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Jüdische Weltrundschau · 1940-05-06 · 18 (6.5.1940) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
18 (6.5.1940)
Date
1940-05-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 6. Mai 1940 Der Ben-Schemen Prozess DAS URTEIL / DR. SIEGFRIED LEHMANN ZU 7 JAHREN VERURTEILT kens. Sic haben sich schwer getäuscht und Judentum wie Sozialismus zugleich misskreditiort. Man kann eine tragische Schuld in ihrem Verhalten sehen, weil sie sich selbst, ihr Judentum, verleugnet und zugleich das Volk verkannt hatten, in dem sie agierten. Von hier aus kann man sie verurteilen, und gerade ein bewusster Jude wird das tun. Aber muss man deshalb, wie das bei Ihnen immer wieder geschieht, aus diesen Menschen, die, wenn sie auch irrten, doch von dem reinsten Wollen um eine bessere soziale Ordnung in Deutschland getragen waren, verächtliche Gesellen und schwarze Teufel machen, den Peind des Menschengeschlechtes? Mich jedenfalls erinnert das an Hitler und seine „Weisen von Zion". Zweierlei Liberalismus Strasser und Sia wünschen eine andere Art von Sozialismus, und Sie sind der Meinung, dass der Sozialismus der Arbeiterparteien ein Produkt des Liberalismus und mit ihm zum Untergang bestimmt sei. Auch ich glaube, dass das richtig ist. Aber Liberalismus und Liberalismus sind zwei Dinge. Der Liberalismus ist eine zeitgebundene und eine ewige Erscheinung. Er ist eine ewige Erscheinung, insofern er die Würde des Menschen proklamiert und von den Gedanken der Humanität seinen Ausgang genommen hat. Nun mag man Sozialismus so oder anders verwirklichen wollen — auf eines wird keine Art von Sozialismus verzichten können: auf diesen ewigen, den humanen Gedanken des Liberalismus. Denn warum sollte es einen Sozialismus, nämlich das Streben, die grosse Masse des Volkes an allen Segnungen des Reichtums und der Kultur gleichberechtigt teilnehmen zu lassen, überhaupt geben, wenn ihm nicht der humane Gedanke von der Würde und seinen natürlichen Rechten zugrunde läge? Und es scheint mir nicht gut um einen Sozialismus bestellt zu sein, der die Entrechtung einer Minderheit schon zum Grundgedanken seines ersten Programms macht. Ich finde es äusserst verdächtig, wenn ein Volk von 70 bis 80 Millionen, das heute noch wenige hunderttausend Juden in seiner Mitte hat, sich zu dem neuen Leben sozialer Freiheit mit einem Programm anschickt, dass zunächst einmal diesen kleinen Haufen in seiner Mitte unter Sonderrecht stellt. Das jedenfalls scheint mir der einzige Punkt in dem „deutschen" Sozialismus Strassers zu sein, der wirklich deutsch ist. Denn der Rückgriff Strassers auf gewisse Ordnungen der feudalen Welt, der nach Ihrem Bericht einen Rückgriff auf die deutsche Geschichte bedeutet und damit der Bezeichnung eines „deutschen" Sozialismus seine Rechtfertigung gibt, ist in Wahrheit der Rückgriff auf eine Wirtschaftsordnung, die in dieser Art vor dem kapitalistischen System in ganz Europa bestanden hat und genau so wenig eigentümlich „deutsch" ist wie der Kapitalismus. Aber das ist schon die Sache der Deutschen, und ich bin durchaus nicht geneigt, den Deutschen oder einem anderen Volk die Juden als ein Element aufzureden, das ihnen erwünscht sein muss. Das jüdische Volk soll seinen eigenen Weg gehen. Aber auch diesen Weg kann es nicht in einer Atmosphäre des Hasses gehen, die jede seiner Lebensäusserungen entstellt und verzerrt. Ich schliesse mit dem Zitat eines englischen Schriftstellers, das Sie selber in Ihrem Buch bringen: „The highest attainment of freedöm ist freedom from prejudice... Truth may be härd to attain... but the best Chance of attaining it lies in consistent care to avoid untruth.44 Warum wollen Sie diese Gedanken nicht auch bei der Behandlung der jüdischen Frage gelten lassen? GUSTAV KROJANKER (Jerusalem) ZtONISTEN AUS CSR IN ENGLAND Anfang April d. J. fand in London unter dem Vorsitz Leo Herrmans die erste Konferenz der Tschechoslowakischen Zionisten in England statt. Leo Herrmann erstattete einen Situationsbericht über die Lage in Erez Israel. Dr. Leo Zelmanowitz berichtete