Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 1 (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Milieu und aus jenem. Jeder bringt eine eigene Vergangenheit mit, jeder einen besonderen Bildungsgrad, kurz ein Konglomerat von Jungen findet sich zusammen und will einen „Zug" bilden. Da setzt nun das erste gemeinsame Erlebnis, die Fahrt ein und schmiedet Menschen zusammen. Ein neues gemeinsames Leben beginnt, das sicherlich ausschlaggebend für das Gedeihen des Zuges ist. (Doch über die Fahrt soll das nächste Mal erzählt werden. Heute soll von dem Erlebnis abstrahiert werden, um den Aufbau eines Zuges in ein objektiveres Licht zu rücken.) Um diesem gemeinsamen Leben die innere Kraft zu geben, die eine Zuggemeinschaft ausstrahlen kann, genügt nicht ein einmaliges Erlebnis. Die in einem Zuge zusammengewürfelten Menschen müssen alle von dem Willen und der Sehnsucht beherrscht sein, sich mit all ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten und besonders mit ihrer ganzen Leidenschaft und Hingabe in den Zug hineinzustellen und sich ihm hinzugeben. Nichts im Leben eines Wanderers darf es geben, das aus dem Rahmen des Zuges herausfällt und nichts im Leben des Zuges, an dem der Einzelne unbeteiligt bleiben kann. Die Lebendigkeit. Natürlichkeit und Frische eines „Kleinen" vermag oft mehr, als der blasierte Indifferentismus und die Gleichgültigkeit eines „Aelteren." Ein Zug verlangt den ganzen Menschen, nicht nur ein Teil von ihm. ohne jeden Vorbehalt will er ihn haben und nur durch die leidenschaftlichste Hingabe und das restlose Einsetzen jedes Einzelnen für das Ganze kann ein starker Zug entstehen. Der Zug wird von der Summe der Kräfte ausgemacht, mit denen jeder an die Arbeit herangeht. Letztes Ziel ist nicht die Entfaltung der eigenen Person an sich, sondern stets die Stärkung und Belebung des Zuges, die den Einzelnen in seinem Wesen wachsen läßt. Selbstverständliche Vorbedingung hierzu, ist eine regelmäßige Teilnahme an allen Veranstaltungen des Zuges. Aus dem regen Leben eines Zuges erwächst das schönste und bedeutsamste Phänomen für den Zug: Die „öffentliche Meinung." Der fluktuierende Prozeß der langsamen Gestaltung der Zugsgemeinschaft und die menschlichen Spannungen der verschiedenartigen Individuen verdichten sich zu einer höheren Einheit, dem „Zuggeist" oder der „öffentlichen Meinung." Das' Zusammenkommen der einzelnen Jungen bringt nicht ohne weiteres eine Harmonie der Menschen mit sich. Sitzen sie doch nicht auf einer Schulbank, um gemeinsam den Lehrer zu „beschummeln" und nach 5 Stunden wieder in alle Winde zerstreut zu werden, sondern ihr ganzes Wesen eröffnet sich und durch die Fahr.t zuinnerst erfaßt, sind sie g a n z e Menschen.^die einander gegenüberstehen. Nur ein seltenes Glück läßt zw.ei Freunde sich zusammenfinden, während die Schar eines Zuges nicht den Doppelklang einer Freundschaft, sondern eine Symphonie verschiedenartigster Töne erklingen läßt. Je klangvoller sich eine 6