Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 18 (6.5.1940)
- Date
- 1940-05-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE WE^T-RUNDSCHAU 6. Mai 1940 Aus Nazi-Deutschland OER DRUCK AUF DIE BERUMER JUDEN Wie man aus Berlin erfährt, hat die Gc- .stapo ihren Druck auf die Berliner Jüdische Gemeinde nach der Richtung verstärkt, dass die Auswanderung der Berliner Juden in einem schnelleren Tempo als bisher vor «ich geht. Die Jüdische Gemeinde Berlin wurde von der Gestapo angewiesen, täglich eine Liste von 70 jüdischen Familien, die „zur Auswanderung bereit sind", der Gestapo zuzustellen. Für die Gemeinde ist es praktisch unmöglich, täglich 70 Juden zu registrieren, für die irgendeine Auswanderungsmöglichkeit besteht, garnicht zu reden davon, dass unter den verarmten Berliner Juden kaum noch welche zu finden sind, die über genügend Kapital zur Bestreitung der verschiedenen mit der Auswanderung verbundenen „Steuern" und der sonstigen Auswanderungskosten verfügen. Man befürchtet, dass die tägliche Liste von den Behörden dazu ausgenutzt werden wird, um die Registrierten nach Lublin zu deportieren. Bekanntlich haben nach dem unglücklichen Transport der Stettiner Juden nach Lublin, wobei ein sehr grosser Teil der Deportierten unterwegs oder nach dem Eintreffen in Lublin umgekommen ist, weitere Transporte aus dem Altreich nach Lublin aufgehört. Angesichts des erneuerten Gestapo-Drucks auf die Berliner Juden befürchtet man, dass die Deponierungen wieder aufgenommen werden würden. Ähnlich wie den Berliner Juden ergeht oso jüdischen Gemeinden in anderen deutschen Städten, doch ist die Praxis nicht überall die gleiche; in Hamburg z. B. dürfen Juden überhaupt nicht auswandern. Wie da« Berliner „Jüdische Nachrichtenblatt" mitteilt, sind in den ersten drei Monaten 1940 4755 Juden aus dem Altreich ausgewandert, davon 2364 nach Nordamerika, 594 nach europäischen Ländern, 252 nach Palästina und der Rest nach Südamerika, Afrika und Asien. ZWEIERLEI MASS WAS ist ein Emigrant? „Die SA. Zeitschrift der Sturmabteilungen der NSDAP." veröffentlichte kürzlich folgende köstliche Worterklärung für das Wort „Emigrant": „Immigranten: Aus dem Lateinischen genommene Bezeichnung für „Auswanderer" bzw. Flüchtlinge, die ihre Heimat aus religiösen oder politischen Gründen verliessen. Am bekanntesten sind aus der Vergangenheit die grossen Emigrantenzüge der protestantischen Länder, wegen der brutalen Verfolgung ihres Glaubens unter Ludwig IV. Besonders Preussen unter dem grossen Kurfürsten nahm 1685 viele der französischen Flüchtlinge auf. Da diese Emigranten zu dem tüchtigsten Bevölkerungsteil Frankreichs gehörten, erlitt Frankreich durch diese Abwanderung sowohl in wirtschaftlicher, als geistiger Beziehung einen gewaltigen Schaden. Ebenso hiess man die während der Französischen Revolution aus Frankreich geflohenen Mitglieder des Adels und der Aristokratie Emigranten. — Während in der Vergangenheit die Emigranten im allgemeinen tüchtige, achtbare Leute waren, die um ihrer Glaubensüberzeugung oder ihrer aufrechten politischen Haltung willen ihre Heimat verliessen, hat in der jüngsten Vergangenheit dieser Begriff EMIGRANTEN IN USA San Francisco ,25. März. Vor kurzem war ich zu einer „Cocktail Party" eingeladen, die ein Bekannter veranstaltete, um seine Einbürgerung in USA zu feiern. D«r Mann hat sich in den fünf Jahren seines Hierseins in --bewundernswerter Weise heraufgearbeitet. Von den 300 Gasten waren die meisten Emigranten. Alle waren gut angezogen, ein Zeichen dafür, dass es den Einwanderern geglückt ist, sich hier wirtschaftlich einzugliedern und eine neue Existenz zu sichern. Auch das jüdische Leben spielt sich hier zum grossen Teile im Rahmen von „parties" ab. Luncheons, Dinners, Kartenpartien entsprechen der amerikanischen Sitte. In der Tageszeitung stand neulich der Bericht einer Party, die eine zionistische Frauengruppe gab, und es war genau vermerkt, welche Damen anwesend waren, und mit welchen neuen Frühjahrskleidern und -hüten sie