über die politische Situation und über die Stellung der tschechoslowakischen Juden zu dem von Dr. Benes geleiteten Czechoslovak National Committee. Jizchak Rosenberg berichtete über die soziale Flüchtlingsarbeit in Zusammenarbeit mit dem Czech Refugees Trust Fund. Die Delegierten der einzelnen Organisationen wählten ein Präsidium, welches die Interessen der tschechoslowakischen Zionisten in England zu vertreten haben wird. — Die Mitglieder der tschechoslowakischen Wizo wurden in England zusammengefasst in der „Marie Smolka Group of Wizo", Das Jerusalemer Militärgericht fällte nach Abschluss des Verfahrens im Prozess wegen der Waffenfunde im Kinderdorf Ben Schemen das nachstehende Urteil: David Barzilai ..... 3 Jahre; Akiva Vanh o t z k e r — 5 Jahre; Dr. Siegfried Lehmann - 7 Jahre; Dr. Zwi Do g u 1 a j s k y — 5 Jahre; Hanoch Vardi -- ß Jahre; Chaim Goldstein —- 5 Jahre; Israel Fränkel — 7 Jahre; Israel Frankenstein — 3 Jahre. Drei Angeklagte, u. zw. Dr. Max Hirsch, Chaim Müller und Dr. Likanitzky, wurden freigesprochen. Am letzten Tage des Prozesses wurden die Plaidoyers der Verteidiger gehalten. Advokat Goitein machte zuerst eine Reihe von prozessformaien Einwänden gegen die Behauptungen des Anklägers und beschrieb dann die persönlichen Umstände im Zusammenhang mit seinen Klienten. Der Redner fuhr fort: „Ich möchte einige Bemerkungen machen zu der vom Ankläger aufgestellten Theorie, dass £ie Angeklagten von der Verbergung der Waffen Kenntnis gehabt haben müssen, denn dieses Vergraben sei eine tagelange Arbeit, die jeder bemerkt haben muss. Wer die Literatur über Palästina nach dem Weltkrieg gelesen hat, weiss, dass sowohl 1921, als die ersten Unruhen ausbrachen, als auch 1929, während der zweiten Unruhen, als keine Armee und auch praktisch keine Polizei zur Verteidigung der Juden im Lande war, eine geheime Organisation auf dem Plan erschien und . unzählige Angriffe abschlug. Jeder weiss, dass in Hebron 1929, wo keine derartige Verteidigung vorhanden war, Juden zu Hunderten abgeschlachtet wurden. Wenn diese Organisation seit 1921 besteht, muss sie vermutlich Vorkehrungen für die Verteidigung verschiedener Punkte und für die Verbergung der Waffen getroffen haben. Ist es da unwahrscheinlich, dass diese grossen unterirdischen Höhlen in Ben Schemen seit etwa 20 Jahren bestanden haben — eine Tatsache, die den Mitgliedern der geheimen Organisation bekannt war, aber nicht den andern dort lebenden Leuten. Nimmt man das an, dann konnten diese Waffen in die fertigen Hohlräume im Laufe einer Stunde oder anderthalb Stunden untergebracht werden". Goitein und die anderen Advokaten wiesen darauf hin, dass nach der geheiligten Tradition des britischen zivilen und militärischen Gerichts kein Angeklagter verurteilt werden darf, wenn seine Schuld nicht positiv erwiesen ist. In diesem Fall habe aber der Ankläger die Schuld der Angeklagten nicht bewiesen. Im Fall von Dr. Lehmann, so führte Advokat Eliash aus, stellte sich der Ankläger auf den Standpunkt, dass ohne weiteren Beweis angenommen werden kann, dass er von dem Vorhandensein der Waffen wusste, aber sogar wenn er nichts wusste, ist er kraft seiner Stellung als Direktor der gesamten Anstalt verantwortlich. Dies reiche aber zu einer Verurteilung keineswegs aus. Der Ankläger suchte in seinem Schlusswort nochmals die Schuld aller Angeklagten nachzuweisen und stützte sich dabei auf die vorgefundenen Dokumente, aus denen u.a. hervorgehe, dass Fränkel, der unter dem Namen Schura als Kommandant genannt wird, der Organisator illegalen Waffenverkehrs war. Obwohl er nicht zu Ben Schemen gehörte, wusste er von all den Vorgängen. In den Dokumenten sei von der Polizei als „Feind44 die Rede, und man. müsse — so schloss der Ankläger — annehmen, dass unter bestimmten Umständen die Waffen auch für Angriffszwecke gegen Araber oder gegen Polizei gebraucht werden könnten, um die Ordnungskräfte des Landes zu verwirren. Die jüdischen nationalen Instanzen haben folgende Erklärung veröffentlicht: „Mit Entsetzen haben wir von dem Urteil im Ben Schemen- Prozess Kenntnis genommen. Die im