Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 4 (6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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sich immer wieder vorzutäuschen, der Fehler liege am Können, nicht am Wollen. Was ums fehlt und weswegen wir nicht zeichnen, weswegen wir auch nicht photographieren, das ist mit einem Wort: Die Lust der Anschauung. Es gibt eine schwärmerische Haltung vor der Natur, die im Gefühl verharrt- Es gibt eine mechanische, die im Wissen steckenbleibt. Keine von beiden ist die unsere: denn beide bleiben auf der Mitte des Weges stehen. In ihnen lebt weder Mut noch Kraft, ihn bis ans Ende zu durchschreiten. Die Haltung, die w i r meinen, ist die Bemühung des Willens, die Erscheinung zu durchdringen und sie von der Ganzheit der Seele aus al3 Natur lebendig anzuschauen. Niemand von uns ist mehr als ein Adept in dieser Kunst der Anschauung, und noch kennen unsere Reihen nur wenige Menschen, die ganz tief, ganz voll und ganz reich zu sehen vermögen. Denen alles, was sie umgibt, aufs schönste sich öffnet, aufs wunderbarste zu sprechen scheint, denen der Sinn des Alls in der Gestalt des Einzelnen aufs natürlichste sich offenbart. Menschen, die nicht erst durch Ideen hindurch sehen und hören, sondern deren Sinne tätig und frei, immer aufs Entdecken aus sind und auch immer entdecken. Menschen, die sich wirklich heimisch in allem fühlen, was um sie herum lebt, und die es dadurch erst besitzen, mit der Ehrfurcht. Härte und Männlichkeit, mit der ein Bauer, mit der ein Jäger Wald und Feld ,.besitzt". Wieviel Eindrücke fassen wir auf jeder Sonntagsfahrt, wieviel erst auf der großen Fahrt, und was wird aus ihnen, was bleibt von ihnen haften? „Ich kenne oben in den Salzburger Alpen eine mehr als zwölf Jahre alte wilde Aurikelpflanze. die besuche ich immer wieder: sie blüht noch voll, wenn im Tieflande der Aurikelflör schon lange verblüht ist." Wer von uns kennt das Eigenleben einer Pflanze, einer bestimmten, mit solcher Liebe und solchem Glücksgefühl, wie sie aus diesen einfachen Worten des großen Gärtners Karl Förster sprechen? Wer von uns kennt einen Berg, eine Burg, ein Schloß, einen Strauch ganz? Wissen wir um die Spiele des Lichtes, die das Silbergrau der morgendlichen Wiese ins. Saftgrün des Mittags wandeln und es wieder in die Bleiche des Abends einhüllen, in die Schwärze der Nacht tauchen? Kennen wir sie, gerade als Eigentümlichkeit dieser Wiese, — auch nach unzähligen Fahrten? Nein, — und so werden wir auch niemals zeichnen, und so können wir auch nicht photographierem; denn wollen wir es etwa? Mn jener tiefen Hingabe, die Ehrlichkeit erfordert und Treue, dfe ..den Weg zu Ende gehen will"? Was uns fehlt, ist die Lust der Anschauung. ..Und du kennst nicht die vielen Aufnahmen, die.im Zugsalbum stecken, an denen wir hängen und die wir uns immer wieder vornehmen." O, ich kenne sie wohl, die vielen Gruppen der Fahrten, Spiele. Bundestage und die paar Aufnahmen von Landschaft und Kunstwerte, die einsam zwischen all den lachenden Menschen verstreut sind. Eine schöne Erinnerung sind. 56