Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 19 (13.5.1940)
- Date
- 1940-05-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Mai 1940 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 5 Die Woche in Palästina Die jüdische Militäreinheit EIN ABGELEHNTER VORSCHLAG DER JEWISH AGENCY In einer Pressekonferenz im Büro der Jewish Agency antwortete der politische Referent der Palästina Exekutive, Mosche Schertok, auf die Frage eines Journalisten betreffend die Teilnahme der palästinensischen Juden am Militärdienst. Schertok sagte, dass noch vor Ausbruch des Krieges und dann wiederholt die Jewish Agency der britischen Regierung den Vorschlag gemacht hat, eine jüdische Kampfeinheit zum Dienst in Palästina oder anderswo zur Verfügung zu stellen, und dass nach längeren Ueberlegungen mitgeteilt worden ist, dass der Antrag nicht angenommen werden kann. Die Jewish Agency hat im Dezember nicht nur eine numerisch beträchtliche Militärabteilung, die in Palästina und der Diaspora rekrutiert werden sollte, angeboten, sondern auch die industriellen und wissenschaftlichen Einrichtungen der Juden in Palästina für die Errichtung von Versorgungszentren im Mittleren Osten. Bei der von der englischen Armee durchgeführten Rekrutierung in Palästina hat die Jewish Agency mitgewirkt, soweit es sich um die Einstellung technisch erfahrener jüdischer Kräfte handelte, dagegen liat die Jewish Agency ihre Mitwirkung nicht geben können bei der Aufstellung von gemischten Arbeiterbataillonen für den Französischen Kriegsschauplatz; denn obwohl Arbeiten wie Waldrodung und Wasserschöpfen nichts entehrendes haben, ist die ausdrückliche Beschränkung auf solche Arbeit und Ausschluss von der Kampftruppe unvereinbar mit den Anschauungen, die die palästinensische Judenheit von ihrem eigenen Status hat. Wenn im vorigen Weltkrieg jüdische Abteilungen in der britischen Armee kämpfen konnten, so sind sie heute, wo der Kampf gegen die Nazis geführt wird, noch mehr berechtigt. Dr. Lehmann begnadigt Der Kommandierende General hat die Verurteilung von sieben Angeklagten wegen der W&ffenfunde in Ben Schemen durch das Jerusalemer Militärgericht bestätigt, jedoch die vom 'Gericht verhängten Strafen umgewandelt, und zwar bei Dr. Siegfried Lehmann statt 7 Jahre Gefängnis LP 400.— Geldstrafe; bei Akiva Vanhotzker und Dr. Zwi Dogulajsky statt je 5 Jahre Gefängnis je LP 200.— Geldstrafe; bei Hanoch Vardi und Chaim Goldstein statt 5 Jahre Gefängnis 2 Jahre Gefängnis; bei Israel Fränkel statt 7 Jahre Gefängnis 4 Jahre und bei Israel Frankenstein statt 3 Jahre 1 Jahr Gefängnis. In dem Fall von David Barsilai hat der ^General das Urteil des Gerichtes abgeändert und seinen Freispruch angeordnet. * Die Nachricht von der Begnadigung der Verurteilten im Ben Schemen Prozess bezw. der Umwandlung des Urteils ist in der jüdischen Öffentlichkeit mit grosser Genugtuung aufgenommen worden. Bei der grossen Bedeutung des Kinderdorfes Ben Schemen, in dem jüdische Kinder aus allen Teilen der Welt untergebracht sind, und das als einzigartiges pädagogisches Experiment grosses Interesse findet, ist es nicht zu verwundern, dass auch die Anteilnahme an dem Schicksal der Verurteilten eine überaus lebhafte war. Umso grösser ist jetzt die Freude darüber, dass die leitenden Persönlichkeiten der Schule wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren können. Wenn wir auch bedauern, dass mehrere der Verurteilten eine wenn auch verkleinerte Gefängnisstrafe abbüssen müssen, so lässt doch die Entscheidung des Generals klar erkennen, dass der ganze Sachverhalt mit grosser Umsicht und grossem Verständnis nachgeprüft worden ist, und es soll offen ausgesprochen werden, dass die jüdische öffentlichkeit in Palästina selbst und darüber hinaus überall dort, wo Freunde des Kinderdorfes Ben Schemen wohnen, der verständnisvollen und menschlich grosszügigen Haltung des Oberkommandierenden mit tiefer Dankbarkeit gegenüberstehen. Für