Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 19 (13.5.1940)
- Date
- 1940-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU 13. Mai 1940 ganisation hängen die Fonds in der Luft. Unsere Sache ist unausführbar ohne den Elan und die begeisterte Mitarbeit der Zionisten; wenn die Leitung des jüdischen Volkes vor den Rat der Völker tritt, dann muss hinter ihr der entschlossene Wille der jüdischen Massen fühlbar und sichtbar aufscheinen. Diesen Willen kann nur eine Organisation wecken und bilden, und nur eine zum Kampf bereite Organisation kann die Mittel für den Aufbau und für -eine zielbewusste Führung der jüdischen Emigration beschaffen. Alle, die etwas können und arbeiten wollen, müssen iheran. Das hat Herzl am 9. Juni 1895 in sein Tagebuch geschrieben und das ist ein Verlangen, das heute aktueller ist mIs je. Die neugeformte zionistische Organisation muss die Forderungen formulieren, die sich aus 40-jähriger Arbeit ergeben, und für die heute bereits eine feste Grundlage vorhanden ist Das jüdische Nationalheim in Palästina ist bestehende Tatsache, die überdies auch einen völkerrechtlichen Status hat. Was immer gesagt und getan werden kann — es ist international festgelegt, dass wir auf Grund der historischen Verknüpfung mit Palästina hier kraft unseres Rechtes sind. Dieses Recht muss in unserem Willen verankert und durch eine Organisation vertreten werden, die vorhanden ist und nicht bloss in einer feiertäglichen Fiktion besteht. Palästina und der Krieg Seit Beginn des Krieges gab es für Palästina keine so aufgeregte Woche wie die letzte, in der deutliche Anzeichen dafür sprachen, dass das östliche Mittelmeer eine Gefahrenzone ersten Ranges geworden ist. England hat seine Handelsschiffahrt umgeleitet, eine riesige Kriegsflotte fuhr nach Alexandrien. Eine Menge von Gerüchten durchschwirrte die Luft, und jeder legte sich die Frage vor, wie es werden wird, wenn der Krieg uns näher rückt. Vor 8 oder 9 Monaten lag gewiss die Vermutung nahe,- dass Palästina eher in die Kampfzone einbezogen werden wird als Finnland und Norwegen, aber inzwischen hat man sich daran gewöhnt, relativ ungestört das alte Leben fortzuführen. Nun erscheinen Gespenster am Horizont. Die Stimmung, die sich mancher bemächtigt, ist nur die Kehrseite eines falschen Optimismus, den wir seit den ersten Kriegsmonaten vielfach angetroffen haben. Seit Monaten reden viele so, als ob der Feind bereits geschlagen wäre und es nur darauf ankäme, das Erbe zu verteilen. Die Wahrheit ist ganz anders.. Wir müssen unsere Nerven stählen und uns entschliessen, den Ernst der Lage und die Tragweite dieses erst im Anfangsstadium befindlichen Krieges zu sehen. Er wird gewiss nicht leichter sein als der vorige Weltkrieg; die Einwanderer aus Deutschland standen damals auf der andern Seite der Front, wo das Volk vier Jahre lang mit Siegesmeldungen gefüttert und ein Land nach dem andern erobert wurde, bis der Zusammenbruch kam. Damals galt es in den Ländern, die militärisch zurückweichen mussten, unbeirrt auszuharren und die Nerven zu behalten, im Bewusstsein der moralischen und materiellen Überlegenheit, die den Endsieg bringen musste. Bevor man dahin gelangt, ist viel Schweres zu überstehen. Auch dieser Krieg wird eine Nervenprobe sein. Ob eine Einbeziehung des Balkans und damit auch des Ägäischen und Mittelmeeres unmittelbar bevorsteht, kann niemand mit Sicherheit sagen. Oft schon haben sich Voraussagen als unrichtig erwiesen. Die Anwesenheit der alliierten Flotte in Ägypten ist ein Moment der Sicherheit und der Abschreckung. Aber sollte es zu einer Beunruhigung in dem Raum, dem auch Palästina angehört, kommen, dann werden wir mit Würde und Entschlossenheit in diese Schicksalsgemeinschaft der gegen die Tyrannei kämpfenden Völker eintreten. Arabische Föderationsplane Auch während des Krieges ruhen die Auseinändersetzungn über die künftige Gestaltung des Vorderen Orients nicht. Interessen und Sorgen der verschiedenen arabischen Staaten sind in dieser Zeit auf ihre eigene