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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-22 · 16-17 (22.4.1940) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
16-17 (22.4.1940)
Date
1940-04-22
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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22. April im JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seit« 9 Die kommenden Dinge Von J u IM u s Löwy (Tel-Aviv) In den westeuropäischen und amerikanischen Staaten ist seit Monaten eine Debatte über die Kriegsziele im Gang Wie »oll und wie kann die Landkarte neu gezeichnet werden, welche Reformen der Weltwirtschaft, der Verteilung der Bodenschätze, der agrarischen Produktion sind möglich und notwendig? Es wird über die Aufrichtimg der tschechischen um! der polnischen Nation, über die Restaurierung Österreichs abgehandelt, man spricht über die nationalen, sprachliehen und konfessionellen Minderheiten, dabei auch Uber die deutschen Minderheiten., man spricht mit viel Eifer und Statistik Uber altea und jedes — nur nicht über uns. Dieser ganien Diskuaoton wäre überhaupt nicht zu entnehmen, dam wir existieren, nicht als Nation, noch als Konfession, nicht ab Individuen Diese Unterlassung zeigt «ich auch in den rein militärpolitischen Erwägungen Es soll nicht der Anschein erweckt werden, als wäre ein .Jüdischer Krieg" im Gange. Die nationalsozialistische Betrachtungsweise hat »Ich so tief eingegraben, das» das Verschweigen unsere* Seins, unaercr Ansprüche, unserer Hoffnungen noch als das Beste giR, was Regierungen und Staatsmänner in Bezug aut uns tun zu können glauben. Aber unsere Frage ist da, sie kann für die Dauer nicht wegeskamotiert werden und sie wird in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar werden — bei den kommenden Friedensverhandlungen, in einem Sinne allerdings, den wir eben aas dieser heutigen Taktik des Verschweigeps erkennen können. Die Staatsmänner, die sich dann zusammensetzen, werden mit einer sehr einfachen Rechnung kommen: E* muss für alle Zukunft verhindert werden, das* irgendwo ttn mundfertiger Demagoge mit Hilf« von Volksetimmungen und Masseninstinkten die Macht an sich reisst und sie dann so benutzt, wie das von 1933 an in Mitteleuropa geschehen ist. Volksstimmung und Masseninstinkte sind — so geht diese Betrachtung weiter, an tl jüdisch ~~ also müssen die Juden weg. Die Umsiedlung von Massen ist heute kein Problem mehr. Die Deutschen in den baitischen Staaten und in Südtirol, die Tschechen, die Polen — früher die Mohammedaner in Mazedonien, die Griechen in der Türkei wissen dies bereits. Und für die Behandlung der Juden hat die deutsche Politik zwei Wege gezeigt: Der eine, den wir alle bereits kennen, der andere, der in dem angeblichen Memorandum Ribbemrops an die Kurie vorgeschlagen wird. Die Juden des deutschen Räumte nach Palästina, die aus Italien nach Abessynien, die anderen nach Madagaskar. Dieses Memorandum existiert wahrscheinlich nicht und sein Inhak ist zu Sondierungszwecken von der deutschen Propaganda nach Amerika lanciert worden. Wirkt» nicht sofort auf die Regierungen, so wirkts auf die Massenstimmung. Der Wind bläst die Härchen des Löwenzahns hinaus und sie setzen sich unbeachtet da und dort fet*t, und eines Tages blüht das Unkraut auf. Verlagerung de» Zentrums (Niemand von uns hat das Recht, solche Zeichen der Zeit zu missachten. Sie sind Folgen unserer inneren und äusseren Situation; ändert sich diese nach der positiven oder negativen Seite, so werden auch diese Symptome sich ändern. Wir haben durch den