Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 19 (13.5.1940)
- Date
- 1940-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2424658-2424686-2424704--534-2425301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISC .Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jerusalem I» O. B. 689; 6. Ben Jehuda-Str.. Telephon 307f Für unverlangte Manuskripte wird ikeine Garantie übernommen. Jeder Einsendung oder Anfrage ist ein internationaler Antwortschein beizufügen. Zuschriften für die Redaktion werden nicht an Einzelpersonen, sondern l'an die Redaktion, JerusaJem. P. O. iB. 689 erbeten. JAHRGANG II / Nr. 19 JERUSALEM 13. MAI 1940 VK 71 DSCHAU Erscheint einmal wöchentlich: — Anzeigenannahme für alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. ■— Anzeigentexte per Luftpost erbeten. — Die AnzeigeiuSeite zerfällt in 6 Spalten, je 3,6 cm breit, Grundpreis 1 inch 2V« cm sh 3/. je Spalte. — Minimalgrösse lVt inch (3,75 cm). Bezugspreise vergl. Liste am Schluss d. Blattes. Heute für Morgen Von JULIUS LOEWY, (Tel-Aviv) Mit diesem Artikel setzen wir die Diskussion über die jüdischen Friedens-Forderungen fort. — Red. Es hat sechs Jahre gedauert, ehe die Westdemokratie erkannte, dass sie furia tedesfca mit der Waffe stellen muss, Ihr Entschluss >var wohl eine peinliche Ueberraschung' für tlen Natiöhälsözialismus, der sich sechs Jahre lang daran gewöhnt hatte, Krieg gegen die wehr- und waffenlose Minderheit zu führen, einen Krieg, der in raschem Tempo zur Totalität erweitert wurde. Die Unterdrückung der Juden, die Aufsaugung ihres Besitzes und Ver mögens, wurde von Europa als „innere Angelegenheit des deutschen Volkes" anerkannt. Als dann der Nationalsozialismus mit geschickt finanzierter Ausnutzung antijüdischer Instinkte sich in das innere Leben aller Staaten einzumengen begann, tat man so, als erkenne man nicht die Gefahr; erst als die tschechische Staatlichkeit. zersprengt wurde und dann die deutschen:' Methoden der Kriegführung sich in Polen auslebten, fuhr die Demokratie aus ihrer Lässigkeit auf und rief ihr „aux armes1'! Juden als kriegführendes Volk Mit allen anderen Völkern sind auch die Juden in den Krieg hineingestellt. Wir entziehen uns nicht den Verpflichtungen dieses Zu¬ Standes, wir tragen alle Opfer mit und unter den Toten, die für eine Neugestaltung der Welt, für eine neue besser untermauerte Freiheit fallen, sind auch Juden. Ihnen stand keine Armee in überkommendem Sinne dieses Wortes gegenüber, sondern eine zum Judenmord erzogene Horde. Nach den wiederholten Erklärungen massgebender deutscher Individuen betrachtet sich das deutsche Volk als im Krieg gegen das jüdische befindlich. Das hat am 1. April 1933 Alfred Rosenberg im „Völkischen Beobachter'« geschrieben, das hat Hitler 1935 auf dem'Nürnberger Parteitag gesagt. Sein Kriegsziel in Bezug auf uns ist zu einem guten Teil bereits erreicht: Zehn Millionen Menschen, fünf Achtel des 16 Millionen-Volkes der Juden, sind in Not und Elend getrieben, ihr Besitz vom Staat enteignet, ihr Hausrat von Nachbarn verschleppt. Wir haben bereits eine ansehnliche Kriegskontribution geleistet an Leib und Leben und Geld. Es besteht für uns in jeder Hinsicht die Verpflichtung, uns für den Augenblick vorzubereiten, wo man wieder vom Frieden sprechen wird. Wir haben Forderungen an die Welt und wir müssen sie anmelden, als jüdisches Volk, als jüdische Einzelmenschen. Jüdische Forderungen Es sind Forderungen, die auf die vergangenen sechs Jahre zurückgreifen, und solche, die unsere Zukunft als Nation in Erez Israel und in der Golah betreffen, Forderungen, die jedes Volk und jeder Mensch auf der ganzen Welt als selbstverständlich aufnimmt: Herstellung de*s Rechtszustandes vom 1. Januar 1933; volle Schadensgutmachung in rechtlicher;und materieller Beziehung, Herstellung der vollen und uneingeschränkten Freizügigkeit; volle und uneingeschränkte Anerkennung der erworbenen Rechte und Ansprüche aus Pensionen, Abfertigungen, Versicherungen; ausdrückliche und öffentlich vollzogene Aufhebung aller Jüderi&esetze; Einführungvon Straf Sanktionen für jede Art von durch Rede und Druck betriebene Pauschalhetze vor einem mit Exekutivgewalt ausgestatteten internationalen Gerichtshof, dem ein jüdischer Senat anzugliedern ist. Dass solche Forderungen zu ihrer Durchführung Schwierigkeiten erzeugen würden, ist für uns irrelevant. Wir tragen keine Schuld an den Ereignissen. „Freies Volk auf freiem Boden44 Was wir als nationale Individualität anzustreben haben, ist in dem Wort Zionismus ausgedrückt: freies Volk auf freiem Land. Wir brauchen nur aufmerksam zu verfolgen, was Tschechen, Polen, Dänen, Norweger verlangen. Was der künftige Frieden zum