Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 18 (6.5.1940)
- Date
- 1940-05-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 6. Mai 1940 Die Lage in der Industrie Von Dr. A. MARKUS (Ramat Gan) Dr. Marcus ist den devstsclien Juden als* Wvrt$c1iaift8ßchrift$teUer bekannt, vor allein durch sein 1931 erschienenes Buch )tDic Wirtschaftskrise der deutschen Juden", worin er noch vor Hitler die Amstossung der Juden am der Wirtschaft cvkaninte.—Red. Ks ist klar, dass die Kriegsercigniswe die Bedeutung* unserer Industrie im Rahmen unserer Geaamtwirischaft und auch im Rahmen der Kriegswirtschaft des ganzen Ostens vergrössert haben. Denn für die Wirtschaft des Jischuw muss im industriellen Sektor ein teilweiser Ersatz für die Ausfälle gesucht werden, welche in der Orangen-Wirtschaft und im Bauwesen eingetreten sind; und der kriegswirtschaftlichen Entwicklung des Nahen Ostens kann unsere zwar kleine, aber auf viele Zweige verteilte und grösstenteils dem Experimentierstadium entwachsene Industrie grosse Dienste leisten, grössere jedenfalls als die der benachbarten Länder. Es ist Unter diesen objektiven Umständen natürlich, dass in vielen Zweigen unserer Industrie eine Belebung immer spürbarer wird. Beigetragen hat hierzu aber ein weiterer, sozusagen negativer Gesichtspunkt: Der nämlich, dass der an unserem Inlandsmarkt und an den benachbarten. Märkten bisher sehr erhebliche Fertigwaren:; Import. aus Deutschland, Österreich, der CSR, in Fortfall gekommen ist Hierfür muss Ersatz geschaffen werden, , und. unsere Industrie ist in sehr vielen Zweigeh geradezu prädestiniert dazu, diese Erbschaft anzutreten. : Ferner beginnt sieb das System der E i n - fü hrf egelun g, welches im Lande — entsprechend den im britischen ESmpire geltenden Bestimmungen — seit ca. 4 Monaten in Kraft flst, im günstigen Sinne auszuwirken.' Devisen müssen gespart werden. Das geschieht am besten dadurch, dass man nach Möglichkeit industrieMe Rohstoffe importiert und im Lande verarbeitet, aber so wtmiigj wie möglich Fertigwaren. Zum --ersten Male5 in der Geschichte de»- Landes gibt es deshalb so etwas wie eine ■■■ plantmässige und von ökonomiischen Gesichtspunkten ausgehende Afljssenhandelspolifük. Das ganze Elend des berühmten § 18 des Mandates (der offene Tür für den Handel aller Völkerbunds-Staaten vorschreibt ~A.d.R.) kann, hierdurch wenigstens in gewissem Uihtflange gemildert werden. Die Versäumnisse einein seit Jahren umkämpften Zollpolitik sind schwer nachzuholen. Allmähliche Anpassung ■''■'■^•^Irtillhr^ ■ braucht eine Einstellung unseres Produk tionsap parates und unserer wirtschafWichen Behörden auf diese neue Situation eine gewisse Zeit. Die Einfuhrregelung z. B. wan in den letzten Monaten noch nicht »ehr fühlbar. Die- Regierung hat sie bisher absichtlich' sehr liberal gehandhabt/^um^den Übergang zu ncuerL Bezugsquellen zu erleichtern und' den Importeuren gewissse Umstellungs-Möglichkeiten ZU geben. In anderen Ländern werden diese Bestimmungen viel rigoroser gehandhabt, z. B. ti*n, Syrien. Aber es ist anzunehmen, dass auch 'bei uns mit Fortdauer de5 Krieges die Einfuhr von im Lande produzierbarer Fertigware immer inehr eingeschränkt werden wird. So halben wir zum Beispiel mit 'Sicherheit eine starke Beschränkung der japanischen Dumping-Einfuhr zu erwarten. Auf der anderen Seite kann damit gerechnet werden, dass unsere industrielle Ausfuhr nach . Syrien wesentlich grössere Dimensionen annehmen wird, denn es bestehen Pläne, dlie zwischen Pallästina und Syrien heute bestehenden Handelsbeschränkungen (mit Ausnahme der Zölle)' , völlig zu beseitigen. Allediese Tatsachen wirken sich zunächst dahin aus, dass unsere Industrie wesentlich besser 'beschäftigt ißt, als vor etwa zwei Jähren. Es muss überhaupt .darauf verwiesen werden, diass der Tiefpunkt in unserer, indu- #ßjejtten Konjunkturentwicklung etwa im Sommer 1938 gelegen hat. Schon im Herbst 1938, also noch, während der Unruhen, machten such gewisse Besserungs-Zeichen bemerkbar. Sie hielten bis zum Kriegsausbruch an. Der Umsatz unserer Industrie i'm 2. Quartal 1939 war um ca. 10—12!