Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 19 (13.5.1940)
- Date
- 1940-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Mai 1940 JODISCHE WELT*ftUND$CHAU Seite 3 Aus Nazi-Deutschland Vernichtung der Danziger Juden Der letzte Hochkommissar des Völkerbundes für Danzig Prof. Carl Burckhardt hat vor kurzem dem Generalsekretär des Völkerbundes Bericht über die Lage in der Freien Stadt vor Beginn des Krieges erstattet. Zwei Kapitel des Berichtes sind der antijüdischen Aktion in Danzig gewidmet. Burckhardt erzählt, dass zu Beginn 1937 der Danziger Senat versucht hat, der Freien Stadt eine antisemitische Gesetzgebung aufzuzwingen, die der in Deutschland geltenden entsprochen hätte. Während des ganzen Jahres 1937 und der ersten 10 Monate 1938 widersetzte sich der Hochkommissar mit Erfolg diesem Versuche. Aber das jüdische Problem, berichtet Burckhardt, war von einer Art, dass man für dasselbe auf lange Sicht keine günstige Lösung erhoffen konnte. Man konnte nur eine Verschiebung des Beschlusses erreichen, wodurch es einer grossen Zahl Danziger Juden ermöglicht wurde, vom Mai 1937 bis November 1938 unter sehr viel günstigeren Bedingungen auszuwandern als es die Juden Deutschlands tun konnten. Es müsse indes vermerkt werden, dass durch die Kommentare der Weltpresse ein Vorurteil gegen die Nichtarier in der Freien Stadt entstand. Jedesmal, wo Verhandlungen zwischen Hochkommissar, dem Senat und dem Gauleiter über dieses Thema ein delikates Stadium erreichten, haben Nachrichten-Agenturen und gewisse internationale Gesellschaften falsche Meldungen oder übereilte Proteste betreffend angeblich vollzogene Tatsachen in die Welt gesetzt und Erregung in die öffentlichkeit getragen, obwohl die Tatsachen erst im Stadium der Drohung waren. Wiederholt hatte Gauleiter Forster dem Hochkommissar erklärt, dass er sowieso durch die Weltmeinung angeklagt werden würde und dass andererseits niemand ihm Dank wissen werde, wenn er dem seitens der Partei auf ihn ausgeübten Druck widerstehen würde. Die antisemitische Gesetzgebung-wurde anr 2. November 1938 in Danzig verkündet und am 23. November in Kraft gesetzt. Als Burckhardt im November 1938 Danzig verliess, um sich nach Berlin zu begeben, brachen antijüdische Exzesse aus. Entweihung der Posner Synagoge „Die Zionssternc stürzen herab." — Die Synagoge wird Schwimmbad. Das Organ der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei „Ostdeutscher Beobachter" vom 4. April 1940 veröffentlicht einen Artikel unter der Überschrift „Posener Davidstern hilft England schlagen". In dem Artikel heisst es: „Mit einem eindrucksvollen F-opagandamarsch durch die Strassen der Gauhauptstadt, an dem alle Formationen der Partei teilnahmen, war eine Werbung für die Metallspende des deutschen Volkes verbunden, die ihren Zweck bestimmt nicht verfehlt hat. Vor dem Marsch wurden symbolhaft die metallenen Zionssternc auf der ehemaligen jüdischen Synagoge entfernt, um mit eingereiht zu werden in die grosse nationale Metallreserve, die jeden englischen Blockadeversuch vereiteln wird. Kurz vor 18 Uhr marschierten in dichter Reihenfolge die Formationen heran und nahimen vor dem ehemaligen Tempel Aufstellung. Der langgestreckte Fischmarkt bot mit den zahlreichen Kolonnen aller Posener Formationen einen machtvollen Anblick deutscher Macht I und Stärke, die fest entschlossen ist, nun auch i hier im Warthegau alles Artfremde und Schäd-1 1 liehe mit eisernem Besen auszukehren. Dem Kreisleiter Pg. Steinhaus, der inzwischen ein-! getroffen war, wurden die angetretenen Formationen gemeldet, und dann gingen die Männer der TN an die Arbeit. Drei Zionssterne stürzen herab. Auf ein Signal stürzen zuerst, wie vom Blitz getroffen, die beiden kleineren Sterne von ihren Türmen, während das Engelandlied, gespielt von dem Musikzug der Posener SS-Standarte 109, brausend aufklang und sich schnell von Mund zu Mund fortpflanzte. Anschliessend kam dann der fast zwei Meter hohe Stern auf der Kuppel an die Reihe. Ein Schneidebrenner