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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-22 · 16-17 (22.4.1940) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
16-17 (22.4.1940)
Date
1940-04-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 22 April 1940 Nachruf auf ein Theater Von HERliBRT FRIKDRSTHAL <hondnni (Dur Vcrfanwr dienrr Zeilrn war in der letzten aber viele andere, die gleichfalls verzichtet hat- Ztsit im dramatur(tif,chen ttiiro dt:n Kulturbund \ ten, wurden von der Zen.sur abgelehnt, weil das mtif/. A d K i Ein jfidinc!ie« Theater in deutscher .Sprache mit europäischem .Spielplan im nationalsozialistischen Berlin, das nach sechsjährigem Bestehen nunmehr geschlossen wurde es wird als Phänomen in die Kultur- und Theatcrgcschichtc eingehen. Im Jahre 1933 ist der „Jüdische Kulturbund" gegen den Widerstand der Nazi-Behörden von Jüdischen Persönlichkeiten und Organisationen ins Leben gerufen worden im Jahre 193H tat er von den Nazi-Behörden gegen den Widerstand der jüdischen Persönlichkeiten und ' Organisationen am Leben erhalten worden. Wim vorgegangen war und was dazwischen liegt, lohnt eine Betrachtung. „Kulturelle Autonomie" Nach dern Ausschluss der Juden aus dem deutschen Kulturleben zur Zelt der Machtergreifung versprachen die Nationalsozialisten den Juden eine „kulturelle Autonomie". Immer wieder versicherten sie. sie hätten nichts gegen jüdische Erziehung, Theater. Presse, nur sollten sie ausschliesslich jüdische Kinder erziehen, vor jüdischem Publikum .spielen, jüdischen Lesern zugänglich gemacht werden. Damals verfügte der „Jüdische Kulturbund" in Berlin über 20.000 Abonnenten und die in einer Dachorganisation zusammengeschlossenen Kulturbund« im Reit* zahlen an die 60.000 Mitglieder. Viele gute Namen, die die deutschen Bühnen verlausen musstcni hatten sich an dieser Stelle zusammengefunden, und neben einem kultivierten Schauspiel entstand eine Oper, auf der die Standardwerke der internationalen Opernliteratur ihren Platz fanden. Aber auch dieses Versprechen haben die Nazis gebrochen, lind die sogenannte „kulturelle Autonomie" wurde zu einem der grotesken Schauspiele dieses Jahrhunderts. Man errichtete unter Leitung von Staatsrat Hinkcl dern ehemaligen Führer des „Kanipfbundes für deutsche Kultur"--, ein Department im Propagandaministerium ,das jedes Wort und jede Note, die in einer jüdischen Veranstaltung gesprochen oder gesungen wurden, einer Vdrzensur unterwarf. Ein Stab von Lektoren wurde damit beauftragt und empfing von höchster Stelle seine Richtlinien. Zuerst ümhieiten diese Weisungen die Forderung, keine kommunistischen Schriftsteller oder Stücke mit revolutionären Tendenzen aufzuführen. Dann aber schlug diese Praxis um. Schiller und die deutschen Romantiker wurden verboten, um deutsche Nationaldichtung nicht durch jüdische Aufführungen „schünden" zu lassen. Goethe, zu sehr als Weltbürger verschrien, wurde erst eine Weile später gemeinsam mit der gesamten deutschen Klassik auf die schwarze Liste gesetzt verbotene Klaaaiker Aber die Verbote blieben nient auf die Literatur beschränkt. Zur Zeit als das Palästina-Orchester unter Toscanini in Jerusalem und Tel-Aviv mit Beethoven Triumpfe feierte, wurde derselbe Beethoven für all« Orchester der jüdischen Kulturbünde in Deutschland verboten. Man appellierte an das Ministerium: Zuhause könne man doch am Radio jeden Abend Beethoven hören oder sich Grammophonplatten mit seinen Symphonien kaufen das Verbot wurde nicht kassiert. Die Komik will es, dass in jenen Tagen die Spannung mit Österreich wuchs und dass Mozart eines gewissen österreiehertums verdächtig war so blieb er bis zum Ausbruch des Grossdeutschen Reiches erlaubt. Als einziger von allen deutschen Komponisten