glänzten. Wahrscheinlich wird es noch sehr lange dauern, bis wir Eingewanderten uns an diese Formen eines jüdischen Lebens gewöhnt haben. Es haftet ihnen in unseren Augen nicht nur etwas Äusserliches an, sondern diese Art der Geselligkeit verrät zu deutlich das Streben, der „Gesellschaft" anzugehören, und, da das meist nicht möglich ist, es ihr gleichzutun. Diese Sucht hat vereinzelt Juden zur Christian Science gebracht, und in grösserer Anzahl in die amerikanischen Klubs. Die Emigranten in San Francisco und Oakiand haben keine eigene Organisation. Die eingesessenen Juden veranstalten Treffen der Einwanderer. In San Francisco waren die beiden letzten Abende von Hunderten besucht; zu den Deutschen sind nun auch viele Österreicher hinzugekommen. Ein Abend braohte ein Konzert, der zweite ein Theaterstück. Nach dem Beifall zu urteilen, war es vielen Anwesenden eine angenehme Unterhaltung. Aber das Niveau war überaus bescheiden. Mit jüdischen Dingen hatte keines der Programme auch nur die geringste Berührung, Die amerikanischen Juden glauben, dass man die Einwanderer schnell und gründlich „amerikanisieren" müsse. Vielleicht ist etwa« Gutes daran, den Hergekommenen ein 2u-Hause- Gefühl vermitteln zu wollen. Aber es ist doch zweifelhaft, ob das der richtige Weg ist. Das jüdische GemeinschaftsMus in San Francisco hat ein vielfältiges Programm von Vorträgen und Zyklen, Auch hier sind rein jüdische Themen nur zu einem Teil vertreten. Selbst in den Synagogen herrscht das Bestreben, die Kanzel gelegentlich auch nicht-jüdischen Rednern einzuräumen, die über allgemein interessante Dinge sprechen, die aber nichts spezifisch Jüdisches bieten. Die tiefe Kluft zwischen Ost- und Westjuden, die sich im sozialen Niveau und in der Bildung, in Sprache und Gottesdienst, und in vielem anderen ausdrückt, scheint in der jüngeren Generation allmählich zu verschwinden. Der Rabbi einer ostjüdischen Gemeinde sagte mir, das Judentum seiner Synagogenbesucher bestände nur aus Reminiszenzen. Bei aller Hilfsbereitschaft, besonders den Emigranten gegenüber, bei aller Vielfältigkeit und Geschäftigkeit einer grossen Anzahl von Gemeinden und Organisationen kann man doch nur den Eindruck eines rudimentären jüdischen Lebens haben. Die Problematik und die Kämpfe im Europa der letzten hundert Jahre sind hier wohl einzelnen als Fakten bekannt. Aber die grosse Masse der Juden ist unberührt davon und sieht nicht das Unausweichliche einer geistigen Situation. Werner Bob. MBS. ROOSEVELT BEQRUSST FLÜCHTLINGE Aus Washington, D.C., der amerikanischen Bundeshauptstadt, wird uns geschrieben: Dieser Tage hatten, wir ein Ereignis, über das auch in Ihrer Zeitung berichtet werden sollte. Wir haben jede zwei Wochen eine gesellschaftliche Zusammenkunft für Flüchtlinge, die von der Schwesternschaft des Tempels veranstaltet wird. Diesmal war eine besondere Überraschung angekündigt. Während wir den «musikalischen Vorträgen lauschten, erfuhren wir, dass an diesem Abend ein Ehrengast zu uns sprechen wird. Als sich die Tür öffnete, erhob sich die gesamte Versammlung, denn niemand anderer trat ein als Mrs. Roosevelt Sie können sich die endlose Ovation vorstellen. Mrs. Roosevelt richtete an die Versammlung eine herzliche Begrüssung. Sie lxoffo wir werden hier finden was wir erwarten. Einer der Flüchtlinge erwiderte mit einer kurzen Dank» rede. Dann reichte Mrs. Roosevelt jedem von uns die Hand. Da wir alle den Besuch und die freundliche Ansprache der Gattin des Präsidenten der USA dankbar empfanden, während unsere jüdischen Brüder und Schwekstern in Deutschland so Schweres leiden, glaube ich. däss~d1eses besondere Ereignis in einem Land der Freiheit und Demokratie berichtet werden soll. Vera R. Petüal Mrs. Roosevelt, Gouverneur Herbert Lehman und andere führende Amerikaner haben eine interkonfessionelle Stiftung ins Leben gerufen, um Flüchtlingskinder, die ohne Eltern in den USA eintreffen, zu betreuen bzw, bei Familien unterzubringen. * oinen anderen Inhalt bekommen. Heute versteht man unter