Existenz und Erhaltung ihres Besitzstandes gerichtet; gewisse Gedanken über Solidarität der arabisch sprechenden Welt aber sind auch jetzt lebendig. Einen Niederschlag davon haben wir in den Debatten gesehen, die im Parlament von Irak Ende März und in Ägypten Ende April über die auswärtige Politik stattgefunden und sich hauptsächlich mit Palästina beschäftigt haben. Die Palästina-Frage ist in den letzten Jahren geradezu das Symbol der arabischen Einigkeit geworden. Staaten wie Ägypten und Irak, die dieses wachsende Interesse an Palästina zeigen, werden Mitglieder einer künftigen Friedenskonferenz sein. Man muss also hören, was sie zu dem Problem zu sagen haben. Auch in der englischen Presse finden wir darüber Erörterungen. In der Londoner Zeitschrift "The New Statesman and Nation" ist ein umfassender Aufsatz enthalten, als dessen Verfasser ein anonymer „verantwortlicher arabischer Nationalist" zeichnet. Nach seiner Darstellung ist das arabische Ziel eine Föderation der arabischen Staaten nach dem Muster der amerikanischen Konstitution. Innerhalb der grösseren Staaten soll, so betont er, das Prinzip der Sub-Föderation angewandt werden, um die Minoritäten frage zu lösen, wo die Minorität es wünscht und gross genug ist, | wünschenswert sei, damit die Araber nicht mehr eine Majorisierung durch die Juden in Palästina befürchten müssen; dann könnten die Araber zustimmen, dass die jüdische Bevölkerung in Pa^ lästina zumindest auf die Hälfte der Gesamt-1 bevölkerung anwachse, ausserdem würden sich Möglichkeiten von Ansiedlung von Juden in anderen arabischen Ländern schaffen lassen. Das ist zwar kein von den Arabern akzeptiertes Programm, aber die Grundgedanken sind gemeinsam mit den von manchen Arabern vertretenen Gedanken. Es ist ein Weg der Erörterung der erstarrten Probleme. Einen definitiven Plan zu machen, ist heute verfrüht, in diesen! Teil der Welt wie in jedem anderen. Aber es wäre von grossem Nutzen, wenn wenigstens eine gemeinsame Sprache bei der Erörterung der Kriegsziele und demgemäss auch in der praktischen Politik während der Kriegszeit gefunden werden könnte. Juden wie Araber haben ein gemeinsames Interesse daran, den deutschen Intriguen (über die wir an anderer Stelle den Bericht eines amerikanischen Journalisten veröffentlichen), den Weg im Nahen Osten zu versperren. Die Araber wissen gewiss, was sie von deutschen Schmeicheleien zu halten haben. Es empfiehlt sich nachzulesenJ welche Komplimente Hitler bis zum März 193« den Polen gemacht hat. Da war die Rede vor« der „vornehmen und verständnisvollen Haltung! Polens", noch am 12. September 1938 von den unabänderlichen Grenzen" usw., aber schon ein um ihre eigenen Angelegenheiten zu verwalten. I halbes Jahr später war keine Beschimpfung des Oberrabbiner Dr. Hertz (London) ist nach mehrmonatlichem Aufenthalt in Palästina nach London zurückgereist. Vor seiner Abreise stattete Hertz der Universität Jerusalem einen Besuch ab. Im übrigen ist er in Palästina nicht öffentlich hervorgetreten. Die heutige arabische Entente sei ein Defensiv bündnis zwischen Irak, Saudien und Jemen. Die Stellung Ägyptens wird gekennzeichnet durch seine Zusammenarbeit mit den drei genannten Ländern in der Palästinafrage; aber erst wenn Syrien und Palästina unabhängig sind, wird eine Landverbindung von Ägypten zu deriT anderen Staaten hergestellt sein. Im Zusammenhang .damit kommt der Verfasser auf das palästinensische Judenproblem zu sprechen. Die Araber, so sagt er, anerkennen zwar nicht, dass Palästina mit der Lösung der jüdischen Flüchtlingsfrage verbunden wird, aber sie nehmen die jüdische Bevölkerung von etwa einer halben Million als eine Tatsache hin. Sie wollen die Juden nicht aus Palästina vertreiben, aber fie können keine znh lenmässige Vergrösserung und keine staatliche Unabhängigkeit für die Juden in Palästina zulassen, da es das eingestandene Ziel der zionistischen Führer sei, jede territoriale Unabhängigkeit nur als Sprungbrett für einen grösseren und stärkeren Judenstaat zu benützen. Abgesehen