Änderung der Leitung Die Konferenz der Allgemeinen Zionisten Palästinas hat auf ihrer Konferenz in Tel- Aviv eine Resolution mit 48 :47 Stimmen angenommen, worin Änderungen in der zionistischen Politik und Führung verlangt werden. Es wurde beschlossen, mit andern rechtsstehenden zionistischen Gruppen in Einigungsverhandlungen einzutreten. Es wurde eine Leitung von 36 Personen unter dem Vorsits von J. Supraski gewählt. Gedenktag des Jischuw Am 4. Jjar (Sonntag, 12. Mai) — nicht wie ursprünglich beabsichtigt am 5. Mai — wird in ganz Palästina der Jahrestag des Beginns der Unruhen mit einem Gedenken für die 643 jüdischen Opfer begangen. Der „Kofer Hajischuw" wird an diesem Tag 400 Grabsteine setzen und ein allgemeiner Stillstand von 3 Minuten wird um 11 Uhr Vormittag im Jischuw eingehalten. Ausserdem werden Geldsammlungen veranstaltet. Der Waad Leumi hat gemeinsam mit dem Oberrabbinat ein Manifest an die jüdische Bevölkerung gerichtet, sich an dieser Feier zu beteiligen. Aus der Chronik Der High Commissioner ernannte Shabatai L e v i zum Vorsitzenden der Haifaer Stadtverwaltung für ein Jahr. Zum ersten Mal wird dadurch ein Jude Bürgermeister in Haifa. Seit dem Tode von Shukri Bey, des bisherigen arabischen Bürgermeisters, führte Levi provisorisch die Geschäfte der Stadt. Der Präsident des Waad Leumi Pinchas Rutenberg hat sich nach London begeben. Man nimmt an, dass die Reise mit wirtschaftlichen Plänen in Palästina in Zusammenhang steht. Die Gerüchte über eine unmittelbare bevorstehende Rationierung von Lebensmitteln werden von zuständiger Seite als unrichtig»bezeichnet, doch wurden die Kleinhändler aufgefordert, die Namen der sie beliefernden Grossisten registrieren zu lassen. Diese Vorbereitungsarbeit soll die Rationierung der wichtigsten Bedarfsartikel erleichtern, sollte sie sich wegen der kürzlich verfügten Umleitung der Schiffahrt als nötig erweisen. (Bisher gibt es in Palästina — im Gegensatz zu den meisten kriegführenden und sogar manchen neutralen Ländern — keine wie immer geartete gesetzliche Einschränkung des Verbrauchs.) Die Öffentlichkeit beschäftigt sich jetzt ein gehend mit der Frage der Reorganisation des Erziehungswesens, die durch das Memorandum des Erziehungsministers der Regierung Mr. Farrell akut geworden ist. Sämtliche Zeitungen nehmen zu den Fragen Stellung, wobei besonders die Presse der Arbeiterpartei die Vorschläge der Regierung scharf zurückweist, weil diese sich gegen die administrative Dreiteilung der Erziehung und die völlige Autonomie der Arbeiterschulen aussprechen. Die Konferenz der Allgemeinen Zionisten hat sich für eine einheitliche Administration der Schulen ausgesprochen, doch hat M. Ussischkin die Autonomie der Sondergruppen verteidigt. Die Erörterungen im Waad Leumi selbst, die bereits mehrere Sitzungen in Anspruch nahmen, konnten noch nicht zum Abschluss gebracht werden. Der Polizei-Inspektor teilt mit, dass die im Verlauf der Unruhen ausgesetzten Belohnungen für Angaben von Spuren der Verbrecher annulliert werden. Sollte noch nachträglich jemand zweckdienliche Angaben machen, wird er nach Gutdünken der Polizei entlohnt werden. In Betania bei Tiberias wurde ein aus Deutschland stammender jüdischer Hilfspolizist namens Moses Spagat tot aufgefunden. Man vermutet, dass er sich die tötliche Wunde selbst zugefügt hat. In Ramat Gan wird dieser Tage eine grosse moderne Spinnerei, die erste im Lande, ihre Tätigkeit beginnen. Die Fabrik ist von amerikanischem und palästinensischem Kapital gegründet und untersteht der Leitung eines Fachmanns aus der Tschechoslovakei. In der arabischen Presse wird jetzt die Rückkehr zu dem Tarbusch als Kopfbedeckung gefordert. Während der Unruhen haben die Araber bekanntlich die Kefiah als einheitliche Kopfbedeckung getragen. Die Stadtverwaltung von Nathania (dem reizenden jüdischen Städtchen am Meer zwischen Jaffa und Haifa) hat den dort stationierendei britischen Truppen ein