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Jüdische Weltrundschau · 1940-05-20 · 20 (20.5.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
20 (20.5.1940)
Date
1940-05-20
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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20. Mol 1940 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Die Gefahr der Erstarrung Zur zionistischen Neu-Orientierung .*/'.. ...... ' Von Kurt Löwen; Viele Begriffe, die in; der täglichen Prikts des Zionismus gebraucht werden, erscheinen heute reichr lieh abgenutzt. Zwischen dem Leben des jüdischen Volkes und den Lebensvorgah^^ aüf der einen Seite und der Art, wie der ^iömsrriiu, zu ihnen Stellung nimmt, sie beurteilt und darstellt, besteht in vieler, Hinsicht eine Kluft. , Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten tiefgehend gewindelt, ohne ,4ass der Zionismus davon genügend Kenntnis nahm. I>ie meisten unserer Begriffe stammen aus einer Zeit, die ganz anders aussah als die. heutige; damals waren die Werte der liberalen Welt unumstritten' und «der Anteil der Massen am Leben der Völker noch Jugend wenig zu sagen und klagen darüber, gewohnt nicht oder nur in Ansätzen deutlich. Wir haben der an ein starkes Echo aus den Herzen der Jugend. Auch draussen in der grossen Welt versteht man •uns oft nicht, und Bitternis erfüllt,uns, wenn unsere Forderungen auf Unverständnis stossen. Dabei stellen wir erst am Anfang der Erschütterungen unseres gesellschaftlichen Gefüges, sodass die geistigen Wandlungen, die kommen werden, noch nicht abzumessen sind. Veränderte Welt _^'. Sind so die allgemeinen Verhältnisse in vieler Hinsicht uns gleichsam „davongelaufen", sodass manche unserer Begriffe antiquiert erscheinen, so gilt dies nicht weniger vonf dem Zustand des jüdischen ■y o 1 k e s. Es ist seit der Ausbildung der zionistischen Vorstellungen geographisch sehr verändert worden. Neue Zentren sind an die Stelle der alten getreten oder bilden sich heute weiter, Zentren von ganz anderem CharakAr als es diejenigen des Ostwind mitteleuropäischen Judentums waren. Die tragende Schicht des Zionismus, das mittlere Bürgertum mit seiner Bildungssphäre ist verschwun- .deri und wird in der alten Form, so leicht nicht 'rnehr. auf erstehen. sNeuev Werte .regieren in, der jüdi- Whe'n . .Casse, . die. inteüekcuejien?uqcI Alkalischen jK^afte verfolgen heute andere Ziele als in jener Periode, als der Zionismus als jugendlicher Aufstand ^in das jüdische Leben einbrach. \".' Dazu kommt,, dass die W i r k u n g P a 1 ä s t i- VJnas als eines realen Faktors für die zionistischen ^^Vorstellungen von grosser Bedetung ist. In den zionistischen Vorstellungen spielt Palästina immer noch v^die Rolle der Utopie oder wenigstens des Idylls, das (es in seinen Anfangszeiten vielleicht für den ober- ~f 1 ä ch4 i c h e n Betrachter gewesen sein mag. Heute jkann davon gewiss keine Rede mehr sein. Unsere Vorstellungen und Begriffe haben jedoch von dieser ^Wandlung noch keine rechte Kenntnis genommen, .vu.nd so entstand eine überall gefühlte Kluft zwischen der Wirklichkeit und ihrer intellektuellen Erfassung eine Quelle des Misstrauens und der Unsicherheit. Damit steht vor uns die Forderung, dass wir die eigentlichen Inhalte des Zionismus, wenn man so sagen darf: seine „ewige" Idee, so darstellen, dass die .heutige W e lt sie versteht, d. h. mitempfindet i-und billigt, und dass es den Juden — eingeht, .fWarum wir an sie den