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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-22 · 16-17 (22.4.1940) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
16-17 (22.4.1940)
Date
1940-04-22
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE WELT-KUNDSCHAU 22. April 1940 gehung. „Ich wollte nur Winsen mein Bruder war hier er hat nach der Geige gefragt, die ich neulich probiert habe. Aber man sagte ihm «ie «ei verkauft, ist da« richtig?" Der Junge leuchtet» auf. „Ah, Hie sind d«H I< raulein von neulieh, die Künstlerin! Ich habe Sie Wir nicht erkannt. Einen Augenblick!" Er legte die Hand auf den Mund, näherte sich auf Zehen spitzen der Tür, unter der damals der Vater er schienen war, drückte »ehr behutsam die Klink«.- nieder und verschwand. Elsbeths Herz klopfte heftig. Nach einer Minute erschien er wieder, verschmitzt lächelnd, und trug den Geigenkasten unter dem Arm. „Hier Ist »ie', sagte er, „der Vater hat «ie damals gleich hereingenommen. Er hat befohlen, »ic solle für da« Fräulein zurückgestellt werden." Elsbcth war nicht überrascht? sie atmete tief. Sie war nur sehr glücklich, das» ihr Gefühl recht behalten hat. Leine begann sie zu stimmen. Sie war so sicher gewesen, das» sie das Stimmpfeifchen zu sich gesteckt hatte. Und während sie die Wirbel drehte und leise an den Saiten , -i.f to, dachte sie: „Nun will ich sehen, ob ich ihn diesmal wieder herbeilocken kann." Sie begann mit einer sanften Melodie von Schumann. Noch wenigen Takten schon wurde die Tür heftig aufgerissen. In ihrem Rahmen stand wieder der Riese, wie damals mit einem aufgeschreckten Ausdruck im Gesicht, als wäre er von weit, weit her zurückgerufen worden. Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Aber diesmal wich sie nicht zurück, sie lächelte ihm entgegen und spielte weiter. Und wieder ging eine Wandlung vor mit diesem Menschen, Die hochgezogenen Schultern sanken diesmal nicht einfach herab. Sie bogen sich nach rückwärts, der Oberkörper straffte sich, die tiefliegenden Augen waren gross, unbewegt, zwingend auf das Mädchen gerichtet. Er atmete tief Lasten schienen von ihm abzufallen. Vor diesem Wiek schloss sie die Augen. Sie spielte weiter und weiter. Es bangte ihr vor dem, was nach dem letzten Ton sich ereignen würde. Als sie endlich, in zartem Piano endete, wurde sie durch heftiges Klatschen aller Verlegenheit enthoben. Der Laden war diehtgcfüllt, Nachbarn und Käufer, durch die Musik angelockt, standen dichtgedrängt auf den Stufen und an der Tür. Der Wcisshaarige sah sie noch immer an. seine Oberlippe zuckte. Als er Elsbeth verlegen werden sah vor den schwatzenden und bewundernden Leuten, sagte er, indem ejr sie mit einer Arnvbeweguug isolierte; „So habe ich noch nie geigen gehört, das nenne ich „Lecho dodi" singen!" Er sagte es mit einer Stimme, die warm und jung klang, Alle stimmten ein und wollten wissen, was das für ein Instrument sei, ob das Fräulein Künstlerin wäre, Elsbeth, sehr verlegen, lobte ablenkend den edlen Ton der Geige und meinte, es sei wohl ein sehr wertvolles Instrument. Der Besitzer des Ladens zuckte die Achseln und schlug vor, sie möge selbst den Preis bestimmen. Er verstände nichts davon. Sie stand unschlüssig. Ein Nachbar sagte krächzend: „Am Ende wird der Mandelstamm noch ein reicher Mann und kriegt im Handumdrehen zweihundert Mark auf den Tisch gelegt. Massel muss der Mensch haben." Ein dröhnendes Lachen erfüllte den kleinen Raum. „Zweihundert Mark auf einmal, welch ein Gedanke!? Und Glück bei Jeruchem Mandelstamm?" Der Weisshaarige schüttelte den Kopf, als könnte jedes Wunder eher geschehen, als dieses. Dann sagte er: „Dos gnädige Fräulein mag die Geige mitnehmen und sich erkundigen, sie wird mir dann das Geld bringen. Der Sabbath steht vor der Türe, da wollen wir nicht mehr handein." „Das ist e Kaufmann! Hat den Laden voller Leut', könnt' auf einmal verkaufen, dass es reichen tät' für die ganze Woch' und er macht Schabbes! Alle meine Sonn im sollen seinen Seehel haben!" Ein kleiner Trödler von gegenüber in fettig glänzendem Kattun sagt es kichernd zu seinem Weib, wobei er lachend den Kopf hin und her wiegte. Die Augenbrauen hochgezogen grinste er über das ganze sommerfleckige Gesicht. Sein roter Vollbart war schon von