Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 18 (6.5.1940)
- Date
- 1940-05-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6. Mai 1940 JÜDISCHE WELT'RUNDSCHAU Seite 5 Die Woche in Palästina REISEN ARABISCHER POLITIKER Grosse Aufmerksamkeit haben in den letzten Wochen die Reisen verschiedener arabischer Poll tiker auf sich gezogen, die ein Zeichen lebhafter diplomatischer Tätigkeit sind. Nach der Begegnung des Emir Abdalla von Transjordanien mit dem Regenten des Irak machte der Emir einen privaten Besuch in Palästina, bei dem er mit arabischen Kreisen Fühlung nahm. Der Aussenminister des Irak (und frühere Ministerpräsident) Nuri Pascha war einige Zeit Gast des Sultans Ibn Saud in Ry'ad, der Hauptstadt Sa'udia's. Nuri ist der prominenteste Vertreter des Panarabismus, der schon im vorigen WeM> krieg als Mitarbeiter des Col. Lawrence eine grosse Rolle gespielt hat, er gilt in der arabischen Öffentlichkeit als die Hauptfigur der probritischen Orientierung; sein Bestreben ist es auch, einen engern Anschluss der arabischen Welt an Eng« land durch eine pro-arabische Lösung der PaJör sUnaf'ragc zu erreichen. In Bezug auf die Hegemonie in der arabischen Welt sind Ibn Sa'ud und die der Familie des von Ibn Sa'ud besiegten Königs Hussein angehörenden Herrscher des Irak und Transjordaniens Rivalen; umso wichtiger wäre es zu bewerten, wenn die vor tO Jahren durch Vermittlung Englands begonnene Wiederannäherung zwischen Saudia und Irak in der heutigen gefahrvollen Weltlage weitere Fortschritte machte. Auf der andern Seite wird jetzt bekannt, dass der Emir Abdalla einen Besuch in der Türkei vorbereitet, wo er schon anlässlich seiner Rückreise aus London vor einigen Jahren gewesen ist. Einige arabis-chc Zeitungen betonen aus diesem Anlass die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Arabertum und der modernen Türkei, die auf Interessengemeinschaft beruhen. Vor kurzem gab es noch offene Differenzen zwischen den zwei Völkern wegen der türkischen Annexion des Sandschak Aiexandretta, der vom arabischen Syrien losgelöst wurde. Bekanntlich ist die Türkei mit. dem arabischen Irak, mit Tran CPcrsicn) und jAff^anfetaiiL r^h _ l!60 _.lrXL HÖHERE STEUERN HJälsre 1937 unterschriebenen Vertrag von So'ad | abad verbunden, von dem aber bezweifelt wird, 'ob er im Ernstfall sich als haltbarer erweisen würde.als andere derartige Bündnisse der letzten Jahre. Immerhin ihörte man auch von der Möglichkeit eines Anschlusses Saudiens an dieses Bündnis. Die beabsichtigte Reise des Emir Abdalla in die Türkei verdient unter den obwaltenden Umständen alle Aufmerksamkeit, denn es ist klar, das« in der arabischen Welt verschiedene Kombinationen über etwaige Stabilisierung der Verhältnisse im Gange sind, wozu man' natürlich die Haltung der mächtigeren Nachbarn feststellen muss TAG DER ANZAC Anlässlich des 25. Jahrestages der Landung des australischen und neu neuseeländischen (r*AN- ZAC") Expeditionscorps in Gallipoli im vorigen Weltkrieg fanden am 25. April auch in Palästina, wo sich jetzt wieder australische und neuseeländische Truppen befinden, grosse militärische Feierlichkeiten statt. In Jerusalem begann die Feier bereits um \ Uhr früh auf dem Kriegerfriedhof nuf dem Skopus. Es wurden einige Kränze niedergelegt, darunter auch vom High Commissioner im Namen des Königs. Unter den folgenden Personen, die Kränze niederlegten, 'waren auch Vertreter der Jewish Agency ,des Waad Leumi und des „Zion Mule Corps",* jener jüdischen Hilfstruppc, die an dem Feldzug in [CJalUpoli teilgenommen hat. Im weiteren Verlauf des Tages fanden mehrere Paraden unter grosser Anteilnahme des Publikums statt. In Tel- Aviv wurde bei diesem Anlass ein neuer Soldatenklub eingeweiht; die Eröffnung vollzog Bürgermeister Rokach. Während des Pe s sachfest es kamen dieses Jahr Tauscndc von Besuchern nach Jerusalem Freilich handelt e^ sich nur um Landesbewobner. der in früheren Jahren charakteristische Touristenstrom aus dem Ausland ist diesmal natürlich nicht vorhanden. Grosse jüdische Gruppen besuchten die Klagemauer, auch die Synagogen waren