durfte Händel bis zum letzten Tage aufgeführt werden: Er hatte sich durch »«ine biblischen Themen und durch seine Liebe zu England hinreichend bei den Nazis kompromittiert. Noch ärger wirkte sich diese barbarische Verbotspraxis auf dem Gebiete des Schauspiels aus. Nicht nur die deutsche Klassik, jeder dtmtscht! Autor schlechthin wurde aus dem Spielplan ausgeschaltet. Auslandische Dramatiker dagegen durften nur aufgeführt werden, wenn sie länger als fünfzig Jahre tot, also nicht mehr tantiemepflichtig waren, denn der Kulturbund erhielt keine Devisengenehmigung zur Bezahlung der Tantieme ins Ausland. Einige Autoren, unter ihnen an erster Stelle J. B. Prieatley und Franz Molnar, verzichteten auf die Tantiemen und konnten so mit grossem Erfolg gespielt werden, Ministerium etwas gegen ihre Person einwi wenden hatte. So rnusstc z. B. ein Stück von Ossip Dymow plötzlich abgesetzt werden, weil der Autor irgendwo in Amerika ein unliebsames Wort über Hitler ausgesprochen hatte. Aber selbst in den erlaubten Stücken wütete der Strich des Zensors ohne Erbarmen und er machte nicht vor Moliere und nicht vor Shakespeare Halt Besonders verpönt waren Worte wie „deutsch" und „blond", und seihst in Verbindung mit einer Aktenmappe, wie es in einer Komödie von Molnar hiess, „Lebe wohl. Du ungetreue blonde Aktenmappe", musste das Wort „blond" durch das Wort „schön" ersetzt werden. So war von der „kulturellen Autonomie" nichts übrig geblieben als eine Fratze und von dem Kulturbund eine äussere Fassade, mit der das Ministerium dem Ausland beweisen wollte, wie entgegenkommend der Nationalsozialismus seine Juden behandle. Pogrom mit „Kleinkunst" Es kamen die Novemberpogrome 1938. Die Bühnen wurden geschlossen und alle Vorstände der Kulturbünde ins Konzentrationslager verschleppt, die Büros und Säle verwüstet. Da plötzlich, nach drei Tagen, als die Synagogen noch brannten und die Trümmer der jüdischen Wohnungen und Geschäfte noch auf den Strassen lagen, liess man den Leiter des Rcichsverbandes der Kulturbünde ins Propagandaministerium rufen. Der Minister befahl dem Kulturbund, sofort wieder zu spielen, und zwar nicht nur Theater, sondern auch Kleinkunst (Kabarett) und Kino, nachdem eben ein Gesetz erlassen worden war. das das jüdische Publikum aus den öffentlichen Kinos und Theatern ausschloss. Niemals wird ganz verständlich .sein, was das Ministerium zu diesem Schritt gegenüber dem Kulturbund bewogen hat. Mitleid bestimmt nicht -- in diesem erbarmungslosen Rauben und Morden kam es nicht auf ein paar Theateraufführunsen an. Rücksicht auf das Ausland kann auch nicht mehr entscheidend gewesen sein denn was sagte schon in dieser Ot;gie der Bestialität eine leere Geste? Vielleicht gab es nicht nur keinen politischen Hintergrund: Vielleicht war es die Geschäftigkeit eines Büros, das sich betätigen wollte, eines Büros mit vielen Sachverständigen und Lektoren und Hilfskräften, dem plötzlich der Inhalt genommen war, eines Organismus, der Selbstzweck geworden war und existieren wollte nicht» weiter. Es war würdelos jetzt weiterzuspielen. Man konnte sich zwar dem Gebot nicht widersetzen, aber man sagte, man habe kein Geld. Geld? Eine Handbewegung deutete an. dass das Ministerium gewillt sei, neben der Milliardenbusse, die man den Juden aufgelegt hatte, jeden gewünschten Betrag auch weiterhin aus den Juden herauszupressen. Also lenkte man ab: Es waren wesentliche Arbeitskräfte im Konzentrationslager, ohne die man den Betrieb nicht wetterführen könne. Das Ministerium sagte zu, jeder Reklamation seitens des Kulturbundes stattzugeben und sofort die Enthaftungsanträge zu stellen. Hier allerdings war ein Weg, an dem man nicht vorüberdurfte wenn es gelang, auch nur einen Mann dem Grauen des Konzentrationslagers