Stadion, Tennisplätze und einen speziellen Badestrand zur Verfügung gestellt. Um den Hafen von Tel Aviv Die Kri&e in der Hafenverwaltung von Tel- Aviv ist noch nicht beigelegt. Die Meinungsverschiedenheiten betreffen besonders die Arbeiterfragen. In der letzten Sitzung der Tel- Aviver Stadtverwaltung erklärte der Bürgermeister Rokach, dass er sein Amt in der Hafenverwaltung niederlege. Diese Demission wurde nicht angenommen. Der Vertreter der Arbeiterschaft sagte, Rokach habe im Hafen Parteiinteressen vertreten, so z. B. die Bildung von eigenen Kooperativen der Minoritätsgrüppen unter den Arbeitern. Infolge der gegenseitigen Beschuldigungen der Vertreter der Arbeitgeuer und Arbeitnehmer, so schreibt der „Haarez" zu der Sache, ist es unmöglich für die öffentlichkeit, sich ein Urteil zu bilden. Der Hafen ist aber eine lebenswichtige Unternehmung, die man nicht der Vernichtung preisgeben kann. Daher fordert das Blatt eine unparteiische Untersuchung, die möglichst bald durchgeführt werden soll. Neuer Boden In einem Überblick über die Kolonisationstätigkeit in Palästina in den letzten vier Jahren wird darauf hingewiesen, dass der KKL in dieser Zeit an Bodenbesitz sich um 140.884 Dunam vermehrt hat, d. h. um 38.5 Proz. dessen was er zu Beginn der Unruhen 1936 besass. Die grössten Bodenerwerbungen kamen im Obergaliläa an der Nordgrenze zustande, wo. es bisher keine jüdische Kolonisation gegeben hatte. An zweiter Stelle steht das Jordantal, wo sich gleichfalls grosse Möglichkeiten im Bezirke Beth Schan ergeben. In diesen Jahren wurden im Lande 60 neue landwirtschaftliche Siedlungspunkte gegründet, davon 48 auf KKL-Boden. Die Zahl der jüdischen Dörfer im ganzen Lande beträgt 257, davon 157 auf KKL-Boden. Die Zahl der Bewohner auf KKL-Boden hat sich von 45,000 im Jahre 1936 auf 60.000 im Jahre 1940 erhöht. Bilanz der Arbeiterbank Die Arbeiterbank (Bank Hapoalim) in Tel- Äviv, das zentrale Bankinstitut der Histadruth, hat soeben ihren Geschäftsbericht über das Wirtschaftsjahr 1939 veröffentlicht. \ Daraus geht hervor, dass die Bank üb«r ein -Eigenkapital voi 190.000.— LP verfügt und Depositen im Be "age von 466.000 LP verwaltet An AussensUnden werden Kredite von insgesamt LP 590000.— ausgewiesen, die vor allem an Arbeiterinstitute und Arbeitersiedlungen gegeben wurden. Der Reingewinn beträgt rund LP 9.000.— und nach Abzug von LP 3500.— Reserven wurde, wie bereits kurz gemeldet, eine 4% ige Dividende verteilt. Der Bericht der Arbeiterbank ist insofern besonders interessant als er zugleich einen Ueberblick über die wichtigsten wirtschaftlichen Unternehmungen der Histadruth gibt, die mit der Bank in Verbindung stehen. Es wird mitgeteilt, dass die Zahl der Arbeitersiedlungspunkte 190 beträgt, mit 36.000 Menschen und einer Investition von 3% Millionen Pfund. Die Gesellschaft „Nir", die bei der Finanzierung der Arbeitersiedlungen eine grosse Rolle spielt, hat ein Kapital von LP. 300.000.— und ausserdem" LP 164.000.— Debentures im Umlauf. Ihre Aussenstände betragen LP 423.000.— (Kredite an die Arbeitersiedlungen). Die Pflanzung und Bearbeitung von Orangengärten für andere besorgt die Gesellschaft „Jachin", die im letzten Jahre Arbeiten für rund LP. 70.000.— ausführte. Wichtige Unternehmungen sind ferner die Zentrale Konsumgenossenschaft „Hamaschbir Hamerkasi" mit 57 angeschlossenen Genossenschaften und einem Umsatz von LP 544.000—. Die Verkauf sorganisatfon der landwirtschaftlichen Arbeitersiedlungen „Tnuvah" hatte im letzten Jahr einen Umsatz von LP 585.000.—. Weiter gehören zu dem System die Arbeiter-Kreditgenossenschaften sowie eine Reihe von genossenschaftlichen Betrieben (insgesamt 71 Kooperativen) mit einem Eigenkapital von LP 387.000. Die Bauunternehmungen der Histadruth (Solei Boneh und Misrad Kablani) führten Arbeiten für LP 87.000— aus. Die Versicherungsgesellschaft „Hasneh" hat einen Bestand von 560 Lebensversicherungs-Policen mit einer Gesamtsumme von LP. 900.000.—