Schutz der kleinen Völker, ihrer Staatlichkeit, ihrer handelspolitischen und kulturellen Autonomie vorkehren wird, muss auch für das jüdische Volk gelten, das im Jischuw einen befugten Exponenten besitzt, dessen Führungsanspruch nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Diese Stellung des Jischuws innerhalb der jüdischen „Volkstümer" ist heute eine ganz andere als noch vor sechs Jahren, als es noch eine grosse und mitbestimmende jüdische Position in Europa gab. Diejenigen, die sich auf die oder jene Weise nach Erez Israel gerettet haben, werden dessen inne werden, dass Palästina keine Drehscheibe ist, auf der die Geleise bald so, bald so gestellt werden. Pflichten des Jischuw Der Jischuw, die mit Zustimmung des Mandatsträgers und des Völkerbundes organisierte Knesseth Israel, ist das aktiv legitimierte Zentrum des jüdischen Volkes, wenn er es sein will und wenn er versteht, welche Pflichten ihm aus diesen Funktionen^ erwachsen, wenn er zu" der Erkenntnis kommt, dass das "grosse Unglück, das uns betroffen hat, sich nicht nach dem Parteienschlüssel abgestuft hat. Der Jischuw ist durch den Zionismus aus der Golah entstanden. Er muss homogen werden, um das Hinterland für die Leitung zu bilden, und die Leitung hat, insolange sie durch die Umstände verhindert ist, zur Gesamtheit zu sprechen, dieses Hinterland in treuester Befolgung der demokratischen Grundsätze über die Sachlage, über ihre Pläne und Absichten ständig und öffentlich zu unterrichten. Sie soll eine Kommission errichten, der Vertreter der Einwanderer aus den Notstandsgebieten angehören und die sorgsam eine Statistik der erlittenen Schäden ausarbeitet und auch die Adressen der in alle Welt Verstreuten sammelt, um die Menschen via Erez Israel miteinander zu verbinden : die Leitung hat ferner eine Expertise über den Stand der zionistischen Organisation, über die Mittel zu ihrer Neubelebung, über Propaganda vorzunehmen und dann sofort die Organisation wieder aufzubauen. Ohne Organisation wird die Leitung zu einer abgekapselten Monologen-Gesellschaft, ohne Or- Der neue Ueberfall Während diese Blätter in Druck gehen, ereilt uns die Nachricht von dem Überfall Deutschlands auf Holland und Belgien. Obwohl dieses Ereignis seit langem erwartet wurde, trifft es uns doch mit Donnergewalt. Belgien und Holland gehören ebenso wie die Skandinavischen Länder zu den letzten Bollwerken liberalen Denkens in Europa. Es sind Länder von hoher menschlicher Kultur, die verzweifelt versucht haben, den Krieg von ihren Grenzen fernzuhalten, in einer etwas naiven Auffassung von Neutralität, die angesichts der jedes Gesetz missachtenden Macht in Deutschland ihren Sinn verfehlen musste. Nunmehr sind diese blühenden Länder Schlachtfelder geworden, auf denen sich vielleicht das Schicksal Europas entscheiden wird. Voll Entsetzen und Erschütterung angesichts dieser furchtbaren Zerstörung von Kulturstätten, die zu den gross artigsten Leistungen Europas gehören, gedenken wir zugleich voll tiefster Sorge und brüderlicher Gesinnung der jüdischen Gemeinschaften dieser Länder. Das holländische und das belgische Judentum haben eine alte und grosse Tradition; ebenso wie die Länder selbst trotz ihrer Kleinheit stets eine grosse Rolle in der europäischen Gemeinschaft gespielt haben, so hat auch das belgische und holländische Judentum trotz ihrer numerischen Schwäche innerhalb der gesamten Judenheit das grösste Ansehen genossen und einen verhältnismässig grossen Anteil an allen Werken genommen. Seit Hitlers Aufstieg waren die beiden Länder Zufluchtsstätten für die verjagten deutschen Juden, und viele Tausende von Flüchtlinge konnten sich dort, von vorn beginnend, e?ne neue Existenz aufbauen. In den letzten Jahren, als eine freie Einwanderung nicht mehr möglich schien, hat man trotzdem den Hilfesuchenden ein Asyl gewährt und sie in Lagern in Holland und Belgien untergebracht. Es ist ohne weiteres klar, dass diese in Holland und Belgien befindlichen Juden nicht nur die Gefährdung aller ihrer Landesgenossen teilen, sondern auch zusätzlich gefährdet sind im Falle des Vordringens des Nationalsozialismus und seiner Agenten. In diesem Moment, wo die Lage auf dem neuen Kriegsschauplatz noch undurchsichtig ist, soll nichts weiter gesagt werden, als dass auch die Judenheit der gefährdeten Länder sicherlich alle ihre Kräfte für die Abwehr des Feindes und für den Sieg der Alliierten einsetzen wird. Ein neues Glied der jüdischen Gemeinschaft ist von einer schweren Heimsuchung bedroht und alles was wir tun können, ist, die Zähne zusammenzubeissen und in tiefer Solidarität mit all den Opfern und all den Leidenden den Glauben an den Endsieg der Idee der Freiheit bewahren.