Kinderdorf Ben Schemen gefundenen Waffen, wegen derer der Leiter der Anstalt und mehrere seiner Mitarbeiter zu Gefängnis verurteilt wurden, waren lediglich zur Verteidigung bestimmt; kein Angriff und keine Aufreizung war beabsichtigt. Das Kinderdorf Ben Schemen, mit den dort erzogenen hunderten Kindern, ist ein isolierter jüdischer Punkt, der zum Zielpunkt ununterbrochener Angriffe diente. Es ist unser Recht, uns zu verteidigen. Wir sind solidarisch in der Verantwortung mit den Verteidigern des Jischuw. Wir stellen uns brüderlich neben alle, die wegen Selbstverteidigung im Gefängnis sind und neben die Inhaftierten von Ben Schemen. Wir appellieren an jene, in deren Hand die Entscheidung liegt, das Urteil nicht zu bestätigen und die Verurteilten in Freiheit zu setzen. Die Mitglieder der Leitung des Wood Leumi: P. Rutenberg, I. Ben-Zwi, D. Abulaffia, M. Ostrovski, E. Altmann, E. Elmalije, E. Berligne, E. Waschitz, B. Katzenelson, G. Landauer, H. Szold, I. Supraski, A. Zisling, A. Katzenelson, D. Remez, J. Sprinzak, Sch. Schragai. Die Mitglieder der Exekutive der Zionistischen Organisation und der Jeioish Agency: D. Ben Gurion, I. Grünbaum, D. W. Senator, E. Kaplan, A. Ruppin, M. Schmorak, M .Schertok. Die Oberrabbiner: Jizchak Eisik Halevi Herzog, Benzion Meir Chai Usiel." * In einer Petition prominenter Juden Palästinas und durch eine die breiten Massen erfassende Unterschriftensammlung wird um Begnadigung der Verurteilten gebeten. Unter andern hat sich auch Prof. Einstein in einem Telegramm aus Amerika an den High Commissioner für Dr. Lehmann und seine Kollegen eingesetzt. Siegfried Lehmann Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Der kommandierende General hat das Urteil des Militärgerichtes noch nicht bestätigt. In diesem Moment kann zu dem Prozess, den wir gerade mit stärkster innerer Anteilnahme und Erregung miterlebt haben, nichts gesagt werden. Aber wir können und dürfen sagen, was Ben Schelmen für uns bedeutet. Dieses Kinderdorf ist die grossartigste und grösste (pädagogische Schöpfung Palästinas. Es ist eine Institution, die in ihren ersten Jahren vor allem den verlassenen und sozial gedrückten Kindern Segen gebracht hat, in den letzten Jahren aber die Heimat von hunderten Kindern aus Deutschland wurde. Wir kennen und verehren Siegfried Lehmann seit etwa 29 Jahren. Er war das Haupt des sogenannten „Vodksheim'-Kreises in Berlin, der die bürgerliche jüdische Jugend in die verwahrlosten Proletarieribezirke führte und sie dort ihre soziale und menschliche Erziehungsarbeit vollbringen liess — «in Werk des höchsten Idealismus Die Geschichte des Votlksheims in der Dragonerstrasse in Berilin ist nicht wegzudenken aus der Entwicklung der modernen jüdischen Soziailarbeit. Es war ein Novum, ein Ereignis sondergleichen, diass die gepflegte und gebildete Jugend des Westens sich dem Dienst an dieser ost jüdischen Welt hingab, nicht nur aus humanitärer. Gesinnung, sondern in der aufdämmernden Erkenntnis, dass dort etwas zu finden war, was ihnen selbst abhanden gekommen war: urwüchsiges Volkstum. Lehmann verfolgte seinen Weg mit eiserner Konsequenz. Er ging selbst nach dem Osten, übernahm die Leitung, eines Kinderheims in Kowno, wo er als Arzt und Erzieher wirkte, und von dort führte dor Weg, rmi den Rudimenten dies Kownoer Kinderhauses, naeh Ben Schemen. Immer war für Lehmann die Erziehung zu Menschlichkeit und Charakter das oberste Gesetz, Nationalismus war ihm kein Selbstzweck. Alle seine Schriften und Arbeiten und» seine ganze praktische Arbeit ist getragen von der Idee einer Verbesserung der menschlichen Beziehungen durch Erweckung des Besten im menschlichen Herzen. Besonders lag ihm in Palästina die Anbahnung guter Beziehungen zwischen Judien und Arabern auf dem Herzen. Er hielt die Vorbereitung darauf auch für die wichtigste pädagogische Aufgabe im Lande. Die deutsch-jüdische Gemeinschaft, die diesen Mann seit langer Zeit kennt und zu ihm Vertrauen hat, weiss das. Darum erscheinen uns die Ereignisse, der letzten Wochen besonders tragisch.

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