Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 16-17 (22.4.1940)
- Date
- 1940-04-22
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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22. April 1940 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU Seit« 7 Der verborgene Klang Roman einer zerbrochenen Welt Von MARGARSTK MOS SS Diener demnächst im Matara-Verlag, Tel-Aviv, erscheinende Koma« - eine Art letzte* Porträt de» deutlichen Judentum* der Vorkriegszeit zeigt als Hintergrund eine Weit, die, nunmehr in jedem Sinne in Trümmer liegt. In dieser so gesichert scheinenden Sphäre erblüht eine tiefe, alte KonventUmen sprengende Liebe zwischen Elsbeth, der Tochter eines liberalen, assimilierten Hauses und einem nach Deutsehland eingmmndertcn, völlig i>erarmten Mann des Ostens, der durch und durch Jude, eine tiefe Sehnsucht nach der Musik als einer Brücke zum Transzedentalen, in sich fühlt. Elsbeth aber, ganz in der Musik lebend und von ihr erfüllt, sehnt sieh mit unbeirrtem Instinkt nach jüdischen Inhalten. Durch diese Beziehung, die zu einer Ehe JÜhrt, verbinden sich die edelsten Kräfte des Ost Judentums mit der Weltoffenheit des*Westen9 tu jtehfimer Einheit und neuer, ungeahnter Schöpferkraft. Wir bringen nachstehend aus dem ersten Teil des Buches (etwas gekürzt) die Schilderung der ersten Begegnung der beiden. -~ Ked\ Elsbeth fuhr verwirrt aus dem Schlummer, als helle« Licht auf ihr Antlitz fiel. AI« sie «ich mit einem Ruck aufrichten wollt«, schmerzte der Fuss, und dieser Schmerz brachte sie schnell in die Wirklichkeit zurück. Der Arzt hatte eine heftige Sehnenzerrung nebst einem Blutergus» festgestellt. Der Fuss wurde hochgelagert und mit einem feuchten Umschlag versehen, und einige Tage Bettruhe waren verordnet worden. Dann setzte sich Doktor Baum auf einen Stuhl und fragte, mit seiner tiefen, tönenden Stimme: „Na! Und wie hast Du Diiv das zugezogen, junge Dame? Beim Gesangsunterricht etwa?" Er lächelte. Seine braunen Augen blitzten durch die Brillengläser. Die Mutter hatte «ich aufs Bett gesetzt und schaute der Tochter nur mit stummer Frage in die Augen. Elsbeth stützte den Kopf auf den rechten Arm und schaute sinnend und mit leisem Lächeln auf den Häkeleinsatz der Bettdecke nieder. Dann schüttelte sie leise den Kopf: „So ein merkwürdiges Erlebnisnein, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie seltsam das war." „Nun — was denn -~ so sag doch endlich und ergehe Dich nicht nur in dunklen Andeutungen", sagte Adele ungeduldig. Das Mädchen lächelte wieder und fuhr zärtlich mit dem Zeigefinger Uber die Hand der Mutter: „Also — ich wollte doch für Susis Geburtstag irgend etwas Nettes besorgen; so etwas, was man nicht alle Tage sieht und da ging ich nach der Stunde in die Altstadt, wo die netten kleinen Trödlerläden sind... Die jüdischen Kleinhändler, finde ich die muss man doch unterstützen ~ wer soll denn sonst bei ihnen kaufen findest Du nicht auch Mutter?" Adele Strauss wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte. Sie selbst hatte darüber ni» nachgedacht, aber sie sagte rasch: ..Eigentlich ja -aber nun weiter". „Also —- ich schlendere so langsam durch die Strasse und sehe plötzlich in einem Fensterladen eine wunderhübsche alte Brosche aus Silber - mit ganz zarten Figuren, gerade wie für Susi gemacht. Ich gehe also hinunter..." „Hinunter?" fragte der Arzt. „Ja! Es ging zwei Stufen hinunter bis zur Ladentür und dann nochmals zwei Stufen im Laden selbst. Es war ein bisschen dämmerig und kein Mensch war da. Ich guckt mich so um. was da alles herumstand. Haha." Sie lachte ein helle«, klingendes Lachen, „Schuhe, Möbel. Bilder, Bücher - alles mögliche. Der ganze Raum lag in einem seltsamen RembrandUtchen Dämmerlicht. Und auf einmal sehe ich ganz hinten in einem Regal einen Geigenkasten stehen. Du weisst ja. Onkel Baum, - was das für mich ist. Ich schaue mich um — niemand da. Allein konnte ich nicht daran. Ich klopfe also auf den Ladentisch, mache die Tür auf und zu, das« die Klingel schrillt. Endlich stürzt ein Junge von hinten in den Laden, «in Jung« von