Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 19 (13.5.1940)
- Date
- 1940-05-13
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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13. Mai 1940 JÖDISGHE WELT-RUNDSCHAU Seite 7 Das Familienbuch ANREGUNG zur FÜHRUNG von CHRONIKEN Von Dr. Siegfried Braun (Tel-Aviv) Die nachfolgende Anregung geht von der Erwägung aus, dass bei der heutigen Zerreissung der jüdischen Familien und ihrer Zerstreuung über den ganzen Erdball das Anlegen einer Familien-Chronik eine wichtige Angelegenheit für jeden geworden ist. "Wir geben aus der Zuschrift den Teil wieder, der die praktische Anweisung für die Anlage des Buches enthält. — Red. Hin „Familien-Buch" wird nur dann seine Aufgabe erfüllen können, wenn gewissenhaft zu Werke gegangen wird. Das ist strenges Erfordernis in Hinsicht auf die Daten, aber viel mehr noch mit Bezug auf die Fakten, die dargestellt werden sollen. Es ist besser, die eine oder die andere Frage zunächst unbeantwortet zu lassen als ungenaue oder gar unrichtige Angaben einzusetzen. Am Ende wird sich doch einmal die Gelegenheit bieten, Offengebliebenes nachzutragen. Wie nach Meinung des Verfassers die Chronik im Formularhaften zweckmässig einzurichten wäre, sei hier mit der Einschränkung dargelegt, dass im Einzelnen volle Freiheit walten darf. Es ist nicht erforderlich, besondere Bücher herstellen zu lassen; es genügen für bescheidene Ansprüche ganz schlichte, nicht zu dünne Hefte mit dauerhaftem Einband. Es empfiehlt .sich, das Buch in drei Abteilungen zu gliedern. Die erste „Die Namen" umfasst die „Personalien" sämtlicher Mitglieder der Familie einschliesslich der Eltern vnd Geschwister von Mann und Frau. Jedem Namen sind zwei Seiten zugewiesen: die linke trägt das 'Bildnis, die rechte die Angaben über Namen, Geburtstag, Geburtsort, Beruf u.s.w. bis einschliesslich Tag und Ziel der Auswanderung. Jedes einzelne Bild wird schärfer konturiert und in seinen charakteristischen Besonderheiten herausgearbeitet im zweiten Teil der Chronik mit der Überschrift „Die Lebensschicksale". Hier werden in gedrängter, aber möglichst lückenloser Abfolge die Lebensgänge aller derer gesondert dargestellt, die im ersten Teil aufgeführt sind. Das sind die Seiten des Buches, die, soweit es sich um das lebende Geschlecht handelt, fortlaufend ergänzt werden müssen. Der letzte Teil greift über die Generationen, deren .'Schicksale im Wort festgehalten werden sollen, hinaus und befasst sich unter dem Stichwort „Aus den Familienchroniken" mit der Geschichte der väterlichen und mütterlichen Familie, soweit die Uberlieferung zurückreicht. Wer historischen Sinn hat, wird hier Gelegenheit haben, das Individuelle hineinzustellen in einen grösseren Zusammenhang und gewissermassen ein Stück der Geschichte der deutschen Juden überhaupt exemplarisch zur Darstellung zu bringen. Wenn bemerkenswerte Bilder, z. B. von Wohnhäusern, Geschäftshäusern, Werkstätten, Grabsteinen und dergl. mehr vorhanden sind, so mögen sie hier inmitten des Textes ihren Platz finden. Es 'braucht gar nicht engherzig zu Werk gegangen werden bei der Abgrenzung des darzustellenden Stoffes. Die Berichte können an Farbigkeit und historischem Wort viel gewinnen, wenn beispielsweise etwas ausgesagt wird über die Gemeinden, die