dicht gefüllt. Die Jüdische Gemeinde Jerusalem veranstaltete eine Begrüssungsversammlung für die Besucher. — Auch zahlreiche griechisch-orthodoxe Pilger kamen dieses Jahr nach Jerusalem, zum ersten Mal seit vier Jahren. Erhöhungen von indirekten Steuern und Gchühren wurden von der Palästinarcgicrung am 30. April verkündet, um das Staatsbudget gegen den Aiisfall von Einnahmen und gegen erhöhte Ausgaben zu schützen. In der Motivierung wird darauf hingewiesen, dass infolge der Unruhen die Einnahmen der Regierung von LP. 5.611.000 im Jahre 1035/6 auf LP. 4.628.000 im Jahre 1939/40 zurückgegangen sind, wobei bisher die Folgert des Krieges noch nicht spürbar sind. Die Einnahmenschätzung für 1940/41 beträgt ca. LP. 4.049.000. Demgegenüber wird das ordentliche Ausgaben-Budget im kommenden Jahr um schätzungswci.se Lp. 120.000 erhöht werden müssen abgesehen von speziellen Kriegsausgaben wie Notstands-Arbeiten, Unterstützungen, Staats-Anleihen etc. Die neuen Steuern sollen im Jahre LP. 220.000 ergeben. Der neue Zollvcrtrag mit Syrien vom 1.12.39 wird ausserdem zusätzlich LP. 80.000 abwerfen, ferner hofft die Regierung, etwas aus dem britischen Kolonialfond zu erhalten. Die Erhöhung e n beziehen sich auf 1) die Steuern und Importgebühren auf alkoholische Getränke, Zigaretten und Tabak, Erhöhung dos Zolls auf Apfel und Birnen sowie Erhöhung des ad valorem-Zolls (Einhcitszolls) von etwa 150 Waren von 12 auf 15%. 2) Erhöhung der Postgebühren auf Inlandsbriefe von 5 auf 7 mils sowie einige andere Gebühren z.B. der zusätzlichen' Telefongespräche von 3 auf 4 mils ab 1. September. 3> lO^fige Erhöhung der Bahntarife 4) Erhöhung gewisser Stempelgebühren, Gerichtsgebühren und andere kleine Gebühren Cz. B. für Namensänderung). CHRONIK DER EREI6NISSE David Ben G u r i on, Vorsitzender der Palästina-Exekutive, hat sich nach London begeben, um mit Dr. Weizmann vor dessen Reise nach USA Fühlung zu nehmen. Einige Tage später begab sich auch Eliescr Kaplan, der Treasurer der Exekutive, nach London; er dürfte Dr. " ~ begleiten. Weizmann auf seiner USA-Reise begleiten, um die Verhandlungen über eine Anleihe für die Jewish Agency weiterzuführen. Sieben Terroristen, die verschiedene Araber während der Unruhen bedroht und sich als Richter wegen „an ti revolutionärer Gesinnung und wegen Gegnerschaft gegen Hadsch Emin" aufgespielt haben, wurden vom Militärgericht in Haifa zum Tode verurteilt. Der 5. Mai wurde als Gedenktag für die 643 jüdischen Opfer der Unruhen in Palästina bestimmt Es werden Strassensammlungen für die Errichtung von Grabdenkmälern veranstaltet und zahlreiche Gedenkfeiern und Versammlungen abgehalten. Die Veranstaltung liegt in den Händen des „Kofcr'Hajischuw", der aus den von ihm gesammelten Geldern auch die Hinterbliebenen der Gefallenen unterstützt. Anlässlich c^cs 1, Mai fanden im ganzen Land Feiern apr jüdischen Arbeiterschaft statt. Die industriellen Betriebe ruhten. Die Versammlung im Tcl-Aviver Stadion war von 40.000 Personen besucht. In Haifa und im Jordantal nahmen auch Araber an den Feiern teil. Die Zeitungen erschienen nicht, mit Ausnahme einer gekürzten Ausgabe der „Palestine Post", um diu englischen Leser nicht ohne Nachrichten zu lassen. Am Vortag des 1. Mai brachte die Arbeiterzeitung „Davar" ein Memorandum der Gcwerkschafts-Intcrnationalc über Friedcnsziele nach dem Krieg und die Antwort der Histadruth, die die Notwendigkeit der Lösung der Judenfrage durch Ausbau des Nationalheims und internationale Sicherung der Gleichberechtigung darlegt. Die Regierung hat den Bau von 15 neuen Sicherheitsgebäuden in Auftrag gegeben, deren Kosten auf zweieinhalb Millionen Pfund veranschlagt werden. Die Kosten werden von der britischen Regierung getragen. Bei dem Bau dieser Gebäude, die den Charakter von Festungen haben, wurden britische, arabische und jüdische Firmen berücksichtigt. Dr. Georg Landauer, Leiter der Zentralstelle für die Ansiedlung deutscher Juden, ist nach 6-monatlicher Abwesenheit aus Amerika nach Jerusalem zurückgekehrt. Die ägyptische Regierung hat Nahrungsmittel und Kleidungsstücke für insgesamt £25.000 nach Palästina geschickt zur Verteilung an verarmte Araber. VON DER HEBRÄISCHEN UNIVERSITÄT Im Amphitheater der Universität Jerusalem fand die Verteilung der Diplome an 45 Graduierte der Universität statt. 