Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 18 (6.5.1940)
- Date
- 1940-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jerusalem P. O. B. 689; 5. Ben Jehuda-Str., Telephon 3079. Für unverlangte Manuskripte wird keine Garantie übernommen. Jeder Einsendung oder Anfrage ist ein internationaler Antwortschein beizufügen. Zuschriften für die Redaktion werden nicht an Einzelpersonen. sondern an die Hedaktion, Jerusalem. P. O. B. 680 erbeten. JERUSALEM 6. MAI 1940 miwrra Erscheint einmal wöchentlich: — Anzeigenannahme für alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. — Anzeigentexte per Luftpost erbeten. — Die Anieigen-Sait* zerfällt In 0 Spalten, je 3,6 cm breit, Grundpreis 1 Inoh 5=2i cm sh 3/. je Spalte. — Mlnlmalgrösas *i 1»**» (3,75 cm). Bazugspreise vergl. Liste am Schlua« d. Blattes. HITLERS NACHFOLGER? Offener Brief an Douglas Reed Sehr geehrter Mr. Heed, Ihre Bücher „Insanity fair" und „Disgrac« abounding" haben grosses Aufsehen hervorgerufen, und viele Leser — einer sogar von Palästina aus, wie Sie mitteilen — haben Ihnen bestätigt, dass Sie zwei ausgezeichnete Bücher geschrieben haben, in denen nur Ihre scharf antijüdische Haltung Befremden und Gegnerschaft hervorrufen müsse. Ich habe vor einiger Zeit (in der „JWR" vorn 11. März 1040) eine Besprechung von „Disgrace abounding" veröffentlicht, in der ich darzustellen versuchte, dass zwischen Ihrer national-sozialen Haltung und Ihrem Antisemitismus kein Widerspruch besteht, dass vielmehr alle Ihre Gedanken dem Kenner der deutschen Verhältnisse aus den Anfängen des deutschen Nationalsozialismus wohl vertraut sind. Ich erinnerte an den „Tat-Kreis", in dem diese Mischung von Nationalismus, Sozialismus und Antisemitismus vor Hitlers Machtergreifung bereits einen sehr ähnlichen Ausdruck gefunden hatte. Als ich die Kritik schrieb, hatte ich das alles mehr im Gefühl, als dass ich es exakt hätte nachweisen können. Und nun ist ein drittes Buch von Ihnen erschienen, es heisst „Nemesis" (Jonathan Cape Verlag, London), und es stellt Leben und Ansichten Otto Strassers, des Führers der „Schwarzen Front", dar. Sie sehen in diesem Nationalsozialisten, der um seines Sozialismus willen Hitler von 1930 an bis zum heutigen Tag unter Einsatz seines Lebens bekämpft, den voraussichtlichen Nachfolger Hitlers, den Mann, der wahrscheinlich einmal das Geschick Deutschlands entscheidend mitbestimmen wird. Und Sie stellen ihn Ihren Landsleuten als den Mann vor, der seinem Programm und seiner Persönlichkeit nach geeignet ist, die Welt vor einer doppelten Gefahr zu retten: Vor einem vorzeitigen Friedensschluss, der Deutschland im Besitz seiner militärischen Machtmittel beliesse, und vor dem Bolschewismus, dessen Aufkommen bei einem völligen Daniederliegen Deutschlands wahrscheinlich wäre. Sie repräsentieren Strasser als den Mann des Mittelwegs, der eine Revolution von unten dadurch verhindern könnte, dass er das soziale Verlangen des Volkes rechtzeitig von oben her befriedigt, und der zugleich ein so guter Europäer ist, dass sein Regime alle Gewähr für die künftige Gestaltung eines neuen Europa bietet. Aus Ihrem Buch aber sprechen keineswegs nur die kühlen Erwägungen eines Engländers, der die in der Tat sehr notwendigen Erörterungen über ein neues Deutschland im Interesse einer allgemeinen und dauernen Befriedung anstellt. Aus Ihrem Buch spricht vielmehr ein Parteigänger Strassers, der durch ihn oder auf eigenem Weg zu der Ansicht gelangt