weisse n Faden durchsetzt; „Gut Schabbes, gut Sehabbes" gluckste er vor Lachen, „wer von den Herrschaften noch was braucht, bitte, hier drüben ist mein Geschäft, es ist eine halbe Stunde vor Schabbeseingang, ich verkauf noch! Hab schöne Sachen, selt'ne Gelegenheiten, bitte..." Damit war er schon i auf der Strasse und. indem er lebhaft geatikulief rend auf einige Leute einsprach, die mitgegan- 1 gen waren, verschwand er jenseits der Strasse ' In der Dunkelheit seines Gewölbes. Elsbeth?mh ihm mich. Seltsam wie diese Menschen ihr aas Herz triften. Es war da «ine Substanz, ein Etwas, das sie bannte, dem sie sich unerklärlich, unentrinnbar verhaftet fühlte. Eine ältliche Frauensperson begann indes aufzuräumen, obgleich noch einig« Gaffer, neugierig, wie der Handel mit dem Fräulein ausgehen werde, herumstanden. Das Mädchen wandt* sich um, und wieder fuhr sie zurück. Der Mann mit den weissen Hanren stand hinter dem Ladentisch, die linke Hand aufs Herz gelegt, die rechte stützte sich auf den Tisch und hielt den nach vosn gebeugten Oberkörper aufrecht, Der Kopf war vorgestreckt, das starke Kinn stach in den Raum. Die Oberlippe bebte. Das grosse i Auge ruhte suchend, bohrend auf ihrem Gesicht, j En war ein Ausdruck in seinen Zügen, als müsse j er darin ein wichtiges Geheimnis ergründen.! Elsbeths Gesicht verschloss sich. Sie hatte die | Fähigkeit. Visiere herabzulassen. Dann war ihre : Seele ohne Brücke zur Ausscnwelt, inselglcich, entrückt. Ihr Mund sagte abweisend: „Dann; muss ich jetzt wohl gehen, ich werde einen Kenner bitten, die Geige zu taxieren. Soviel ich da-; von vet iueh, scheint, sie wertvoll zu sein." Der Mann richtete sich auf und fragte: „Warum wol- , hm Sic den Kasten nicht gleich mitnehmen, es liegt Ihnen doch so viel daran?" „Ich glaube, Sie ahnen nicht, wie wertvoll da» Instrument k*t..." Sie war plötzlich sehr verwirrt. „Sie kommen wieder?" Er zögerte. Elsbeth* Fuss stockte. Sie hätte gern gefragt, ob er den alten Gesetzen treu sei, aber irgend eine Angst jagte sie, und sie verlies» eilig den Loden. Land-Erschliessung im Nahen Osten VORSCHLAGE ZU EINER LOSUNG DES BODENPROBLEMS Von FELIX A. THEILHABBR (Tel-Aviv) Zangwill, der Dichter des Ghetto appellierte vor einem Menschenalter an die Welt: „Gebt dem Volke ohne Land das Land ohne Volk". Aus den 200.000 Arabern des 19. Jahrhunderts wurden ftOO.000, als der Weltkrieg beendet war und in einer schier fabelhaften Fruchtbarkeit, dank unbehinderter jährlicher Geburtentätigkeit sind es in diesem Jahre des Heils schon eine Million geworden. Inzwischen hat das „Volk ohne Land" jetzt noch weniger Lcbcn&raurn als zu der Zeit wo Zangwill, Herzl und Nordau politische Aspekte aufstellten. Über stile Projekte von Madagaskar, Britisch Guayana, Alaska, San Domingo, Lublin geht die Zeit hinweg und läast nur den historischen Rechtstitel, verstärkt durch die Ralfour Deklaration bestehen, zwingt tausende Unglückliche jauf Totenschiff en illegal die Gestade der Brücke zwischen Afrika und Asien anzulaufen, um auch hier als lästige Ausländer den Flu« .*> ihres Jude- Seins empfinden zu müssen. In einer Zeit der Verwirrung der Gefühle und noch mehr der Gedanken ist es nicht wundersam, dass die Völker den einfachen Schlüssel zur Behebung der Schwierigkeiten nicht gefunden haben Nicht als ob die Lösung nicht möglich wäre. Im folgenden soll von ihr rein programmatisch ohne Hervorhebung der Details! gesprochen werden In den letzten zehn Jahren sind nämlich vier 'gut durchgearbeitete Projekte aufgetaucht, die in den Palästina angrenzenden Ländern uiujc- , }u:%ire und unbenutzbare (icgmukm zur Erticklicssmm<7 brinyou sollten. Eines sah die Erneuerung der alten Kanäle, die drei Jahrtausende den 1 Reichtum Mesopotamiens bedeutete, vor, berechi nete. mit weichen Kosten das Land zwischen jEuphrat und Tigris wieder nutzbar gemacht I werden könne und kam zu dem Ergebnis, dass i man mit jährlich 750 000 Pfund Aufwand 25.000 I Siedlern Botjen geben könnte, eine Summe, die i weit hinter den Kosten zurückbleiben, die ein | Mussolini für die Aufschliessung der pontinisehen j Sümpfe und die holländische Regierung für die j Wiedergewinnung des Landes an Siedle des Zuyder See« aufzuwenden hatte Aber so sehr auch die Regierung des Irak von dem