grossen Krieg 1914— 1918 etwa eine Million Seelen an Toten, Milliarden an Volks vermögen verloren. Dann sind infolge der Umwälzung in Russland vier Millionen Menschen vom Volkskörper abgeschnitten worden. Seither sind Verluste eingetreten an Menschen und Gut, die wir nicht einmal in der Vorstellung erfassen können. Und wir sehen mit Schaudern am Hori- : aont die Anz«ichen weiterer Katastrophen. Dieser Volk^körper ist nun in einem tiefgreifenden Umbau begriffen. DR1 Juden scheiden aus dem deutschen Sprach- und Kulturkreis aus, geraten särker in den angelsächsischen (USA. Australien, Südafrika) und in den spanischen (Süd- : amehka). Diese Verlagerung bedingt naturge-; rnäss eine neue optisch-spanische Orientierung. dJi. Assimilation. Die altgewohnte Zusammenfassung in Gemeinden und Gemeindeverbände Ut verlorengegangen, es müssen neue Formen gesucht werden, für die aber die wtrtschaf thehe Ktaft der beuelarm gewordenen Flüchtlinge nicht ausreicht. Bei den Alten wirken heute noch ererbte Gewohnheiten und Erinnerungen, für die Jungen fehlen solche Kry~ »:alHsationselemente. Werden sie dem Judentum erhallten bleiben? Zumal nach dem Zusammenbruch Polens das grosse Reservoir des ostlichen Judentums zerstört worden Ist und damit auch seine geistig belebende und befruchtend« Funknon verloren Ist. Sie Ubergeht auf den Jlschuw Erez Israels Im. er dieser Aufgabe gewachsen? Dax Judentum der USA kann anscheinend nichts als finanzielle Unterstützung leisten; im JudUchkuUurellen Sinn kommt es vermöge seiner Struktur nicht in Betracht. (Darüber kann man auch anderer Meinung seln.—Avd.R.) Die heutige Situation Die Situation ist im Augenblick die Der Jischuw in Crez I s r a e I ist nach drei Jahren Unruhen, nach der Einwanderung von vielen tausenden Paupers aus Mitteleuropa und nach der Kriegskrise in einem politischen und Wirtschaft heben Schwachen**and und l.i einem sozialen Umbau; das Judentum In Polen vernichtet, das russische abgetrennt; das Judentum in den neu sich bildenden Siedlungsgebieten In Australien, Südamerika und Südafrika ausgeblutet, zermürb', und mit der Sorge um den Neuaufbau der Einzelexistenzen belastet. Viele unter uns — auch unter den Zlonisten, auch In Eres Israel — träumen davon, im Augenblick des Friedens nach Mitteleuropa zurückrufeihren, sich an die Puffer des ersten Zuges anzuhängen. Es sind zumeist dieselben, die bei jeder Vorsprache in einem Paläs.inamt, In jedem Brief an einen Verwandten oder Freund beteuert haben, sie wollten gerne hier Steine klopfen, wenn sie nur die StiefhehmU verlassen könnten. Sie versuchen es gar nicht, sich in eine innerliche Beziehung zu Land und Leuten zu setzen, sie sind voll einer bitteren, I misswollenden Kritik, die Ihnen und Ihrer neuen Umgebung das Zusammensein verleidet - - und sie haben stets die Fleischtöpfe Ägyptens vor Augen. Aber es wird beim Traum bleiben. Der Nationalsozialismus mag zusammenbrechen, der Antisemitismus, wird davon nicht berührt, ja er wird stärker denn Je werden, nicht nur in Mitteleuropa. Überall wo Juden leben - und wie leben sie, in welcher Gemütsstimmung, in welcher Nervenspannung! - wird man sie mit der Schuld am Kriege belasten und uberall wird es eine bis ins tiefste zerstörte Wirtschaft sein, die jeden £uzur der eben erst Verjagten und Geflüchteten mit schäumendem Hass ablehnen wird. Das wird für die Sieger, für die Besiegten* und für die Neutralen gelten; die aüe zudem auch noch mit einer riesigen Auswanderung ihrer eigenen Volksgenossen aus dem vergifteten Europa zu tun haben werden. Auf um aefbftt gestellt