ist, dass eine bessere künftige Ordnung überhaupt durch jenen Nationalismus sozialen Gepräges oder Sozialismus nationalen Gepräges zu vollziehen sei, der dem deutschen Nationalsozialismus seinen ersten Antrieb gegeben hat. Hier ist also klar geworden, was nach „Disgrace abounding" nur zu vermuten war. Ihre Haltung zum jüdischen Problem gibt mir die Veranlassung und das Recht zu einer Auseinandersetzung. Sie missbilligen die Rassentheorie wie die Methoden Streichers und Hitlers, im übrigen aber billigen!Me durchaus die Anschauungen, die zu diesen Methoden geführt haben. Sie sehen mit Strasser in den Juden „an alten community, witli a fiercely anti-Gentile religion... they have this inborn, overriding, super-national, international, mutually anti-Gentile allegiance, they cannot claim, as they do claim, the füll and unrestricted rights and Privileges, and more, of the native-born Citizens." Sie teilen auch die Ansichten der deutschen Nazis über den unheilvollen Einfluss der Juden auf das geistige und kulturelle Leben der Völker. Man soll also die Juden zwar nicht in Konzentrationslager sperren, aber man soll sie durch gesetzliche Massnahmen am Rande der Völker halten. Ich will nun nicht etwa gegen diese Ansichten polemisieren; das wäre sinnlos. Ich möchte nur etwas über Ihre Kampfmethoden sagen und zum Ausdruck bringen, dass Sie bei Ihrem Kampf den berühmten „sense of fair play", den gerade wir „aliens" bei den Engländern immer so besonders bewundert haben, stark in den Hintergrund treten lassen. Ich jedenfalls war erstaunt, nicht darüber, auch 'bei Ihnen solche Ansichten zu finden, sondern darüber, sie in demselben Stil und mit derselben Verzerrung der Wahrheit vertreten zu finden, die ich bisher für eine deutsche Eigentümlichkeit gehalten hatte. Ich bin in Verlegenheit, wie ich das am besten dartun kann, Schliesslich haben Sie drei Bücher geschrieben, die voll sind von Angriffen solcher Art. Auch nur eine Auswahl daraus müsste wieder ein Buch füllen. Ich begnüge mich also mit einem einzigen Beispiel aus Ihrem letzten Buch und betone, dass es wirklich nur ein zufällig herausgegriffenes Beispiel ist, für das ich eine Unzahl anderer setzen könnte. Der Fall Kurt Eisner Sie schildern, an Hand von Strasser, das Auftreten von Kurt Eisner, der damals vorübergehend in Bayern an der Macht war. „Eisner, with long hair and beard, looked like the caricatures of a Ghetto-Jew. He was, in fact, by origins a Polish Jew and spoke defective German; he had not been in the war, but had written for the Socialist Vorwaerts. He was, therefore, a Socialist. So was the angry man (Strasser) listening from the gallery. This picture will perhaps show the difference between one Socialist and another Socialist." Und dann werden, nach nochmaliger Betonung von Eisners galizischem Akzent, einige Äusserungen von ihm wiedergegeben, mit denen er sich vor seiner Zuhörerschaft dagegen verteidigt, ein „Saupreuss" oder ein „Saujud' zu sein; es folgen einige Angriffe Eisners gegen das deutsche Offizierskorps, das selbst gut gelebt und das Volk in das Feuer gejagt habe. Was bringen Sie liier eigentlich gegen Eisner vor? Zunächst, dass er schlecht deutsch sprach. Aber das ist unrichtig. Eisner ist in Berlin geboren worden und war ein äusserst gebildeter Mann, der ein ausgezeichnetes Deutsch sprach und schrieb. Richtig hingegen ist, dass er lange Haare und einen Bart trug. Trotzdem sah er nicht wie ein „Ghettojude" aus, was