Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1925-09-01 · 1 (9.1925) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1925)
Issue
1 (9.1925)
Date
1925-09-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425321-2425331-2425333--1471-2425443
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sollte? Es war die unbürgerliche revolutionäre Haltung, die aus unserem Lebensstil gewachsen war. Revolutionär hieß bei uns alles andere als sozialistisch. Unbürgerlich war eine geistig moralische Entscheidung, nicht eine Frage der Klassenzugehörigkeit. Das Klassengefühl var uns unsympathisch. Wir sahen unter Arbeitern denselben kleinbürgerlichen engen Charakter wie unter den reichen Bürgern. Als schaffende Typen schätzten wir alle Berufe gleichermaßen. Die Klassenunterscheidung erschien uns aus einer falschen Antithese abgeleitet. Klassenkampf war daher ein feindlicher Ec6riff. Den alle Menschen umfassenden Geist sahen wir in der reinen nationalen Idee. Staatsbürger war und sollte jeder sein. Der Staat selbst ein gestufter, wo der Rang dem wirklichen Werte entsprechend, verliehen wurde. Der Aufstieg sollte allen möglich sein, aber nur gemäß ihren Fähigkeiten. Alle kämpfenden Energien sollten nach außen gerichtet sein zur Errichtung der nationalen Größe. Auch der Versorgungsgedanke war dem Bunde fremd. Wohltätigkeit war kein,e Sache einer Armee. Vor den Schlachten konnte man noch nicht über Invalidenversorgung diskutieren. Der Bund sollte unbelastet und aktionsfähig sein, jede Geldgabe einem Aktionszweck dienen. Niemals hat der Bund früher an Geldmangel gelitten. Für jede Arbeit war genügend Geld vorhanden. Eine kurze Zeit erreichten unsere Eingänge fast die Keren Hajessod-Zahlen. Alle diese Dinge haben sich grundlegend geändert. Unsere Praktikantenschaft nach Prunn setzt sich zum großen Teil aus proletarischen Elementen zusammen, auch unsere Handwerker, besonders in Berlin, entstammen kleinbürgerlichen Milieus. Das soziale Niveau des Bundes ist erschreckend gesunken. Kinder wohlhabender Kreise sind fast überhaupt nicht mehr gewonnen worden. Vielleicht unterscheiden wir uns heute kaum mehr vom Brith Haolim oder Haschomer Hazair. Ob mit dieser Verschiebung der Geist sich geändert hat, ist schwer zu beweisen. Wir wissen jedenfalls, daß der Bund keine Summe von Potenzen darstellt, sondern zu einem großen Prozentsatz seiner Menschen versorgungsnotwendig erscheint. Wie soll ein solcher Bund noch politische Aktion entwickeln können, wenn die geringen vorhandenen Kräfte restlos in dieser Arbeit erschöpft werden? Jede Steuervorstellung -wird sinnlos, wenn wir sie an solchen Verpflichtungen messen, für die kein' ernster Mensch des Bundes eine Verantwortung übernehmen kann. Vielleicht ist es richtig, hier gleich das Gegenbild zu zeigen. Erstens: Der Blau-Weiß lehnt jede Verpflichtung für seine Mitglieder ab. Zweitens: Es lohnt sich nur, Menschen zu helfen, die sich auch alleine helfen können. Alle andere Hilfe schwächt und erniedrigt nur die Betroffenen und macht sie Unfähig, sich selbst vorwärts zu bringen. In seinem Buche, „Die Weltrevolution" schreibt der Präsident der Tschechoslowakei Marsaryk von sich und Dr. Bennescb: „Beiden kam uns zu Gute, daß wir eine sogenannte herbe Lebenserfahrung hatten; wir hatten uns durchgeschlagen, uns aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet und das bedeutet, sich Praktik, Energie, Kühnheit aneignen." Wir dürfen unseren Menschen den Lebenskampf nicht abnehmen, wenn wir sie gesunden lassen wollen. Ich selbst habe Jahre meines Lebens als Leiter des Arbeitsamtes Wohltätigkeitsarbeit geleistet und habe die furchtbare Wirkung der amerikanischen Millionenspenden kennen gelernt. 12

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.