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Jüdische Weltrundschau · 1940-05-06 · 18 (6.5.1940) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
18 (6.5.1940)
Date
1940-05-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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6. Mai 1040 JÜDISCHE WEL1SRUNDSCHAU Seite 3 Die Palästina-Immigration SCHEDULE FÜR 9000 EINWANDERER IM SOMMER-HALBJAHR 1940 Das palästinensische Amtsblatt („Palestine Gazette") vom 22. April veröffentlicht die auf Grund des Weissbuches vom Mai 1939 bewilligte Einwanderer-Quote nach Palästina für das Halbjahr April bis Oktober 1940. Nach dem Weissbuch sollte jährlich eine Quote von 10.000 für die nächsten 5 Jahre bewilligt werden, dazu zusätzlich 25.000 Flüchtlinge, abzüglich der illegalen Immigranten. In dem Jahr seit Erscheinen des Weissbuches sind, so wird im Regierungsorgan ausgeführt, insgesamt 26.018 jüdische Einwanderer ins Land gekommen, davon 10.529 legal, und 15.489 Illegale wurden registriert. Von dieser Gesamtzahl rechnet die Regierung 10.000 auf die Jahresquote an, sodass 16.018 auf die „Flüchtlingsquote" von insgesamt 25.000 entfallen, sodass in. dieser Rubrik nur noch 8.982 insgesamt bis zum Ende der fünf Jahre verfügbar sind. Für das laufende H a i b j a h r werden ca. 9.000 Einwanderer zugelassen. Zum ersten Mal worden die Zertifikate nicht alle sofort zur Verfügung gestellt, sondern in zweimonatlichen Raten, sodass zunächst für die Monate April und Mai 3000 vorhanden sind. Die Zertifikate können nicht an Personen erteilt werden, die im feindlichen oder vom Feinde besetzten Ausland ansässig sind, sondern nur an solche, die seit Ausbruch des Krieges in alliierten oder neutralen Ländern sich aufhielten. Die Zertifikate für. April—Mai verteilen sich auf die einzelnen Kategorien wie folgt: Kategorie A („Kapitalisten") 600, und zusätzliche Zertifikate für deren Familienangehörigen; Kategorie B (Rabbiner) 30, . Kategorie B-3 (Studenten und Jugcnliche) 1000, Kategorie C (Arbeitnehmer) 60 zur Verfügung diu* Jowish Agcncy. •Kategorie D (Verwandte). 200 für Eltern und 30 für Verlobte palästinensischer Einwohner. Es wird hinzugefügt, dass Gesuche um Zulassung von Eltern und Verwandten gegenwärtig nicht mehr angenommen werden können, da zunächst die. bereits vorliegenden Gesuche abzuwickeln sind. + Die Verkündung der neuen Paläslina-Binwanderungsquote für das laufende Halbjahr wurde von der ganzen jüdischen Welt mit grosser Ungeduld erwartet, von niemandem aber mehr als von den Juden aus Mitteleuropa. Jeder weiss, wie schwierig es ist, eine Ehiwanderungserlaubnis in irgendein Land der Welt heute zu erhalten; und gesehen unter dieser Perspektive, begrüsst man es zunächst mit einem Gefühl der Erleichterung, dass für Palästina wenigstens 9000 Zertifikate Cur das nächste Halbjahr bewilligt wurden, nachdem das vorhergehende Halbjahr vollständig ausgefallen ist. Gemessen an allen übrigen Wanderungsmögiichkeiten, sind diese 9000 schon eine beträchtliche Zivhl. Dies muss gesagt werden, nicht an die Adresse der Mandatarmacht, mit deren Weissbuch- Politik die Juden niemals einverstanden sein werden, aber an die Adresse der Welijudenhvii, deren Mittel für Unterstützung von Einwanderung und Ansiedlung von Juden dort eingesetzt werden müssen, wo der g r ö s s t e Effekt erreicht werden kann. Und wenn wir hören, wie das einzige bisher greifbare Ansiedlungsprojekt ausserhalb Palästinas, nämlich in' S a n Domingo, in manchen Kreisen als grosser Erfolg betrachtet wird, •— ein Projekt, das zunächst die versuchsweise Ansiedlung von 500 Menschen vorsieht, — dann wird klar, welche Rolle Palästina auch für die Flüchtlingsfrage spielt. Denn die Masstäbe für