Aufruf zum Zionismus richten. i^Wir müssen für unsere Wahrheiten das richtige gei-?stjge Kleid finden, das. nicht nur der Struktur unserer■ ■ Zeit angemessen ist,. sondern wirklich w a h r- •4li a.ft ist, wobei es dem Leben unseres Volkes und -$ßr .Realität Palästinas entspricht. . .; .? .An. einigen Beispielen sei diese grundsätzliche,- Forderung erläutert. V 'ygiti Ist Nationalismus? K - r Wir werden heute, und in Zukunft noch mehr danach gefragt werden:Was bedeutet jüdisches Natio- .nalheiwusstseinfür den Juden in der Golah f Diese, *Frage wird mit Absicht besonders Von unseren Gegr&ein-. im jüdischen Lager an uns gerichtet, weil sie spuren* dass unsere Antwort vielfach auf schwächen Rüssen steht. Heute entsteht' die Gefahr der Identifizierung von Nationalbewusstsein und Chauvinismus. vMan ist geneigt, einen "aktiven nationalen Willen mit faschtstisenen Tendenzön gleichzusetzen. Wenn nach der Niederwerfung des Nationalsozialismus sich diese i'-Eehdenz^ voch: verstärken wird;'so wirej ohrie Zweifel eine Periode der Verdächtigung des-;MtibnälbeV!üsisii:- seins einer kleinen und schlecht organisierten Gruppe, ::Wie efc die Juden sind, eintreten. Schön heute spürt! c3txiah derartigee Tendenzen besonders irr USA und die ' Wf,^:* Ii-:-. v>.:> -■. ,:-; stein (Tel-Aviv). Juden selbst sind ihre Förderer, fürchten sie doch nichts go sehr* als sich in Gegensatz zum Geist der Zeit zu setzen.- Der Antifaschismus ist aber zugleich in ohne Zweifel wachsendem Umfange mit einem starken S t a ä t s - P ä t r i o t i sm u s verbünden. Man fühlt diej heute in USA, Wo Roosevelts Politik eine Vollstreckung des Massen-Willens in eigenartiger Form darstellt. Diese Beteiligung der Massen am staatlichen Leben wird auch in den westlichen Ländern nicht mehr aufzuhalten sein, ja man darf annehmen, dass sie nach einem siegreichen Kriege nur desto mehr hervortreten wird. Hier zeigen sich die tieferen Kräfte. des geschichtlichen Werdens, die über den politischen Gegensatz der Staaten hinaüsgreifen. Mit dem Wachsen der Staats-Patriotismen wird aber die Stellung von Gruppen im Staate, die einen nationalen Sondercharakter haben, schwierig. All diese Umstände stellen uns erneut vor die Frage, welchen konkreten Inhalt für die Juden der Golah, insbesondere der r estlichen Länder und Amerikas, ihr jüdisches nationales Bekenntnis haben kann. Es wird nicht einfach damit abzutun sein, dass diese Juden sich als „nationale Minorität" gebärden una ihr Leben entsprechend einrichten. Abgesehen davon, dass die Umwelt es nicht dulden wird, werden die Juden es nicht wollen — in Zukunft noch viel weniger als bisher; die Übernahme der Schemata aus den östlichen Ländern Europas erscheint völlig ausgeschlossen. Wenn wir also die Frage nach der Bedeutung des jüdischen Nationalbewusstseins stellen, so müssen wir ihr ehrlich zu Leibe gehen. , Dann finden wir, dass dieses Bewusstsein zweierlei einschliesst: Es ist einmal retrospektiv und damit eine Sache des Gefühls, dessen Bedeutung aber nicht zu unterschätzen ist. Zugleich kann das jüdische Nationalbewusstsein die Anteilnahme des heutigen Juden an dem Wachstumsvorgang jüdischen Lebens in Palästina bedeuten. Für die Verwirklichung solcher Anteilnahme von der Golah aus gibt es mancherlei Möglichkeiten, wirtschaftlicher ürtd geistiger Art.