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Jüdische Weltrundschau · 1940-05-20 · 20 (20.5.1940) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
20 (20.5.1940)
Date
1940-05-20
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6' JODISCHE WELT-RUNDSCHAU 20. Mal -1940 Zehn neue Maimonides-Bände Die hinterlasaenen medizinisdben. Schriften. . Es klingt wie erfunden und ist doch wahr-- Als ich dieser Tage den hebräischen Verleger Rubin Mass in Jerusalem besuchte, um mich von ihm „über -seine_Neuerscheinungen informieren zu lassen, pries er naturlich alle seine Verlagskinder, die Fopper-Lynkeus Biographie der jungen Autors Dorion die erste nebräische Übersetzung der „Jüdischen Altertümer" des tflavius jfasephus, ein neues Lehrbuch für Arabisch, was doch nun wirklich „etwas "Aktuelles" sei. Aber das war mir noch nicht genug: „Sehen £ie, wenn Sie mir beispielsweise berichten könnten, dass Sie ein neues bisher unbekanntes Maimonides- 'Manuskript herausbringen — das wäre mal eine 'Sensation." ' J „Eins? Ein Manuskript sagen Sie? Aber es kommen bei mir doch zehn neue Bücher von Maimonides heraus!" Ich war stumm vor Staunen. Herr Mass aber holte einen mittelstarken Band ~ den ersten der Reihe, wie er bemerkte — und schlug das Titelblatt auf: „Mosche Ben Maimon (Maimonides). Medizinische Werke. Herausgegeben ürtd geordnet nach hebräischen und anderen Manuskripten mit einleitenden Bemerkungen, Kommentar und Quellenangabe von Süssmann Muntner, Band I £)as Buch vom Asthma."; , Am nächsten Nachmittag sass ich schon in Dr. .Muntners Wohnung. „Ist es wirklich der Fall, dass •die* medizinischen Werke des Rambam jetzt zum ersten Mal im Druck erscheinen?" „Abgesehen von drei einzelnen von Nichtärzten herausgegebenen Schriften — merkwürdigerweise ja. Maimottides schrieb seine Manuskripte in arabisch. Sie wurden von jüdischen, zumeist sephardischen Ärzten ins , Hebräische übersetzt, zumal vom XI. bis zum ffiFi.. Jahrhundert nicht mehr griechisch und latei- ^nisch,.;sondern. hebräisch die Sprache der Medizin f^ar. . Im Jähre ,1518 erklärte der Rektor der Leipzigerv'jÜniyejrsit^t,'..MoselIanus1 in seiner Rektoratsrede, ^iasjs.^«ii.'.vijen^^fiibiipthe]ken der Juden ein gewaltiger '•^icjiatz jmedizim^er Wissehschäfteii verborgen' sei ,und '■Äass. die^.1 nicht jüdische Jugend nichts daran hindern \ß§rUt die hebfälsche Sprache zu lernen, um zu diesen Schätzen Zugang zu haben. Und Mosellanüs war mit fcttner Behauptung vollkommen im Recht. Es gibt 'n^te; noch aus der Zeit bis Anfang des XVI. Jahrhünderts 1^.000 medizinische Handschriften in hebräischer Spräche gegenüber 4—5000 in lateinisch." ' . ,1 Wo sind nun die Handschriften des Maimonides?" . .......' ' .:' ' 2; „Sie sind über die ganze Welt zerstreut. Das Asthrna-Buch, das ich jetzt herausgegeben habe, wurde nach /einer hebräischen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert hergestellt, die heute in der Bibiotheque Nationale in Paris liegt, und nach einer aus dem XIV. Jahrhundert stammenden lateinischen Hands^rjft „Liber de Asthmate";_ die lateinische Handschrift befindet sich in der Vatikanischen Bibliothek und wurde mir auf persönliche Veranlassnug des Papstes zur Verfügung gestellt; "ich kannte ihn noch «'von ieinem Berliner Aufenthalt als Nuntius." ,C ' DER HERAUSGEBER ' Dr. Süssmann Munter, um kurz von ihm zu sprechen; lebte nämlich früher in Berlin. In zionistischen