ich obi jektiv feststelle, weil es in unserem Zusammenihang wichtig ist. Viele Künstler und Intellektu- ' eile in dem Deutschland vor 1914 trugen sieh so. : Er war nicht im Krieg, aber verschwiegen wird, dass er bei Kriegsende 52 Jahre, also in einem Alter war, in dem die überwiegende Mehrheit der Deutschen nicht mehr an der Front gestanden hat. Verschwiegen wird, dass Strasser, der ihm kontrastiert wird, genau dreisslg Jahre jünger war. Diese unrichtigen oder halbrichtigen Angaben, die alle zusammen — selbst wenn sie richtig wären — noch nichts mit dem Sozialismus des Mannes zu tun hätten, dienen al90 zur Aufreizung der Instinkte einer gewissen Leserschicht. So vorbereitet, darf man ihnen offenbar auch zumuten, was dann kommt. Wenn einem sozialistischen Redner in Bayern als Argument entgegengehalten wird, er sei ein „Saupreuss", so spricht das doch für jeden denkenden Menschen nicht gegen Eisner, der in seiner Antwort diesen Unterschied bagatellisiert, sondern gegen diese Zuhörer, die offenbar garnicht reif waren, ein einiges sozialistisches Deutschland zu bilden. Und wenn er dem Zuruf „Saujud" mit dem Hinweis begegnet, dass auch Christus ein Jude gewesen sei, so kann .man eigentlich auch <Jarin_ noch nichts finden, was die verächtliche Art von Eisners Sozialismus dartut. Bleibt sein Angriff gegen die Offizierskaste. Aber wenn man eine soziale Revolution im damaligen Deutschland durchsetzen wollte (und zwar ganz gleich, wie dieser Sozialismus nun im einzelnen aussah), so musste er gegen diese Kaste durchgesetzt werden. Es gab nur dies: Soziale Revolution oder die Wiederbefesügung dieser Schicht zur alten Glorie mit all den Folgeerscheinungen, die die Welt inzwischen kennengelernt hat. Auch Strasser und Sie wissen das sefrr .^enau. Wenn man mit diesem Tatbestand die Art viergleicht, in der Sie ihn darstellen, wird es erlaubt sein, von jener Kampfesart zu sprechen, die derv ^elt aus dem «i deutschen Radio bekannt gewordensein dürfte. , Der jüdische Irrtum Dabei hätten Sie es leicht gehabt, die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit ist, dass das deutsche Volk nach 1918 zu keiner- Art von Sozialismus reif und geneigt war. Es ist kein Zufall, dass zum Schluss eben doch Hitler und nicht Str asser gesiegt hat. Gewiss hat zu dieser Entwicklung auch die Beteiligung des grossen Besitzes beigetragen. Aber das wäre ohne Erfolg geblieben, wenn nicht auch auf die grosse Mehrheit der nationalsozialistischen Partei die nationale Parole stärker gewirkt hätte als die soziale. Das mag künftig nach einem abermals verlorenen Kriege anders werden, aber damals war es so. Und vor dies Volk, das viel weniger an seiner sozialen Ordnung als an dem verlorenen Kriege litt, haben sich nun in der Tat. ausgerechnet Juden gestellt, um seine sozialen Schäden zu kurieren. Das allerdings war ein verhängnisvoller Fehler. Diese Juden haben beides falsch eingeschätzt: Die Kraft des sozialistischen Gedankens im deutschen Volk und die Rolle, die sie in diesem Volk spielten. Sie hielten sich ehrlich für Deutsche, und man sollte ihnen wenigstens zugute halten, aus was für einer Gedankenwelt Männer wie etwa Eisner kamen, deren bewusstes Werden in die Jahre des liberalen Deutschland von etwa 1880 bis 1900 fiel. Sie, die auf deutschen Gymnasien und Universitäten erwachsen waren und von ihrem Judentum kaum etwas wusaten, hielten alle Unterschiede für ausgelöscht, bestimmt in den sozialistischen Kreisen Ihres Wir-