von Unabhängigkeit und Einwanderung, soll den Juden jede Art von Autonomie und auch ein Anteil an der Regierung Palästinas gegeben werden. Eine solche Lösung könne dann durch eine geeignete internationale Instanz, die der Friedensschluss hervorbringen wird, garantiert werden. Dann könne ein unabhängiges Palästina mit England einen Vertrag schliessen und auch in den arabischen Bund eintreten. Der Verfasser, den man wohl in dem Kreise eines bekannten christlicharabischen Politikers und Schriftstellers suchen muss, betont, dass ein arabischer Bund von 35 Millionen Menschen ein Element der Sicherheit im Südosten des Mittelmeeres wäre. Im jüdischen Lager gibt es in wachsendem Maße Menschen, die eine föderative Lösung befürworten und darum auch einen Zusammenschluss der arabischen Welt mit Sympathie betrachten würden. Die. jüngst erschienene Zeitschrift „Lamped" vertritt diesen Gedanken, in USA. z. B. Judge Rosenblatt und andere. In diesen Blättern wurden wiederholt die grossen Möglichkeiten erörtert, die in dem Gedanken der „Vereinigten Staaten des Nahen Ostens" liegen. Vor einiger Zeit hat in Palästina ein im "Paris Soir" abgedruckter Bericht der Brüder Tharaud Aufsehen erregt, die u. a. erzählen, Dr. Magnes habe sich zu ihnen für eine arabische Regierung in Palästina ausgesprochen. Dr. Magnes hat diese Darstellung dementiert; in Wirklichkeit, habe er gesagt, dass eine Föderation der arabischen Länder polnischen Volkes den Deutschen zu schlecht. Es ist unmöglich, dass die Araber nicht wissen, was ihnen im Falle einer deutschen Herrschaft bevorstünde. Im Rahmen einer solchen Interessengleichheit aber muss es einen Ausgleich in Einzelfragen geben können. Hier hätte eine aktive jüdische Politik einzusetzen, hier hätte ein festgefügter und geeinter jisdimv politische Forderungen, zu stellen. Davon aber ist bisher wenig zu spüren. Die politische Kraft des Jischuw als Faktor der Orientpolitik zu entwickeln, ist in diesem Moment unsere eigentliche zentrale Aufgabe. Transjordanien erwacht Im „Davar" schildert M. A. sehr interessant die intensive Zivilisationsarbeit, die von den Engländern in dem halb-nomadischen Transjordanien durchgeführt wird, das infolge seiner geographischen Lage eine - grosse strategische und verkehrspolitische Bedeutung hat. In zäher Arbeit wird die Landwirtschaft verbessert, auch die Gesundheits Verhältnisse bessern sich langsam, die Grundsätze der Hygiene werden propagiert, durch spezielle Kommissionen werden die Wasserversorgung, die Wege und öffentlichen Anstalten verbessert, Gärten angelegt etc. Man hofft auch Petroleum zu finden. Wichtig ist die Anlage von Strassen, die systematisch im ganzen Land gebaut werden. Das wichtigste ist aber die Erziehung der Beduinen, die die Regierung sesshaft machen will. Dazu gehört aber eine tiefgreifende Veränderung ihrer Sitten und Anschauungen; der britische Kommandant Col. Glubb (genannt Glubb Pascha) bemüht sich, durch unermüdliche Erziehungsarbeit Raub und Ueberfälle abzuschaffen, ihre Nahrung zu verändern, ihnen anstelle der Wüstennahrung Geschmack an Gemüse und Obst beizubringen, ihn allmählich zur* gemischten Landwirtschaft zu führen und dadurch' mit dem Boden zu verbinden. Dagegen glaubt Glubb,3 dass als' Wohnstätte vorläufig das Zelt bleiben muss.* das gesünder ist als enge ärmliche Fellachenhäuser.9« Der Emir Abdalla von Trans Jordanien (der sich so-11, eben über Syrien, wo er sich aufhalten will, nach An-fc kara begibt), führt die traditionelle englandfreund-e liehe Politik seines Vaterhauses weiter und seine Re-S gierung vermochte mit englischer Hilfe die hier erwähnten bedeutsamen Reformen in aller Stille durch-» führen. Norman B entwich, Direktor des Flüchtlingshilfswerkes in London und Professor für internationale Beziehungen an der Universität Jerusalem, weilte einige Zeit in Palästina und besprach mit zuständigen Kreisen der Universität und Institutionen organisatorische Fragen. (Bentwich war in der ersten Zivilregierung Palästinas Justizsekretär).