Kreisen kannte man ihn zunächst als Übersetzer einzelner deutscher Gedichte ins Hebräische, als einen der Mitbegründer des Makkabi-Weltverbandes und als Verfasser eines Werkes über „Leibesübungen bei den Juden". Von Beruf ist Dr. Muntner Arzt für innere Krankheiten. Als im Jahre 1925 die Hebräische Universität in Jerusalem eröffnet wurde, wollte er mit der Vereinigung seines jüdischen und ärztlichen Wissens einen persönlichen Beitrag hierzu leisten — flurca Herausgabe eines Lehrbuches der Medizin in n hebräischer Sprache. : Aber schon vom ersten Satze an musste Dr. Muntrer feststellen, dass ihm unendlich viel hebräische tachausdrücke fehlten. Er ging auf "die Preussische Staatsbibliothek^ fand jedoch kein Wörterbuch, das m nützlich sein konnte. Dann wandte er sich an <; ejnrich Loewe, den Nestor der hebräischen Biblio- Per *onnte inm nur raten, alte hebräische, •■■n iai2misohe Handschriften zu studieren, um die feh- 2i den Fachausdrücke zu erforschen. Dr. Muntner sste,. dass er nun für den Rest seines Lebens aus- * tnend Beschäftigung habe... elbstverständlich wollte er auch die medizinischen riften des Rambam zu Rate ziehen. Er musste aber ' hre,n, dass die Juden sich zwar sehr ausführlich den religionsphilosophischen Werken des grossen mittelalterlichen Weisen beschäftigt hatten, dass sie aber seine medizinische Wirksamkeit so sehr an den Rand ihres Bewusstseins gedrängt hatten, dass es nicht einmal für nötig befunden worden war, die ärztlichen Schriften des Rambam auf Grund der hin- •terlassenen Manuskripte erscheinen zu lassen. Daraufhin entschloss sich Dr. Muntner es selbst zu tun, und er widmete voff nun an jede freie Minute der Vorarbeit zu diesen verantwortungsvollen Unternehmen. MEDIZIN DES MITTELALTERS Aus dem „Buch vom Asthma" schrieb Maimonides noch folgende medizinischen Werke: Gifte und Gegengifte; Kommentar zu Hippokrates; Medizinische Aphorismen; Über Hämorrhoiden; Üb-jr den Beischlaf; Gesundheitswegweiser; Kompendium über das Werk Galens; Medizinische Antworten; Über Pharmakologie. Die hebräische Ausgabe der meisten dieser Bände liegt bereits druckfertig vor. Ausserdem wird das Buch „Pharmakologie" von Prof. Meyerhof — Cairo demnächst im original-arabischen Text und in französischer Ubersetzung publiziert werden. Prof. Meyerhof, der deutsch-jüdischer Herkunft, aber schon seit Jahrzehnten in Ägypten ansässig ist, war Mitglied der „Preussischen Akademie der Wissenschaften,, und gilt heute neben Prof. Friedenwald — New York als der bedeutendste Gelehrte auf dem Gebiet der Maimonides-Forschung und der Geschichte der hebräischen Medizin. Für den wissenschaftlichen Inhalt der medizinischen Schriften des Maimonides dürfte schon das „Buch vom Asthma" typisch sein. Es zeigt bereits in vollem Umfang die Modernität des Rambam. Er fasst das Asthma als eine allergisch bedingte Krankheit auf, die nicht nur durch physiologische, sondern auch psychologische Mittel behandelt werden muss. Besonderen Wert legt Maimonides auf die Umgebung der Patienten und gibt deshalb Anweisungen, wie durch lichten und luftigen Stadtbau die Bekämpfung des Asthma gefördert werden kann. Aus den medizinischen; Schriften des Maimonides geht ebenso wie aus zahlreichen Bemerkungen in seinen philosophischen Werken hervor, dass bei Maimonides der Arztberuf gewissermassen die praktische Erfüllung seiner so ethisch gerichteten Philosophie gewesen