Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 19 (13.5.1940)
- Date
- 1940-05-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU 13. Mai 1940 Nazi-Propaganda im Nahen Osten Bericht eines amerikanischen Journalisten In der amerikanischen Monatsschrift „Asia" untersucht Ladislas Farago, der seit 1935 Korrespondent der "New York Times" im Nahen Osten war und einige bekannte Bücher, davon eins über Abessinien und eins über Palästina geschrieben hat, die Frage, wie es mit den Plänen der Nazis, im Nahen Osten eine „Revolte der Wüste" nach dem Muster des Colonel Lawrence zu veranstalten, bestellt ist. Farago hatte oft Gelegenheit, mit Nazi-Agenten im Nahen Osten zusammenzutreffen; nach der gegenwärtigen Wendung der Dinge glaubt der Verfasser jedoch, dass ihre Pläne als endgültig gescheitert angesehen werden müssen. Die arabische Welt steht fest auf Seite der alliierten Demokraten. Der Verfasser des Artikels bringt eine Reihe von interessanten Tatsachen, die die Lage im Vorderen Orient vor Ausbruch des Krieges beleuchten. Er führt u. a. aus: Auch in diesem Teil der Welt wie überall arbeiten die Nazis nach festen Plänen. Es ist kein Zufall, dass seit 1935 die Bücher von Colonel Lawrence besondere Aufmerksamkeit im Nazi-* Deutschland gefunden haben. Abgesehen von zahlreichen Uebersetzungen sind Bücher über die Taten von Consul Wassmus, Niedermayer, Klein und Hentig, die erfolglosen deutschen Gegenspieler Lawrence^, erschienen. Im Jahre 1939 wurde plötzlich nach Jahren unerklärlichen Aufschubs das wichtige Werk von Max von Oppenheim „Die Beduinen" veröffentlicht, mit dem bezeichnenden Untertitel „Handbuch der Beduinenaraber, die einen Platz von zunehmender Wichtigkeit in der politischen Welt einnehmen". Hinter diesem plötzlich erwachten deutschen Interesse stand der Wunsch der Nazis, zur rechten Zeit Lawrence's Tat nachzumachen, diesmal allerdings gegen England. Dagobert von Mikusch, selbst einer von Lawrence's Gegenspielern während des Krieges (später als Uebersetzer bekannt — A. d. Red.) erklärte offen, dass Deutschland eine neue wichtige Mission im Nahen Osten habe, die islamische Welt zur Revolte gegen den westlichen Imperialismus zu bewegen. Die Deutschen nahmen die Probleme der beabsichtigten Revolte von drei Punkten in Angriff. Sie begannen mit einer schleichenden Propaganda im Jahre 1934, wozu im nächsten Jahre eine diplomatische Campagne trat, deren Leiter der Deutsche Gesandte in Bagdad Dr. Fritz Grobba war. Die Bildung eines arabischen Verbandes in Deutschland und der Besuch des saudischen Kronprinzen bei Hitler im Sommer 1939 waren die sichtbarsten Ergebnisse von Grobbas Tätigkeit. Als der Krieg näher rückte, erweiterte Grobba seine Interessensphäre und im Winter 1939 wurde er zum ersten Deutschen Gesandten am Hofe des Königs Ihn Saud ernannt, wo er im Schatten der saudischen Neutralität seine Arbeit fortsetzt. Die dritte vielleicht weniger bekannte Phase der Nazi-Aktivität begann 1935 mit der Absendung einer Expedition nach Afghanistan, das das Hinterland für die beabsichtigte Revolte und das Bindeglied nach Indien sein sollte. Die Teilnehmer dieser ExaTs JHe a wurc*en aus der Elite, die die Agenten für r\ , sjeheime Staatspolizei liefert (S. S.), entnommen. "T^He zweite Expedition, die 1939 nach Tibet gesandt wurde, war derselben Garde anvertraut. Das „Schwarze Korps", Organ der Gestapo, gab offen zu, dass die Forschungen dieser Expeditionen militärischer Natur sind. Gleichzeitig begannen deutsche Flieger im Vorderen Orient und in Zentralasien sich zu zeigen. Der verborgene Zweck dieser „Sportflüge" war es, Luftaufnahmen des Terrains zu machen. Im August .1937 überflog ein dreimotoriges Juncker- Flugzeug unter dem Kommando von Hauptmann Drechsel Afghanistan und Iran und einen Teil von Irak und machte Luftaufnahmen. Am 9. September 1937 verschwand ein anderer Junckers unter dem Kommando von Baron Gablenz östlich von Kabul, nach einem Flug von Berlin über Damaskus, Bagdad, Teheran nach China. Baron von Gablenz war 20 Tage vermisst und tauchte dann unter geheimnisvollen Umständen wieder in Kabul auf. Er kehrte nach Deutschland zurück mit wertvollen Luftaufnahmen. Mitte 1937 versuchten die Deutschen wenigstens das Skelett einer Militärmacht für ihre Revolte zu schaffen. Unter den für diesen Zweck bestimmten Nazi-Agenten war Giselher Wirsing, ein früherer deutscher Attache* beim Völkerbund (bekannt auch als Mitarbeiter und später Herausgeber der Zeitschrift „Die Tat", als Korrespondent der „Münchener Neuesten Nachrichten" und Verfasser eines 1938 erschienenen Palästinabuches — A. d. Red.). Er nahm den Kontakt auf mit Fauzi ed-Din, dem syrischen Kommandanten der palästinensischen Rebellen, und bald darauf begannen deutsche Offiziere, Fauzis Freischärler auszubilden. Dschedda in Saudi-Arabien und Hodeida im Jemen waren die Hauptplätze für den deutschen Waffenschmuggel. 