der Schauplatz des Lebens eines der Familienmitglieder gewesen sind und deren Synagogen, Friedhöfe, kultische Gegenstände im Bilde erscheinen. Wer im Besitz bedeutsamer Urkunden ist, Judenschutzbriefe, Geleitbriefe, Kauf-Urkunden u. dgl. m., mag sie entweder an geeigneter Stelle einheften (Photokopien!) oder aber in einer Mappe einfügen. So wird sich nach umsichtiger und der Sache hingegebener Arbeit am Ende ein Ganzes ergeben, das einen wahren Familienschatz darstellt. DAS WÜSTENSCHIFF Am Nordende des Toten Meeres liegt wartend ein Motorboot. Die helle Sonne des frühen Vormittags flimmert über der Wasserfläche und verschluckt alle Farbe ringsum. Das transjordanische Gebirge schimmert wie durchsichtiges Edelgestein, wie Goldtopas, Bernstein und Beryl. Zwei Autobusse rollen herab. Aus Jerusalem, der hochgebauten Stadt, kommen sie; ihnen entsteigt fröhlich eine Schar Reiselustiger: Frauen und Männer, Juden und einige Araber, denn die Fahrt nach dem Süden des Toten Meeres, nach Sdom (dem alten Sodom) wurde vorbereitet von einer jüdischen Dame und einem Araber. Proviant für zwei Tage und Schlafdecken wurden mitgrhra cht>~~denn keine menschliche Behausung wird "CABINET OF ARTS" in Jerusalem zeigt sehr eigenartige Bilder des jungen Tel-Aviver Künstlers Anatol Gurewitsch, welcher bereits als Bühnenbildner hervortrat. Gurewitsch ist ein Nachfahre des Expressionismus, aber ein ganz Neues, Eigenes kündigt sich verheissungsvoll in seinen oft nicht leicht zugänglichen Arbeiten an. Besondere Hervorhebung verdienen seine Bibelillustrationen. Dieser Zyklus zur Genesis ist getragen von einer mystischen Sicht der Heiligen Schrift. Das Allgemein-Gleichnishafte der biblischen Erzählung überwiegt in Gurewitschs Darstellung. Das 'Hebräische' der Bibel tritt demgegenüber zurück. Gurewitsch gehört zu den stärksten Begabungen der jungen Künstlergeneration des Landes. Schalom Ben-Chorin, Jerusalem. Der palästinensische Maler Leo P a y s a c k schenkte dem. Weissen Haus in Washington ein Gemälde „Wiedergeburt des Heiligen Landes." man treffen — kein Zelt, keine Gaststätte harrt der Reisenden. Der Kurs des kleinen Schiffchens, das zum Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen mit Zeltbahnen abgedeckt ist, geht zum Ostufer. Nach einigen Stunden geht man — im Badeanzug — an Land zu den heissen Quellen. Der Strand ist öde und steinig. Seltsame schwärzliche Blöcke liegen umher. Plötzlich strömt brennend heisses Wasser über unsere Füsse, und nach wenigen Minuten des Steigens sind wir an der Quelle, die 400 heiss aus dem Erdreich bricht, umsäumt von grünem Schilf, das über Manneshöhe aufschiesst. Ein Bad in dieser Quelle lässt die glühend heisse Luft als kühl empfinden. Es ist die berühmte, schon von den Römern geschätzte Heilquelle von Zerka. Der nächste Landausflug führt uns zum Arnon. Einige, denen das Ausbooten zu mühsam ist und zu lange dauert, springen über die Reeling und schwimmen an Land. Das Wasser trägj: so sehr, dass man die Füsse kaum unter Wasser halten kann. Man kann in dieser Flüssigkeit nicht untergehen. Die Reisenden durchwaten mehrfach den Fluss, der sich im Laufe der Jahrtausende, durch 70 Meter hohe Felswände hindurchgesägt hat. Das Gestein ist tiefbraun und vielfach gemasert, wie Marmor oder edles Holz. Der Blick