Emigranten diejenigen dunklen und verbrecherischen Elemente (hauptsächlich auch Juden), welche nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aus Deutschland ins Ausland geflohen sind. Ihre Anzahl beträgt schätzungsweise 110.000, darunter 90.000 Juden. Sie betätigen sich grösstenteils in dem. uns feindlichen Ausland in der gemeinsten Weise gegen Deutschland und sind die hauptsächlichsten Urheber der Hetzpropaganda und der Greuellügen gegen Deutschland." Ein Kommentar ist da wirklich überflüssig. Man vermutet beinahe, dass der Schreiber dieser Notiz ein „verkappter Kommunist" (wie man das früher in Deutschland nannte) ist ,der die Nazis verhöhnen will. Oder ist die Wirklichkeit noch stärker als der beste Hohn? RITUALMORD-AUSC-ABE DES „STÜRMER" Ein neues Heft (Nr. 13) des von Julius Streicher in Nürnberg herausgegebenen „Stürmer" trägt in roter Balkenschrift den Titel „Ritualmord in Böhmen". Es wird erzählt, dass Anfang März 1038 die bei dem jüdischen Fabrikanten Viktor Drucker in Wclartitz tKreis Schüttenhofen) als Hausgehilfin beschäftigt gewesene neunzehnjährige Nirhtjüdin Marie Faicova plötzlich verschwunden war und nach drei Wochen als Leiche aus dem Wasser gezogen wurde. Der „Stürmer" bringt auch mehrere schmutzige „Rassenschande"-Aufsätze, in denen jüdische Familien, die sich nicht wehren können, mit Namen und Adressen den Angriffen des Mob ausgesetzt werden. DEUTSCHLAND VERWEIGERT DURCHREISE Das amerikanische State Department (Aussenministerium) in Washington teilt mit, dass die deutsche Regierung die bei ihr angesuchte Bewilligung für die Durchreise von 22 in Schweden weilende jüdische Flüchtlinge, die als Pionier-Siedler für San Domingo ausgewählt worden sind, verweigert. Da infolge der Ausdehnung des Krieges auf die ska-nd in avischen Staaten durch Deutschland die Wasserwege gesperrt sind, hätten dieses Flüchtlinge, um zu einem italienischen Hafen zu gelangen, deutsches Gebiet passieren müssen. Nach einem Bericht aus Deutschland werden in Berlin 100 junge Leute aus den Balkan - 1 ä n d e r n einen Kurs über Nationalsozialismus und Antisemitismus beenden, der für sie eingerichtet wurde. Sic werden dann in ihre Länder zurückkehren, um dort ihre antisemitische und Pro-Nazi-Propaganda aufzunehmen. Mit Hohn stellt der „Völkische Beobachter" fest, dass än Deutschland das „Ende des Hauses Rothschild" gekommen sei. Aller Besitz der Rothschilds in Deutschland und Österreich würde auf die deutsch arische Gesellschaft „Nikolai & Co." übertragen. Die Jüdische Gemeinde in Nürnberg, die i-J. 1933 noch 8.266 Seelen gezählt hat, ist jetzt auf 2.638 Seelen zusammengeschrumpft. Die Nazi-Presse schreibt, die von englischen Fliegern über Deutschland albgeworfenen Flug~ blätter seien „jüdischen Ursprungs". Vers-chledene Synagogen in Deutschland erhiolten mit der Post anonyme Sendungen, in denen mehrere solcher Flugblätter enthalten waren mit dem Zusatz „Ein Gruss von den Brüdern aus, England". DR. NAHUM COLOMANN BEI REYNAUD Der Vorsitzende des Comite* Administratjf des Jüdischen Weltkongresses Dr. Nahum Goldm a n n wurde vom französischen Ministerpräsidenten Paul R c y n a u d und nachher vom Minister für die Kolonien Georges Mandel empfangen. Goldmann ,dcr vor kurzem von einer mehrmonatigen Reise durch die Vereinigten Staaten und die Länder Südamerikas zurückgekehrt ist, informierte die französischen Staatsmänner über die Gefühle der Judcnhciten des amerikanischen Kontinents gegenüber den Alliierten und über die Hoffnungen, die die amerikanische Judenheit auf die Alliierten hinsichtlich der Sicherung der bürgerlichen Rechte der Juden im Nachkriegseuropa setzt, Bei einem Empfang des Pariser Kcren Haje ss od-Komitees unter dem Vorsitz von Dr. Weill-Halle erklärte Dr. Goldmann, dass die nordamerikanischen Juden jährlich 100 Millionen Dollar für jüdische Zwecke ausgeben, davon 20 Millionen für Hilfe in Europa und Palästina. Die südamerikanischen Juden wollen in diesem Jahr 50 Millionen französische Francs für Hilfszwecke aufbringen,