1938 gab es kaum einen Hafen an der Ostküste des Roten Meeres ohne wenigstens einen deutschen Waffenagenten. Ich traf drei von ihnen, Baron von Rosenberg in Dschedda, Thomas in Dschesan und Krantz in Hodeida. Ich habe persönliche Kenntnis von zwei Geschäften, in deren Verlauf 50.000 Gewehre, die ursprünglich für Polen bestimmt waren, und mehr als eine Million Geschosse an Käufer aus Palästina verhandelt wurden. Diese Agenten hatten Ausweispapiere von der Deutschen Gesandtschaft in Kairo. Die Waffen kamen auf Schiffen der deutschen Hansa-Linie, wurden umgeladen und dann an die transjordanische Küste zur Weiterbeförderung geschmuggelt. Während all dieser Vorbereitungen folgten die Deutschen genau der Taktik von Lawrence, nur waren sie weniger grosszügig in Geldgeschenken. Die militärische Aufgabe, die den Beduinen für den Kriegsfall gestellt-wurde, war die Beunruhigung des Suez-Kanals von der Sinai-Halbinsel aus und das Vorrücken gegen die Ölfeider in Mossul. Sie sollten auch die Eisenbahnverbindung Damaskus-Amman-Haifa zerstören. Am meisten versprach man sich von Angriffen gegen die Ölleitung Kirkuk-Haifa. Trotz all dieser Vorbereitungen, so fährt Farago fort, ist von den deutschen Plänen nichts übrig geblieben, Sie waren von Anfang an zur Ergebnislosigkeit verurteilt. Die Verhältnisse im Nahen Osten haben sich grundlegend geändert, das beduinische Element habe seine Bedeutung eingebüsst; im übrigen ist die Verteidigung fest in den Händen Englands und jeder Eventualität gewachsen. Trotzdem, so meint der Verfasser, haben die Deutschen ihre Pläne noch nicht ganz aufgegeben, sondern wollen sie wechselnden Kombinationen anpassen, die mit der Beteiligung anderer Mächte (erst Italien, jetzt Russland) rechnen. Dies zeigt sich auch in verschiedenen deutschen Presse-Äusserungen. Nach eingehender Untersuchung der Lage schliesst der Verfasser mit dem Hinweis auf Erklärungen der Araber, die sich auf Seite der Demokratien gestellt haben. Refugee-Zionisten In New-York Bericht für die „ JWR' New York, im April 1940 In den letzten Monaten hat in New York die zionistische Arbeit unter den Neueinwanderern aus Mitteleuropa eine bedeutsame Intensivierung erfahren. Hatte bisher die „Theodor Herzl Society", die vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde, es versucht, eine organisatorische Zusammenfassung all jener durchzuführen, die früher in Deutschland der zionistischen Bewegung angehört hatten oder ihr zumindest nahestanden, so sind in jüngster Zeit eine Reihe neuer Vereinigungen auf den Plan getreten, die alle ihre Tätigkeit darauf konzentrieren, die jüdischen Menschen aus Mitteleuropa aufs neue in den zionistischen Zusammenhang zu stellen, vor allem aber jene zu gewinnen, die bis nun abseits geblieben sind. Während sich die Mitgliedschaft der Theodor Herzl Society vor allem aus Menschen zusammensetzt, die aus dem „Altreich" stammen, ist in der „Jacob Ehrlich Society" ein Sammelpunkt für alle jene geschaffen worden, die aus Österreich und den sogenannten Nachfolgestaaten hier eingewandert sind. Das Andenken Dr. Jacob Ehrlichs, der als langjähriger Vizepräsident der Wiener Jüdischen Gemeinde und als Vertreter der Judenschaft im Rate der Stadt Wien seine ganze Kraft und Persönlichkeit für jüdisches Recht und jüdische Ehre eingesetzt hat und der als einer der ersten Märtyrer der Konzentrationslager gefallen ist, konnte wohl nicht besser geehrt werden, als dass die Vereinigung österreichischer Zionisten seinen Namen annahm. Im Landesverband U.S.A, des Kartell Jüdischer Verbindungen (K.J.V.) und im „IGUL" haben die zionistischen Akademiker aus Deutschland und Österreich neuerdings ihren Zusammenschluss gefunden. Die zionistischen Sportler aus Deutschland haben