die Beurteilung der Einwanderung haben sich in den letzten Jahren vollständig geändert. Während man früher die Palästina-Wanderung unter dem Gesichtspunkt der produktiven aufbauenden Kräfte und der einsatzbereiten Pioniergesinnung betrachtete, rausste jetzt eine solche Auswahl längst aufgegeben werden unter dem Drucke der fürchterlichen Not des Tages, die eine sofortige Hilfe und Rettung vor den Verfolgungen forderte. Manchmal wird darauf hingewiesen, dass die neuen Einwanderer in Palästina nicht wirtschaftlich verwurzelt werden können; dies mag in vielen Fällen richtig sein, besagt aber nichts, wenn man bedenkt, um wieviel auswegloser die Lage der Flüchtlinge in den meisten anderen Ländern ist und welche gewaltigen Kosten die Einordnung in einem Neuland wie etwa San Domingo verursachen wird. Eile tut not Zugleich kann aber nicht verschwiegen werden, dass die bewilligte Palästina-Schedule in keiner Weise den wirklichen Anforderungen entspricht. Wenn etwas die heutige Situation charakterisiert, dann ist es die Notwendigkeit der schnellen Hilfe. Es braucht keiner ausführlichen Darlegung, warum man jetzt weniger als je warten kann. Das Schicksal der Hachscharah in Dänemark spricht eine beredte Sprache. Auch in Schweden und Holland gibt es Hunderte von jungen Menschen, die ihre Ausbildung hinter sich haben und zur Einwanderung bereit stehen. In anderen Ländern, die nicht unmittelbar gefährdet sind, drängt die Öffentlichkeit auf eine allmähliche Abwanderung der vorübergehend aufgenommenen Flüchtlinge. Sogar in England ist dies der Fall; man mu3s sich fragen, was dieses System des vorübergehenden Aufenthaltes für einen Sinn hat. wenn nicht gleichzeitig eine Möglichkeit der Weiterwandervmg eröffnet wird. Als solche aber kommt praktisch fast nur Palästina in Betracht. Die Einwanderung in andere Länder_ wie USA und einzelne Staaten Südamerikas, die ohnedies äusserst beschränkt ist, sollte unter den gegebenen Verhältnissen vor allem für diejenigen Juden reserviert bleiben, die heute in Nazi-Land sitzen. Denn diese, von der deutschen Regierung rücksichtslos aus dem Lande getriebenen Juden werden in den alliierten Ländern, also vor allem in den Ländern des Britischen Weltreiches, nicht aufgenommen. Die Juden aus Deutschland sind von grösster Sorge um ihre Angehörigen erfüllt und möchten alles tun^ um ihnen den Weg aus dem Nazi-Land heraus zu erleichtern. Unter diesem Gesichtspunkt ist es für die aus Deutschland stammenden palästinensischen Juden, die sieh völlig als Palästinenser betrachten und als solche mit dem Britischen Reich verbunden sind, ein schwerer Schlag, dass in der neuen Schedule wieder ausdrücklich bestimmt wird, dass als Empfänger von Zertifikaten keine Personen in Betracht kommen, die nach Kriegsausbruch noch in Feindesland waren. Wir respektieren natürlich die Besorgnis der englischen- Behörden, dass sich unter dem Deckmantel eines jüdischen Zertifikats-Empfängers feindliche Spione oder Agenten einschleichen könnten; aber wir können nicht verstehen, dass eine'solche Befürchtung, auch gegenüber Rindern oder gegenüber alten Leuten besteht, die auf die grausamste Weise gequält und aus dem Lande ihres Aufenthaltes getrieben werden, Menschen, die vielen von uns und zahlreichen auch für - die englischen Behörden einwandfreien Zeugen persönlich bekannt sind und bei denen es sich nicht um Falschmeldungen handeln kann. Jeder weiss, in welcher raffinierten Weise die Deutschen mit Spionen und Agenten arbeiten und dass sie fast in allen Ländern jene Abteilungen haben, die seit dem spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen „fünfte Kolonne" ein neuer Begriff geworden sind: Die Truppe, die von innen her die Moral