33 gehören der geisteswissenschaftlichen und 12 der naturwissenschaftlichen Fakultät an. Nach einer Ansprache de3 Präsidenten der Universität Dr. J. L. Magnes hielt der Rektor Prof. A. Fränkel eine Rede, in der er besonders die Wichtigkeit der Volksvermehrung betonte, — eine Pflicht, der sich die Juden in Palästina nicht bewusst seien. Von den 45 Graduierten kommen 24 aus Polen, 9 aus Deutschland und 8 aus Palästina. Ausserdem erhielten 8 Kandidaten den philosophischen Doktorgrad. Die Universität Jcr-walcm hat wieder einen schweren Verlust erlitten. In Jerusalem starb plötzlich im Alter von 53 Jahren Prof. Samuel Klein, der Inhaber des Lehrstuhles für Palästinakundc. Klein war in Ungarn geboren, machte seinen Doktor in Heidelberg und war dann mehrere Jahre Rabbiner in der Tschechoslowakei. Klein ist eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiet der palästinensischen Geographie und hat darüber mehrere Werke in deutscher und hebräischer Sprache publiziert. Er hat unzählige biblische Orte in Palästina fixiert. Klein war aoit dem Bestehen des Judaistiscbcn Institutes dessen Mitglied. Ein anonymer Spender überwies der Universität Jerusalem £ 200 zur Unterstützung der von ihrer Heimat abgeschnittenen polnischen Studenten. Dr. Walter F i s c h e 1 von der Orientalischen Abteilung der Universität ist nach 6-monatlicher Vortragsreihe durch Südafrika und Rhodesien nach Jerusalem zurückgekehrt. Die Hebräische Universität Jerusalem führt jetzt einen Ergänzungsbau an dem „Wolffsohn- Haus" der Jüdischen National-Bibliothek auf dem Skopus aus, wodurch für die Unterbringung von weiteren 50.000 Bänden Raum geschaffen wird. Die Kosten wurden von Frau Vera Salomons, von der Wolffsohnstiftung und durch eine Anleihe der „Bizur"-Gesellschaft beigestellt. MUSIK IN JERUSALEM Konzert jüdischer Musik. t>»c Konzerte jüdischer Musik, die in letzter Zeit in Tel-Aviv und Jerusalem veranstaltet wurden, gehen wohl hauptsächlich auf da« Konto Joachim Stutschewski'S, der auch bei der letzten derartigen Veranstaltung der Jerusalemer Histadruthals Cellist mitwirkte und eine Reihe der an diesem Abend aufgeführten Kompositionen beisteuerte. Stutschewskis Stücke für Cello und für Klavier zu vier Händen, waren auch nebst Partien von kleinen Werken Engel's, Thaler's, Gnesain's, Bloch's und Alman's das einzige, was an diesem Abend das Prädikat „jüdische Musik" beanspruchen konnte: Die Chöre des völlig an den italienischen Renaissancestil angepassten Salomone de Rossi wirken seltsamerweise vielleicht noch weniger jüdisch" als diejenigen seines nichtjüdischen Zeitgenossen Benedetto Marcel lo oder als Franz Schuberts Psalmkomposition, die im ersten Teil alle unter dieser Marke figurierten. Es ist zu bedauern, dass zu einer der Gelegenheiten, jüdische Musik zu hören, der kleine Konzertsaal der Histadruth nur spärlich gefüllt war. A. J.-L. Zu Pessach d. Js. erschien eine neue Zeitschrift unter dem Titel „Lamoed" (Zum Festtag). Die Zeitschrift enthält eine Reihe von Aufsätzen zur heutigen politischen und geistigen Lage in Palästina zum. Teil kritischen, zum Teil programmatischen Inhalts. Als allgemeine Tendenz kann man wohl den Wunsch herauslesen, in der nationalen Politik die gegenwärtige Weltlage als wichtigsten Faktor anzuerkennen, ein Vertrauensverhältnis zu England und Zusammenarbeit mit den Arabern als wichtigstes Postulat anzustreben. Schliesslich tritt die Zeitschrift für eine Humanisierung des nationalen Gedankens ein. Unter den Mitarbeitern des vorliegenden Heftes nennen wir Prof Hugo Bergmann, Dr. Sally Hirsch, D. J. L. Magnes, Prof. Buber, M. Abi-Schaul, R. Weltsch, Ernst Simon, Viktor Kellner, Rabbi Benjamin u.a. Wir glauben, dass diese Neuerscheinung, die einen neuen Typ in der palästinensischen Publizistik darstellt, geeignet ist, das Denken und die Diskussion der brennendsten Probleme anzuregen. »