sich im „Makkabi" den Rahmen für ihre Arbeit gegeben, während frühere Mitglieder der Wiener jüdischen Sportgemeinde in einer „Hakoah-New York'« ihre Tätigkeit fortsetzen wollen. Schliesslich ist vor einigen Tagen auch eine italienisch-zionistische Gruppe gegründet worden. Der Zustrom jüdischer Flüchtlingseinwanderer aus Italien hat auch eine grosse Anzahl italienischer Zionisten nach New York gebracht, die nunmehr die „Commander Levi B i a n c h i n i - Society" gebildet haben, eine Vereinigung, die ihren Namen nach dem italienischen Attache im Stabe General Allenbys, Levi Bianchini, gewählt hat, der 1918 ein begeisterter Zionist wurde und 1920 bei dem Araberüberfall in Syrien getötet wurde. Es drängt sich die Frage auf, warum nicht eine einheitliche Organisation aller „Rcfugee- Zionists'* geschaffen werden konnte, wenn sich schon aus Gründen des Überganges die sofortige Eingliederung unserer Menschen in die Zionistische Organisation Amerikas als vorläufig unpraktisch erwiesen hat. Es scheint, dass das Katastrophenerlebnis unserer Tage! nicht vermocht hat, gewisse Atavismen, wie Korpsgeist und Landsmannschaftentum, zu überwinden. Wenn aber nur auf solche Art Menschen für die Bewegung erfasst werden konnten, so mag man diesen sonst unverständlichen Partikularismus zunächst hinnehmen. Immerhin ist bereits eine gewisse Koordinierung der Bestrebungen erfolgt. Hier haben die '„Theodor Herzl Society" und „Jacob Ehrlich Society4' die Initiative ergriffen, indem sie einen Dachverband geschaffen haben, der unter dem Titel „United Zionists from Gentral- Europe" eine Zusammenarbeit wenigstens dieser beiden Vereinigungen in die Wege geleitet hat. Dank den Bemühungen Kurt Blumenfeld s, der sich ebenso wie Georg Landauer bei den zionistischen Stellen Amerikas für eine Förderung der zionistischen Arbeit unter den Neueinwanderern eingesetzt hat, konnten diese Organisationen vor kurzem ein gemeinsames, schön eingerichtetes Heim in zentraler Lage New Yorks eröffnen. Über Intervention Kurt Blumenfelds hat übrigens die Zionistische ■ Organisation- Amerikas. ein eigenes Sekretariat für diese Arbeit geschaffen. Wie dringlich diese Arbeit ist, kann an einem Beispiel illustriert werden. Im Dezember 1939 war es noch oder schon wieder möglich, dass im Wochenblatt der deutsch-jüdischen Emigration „Aufbau" die Frage der Weihnachtsfeier unter den Juden ernstlich diskutiert werden konnte. Unter dem Schlagwort der Amerikanisierung erhebt unter den Emigranten die Assimilation neuerdings ihr Haupt. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Ereignisse der letzten Jahre viele unserer Menschen in diesem Lande in ihrer weltanschaulichen Orientierung unsicher gemacht haben. Dies gilt nicht zuletzt von unserer Jugend. Aus der Notwendigkeit heraus, hier einzugreifen, ist vor kurzem durch die Initiative des um die Förderung der zionistischen Bestrebungen hochverdienten Vorsitzenden der Theodor Herzl Society, Dr. Lazar Wallertein eine „Zion i s tische Akademie" geschaffen worden. Das ist eine besondere Art jüdischer Volkshochschule, deren Vorlesungen vor wenigen Wochen begonnen haben. Wenn es im Rahmen dieser Kurse Kurt Blumenfeld unternimmt, eine Grundlegung des Zionismus zu geben oder wenn Dr. Wallerstein den Ablauf der jüdischen Geschichte erhellt, so bedeuten diese Veranstal- \ tungen, wenn auch nur in einem kleineren, aber ständig wachsenden Kreise, wirklich „gross« Abende", die den Hörer innerlich bereichert entlassen. Die Zionistische Akademie, die inj kommenden Herbst mit einem grosszügigenf Vortragsprogramm vor die Öffentlichkeit tre-l ten wird, erscheint dazu berufen, im geistigen! Leben der jüdischen Einwanderer eine Funktion von zentraler Bedeutung zu erfüllen. _EMIL LEHMANN^ In einem in einem Sonderdruck erschienenen Artikel beschäftigt sich Dr. Hans Klee, derzeit Genf, mit der Frage der Neuordnung der Judenfrage nach dem Kriege. Er weist darauf hin, dass der Minderheitenschutz völlig versagt hat. Er könnte nur dann wirksam werden, wenn eine völlige Neu-, Organisation Europas auf föderativer Grundlage mit Beschränkung der Souveränität der einzelnen Staa-i ten zustande kommt. Ein wichtiges Erfordernis wärej es auch, dass ein in Palästina errichteter Judenstaa] zum Schutze der jüdischen Gleichberechtigung in dej Galuth auftreten kann.