zersetzt. Wir J uden kennen diese deutschen Agentenheere besser als irgend jemand anderer, denn ihre hauptsächlichste Wi, *•» ist die antisemitische Propaganda. Aber wenn die Nazis solche Agenten ins Ausland öder gar in Feindesland befördern wollen, dann werden sie wahrscheinlich andere Mittel finden. Der palästinensische Jude, der seine alten Eltern retten will, könnte für deren Harmlosigkeit jede erdenkliche Garantie leisten. Vom Standpunkt der Juden ist diese starre Anwendung eines als Kriegsmassnahme durchaus verständlichen Grundsatzes eine schwere persönliche Härte, und wenn wir auch wissen und billigen, dass in einem Kriege wie diesem von jedem Einzelnen persönliche Opfer und Hintansetzung seiner privaten Interessen gefordert werden, so möchten doch gerade wir aussprechen, dass durch eine Erleichterung auf diesem Gebiete England die unauslöschliche Dankbarkeit von hunderten und tausenden Menschen erwerben würde, die in der Stunde der schwersten Not ihrer Geschichte eine Tat der Menschlichkeit von Freundeshand zu würdigen wüssten und nie vergessen würden. Leider ist die schnelle Hilfe für die am Rande des Abgrunds Stehenden -—in Betracht kommen nur die bereits mindestens acht Monate aus Deutschland Ausgereisten — in dieser Schedule noch mehr erschwert durch das Prinzip der ratenweisen Abwicklung, sodass in den ersten zwei Monaten nur 3000 einwandern können. Wahrscheinlich ist auch diese Neuerung eine Kriegsmassnahme, aber nach Lage der Dinge würde gerade der Krieg ein anderes Verfahren nahelegen, da, wie bereits erwähnt, unter Umständen einige Wochen eine grosse Rolle spielen in Bezug auf die Rettung von Juden, die~ auf andere Weise höchst gefährdet sind. Es sollte auch beachtet werden, dass die nach Palästina einwandernden Juden unter Umständen als eine wichtige Reserve für die Heeresmannschaft der Alliierten in Betracht kommen. Nur noch 39.000 bis 1944 Bei der Erteilung der Schedule wird diesmal betont, dass es sich um eine Bewilligung im Rahmen der im Weissbuch vom Mai 1939 festgesetzten Grenzen handelt. Danach ergibt sich die Berechnung, dass nach der Abwicklung der für das jetzige Halbjahr bewilligten Zertifikate für die kommenden vier Jahr e im Ganzen nur noch ca. 39.000 Einwanderer einschliesslich aller Flüchtlinge in Palästina zugelassen werden können. Nach Durchführung dieses Programms würde dann die einseitige Festsetzung einer Einwanderungsquote durch die Mandatarmacht überhaupt aufhören und eine weitere Einwanderung von der Zustimmung der Araber abhängen. Vom Standpunkt des jüdischen Volkes und der Massenaustreibungen, für die man trotz Evian und trotz des seit sieben Jahren bestehenden Völkerbund-Kommissariats noch keine Lösung gefunden hat, erscheint eine solche Perspektive der gänzlichen Sperrung Palästinas vor . dem jüdischen Wänderstrom einfach undenkbar. Wenn wir das feststellen, .so.wünschen wir gewiss, dass eine weitere Regelung im Einvernehmen mit dem arabischen Volke möglich wäre. Wir wünschen, dass die durch Unglück und Not gestählten Kräfte in sinnvoller Weise produktiv werden und beim Neuaufbau der Welt eingesetzt werden können. Wir vertrauen darauf, da3s die Mächte, die in diesem Kriege siegen müssen, nach all den schweren Prüfungen unseres Zeitalters auch dafür daß von uns erwartete Verständnis haben werden. ' Jn JiOndon wurde ein neues Werfoungsbüro für die Rekrutierung von Flüchtlingen für das 3. Arbeiter-Bataillon, das nach Frankreich abgehen soll, eröffnet. Die Angeworbenen haben das Recht, sich selbst in Abteilungen zu 36 Mann zusammen zu tun Die früheren aus Flüchtlingen bestehenden Arbeiter-Bataillone werden als grosser Erfolg bezeichnet.

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