etwa 14 Jahren, der ganz jüdisch auasah —• dunkle traurige Augen hatte.." „Na -- und - wo bleibt die Geige?" Sanitätsrat Baum fragte es lächelnd, aber mit verhaltenem Interesse. Auch er suchte seit langem durch Zufall ein schönes Instrument zu finden, das man noch erschwingen konnte. Elsbeth lacht«. „Kommt schon! Aber nur Geduld.» Jetzt wird's ja gerade interessant. Ich Hess mir also die Geige geben. Der Kasten war ganz verstaubt. Als ich ihn öffnete, lag da in einem seidenen Tuch eine — offenbar sehr alte Geige. Da« Holx leuchtete so dunkel aus der gelben Seide. Es lockt« mich rasend, sie zu probieren. Die Seiten waren natürlich ganz locker — aber ich stimmte mit Mühe und Not und fragte den Jungen nach dem Frei». Der sagt, den wüsste er nicht, er müavte den Täte holen. Inzwischen fange ich an. zu spielen — bisachen Etüden, dann etwas Händel, und auf einmal als ich die Augen wieder aufmache, steht da unter der Türe zu einem Hinterzimmer eine Erscheinung, die mich so erschreckt hatte, dass ich, ganz ohne es zu wissen, zurückgewichen bin. Und da waren gleich die dummen Stufen, die ich vergessen hatte. Da bin ich gestolpert und - weil ich instinktiv die Geige hochgehalten habe.bin ich so schlecht gefallen und hab' mir dabei den Fuss verstaucht. „Und was war das für eine Erscheinung?" „Ach!" Sie atmete wieder tief und in ihre Augen kam der seltsame ferne Blick. „Stellt Euch vor! Im Türrahmen stand ein Alter, der im Dämmerlicht des Ladens geradezu riesenhaft wirkte. Der Ausdruck seines Gesichtes war der eines aufgeschreckten Einsiedlers. Die Augen funkelten ganz gefährlich — der Kopf steckte merkwürdig zwischen den schreckhaft hochgezogenen Schultern. Eine hohe, gefurchte Stirn leuchtete förmlich aus der Dunkelheit des Laden«. Aber das Erschreckendste war der Mund. Der sah aus wie eine verborgene Sichel so schmerzhaft waren die blutleeren Lippen nach abwärts gebogen. Er starrte mich so entgeistert an, dass ich eben vor diesem Blick derart erschrak, dass ich zurückwich. Gleich nachdem ich gefallen war, rief er: „Hilf Isaak, hilf, das Fräulein hat sich doch - mit Gottes Hilfe nichts getan." Dabei sprach er die Kehllaute nach Art der Ostjuden hart und ganz hinten am Gaumen. Und während er dann auf mich zueilte, hatte sich sein Aussehen ganz verändert. Die Schultern waren herabgesunken, oder nein sie! waren eben normal, wie bei anderen Menschen. ] Und als er mir die Hand entgegenstreckte, hatten I auch die Augen das gefährliche Glitzern ver-! loren, Sie sahen mich besorgt an mit so gros- | »er Pupille, dass ich gar keine Farbe erkennen i konnte. j Er stüztc m> fh, bis der Junge einen Stuhl gei bracht hatte. Auf einmal bot mir der grosse alte | Mann etwa« Wein in einem setlsamcn Silber- J becher und sagte ganz eindringlich und dabei | doch sehr schüchtern, ich sollte ein Schlückchen | trinken. | Sie stockte. Dann nach einer Pause fuhr I sie fort: „'Es wurde mir auch wirklich besser danach. Ich bat dann, der Junge möchte einen Wagen besorgen, und während er fort war, fragte der Mann wieder sehr schüchtern und mit einer Stimme, die ganz brüchig und heiser klang, und die doch viel jünger war, als er selbst, ob ich Künstlerin sei, und was das gewesen wäre, was ich gespielt hatte. Ich musste lachen. Ich Künstlerin? Und als ich lachte, veränderte sieh sein Gesicht wieder so sehr, dass ich ganz erstaunt war. Denkt Euch - e» hatte auf einmal gar keine Falten mehr. Und die Augen glitzerten wieder ~ aber diesmal nicht so wild erschreckt -~ sondern — ich kann das gar nicht definieren, ich glaube — — offen gesagt., da» war, gar kein richtiger Mensch." „Na! Was soll es denn gewesen sein?" fragte der Arzt. Sie zuckte ein wenig die Achseln und lächelte. „So. .so...ein alter Prophet, der sich unter die Menschen begibt, um sie zu prüfen." Nun lachte der Sanitatsrat laut auf, während die Mutter liebevoll auf das Madchen blickte und nachsah, ob die Denke auch nicht tu schwer auf dem hochgelagerten Fun läge. AUS DKM 2 KAPITEL An diesem Freitag Abend sollte Susis Geburtstag, bei Onkel Herrmann gefeiert werden. Die drei