-Täuschen-wir uns aber. nicht darüber, dass diese Beziehung nur dann lebendig sein wird, wenn sie sich in den Rahmen des allgemeinen Weltbildes der Juden einfügt. Sie wird erlähmen, wenn Anteilnahme an Palästina in Verdacht des Chauvinismus bringen würde. Diese aktive nationale Anteilnahme des Juden der Golah wird unter humanitären Vorzeichen stehen oder vergehen. Ihre Kraft wird daher weitgehend davon abhängen, welches Bild das jüdische Leben in Palästina selbst bietet, welche politische, und geistige Struktur die inneren und äusseren Beziehungen des Jischuw beherrschen Wird. Manchem mag diese inhaltliche Umschreibung des jüdischen Nationalbewusstseins für die entscheidenden jüdischen Gruppen der Golah ärmlich erscheinen. Wir glauben im Gegenteil, dass eine solche beschränkende Klärung des Begriffes von grosser Bedeutung für die A k t i v i e r u n g unserer nationalen Elemente sein wird. Wenn ein Ballast an nationalen Phra-J sen abgeworfen wird, so wird dadurch die Anziehungskraft unserer Bewegung nur wachsen. Zugleich aber wird in dem gegebenen Rahmen die Bedeutung des jüdischen Nationalbewusstseins für das Leben des Einzelnen steigen und den Platz in ihm führen, der heute leider sehr oft von anderen geistigen Elementen eingenommen wird. Auswanderungsbewegung Im Westen In einem-gewissen Zusammenhange mit dem Problem des Nationalismus steht die Frage, ob der Zionismus unter allen Umständen eine A u s w a h d er e r-Öe w e g u ri g sein mussi \ Die Frage heisst: Kann und soll er dafür eintreten, dass Menschen in grösserer Zähl — abgesehen von Einzelnen — aus den» westlichen und den überseeischen Ländern nach Palästina gehen? Kann' es in diesen Ländern eine sozusagen „bodenständige" Chaluzbewegung unter der Jugend geben? Diese Frage hängt eng .damit zusammen, ob man den Zionismus in wor t I ich e til Sinne als .»f-P^S'.. J^enf rage* betrachtet. Eine Judenfräge gibt er ohne /Zweifel" auch in jenen Ländern und sie wird vielleicht noch akuter werden als heute. Wer diese^ Frage in Palästina radikal, auch in quantitativer Hinsicht lösen will, muss die Konsequenz zieht v auch die Auswanderung aus deri westlichen Ländern fordern und dort. eine Chaluzbewegung zu schaffen. Wer da- ( gegen der Ansieht ist, da,ss das Schlagwort von. der „Lösung der Judenfräge/' in seiner, populären und von Seite 7 unserer Propaganda oft gebrauchten Form unsinnig ist ,und den Zionismus bei konsequenter Anwendung an den Rand des politischen und wirtscliafllileben Ruins führen müs^s, wird der Meifluftg sein,Mass der Zionismus nicht unter allen Umstände» eine Auswanderungsbewegung zu sein braucht. Er wird für den Westen jedenfalls eine solche Formulierung ablehnen, die den Zionismus bei den Völkern und den Juden selbst diskreditieren ..müsste.. Im übrigen....... sollte man zu diesem Thema mehr, als e? heute geschieht, A c h a d H a a m lesen, der darüber, Klassisches gesagt hat! . . ,; Die Stiche nach Land \ZIi Auch nach ■ dem Kriege Wird das jüdische W a# d e r ü n g su n d* S i edlu ng s p r ö b 1 e m, im! Mittelpunkt unseres öffentlichen Irtteress^s Steheft; Gewiss leistet der Zionismus hierfür heilte den wichtigsten Beiträg, der sich auch qualitativ "und ''seineY innek^it Richtung'naen von allen anderen Bestrebungen cfifeter Art deutlich abliefet. Dennoch Leidet' der ZiÖÄMis seit Jahrzehnten darunter, dass seine Beziehung &u den Fragen der Wanderurig und Siedlung inl, allgemeinen nicht v ö 11 i g g e k 1 a r t ist. Das ist nur historisch und aus der Kenntnis der Personen Verständlich; alte Gegensätze spielen auf, 4iesein , Felde eine unrühmliche