglich ist, keine bedeutenden Mineralschätze. Der nur in geringen Flächen vorhandene landwirtschaftliche Boden ist eine arme, ausgesogene Erde, die mit europäischem Kulturboden nicht zu vergleichen ist, und die unverhältnismäßig hoch bezahlt werden muß. Das Hinterland ist im Osten und Süden Steppe und Wüste und nur im Norden schließt es sich an ein orientalisch zurückgebliebenes Gebiet, Syrien, an. Die Bevölkerung ist arm und bedürfnislos, der Kapitalismus Palästinas kaum entwickelt; weder sind große Reichtümer vorhanden, noch sind Wege und Mittel geschaffen, um das geringe Kapital schnell und reibungslos umlaufen zu lassen. 16

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