in die Höhe ist von erhabener Düsterkeit, während unten am Wasser rotleuchtend Oleanderbüsche blühen. Wieder auf dem Schiff, überfällt uns fast plötzlich der Abend. Während die Sonne hinter den Bergen des Westens versinkt, erglüht das Ostgebirge von Transjordanien in tiefen Farben. Bald leuchtet die volle Scheibe des Mondes; ihr sanftes Licht zittert in tausendfacher Brechung auf den Wellen. Die Menschen werden still. Einige pfeifen Mozart, ein wenig Händel, Mahler. Juden sind voll von Musik. Gegen halb neun schimmert eine schneeweisse Landzunge vor uns auf aus der silberglänzenden Nacht. Sie ist der Ort, der zum Nächtigen ausgewählt wurde. Die Landzunge liegt ohne Baum und Strauch. Der Fuss versinkt in weichem Sand. Vermoderte Äste iiegen umher — im trügenden Mondlicht erschein nen sie uns wie Krokodile, Schlangen, Bären. Schon lodern einige helle Wachtfeuer auf. Die Wüsten-* . Wanderer suchen sich — totmüde — ein Plätzchen zum Schlafen. Über uns wölbt sich, milchig-weiss, sternbesät, der orientalische Himmel. Die Wunder dieser Landschaft unter diesem Himmel, die lichtumflossenen Berge, das glitzernde Salzmeer, sind jenseits aller Beschreibung. Kaum ist es erlaubt zu schlafen inmitten dieses Märchens. Doch die Augen fallen uns zu. Kurz vor drei wird geweckt, denn das Programm des nächsten Tages ist gross. Um vier stidit unser Schiff in See, kurz nach Sonnenaufgang besucht man Sdom. Hier ist alles zu Salz geworden: Grotten, Säulen, Kristalle. Eine hohe, seltsame, menschenähnliche Statue ragt einsam aus dem Sand auf. „Lots Frau!" heisst es. Seit tausenden von Jahren steht sie so — ein riesenhaftes Wahrzeichen bestrafter Neugier und des Ungehorsames gegen höchstes Gebot. Wo beginnt die Sage — wo endet sie? In dieser Landschaft versinken die Zeiten, verschwimmen die Grenzen. Dann wieder geht die Fahrt nordwärts — viele Stunden, die Araber singen — nun uns zu Ehren — die Hatikvah, Techesakna. Sie singen unsere Lieder, tanzen — auf engstem Raum — unsere Horra! Noch einmal versinkt die Sonne hinter den Bergen — noch einmal strahlt der Vollmond — das Salzmeer glänzt und schimmert. Schwer wird uns das Scheiden. Doch herzlich ist der Abschied vom arabischen Kapitän und seinen Leuten. Sie geleiten uns zu den Autobussen, sind hilfreich beim Verladen des Gepäcks, Man dankt auf Englisch und Arabisch. Man winkt, „Lehitraot! salami! salami!" ruft immer wieder der strahlende Kapitän. Die Autofahrt hinauf, durch die wie Schnee leuchtenden, kraterartigen Wüstenhügel ist eine neue Märchenfahrt. „Wie eine Reise durch Tibetanisdie's Gebirge!" ruft Einer. — „Nein, wie eine Fahrt durchs Eingadin" ein Anderer. Doch nein —- kein Vergleich hält hier stand. Diese Landschaft ist ünvergleichlich — wahrhaft einzig in der Welt! Nach anderthalb Stunden immer neuer Wunder sind wir 1200 Meter gestiegen und sehen Jerusalem vor uns. Die alte Mauer mit ihren Zinnen schimmert im Mondlicht, das nirgends so hell ist wie in Palästina. Plötzlich, nach einor scharfen Kurve hält der Wagen — man ist angelangt. „SalamÜ salami! Nie wieder darf es Feindschaft geben zwischen Juden und Arabern! Nie wieder! Wir sind Brüder!" Mit diesen verheissungsvollen Worten, deren gleichen man heute in allen Teilen des Landes hören kann, endet die gemeinsame ' Fahrt. . MARGARETE