% höher als im 2. Quartal 1938. Im Monat August 39, also unmittelbar vor dem Kriegsausbruch hatte sich diese Besserung noch weiiter akzentuiert. Wir hatten Umsatzbesserungen bis zu 20 und 25% gegenüber dem Sommer 193B zu verzeichnen. In den ersten beiden Kriegsmonäten war eine gewisse Verwirrung .in der ganzen Situation ein. getreten. Einzelne Betriebe, besonders in der Lebensmitteillndustrie und in der Bekleidungsindustrie, hatten eine sprunghafte Absatz s t e iL g e r u n g. Andere wurden aber durch die Unklarheit der Vcrhältnis.se zunächst einmal sehr gestört. Eine gewisse Stabilisierung trat dann etwa im November ein. Für eine Anzahl von Branchen (z, B. die oben erwähnten) bedeutete diese Stabilisierung einen Umsatzrückgang gegenüber den ersten Kriegsmonäten mit ihrer Hamisterpolitik. Viele andere aber kamen wieder zum besseren Arbeiten, vor allem auch deshalb, weil es inzwischen gelungen war, wenigstens eine gewisse Regelung in die brennende Rohstoff-Frage hineinzubringen. Rohstoff-Kredite In dieser Hinsicht bestanden schon vor dem Kriege grosse Befürchtungen in unserer Industrie selbst und in den mit der Industrie arbeitenden! jüdischen Instanzen. Es war klar, dass bei einer Erschwerung der normalen Bezugsmöglichkeiten unsere Industrie sehr schnell unter Rohstoff - imiangel leiden würde. Man hat deshalb schon im April 1939 einen besonderen Fonds geschaffen, aus welchem) unter Beteiligung der Anglo- Palestine-Bank, der Jewish Agency undden Industrie-Bank spezielle Rohstoffkredite an die Industrie gegeben^ werden konnten. Allerdings sind die Bedingungen dieses Fonds* nicht ideal. Er überläsist es der Initiative des Fabrikanten, ob und in welchem Umfange er sich Rohstoff »Reserven hinlegen will; da aber der Fabrikant das Preisrisiko trägt, wird er in ^dieser Hinsicht zunächst sein privates Interesse, d. h. seine Risikoüberlegungen sprechen lassen und erst, in zweiter Linie da» gesamtwirtschaftliche Interesse an einer vergrößerten Vorratshaltung berücksichtigen. Der' Fonds kann auch seiner ganzen Struktur nach zwar relativ niedrige Zins-Sätze berech nen, aber die Abwicklung der Lombarde mit Lagerspesen etc. verursacht ziemlich grosse Kosten. Der naheliegende Gedanke, die Rohstoff- Versorgung der Industrie zu ..nationalisieren", indem durch eine zentrale Einkaufsgesellschaft und für deren Rechnung entsprechende Rofhstoffmengen gekauft und eingelagert werden, hat sich wie praktisch undurchführbar erwiesen. Denn es' gibt keine Möglichkeit, einen Träger für die damit verbundenen konzentrierten Risiken, die bei den starken Preisschwankungen am Weltmarkt eine enorme Höhe annehmen können, zu finden. Nationale Fond» können diese Risiken nicht tragen. In vielen anderen Ländern trägt sie die Regierung. Diese kann das, weil sie durch Preisfestsetzungen, ZolUtwanipulationen etc. die Preisrisiken weitgehend ausschalten kann. Bei uns fällt das fort. Wir müssen uns also damit begnügen, die Vorratshaltung auf dem Kreditwege anzuregen. Seit Kriegsausbruch ist von diesen Möglichkeiten in steigendem Masse Gebrauch gemacht worden. Sortderkrcdi'te dieser Art wurden bisher im Betrage von ca. LP. 200,000 bewilligt. Da sie zum Teil roulieren, ist das immerhin schon von einer gewissen Bedeutung. Rein bankmässig wären auch, diese Transaktionen kaum möglich gewesen. Nur dadurch, dass die Jewish Agency das erste Kredit-ftisiko (nicht Preisrisiko!) bei ihnen trägt, sind sie durchführbar geworden. Trotzdem bestehen gewtose Schwierigkeiten in der Rohstoff-Versorgung, besonders in bestimmten Zweigen der Textil-Industrie. Es ist daher kein Zufall, dass man jetzt daran geht, die Wollspinnerei im' Lande planmäss-ig zu entwickeln. Rohwolle aus Australien ist leichter zu erhallten, als Wollgarne aus europäischen Ländern, Nach ähnlichen Prinzipien verfährt man auf anderen Industriegebieten. So nahe wie es irgend angeht (es ist nicht in allen Fäillen möglich), müssen wir in der Stufenleiter des Produktionsprozesses an das wirkliche Rohprodukt heranrücken und! dieses importieren, aber nicht nur — wie bishert — Halb- und Dreiviertelfabrikate. sten. 