ist. „Die Medizin", so schreibt er einmal, „lehrt den Menschen die zügellosen Leidenschaften bezähmen, welche die Gesundheit untergraben, und sie lehrt ihn auch die richtige Wahl der Verhaltungsmassregeln im Leben. Die Medizin erhält die Leistungsfähigkeit des Körpers und befähigt ihn zur Veredelung und Versittlichung seiner Kräfte. Sie führt also den Menschen zu einer höheren Bestimmung und bringt ihn damit zur Erkenntnis der Wahrheit und Glückseligkeit." Bei dieser Einstelung wundert es uns nicht, dass Maimonides genau wie in seiner Phlosöphie auch in der Medizin ein klarer Denker und grosser Rationalist gewesen ist. Er trat auf gegen alle Vermengung der medizinischen Wissenschaft mit Mystik und Astrologie. Er bekämpfte jede Art Aberglauben und besonders das Besprechen von Krankheiten durch Bibelverse. Er widerlegte auch die damals bei den Juden weit verbreitete Ansicht, dass man gegen eine Krankheit nichts tun dürfe, weil sie von Gott gesandt sei. Er bewies, dass die Thöra die Behandlung einer Krankheit ebenso verlangt wie sie vom Hungrigen fordert, dass er Nahrung zu sich nimmt. MODERNE ANSCHAUUNGEN In rein medizinischer Hinsicht, bringt er Erkenntnisse zum Ausdruck, die zu seiner Zeit geradezu revolutionär gewirkt haben müssen. So beschreibt er beispielsweise in den „Schmonah prakim" seines Mischnah-Kommentars den Nervus svmpathicus. Und unglaublich aktuell lesen sich noch heute seine verschiedene Bemerkungen über den Wert der Leibesübngen, wobei er dem Sport, besonders der Leichtathletik, gegenüber dem Turnen den Vorzug gibt, da der Sport auch, die Seele erfreue. Er erklärt, man solle für die Freudigkeit der Seele, hoch viel mehr sorgen als für die Bewegungen des Körpers, wobei er hinzufügt, dass manche Kranke schon dadurch geheilt werden, dasss sie in einer freien reizvollen Umgebung sind. Aus diesem Grunde empfiehlt er auch das Ansehen schöner Bf^r. Und dem an Melancholie erkrankten Sohne des Sultan Saladin, dessen Leibarzt er ist». legt er unter anderem nahe von einem Sänger mit erhobener und dann immer schwächer werdender Stimme sich in den Schlaf singen zu lassen. Sehr zeitgemäss erscheinen die Bemerkungen über die Beziehungen des Patienten zum Ar In seinem Asthma-Buch beschwert er sich darüber» dass die Patienten so häufig mehrere Ärzte nacheinander konsultieren ~ bis zu zehn manchmal! —, ohne aber den Ärzten Gelegenheit zu geben, sich miteinander in Verbindung zu setzen. Törichterweise würden sich die. Patienten aus den verschiedenen Meinungen, die "sie hören, ihre "eigene "bilden und aus den verschiedenen Heilmitteln, die man ihnen vorschreibe, sich nach Gutdünken, das ihnen geeignet Erscheinende heraussuchen ... Aber ausser diesen ebenso vermögenden - wie misstrauischen Kranken scheint Maimonides vor allem eine grosse Anhängerschaft unter der ärmere ( Bevölkerung gehabt zu haben, die ihm blind vertraute. Er schildert einmal selbst in einem Briefe an seinen hebräischen Übersetzer Ibn Tibon, wie er von seinen Patienten gleichsam überlaufen wird, so dass man sich wirklich wundern muss, wie er noch Zeit finden konh* te, seine grossen religiösen Werke zu schreiben: „De* Sultan wohnt in Cairo, ich in Fostat, eine drittel Meile voeinander entfernt, so dass ich von morgens bis nachmittags dort beschäftigt bin. Wehn ich halb verhungert mein Haus betrete, warten bei mir schon Juden und Mohammedaner in bunter Menge, um