MÖSES (Tel-Aviv) Pio Mortara gestorben Erinnerung an den Fall Mortara Von Dr. Mayer Ebner (Cernauti) Wenn ein sehr alter Mann stirbt, erfährt man zur allgemeinen Verwunderung, dass er noch gelebt hat. Dieses Vergessensein bei Lebzeiten ist sogar weltberühmten Staatsmännern, Wissenschaftlern, Kämpfern und Künstlern widerfahren. Pio Mortara, der in den letzten Tagen als ein hoher Achtziger seine Augen für immer geschlossen hat, war eine Weltberühmtheit eigener Art. In aller Munde war der kleine Judenjunge Edgar Mortara, nicht weil er ein Wunderkind gewesen wäre, sondern weil mit ihm etwas geschehen war, was beide Hemisphären, die Gebildeten jener fernen Zeit, ja, sogar gekrönte Häupter in Erregung versetzt hat. In meiner Jugend sprach man noch von dem Fall Mortara, obwohl er damals — in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts — schon mehr als zwanzig Jahre zurücklag. Denn alle Welt verfolgte. das Schicksal dieses Judenknaben, der 1858 in Bologna von der christlichen Magd der jüdischen Eheleute Mortara n o tgetauft wurde, als er schwer erkrankt war. Die frommgläubige Dienstmagd liebte das Kind und wollte, da es am Sterben war, wenigstens seine Seele retten. Sie behielt das Geheimnis vorläufig für sich, aber schliesslich ging sie zur Beichte. Der Geistliche machte sofort seinen Oberen Mitteilung. Damals gab es noch einen Kirchenstaat, es wurde veranlasst, dass das Kind seinen Eltern weggenommen und katholisch erzogen werde. Alle Proteste blieben erfolglos. Der Fall machte Aufsehen, die Zeitungen bemächtigten sich seiner, die Rabbiner von Piemont protestierten, die deutschen Rabbiner wandten sich mit einer Petition an den damaligen Papst Pius IX. Moses Montefiore nahm eine Audienz, beim Papst,.Jsfapoleon III. intervenierte, ja sogar Kaiser Franz Josef I. richtete ein Schreiben an den Papst mit der Bitte, das Kind möge den Eltern zurückgegeben werden. Aber alles war vergebens. An dem Veto des Päpstlichen Stuhles scheiterten alle Proteste, Interventionen und flehentlichen Bitten. Edgar Mortara wurde •im Kloster christlich erzogen, widmete /sich dem geistlichen Berufe und erreichte in der katholischen Hierarchie einen hohen Rang. Dieser Judenjunge wurde ein berühmter Prediger in nicht weniger als neun Sprachen. Nun ist Pater Pio Mortara in Liege (Lüttich) gestorben und die Welt erinnert sich in dieser bewegten Zeit, dass es einmal vor mehr als 80 Jahren einen „Fall Mortara" gab. Die Erinnerung gibt zu denken. Gemessen an dem universellen Judenunglück von heute, erscheint der Fall Mortara unendlich harmlos. Was bedeutet dieses Ereignis aus dem Jahre 1858 gegenüber den Massenaustreibungen von Juden aus gewissen Ländern und allem Entsetzlichen, was mit ihnen geschah und geschieht! Wie beneidenswert muss das Los des kleinen Edgar Mortara jenen zehntausenden in der Welt herumirrenden Judenkindern erscheinen, die sich von ihren Eltern verloren haben und von ihnen in allen Weltteilen gesucht werden. Und doch hat sich die Welt von 1858 wegen dieses kleinen Judenjungen und seiner um ihn weinenden jüdischen Eltern nicht beruhigen können. Die gesamte Weltpresse lief Sturm und die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit haben Partei ergriffen für eine Judenfamilie. 1858—1940! Wie hat sich die Welt verändert!