zischte auf, und [die heisse Stichflamme frass sich schnell durch den Fuss des Sternes, der bald zu schwanken begann. Mehrere kräftige Rucke an dem langen Tau genügten dann, dass er sich vorn überneigte und mit mächtigem Gepolter das Dach hinunterstürzte, als willkommene Beigabe für die Metallreserve des deutschen Volkes... denn es war gutes Kupferblech! In den kommenden Wochen und Monaten wird dann auch das ganze unschöne Gebäude aus dem Posener Stadtbild verschwinden und, von der Stadtverwaltung vollkommen umgebaut, sich in eine Schwimmhalle verwandeln, die allen Personen zur Freude und Erholung dienen, wird." Der Artikel wird illustriert durch zwei Photographien. Auf der einen sieht man die Posener SA. auf ihrem Marsche zur Posener Synagoge, auf der anderen erblickt man die schöne Posener Synagoge. An dem Mögen Dovid, der die Kuppel der Synagoge krönt, ist ein Tau befestigt, das von SA-Leuten gezogen wird. Dieser Bericht wird ergänzt durch einen weiteren im „Ostdeutschen Beobachter" Nr. 99 vom 9. April 1940, in dem nähere Angaben über die Profanierung der Synagoge gemacht werden: „Bekanntlich wird die ehemalige Synagoge am Fischmarkt zum Hallenschwimmbad umgebaut. Die Arbeiten hierzu sind bereits im Gange. Sie geschehen unter vollster Förderung durch Gauleiter Greiser. Als mit Uebernahme der deutschen Verwaltung die Frage auftauchte, was aus der jüdischen Synagoge am Fischmarkt werden sollte, bestand ursprünglich die Absicht, dieses feste und ungemein dauerhafte Gemäuer der Spitzhacke anheimfallen zu lassen. Bei näherer Prüfung ergab sich, dass dieser Abbruch einen Kostenaufwand von etwa 100.000 Mark erfordern würde. Dies führte dann zu weiteren Ueberlegungen, in deren Verfolg der Umbau der Synagoge in eine Sport- oder Turnhalle, in ein Lagerhaus, ein Archiv oder eine Bücherei ins Auge gefasst wurde. Die beste Idee kam, wie oft im menschlichen Dasein, zuletzt: Wir schaffen daraus ein Hallenschwimmbad!" Wann Juden Schuhe erhalten Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschtand teilt mit: In Nr. 11 des „Nachrichtenblattes" (Vgl. „JWR" Nr. 10 — Anm. J.W.R.) haben wir kurz den wesentlichen Inhalt des Erlasses des Herrn Reichswirtschaftsministers über die Versorgung der Juden mit Spinnstoffwaren und Schuhen mitgeteilt. Wir geben nachstehend noch einige Bestimmungen wieder: „Die Spinnstoff- und Schuhversorgung der Juden erfolgt durch die „ReichsVereinigung der Juden in Deutschland" aufdem Wege gegenseitiger Hilfe. Jüdische Antragsteller sind daher an diese Organisation zu verweisen. Im übrigen steht ihnen der Erwerb von Altwaren ohne Bezugschein offen. Die Wirtschaftsämter (Ausgabenstellen) werden ermächtigt, an Juden in folgenden Ausnahmefällen Bezugscheine auszustellen: a) Juden, die einer körperlichen Arbeit nachgehen, können einen Bezugschein für Arbeitsbekleidungsstücke und Schuhe erhalten, wenn sonst ihr Arbeitseinsatz gefährdet wäre und sie auf anderem Wege keine geeigneten Sachen erhalten können. b) Zur Beseitigung eines offenbaren Notstandos kann in dringenden Fällen, in denen eine Hilfe der Reichsvereinigung der Juden nicht rechtzeitig möglich ist, ein Bezugschein ausgegeben werden. c) Juden können einen Bezugschein für Nähmittel im Betrage von 0.20 RM im Vierteljahr erhalten. Massgebend für die Abgrenzung des jüdischen Personenkreises ist die Bestimmung des Par. 5 der 1. Verordnung zum Rcichsbürgergesetz vom 14. November 1935 (RGBL. T. S. 1933). Von der Sonderregelung werden jedoch folgen', 3 Personen, die in sogenannten privilegierten Mischehen leben, ausgenommen: f\) Der in einer Mischehe lebende jüdische Ehegatte, sofern Abkömmlinge aus der Ehe vorhanden sind und diese nicht als Juden gelten (Par. 5 Abs. 2 der 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 — RGBl. I S. 1933). Dies gilt auch für den Fall, dass die Ehe nicht mehr besteht, b) Bei kinderloser Ehe die jüdische Ehefrau, falls der Ehemann deutschblütig oder Mischling zweiten Grades ist. Diese Personen sind ebenso zu