'Sie muss, da staatliche Zwangsmittel fehlen, nach sehr vorsichtig abgewogenen Gesichtspunkten durch entsprechende Kapital-Leitung geschehen, und es kann gesagt werden, dass auf diesem Gebiet manches bereits mit Erfolg durchgeführt worden ist. Neue Industrien Unsere Industrie entwickelt sich aber auch in die Breite, das heisst, eine Reihe von Betriebszweigen, die bisher überhaupt noch nicht im Lande vertreten waren, tsind im Entstehen. Besonders ist das der Fall auf dem Gebiete der chemischen Industrie, der Metall» i n d u s t r i e und der Maschinen i ai dl u - strie. Um nur ein Beispiel zu geben: Palästina hat ein sehr entwickeütes Kraßtfahrwesen. (Autos können und wollen, wir nicht produzieren. Aber, den enormen Bedarf an Ersatz-Teilen können wir zu einem guten Teil im Lande herstellen. Hier •Lst auf Initiative der Verkehrskommission der Jewish Agency ein bestimmtes Produktionsprogramm entwickelt worden, welches — unterstützt durch weitgehende technische Beratung — den in Frage kommenden Fabriken die Möglichkeit gibt, nach einen von vorneherein festgelegten Verteilung die betreffenden standardisierten Teile i'm Lande herzustellen. Damit wird unser Verkehrswesen wenigstens in einem wesentlichen Teil für die Kriegazeit von dem grossem Importrisiko unabhängig, das heute auf diesem Gebiete besternt, und für später ergeben sich hier Ansatzpunkte für eine weitere Entwicklung. Schliesslich sei darauf verwiesen, dass auch die aillgemeinen Exportmöglichkeiten wesentlich grösser geworden sind. Die Arbeit auf diesem Gebiet ist noch isehr stark umkämpft. Aber es ist keine Frage, dass auch in dieser Hinsicht in der letzten Zeit beachtliche Erfolge, erzielt wurden. Es kommt hier darauf an, die neu angebauten Verbindungen (insbesondere nach Ägypten, Indien, Australien, Neuseeland, Südafrika) auszugestalten. lös kann hier nicht der Ort sein, alle diese neuen Ansätze der industriellen Entwicklung im einzelnen aufzuzählen', Es wird wahrscheinlich in einiger Zeit Gelegenheit dazu sein, die Tatsachen auf einer Ausstellung in Tel - Aviv nachzuprüfen; Aber sicher, ist soviel: Die Bedeutung dieses Sektors unserer Ge.samtwirtschaft ist in der letzten Zeit sehr stark gestiegen: Das wird jetzt auch von denen anerkannt, die ihn früher mit: einer gewissen Geringschätzung zu behandeln pflegten. ZEITSCHRFFTENSCHAU Die vom American Jewish Öommittee heraungoftebeno Zeitschrift „Contcmporary Jewish Reco rä" (New York, 386, Fourth Avenue) bringt in ihrer letzten Nummer neben viel anderem intornjwantcn Material einen Abdruck' des Vertrage« zwischen der Dominikanischen Republik und dev „Dominican Republik Scttlement Association", einer unter der Aogidc des Joint in New York gegründeten amerikanischen Gesellschaft. In diesem Vertrag werden den Siedlern verschiedene Privilegien eingeräumt; es wird ihnen vollständige Freiheit der Religionsübung sowie völlige gesetzliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung zugesichert „sowie alle anderen menschlichen Wesen zukommende Rechte". In dem Vertrag wird, wie bereits gemeldet, vorgesehen, dass zunächst 500 Familien angesiedelt werden und dass später bis zu 100.000 Siedler zugelassen werden sollen. Die Auswahl. obliegt der „Association". Der Vertrag ist von jüdischer Seite unterzeichnet von dem Vorsitzenden der genannten Association James Rodenberg und deren Vizepräsidenten, dem bekannten Agronomen Josef Rosen. Er gehört gewiss, zu den interessantesten Dokumenten der jüdischen Gegenwart. - Das erwähnte Heft der Zeitschrift enthält u.a. die Darstellung eines Augenzeugen über die Verschleppungen der Juden nach L u b 1 i n und einen Aufsatz von Thomas M a n n „Kultur und Barbarei", Im 69. Lebensjahre starb in B u d a p e s t der Budaer orthodoxe Oberrabbincr Jakob Josef Grosz, Spross einer berühmten Rabbinerfamilie im Komi tat Szatmar. Im Alter von 75 Jahren starb der Gaon Rabbi David Schlüssel, Beisitzer des Rabbinats von Munkacz, Abkömmling einer weltberühmten Gelehrtenfamilie, u.a. des ersten Pressburger Oberrabbiners Akiba Eger und des Auf diesem Gebiete ist noch viel Arbeit zu lei-1 Prager Öberrabbiners Abraham Brodi.