Brüder Strauss sassen in einer Ecke und besprachen dir geschäftliche Lage. Neben Selmars gewaltiger Erscheinung wirkte Theo als ein Mann von bescheideneren Massen, körperlich und auch sonst. Der sarteste der Brüder aber war Hermann, der Älteste Er war kleiner als die beiden sein Kopf war fast wols.q. Kr fühlte sich Selmar und Theo gegenüber immer etwas unsicher. Und an diesem Abend und bei diesem Gespräch nicht ohne Grund, denn Hermanns Bilanz war so wenig glücklich ausgefallen, dass die beiden Ht Uder erklärten, es müsse etwas Durchgreifendes geschehen. Theo schlug vor. der Bruder täte am besten daran, sein Geschäft zu verkaufen und bei ihm «inzutreten. Er gehe ohnedies mit dem Gedanken an elf** Erweiterung seines Betriebes um und Hermann könne sich ja bei ihm beteiligen, das käme ihm sehr gelegen. In einer anderen Ecke des Salons sprach Elsbeth leise mit Max, dem jüngeren der beiden Urinier. „Und er sagte Dir, die Geige sei schon verkauft? Wirklich? Verkauft?" „Wirklich! Ja! Das helsst wörtlich hat der Junge wohl gesagt; „Leider die Geige ist nicht mehr zu haben." Also wird sie wohl verkauft sein. Ich sah auch keinen Geigenkasten mehr obwohl ich mich sehr umsah. Statt dessen fand Ich ein herrliches altes Buch au» dem Jahre 1620, dus ich erstanden habe." Elsbeth biss sich in die Unterlippe. Sie war sehr niedergeschlagen. „An allem ist der verknackste Fuss schuld! Hätte ich gleich am nächsten Tage gehen können, so hätten wir sie sicher bekommen." „Schade", sagte teilnehmend der Bruder, „aber es wird sich noch einmal eine Gelegenheit finden." Doch Elsbeth schüttelte heftig den Kopf. Nachdem die Verwandter« Susi zum Geburtstag ihre Angebinde überreicht hatten, erschien Bertchen die Hausfrau. Sic war klein und rundlich und zeigte ein gutmütiges Gesicht. Ihre kleinen.»dunklen'Augen, die nicht allzu klug aus Ihren Fettpolsterchen hervorlugten, waren voller Wohlwollen auf ihre Gast« gerichtet. Mit vorn Herdfener geröteten Wangen lud sie ihre Lieben zur Mahlzeit. Die Kerzen brannten schon, Onkel Hermann bat die Herren etwas verlegen und mit törichten Witzworten, man möchte sich die Hute holen zum Kiddusch, das sei doch nun 'mal Brauch. „WYirum entschuldigt er sich denn so quasi, wenn er es für richtig hält, die jüdischen Bräuche zu pflegen?" fragte Elsbeth stirnrunzelnd Richard Der zuckt die Achseln, „überlebten Theater! Das fühlt er wohl selbst aber er hat nicht den Mut, damit zu brechen." Er schweigt, denn Onkel Hermann hebt den Becher und beginnt zu singen. Elsbeth schaut ihn durchdringend an Sie findet es ein rührendes Bild, wie der einfache Mann da steht, vor sich nieder schaut und die alte Melodie singt. Es brauchte kein Theater zu Hein! denkt sie, E;i könnte wunderschön sein, wenn . In diesem Augenblick .sieht sie, wie ihre Brüder Grimassen schneiden und wie Vater und Onkei Selmar dazu lachen, und sie schämt sich, dass ihr die Tränen In die Augen steigen. Sie schämt sich im Tiefsten, sie wird das Gefühl nicht io.i, bis die Mahlzelt vorbei ist. Dann steht sie rasch auf, geht auf Onkel Hermann zu und küsst ihn. „Du hast so schön Kiddusch gemacht, Onkel!" Der Mann schaut sie erstaunt und gerührt an und küsst sie verlegen auf die Stirn. Dann zieht er plötzlich stolz ihren Arm durch den seinen und geht mit ihr ins Nebenzimmer. AUS DEM 3. KAPITEL' Wieder betrat Elsbeth vor der beginnenden Dämmerung den kleinen Laden. Der Junge mit den traurigen Augen süss hinter dem Ladentisch und schrieb. Schnell fragte rie ihn, ob der Vater nicht da wäre Der Junge meinte verlegen, was ate denn wölk, er könne die Kundschaft auch bedienen. Elsbeth schluckte und fragte abermah, diesmal mit Herzklopfen, ob der Vater nicht da sei. „Ja!" sagte der Knabe „das wohl er ist nebenan — aber ich soll ihn nicht stören. Kr schreibt. Und wenn ich ihn davon weghole, wenn ich wirklich selbst nicht weiter weiss, dann erschrecken die Kunden vor ihm und laufen weg. Ich mach e schon lieber allein." Elsbeth erinnerte sich ihres ersten Eindruckes und wie sehr sie selbst erschrocken war, damals. Ihre Knie wurden gsn» schwach vor Enttäu