Rolle. Es gilt über sie hinwegzukommen. Der Zionismus kann sich, nicht damit t%egnügen, die Notwendigkeit der überseeischen A.r^sle4lung zu betonen, jedem einzelnen Vorschläge gegenüber aber die kritische Sonde anzulegen und seiÄe Ündurchführbarkeit gleichzeitig mit dem Hinweis'; ^uf Palästinas Leistungen zu beweisen, Unsere Aufgajpe als Zionisten wäre es, unsere grossen Erfahrungen auf dem Gebiete der Wanderung und Siedlung aucfc\ |4!r andere Ziele zur Verfügung zu stellen, i. Palästina w.itjpl nicht darunter Schaden,; leiden — im GegenteiL wird das Gelingen jüdischer Arbeit draussen in der Welt auch seine Entwicklung befruchten. .' .•■» Die Bewertung der Emanzipation Der Zionismus in den mitteleuropäischen Landern ist geistig gross geworden mit seiner** r \ t i'k der E m a n z Lp ä' t i o n. Die Schattenseiten dt-t x Emanzipations-Epoche uhd * <Jer mit ihr; -verbundeii^ri A s s i; rh i 1 a t i o n Wurden niittdertfältig; \6ki^f^tt , InzwiSclipn;'nabeWÄjUe;[tietifcffiy^^e^-d^^&rtM^^;vstabe geändert.' |vir ^iiseM: freutö"^n&^t 'Bessdr,'1 Emanzipation und; Grewhberechtig^ deuten; wir haben erfahren, dass . eiii Leben' »phj|e. diese Güter unmöglich ist. Heute stehen <älj[e; J^-" den der Welt im Kampf, um die. 'Erhält^rjtig" ^rer Gleichberechtigung und für die iErringung '^ejr^^Ur-- gerlichen und menschlichen Freiheit derjenigen, i judischen Gruppen, denen man' sie gerauht, hat>; Zionisten und Nichtzionisteh sind in dieser Frage .^inc» Sinnes — und dennoch hat der Zionismus als solcher daraus noch nicht die erforderlichen : $omt-< quenzen gezogen. Es gilt, die letzten 150 Jahre I^er jüdischen Geschichte neu zu betrachten, Licht, lind Schatten gerechter zu verteilen und in Unser J^ewusstsein wirklich aufzunehmen, dass -—. wie manche seit Jahren betonen — der Zionismus eine Fruchlt unserer Assimilation an . die Werte Europas ist. Der: Zionismus wird nicht davon , abweichen,, die A^w^ichse. würdeloser Nachahmung zu bekämpfen, wo immer er sie trifft — er hat dafür ein Feld der Be^tigung auch in Palästina selbst^ aber zugleich muss er wissen, dass er seine Rolle als Hüter der geschichtlichen Kette im Judentum nur so lange spielen, kann, als es ein emanzipiertes, freies und am Leben der .Weltvölker innerlich teilnehmendes jüdisches Volk gibt; vDSe Einsperrung der Juden in ein neues .Ghetto könnte zwar vielleicht den Prozess der Assimilation beenden, aber sie wäre auch das Ende des Ziön 1 s m u s. Diese -Erkenntnis gilt er unserem Bewüsstsein einzufügen.. - •-. * v,, Palästina als wirkender Faktor '\ Es wurde bereits auf die Bedeutung hingewiesen, die Palästina heute als realer Faktor für die: geistige Formung des Zionismus besitzt. NatürlicKAkann seine Wirkung nur davon .ausgehen, was da ist. Sagen wir er pffen, dass wir. Sorgen habend ^dle wir uns selbst nur ungern eingestehen. . Die Juden, dieses Landes sin.d auf dem Wege zu einer Art LW van t i n.i s i e r u n g. Ihr . Charakter prägt^^eti nicht aus, sondern ^r verwischt sich. Die L-^rts i gk e i t, die wir an. unserer Jugend so of^ oeklagen; ist in Wirklichkeit die Lässigkeit der eitern, die es'isich gern bequem machen. S c r e i t d e r P a; r t e i e n ist gewiss kein Zeichen besonnener Klugheit oder einer besondere«" Intelligenz des Volkes; das Schlimmste anjhnvtst aber die „Tatsache, dass der Streit ein Surrogat.des' Lebens ist, eine*"S c hei n w e 11, in der ^g?ir^^ES^>i^^^

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