behandeln wie Deutschstämmige. Die Sonderregelung gilt nur für inländische und staatenlose Juden. Die Wirtschaftsämter haben sorgfältig zu prüfen, ob die genannten Voraussetzungen für die Erteilung eines Bezugsscheines vorTiegen". Rundfunk In der Slowakei Der „Grenzbote", Deutsches Tagblatt für die Karpathenländer, Pressburg, scheint:. „In allen Staaten werden Massnahmen ergriffen, um« eine Ausnützung der Kriegspsychose durch die schädliche Flüsterpropaganda hintanzuhalten. Es wäre auch bei uns unbedingt notwendig, den Juden das Werkzeug, das hauptsächlich zur Unterhaltung dieser zersetzenden Tätigkeit beiträgt, aus den Händen zu nehmen — nämlich den R u.n d f u n k a p p ar a t. Unsere Strassen, unsere Kaffeehäuser sind erfüllt von den Gerüchten „demokratischer Sender", für deren Empfang und rascheste Weitervfc,•breitung die Juden mit allem Eifer sorr gen. Dieser verzweigte Wühlapparat hat sich das Ziel gesteckt, Lügen und Aufhetzungen gegen alles, was deutsch ist, vorwiegend in das slovakische Volk hineinzutragen. Dem nun von vielen Seiten erfolgten Vorschlag, die Run&- funkempfänger den Juden auf die Dauer des Krieges zu sperren, schliessen auch wir uns an dieser Stelle an." Die Hilfsarbeit Warschaus . In einem Artikel „Millionenstadt Warschau hilft sich selbst", den die „Krakauer Zeitung" veröffentlicht, wird auch zum ersten Male von deutscher offiziöser Seite über die jüdischen Hilfsorganisationen in Warschau berichtet. In diesem Artikel heisst es u. a. „...Ähnliche Hilfsorganisationen, wie sie die deutsche Verwaltung für die Polen einrichteten bezw. unterhielten, wurden auch für den jüdischen Bevölkerungsteil ins Leben gerufen. Die Juden bilden in Warschau eine 400.000köpfigC Gemeinde, was etwa der Wohnbevölkerung Stuttgarts entsprechen würde. Ähnlich wie in Krakau, we unter deutscher Anleitung und Unterstützung eine mustergültige jüdische Hilfsorganisation entstand, schuf man auch in Warschau unter Kontrolle des Stadtpräsidenr ten ein jüdisches Fürsorgekomitee, dem allein 63 Volksküchen unterstehen, die täglich ah 62.000 Personen warmes Essen verabreichen. Ferner werden 30.000 zugewanderte Juden betreut, die in Asylen und Heimen untergebracht sind, zum Teil aber auch mit finanzieller Hilfe seitens des Komitees in jüdischen Privatwohnungen eingemietet wurden. Das gleiche gilt natürlich für Juden, dessen Wohnungen infolge, der Kriegsereignisse zerstört worden sind; Durch einen besonderen Zweig der jüdischen Fürsorge werden insgesamt 8.600 Kinder betreut, die Unterkunft und Verpflegung erhalten. * aüos.*^*v Die „Warschauer Zeitung" meldet, G3^-e^nf? verschiedenen Stadtteilen Warschaus ufe " jüdischen Ladenbesitzer und Händler in der letzten Zeit wiederholt angegriffen und geschlagen worden sind. Indirekt geht aus der Meldung hervor, dass die Nazis den Mob zu regelt rechten Pogromen gegen jüdische Händler gehetzt haben. Das offizielle Nazi-Organ spricht die Genugtuung darüber aus, dass „sich die polnische Bevölkerung immer mehr klar darüber wird, dass ihr ganzes Elend durch die Juden verursacht ist". Im „Jüdischen Nachrichtcnblatt", Ausgäbe Wien,wird eine Todesanzeige veröffentlicht, der zu entnehmen ist, dass am 18. März in Ber7 lin die einst berühmte Kammersängerin Lolä B e e t h in ihrem 79. Lebensjahre gestorben ist. Die Nazi-Zeitung „Rheinfront" meldet, dass das Gericht in Mannheim die Jüdin Helene Sara Bender zu zwei Monaten Gefängnis und zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt hat, weil man bei ihr 43 Stück Eier gefunden haben soll. Himmler hat angeordnet, dass die in ■Deutschland lebenden Polen den „Gelben Fleck" zu tragen haben; dies betrifft fast eine Million polnischer Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen und 300.000 polnische Kriegsgefangene. Sic alle haben „auf der rechten Brustseite jedes Kleidungsstückes ein festverbundenes Kennzeichen - ein fünf Zentimeter grosses gelbes Quadrat mit violetter Umrahmung, das in der Mitte ein P zeigt — stets sichtbar zu tragen."