Die Haltung der „arischen" Welt uns gegenüber kann durch die zwei Namen Berchtesgaden und Brian genau bezeichnet werden Wir sind in altem und jedem auf uns selbst angewiesen. Wir hsiben — bisher noch ■— den Wüten, ans zu erhalten und dieses Bestreben ist einsig. und allein Im Zionismus verankert Er erschöpf» sich nicht In der Arbeit in Palästina, hier ist eine Voraussetzung, eine Vorbedingung für die Schaffung eines neuen jüdischen Volkes. Palästina rmsv» das nationale, potttische und geistig« Zentrum werden, nicht nwiir und nicht weniger Palästina und die GoUih müssen zusammenarbeiten und diese Arbeit wlcdfer setst den Bestand eines einheitlichen Jischuw und einer zionistischen Organisation voraus die heute (nicht existiert, aber aufgerkchiw» weMon muss, und dies sehr rasch. Wir dürfen nicht warten, bis »ich die Assimilation an di« Arbeit macht. Für uns wie für die Assimilation ist die Autgangssl tust Ion die gleiche: Die Gemüter sind aufgelockert und sie dürsten nach Führung. Dte Zlonisten bringen 4hr Nationalgefühl. Ihren politischen Willen und Palästina als Tätaachs mit. die anderen haben einstweilen nichts als d*s negativ« Moment der Not Das zionistische Zentrum in Jerusalem muss mit den Massen iln Verbindung treten, zu Ihnen sprechen. Ihnen Organisation, d. h innere Arbeit geben. Aber es m?i*s ein Zentrum sein, nicht ein Amalgam aus solchs oder Kleben Parteien. Das Kapital an Vertrauen, das heute noch dmussen besteht, ist in grösster Gefahr, wenn der Innere Krieg In einer Bevölkerung von kaum einer halben Million Mensrhen fortdauert. Diese Gefahr wird hier viel zu wenig gewürdigt, man macht sich keine Gedanken darüber, wie die Tausend^ von "Briefen, die von hier ausgehen. dnussen wirken müssen In einer hungernden, verzweifelnden Masse, die an Erez Israel glauben will, weil sie an irgend etwas, stauben muss. Wenn sie hört, ,wle hier die Cßlm. wie die Askaniin beiseltegei schoben werden als Objekte einer seelischen Kälte. - wie wird, wie kann nie reagiere«? Sie I kennt nicht die Leistung, die hier vollbracht wurde, nicht die Schwierigkeiten des Landes, sie weiss nichts und sie muss darüber aufgeklart werden Im Wege einer einheitlichen Pressepropaganda, die an die Verhältnisse aller Länder denkt und in allen Sprachen arbeitet Uber die Notwendigkeit der Presse, der PressepoJltik und der Propaganda muss man Ja heut* nichts mehr .tagen. Aber sie muss beginnen. der letzte Groschen muss daran gesetzt werden und Jeder Tag des Zögern» bedeutet unersetzlichen Verlust. Wir müssen zu den Juden wie zu den NichtJuden sprechen und zudem schon heute, noch im Krieg, die 'Aufstellung eines Systems von Zeitungen In allen politischen und wirtschaftlichen Zentren | vorbereiten, dla dort Hand in Hand mit der Orjgantaätion und in den grossen Linien von Jerusalem aus instruiert, da« letzte Jüdische Haus erfas-! sen und aufklaren, aber auch an die nicht jüdische!Öffentlichkeit herankommen. Und diese Presss- | Politik muss auch In* Orient betrieben werden; (hier wird sich das Judentum krystslllsleren, hier | leben wir und bleiben wir und alle Linien unseres zukünftigen Seins laufen hier zusammen. Hier i können wir Subjekte der Politik sein. Wir müssen aktiv werden. Wir müssen . eine zionistische Organisation aufbauen, wir müssen den Parteien/streit überwinden, wir müssen inie Kräfte heranziehen, die vorhanden sind, wir müssen vom Zionismus aus das Judentum < regenerieren. Auntralm her Holdat befreundet »ich mit einem jüdischen Kind in Jerusalem.

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