Projekt begeistert war und sich ausrechnete, dass ihr Volk von über drei Millionen gegenüber den 16 Millionen Ägyptens ins Hintertreffen gekommen war, während das Zwetstromland bei richtiger Ausnutzung das Doppelte an Menschen ernähren könnte eine geschlossene jüdische Siedlung erschien ihr nicht tragbar, und heute schlummern die schönsten Pläne in den Akten irgend einer Behörde in Bagdad. Noch begeisterter nahm die syrische Verwaltung Kenntnis, von den Plänen, welche die Trockenlegung des Sees und Sumpfgebietes' am Musa Dagh, jener Gegend, die Werfel so j anschaulich beschrieben hat, pflog ernsthafta Unterhandlungen, um schliesslich zu bedeuten, dass man diese für £ 1,700,000 gewonnenen, zwei Millionen Dunam fruchtbarsten Bodens leider nicht den Juden übergeben könne Auch die Herren eines schier unendlichen Gebiete« am oberen E u - phrat und Chabur, das nur 60 000 Menschen beherbergt kamen über diese Schwierigkeit nicht hinaus, ebenso wenig wie der König von Transjordanien, dessen Untertanen, ganze 200,000 Araber, ein Gebiet bevölkern, das der Schweiz entspricht. Den armen Arabern, die infolge ihrer mangelhaften Mittel ohnedies den Boden nicht intensivieren können, steht also Land in Hülle und Fülle, mitten in arabischen Reichen zur Verfügung, In Ländern, die politisch frei und unabnängig sind: dort kann die Sorge für die notleidenden Fellachen also die einfachste und beste Lösung finden. Und noch bedeutsamer ist, dass, wenn die Frage nach der Abfindung der Juden, die aus Deutschland, Österreich, der Tscheche* und Polen vertrieben wurden, eine Beantwortung erfahren muss, hier die Gelegenheit gegeben ist, um durch Sachleistungen die Hälfte der Kosten weit zu machen. Wir haben aus der Entwicklung gelernt und verlangen von einer Neuordnung eine grosszügige Urning dir bestehenden Fragen. Diese Bereini- | gung kann zum Ziele führen, wenn das arabische j Element in die Lage gesetzt wird, in neu zu er- | schliessenden Gebieten mehr und besseren Bo- '• den zu erhalten, in hübschen Häusern angesiedelt; zu werden und durch Bereitstellung von landwirtschaftlichen Maschinen und Vieh reicher wer-;den kann Hitler hat gezeigt, dass nationale Siedlungen 1 transferiert vverd«n können, und wie die Grie- I chen nach dem Weltkrieg eine Million ihrer j Landsleute aus Kloinasien in Mazedonien auf-! nahmen, so werden Syrien, der Irak oder Transj Jordanien sich nicht die Gelegenheit entgehen j lassen, einer neuzeitlichen Erschliessung ihrer , Länder sich zu versperren, die ihnen ausschlieft*- | lieh Vorteile bringen wird. | Auf einer solchen Basis kann der Friede zwischen dem jüdischen Palästina und der arabischen Umwelt geschlossen werden, der nicht nur im Interesse der beiden Partner gelegen ist. Die ganze Welt ist interessiert, die breiten Massen der Juden irgendwo unterzubringen, wo sie nicht durch neue Konflikte die friedlose Welt nicht zur Ruhe kommen lassen und den Zündstoff in der friedlosen Welt vermehren. Das ist was in Kürz« zu der Sache gesagt werden kann Wer das laissez faire laissez passez empfiehlt, wird weniger Widersland finden als der, der komplizierten Umstellungen das Wort red.H. Aber schliesslich kann die Judenfrage nicht ohne grosszügige komtr u kt i v e Tat gelöst werden. Und naeudem Millionen Juden entwurzelt worden sind, haben sie nicht weniger als die Tschechen, Pinnen, Polen ein Anrecht, dass man ihnen das gibt, was alle anderen verlangen, einen Plate zum Leben. Erfahrungsgemäß bedarf es für die einfachsten Dinge in der Welt erst einer langwierigen Vorarbeit, um sie als notwendig erscheinen SU lassen. Die Kölner Stadtväter widersetzten sich einer Nachtbeleuchtung ihrer Stadt am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Motivierung, Gott habe die Dunkelheit gewollt, weshalb ein« Änderung dieses natürlichen Zustandes nicht erwünscht sei. Unbequeme Aufgaben weist man am besten durch die Hervorhebung der Schwierigkeiten und der möglichen Nachteile als aus« sichtsios zurück Aber schliesslich kann die Juden frage nicht auf die lange Bank geschoben werden Da.' jüdische Volk wird nicht nur seine Ansprüche anmelden, es wird auch zeigen müssen wie man ihnen gerecht und weise entgegenkommen kann und muss.

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