ärztlich behandelt zu werden. Kaum bleibt mir Zeit mich zu waschen und etwas zu essen. So geht es bis in die Nacht hinein... Nur am Schabbath kann ich mich der Gemeinde und der Lehre widmen." HEBRÄISCHE MEDIZIN Dass es von grosser Wichtigkeit ist, wenn jetzt endlich die medizinische Hinterlassenschaft des Rambam in wissenschaftlich einwandfreien und jedermann zugänglichen Ausgaben erscheint, bedarf keiner besonderen Betonung. Erwähnt sei jedoch noch, dass Dr. Muntner in der Sammlung dieser Bücher gewissermassen den Grundstein zu einer Geschichte der hebräischen Medizin sieht, für die er noch weitere Publikationen plant. So liegen bereits die Schriften des mesopotämisch-jüdischen Arztes Assa?- Harofeh (VII. Jahrhundert) und des italienisch-jüdischen Arztes R. Schabbatai Donnolo (X. Jahrhundert) gleichfalls druckfertig vor. Ausserdem hofft Dr. Muntner in absehbarer Zeit das hebräisch-medizinische Wörter-! buch herausgeben zu können, zu dem er im Jahre 1925 den ersten Zettelkasten angelegt hat und das mittlerweile auf 160.000 Nummern angewachsen ist. Dieses* Werk muss äis-üm W wesentlicher erächtet werden, als es bis jetzt nur ein 60.000 Worte umfassendes Wörterbuch von Masi und Tschernichowski gibt, in dem für lateinische Ausdrücke das entsprechende hebräische Wort gegeben wird, aber nicht umgekehrt* Muntner gibt zuerst den hebräischen Ausdruck, dann die Übersetzungen in lateinisch, englisch und deutsch und ausserdem die jeweilige Erklärung des Begriffs. Endlich erstrebt Dr. Muntner die Gründung eines Forschungsinstituts für hebräische Medizin, in dem die Photokopien der wichtigsten mitteTaTter^~ liehen medizinischen Handschriften in hebräischer Sprache aufgehoben werden sollen. Ein solches Institut, das mit verhältnismässig wenig Mitteln geschaffen werden könnte, wäre in der Tat eine wertvolle Ergänzung der Institute des Medizinischen Zentrums ander Hebräischen Universität in Jerusalem. ' ERICH GOTTGETREU: Siedlungspläne in Kimberley Wie die Freiland-Liga mitteilt, haben soeben mshr als 40 prominente Bürger von Sydney, unter ihnen der Oberbürgermeister, zwei" Richter des Oberstön: Gerichts, der Präsident der Handelskammer, zwei frühere- Premiers von South Wales u. a. m. einen Appell an die Bürger Australiens gerichtet, den von Dr. Steinberg entworfenen Plan einer geschlossenen; jüdischen Siedlung in O s t - K i m b e r 1 e y zu unterstützen. In dem Appell wird darauf hingewiesen* dass die Regierung von Westaustralien dem Plan bereits zugestimmt hat und dass für eine solche, geschlossene jüdische Siedlung sieben Millionen N Acker Bodens zur Verfügung stehen. Dem australischen Volke wird hieraus keinerlei Belastung entstehen. Das moralische Ansehen der Australier in der ganzen Welt wird wachsen, wenn man den zu Unrecht aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen auf australische«» Boden eine neue Heimat bietet. Die Bundesregierung Australiens wird, aufgefordert, dem Plan ihre Zustimmung zu geben. " Die Bundesregierung verhält sich a b 1 e h n eri d gegenüber dem Plan einer geschlossenen Flüchtlingssiedlung, weil sie aus dessen Verwirklichung das Entstehen eines Minderheitenproblems auf australischem Boden befürchtet. In R ussl a n d leben nach; der letzten j Volkszählung 3.Q20441 Juden (von 170.467.186} Einwohnern). Die Juden der neu besetzten erbiete sind w

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