zu entreissen, so sollte keine Arbeit zu schwer und keine Komödie zu bitter sein. Und es wurden mehr als Hundert auf diese Weise aus den Lagern befreit. Ohne dass draussen jemand etwas davon wusste, bekam die Arbeit des Theaters auf diese Weise eine neue Weihe. Es war ein merkwürdiger Augenblick, als man nach jener furchtbaren Menschenjagd, gehetzt, verfolgt, die Spuren durchwachter Nächte im Gesicht, zum ersten Mal wieder im Theaterbüro zusammenkam, beglückt die anderen zu sehen und erschüttert über die, die nicht da waren. Womit sollten die Vorstellungen wieder eröffnet werden? Mit einem Stück, das dem Ernst dieser Situation entsprach? Kein Stück konnte diesem Ernst und dieser Situation entsprechen, es sei denn, es wird einmal geschrieben werden. Und um das Groteske der Lage deutlich zu kennzeichnen, schlug jemand vor: „Charleys Tante" -- vielleicht würde dann der ganze Widersinn dieses Spielens schreiend eklatant werden. Man einigte sich schliesslich auf die Fortsetzung der Vorstellungsserie, die gerade durch das Verbot unterbrochen war, eines völlig beziehungslosen schottischen Stundentenspiels „Regen und Wind". Gespensterhaft, der erste Abend der Wiedereröffnung. Zuhause sassen die Frauen und starrten auf das Telefon, ob nicht eine Nachricht von ihren verhafteten Männern käme, zuhause Saasen die Menschen auf den Trümmern ihrer Existenz, ausgeplündert und misshandelt —und dort leuchteten wieder die Lichterkronen im jüdlsCÄii Theater auf und der Vorhang hob sich von neuem über einem Spiel. Einige waren gekommen - die das Grauen der vier Wände hinaus- Setricbcn hatte und die hi ihrer Vereinsamung' die Verzweiflung zu überrennen drohte (von tausend Plätzen waren kaum hundert besetzt), denn wusste man denn, ob nicht eine Falle der Gestapo in dieser Ansammlung von Juden neue Opfer suchte? Die Stimmen der Schauspieler zitterten ein wenig, ais das Rampenlicht vor dem leeren Hause auf ihre geschminkten Gesichter fiel aber sie haben herrlich gespielt. Sic spielten einen Sektrausch nach einer Ballnacht, das Grammophon schnarrte einen Rumba, sie lachten und tanzton und sahen doch den Abgrund, über dem sie tanzten. Aber vielleicht waren so die sechs Jahre des Kulturbundes überhaupt: Den Abgrund sehen und dennoch spielen: so seine gan;\e Arbeit: Wis- :i tutd de:;no?h tun. C WIENER KLEINKUNST AUF HEBRÄISCH Die Eröffnung der jüngsten hebräischen Bühne, des Miniaturtheaters „P a p i 11 i o n ", dessen Premiere in Tel-Aviv ani 8. April in Anwesenheit der Spitzen des hebräischen Geisteslebens stattfand und sich zu einem grossen Erfolg für das jujnge Unternehmen gestaltete, verdient in diesen Biäüern eine besondere Würdigung, jenseits der eigentlichen Theaterkritik. Hier ist nicht nur ein neues hebräisches Bühnengenre geschaffen worden, sondern es ist von neuen mitteleuropäischen Einwanderern geschaffen worden, und es repräsentiert die Idee, die positiven Kwlturwerte aus den Ländern der ehemaligen Assimilation nach Erez Israel zu übertragen. Die Unternehmerin, Leiterin, Hauptdaratellerin, alles in einem, ist Stella Kadmon, deren! Name vielen «hrr.taligen Österreichern unter uns noch geläufig ist. StedJa Kadmon war seinerzeit die Gründerin der Wiener Kleinkunstbühnen. Die Eigenart ihres Wiener Kabarett«, weder mit Nuditüten noch mit plumpen Stirnmungswitzen zu arbeiten, sondern in der Mischung , ,. von Satire und Ernst künstlerisches Niveau zu : halten erscheint hier auf das Glücklichste ins i Die Gesellschaft „Rettet die Kinder" in Lon- Hebräische Ubertragen. Stella Kadmon befindet'_ don teilt mit, das* im Wege ihrer Adoption»-Absich erat etwa ein halbes Jahr bei uns und verjteilung im Januar d J 436 englische und 572 ausstand, wie so viel« Wiener Juden, bei Ihrer Anj tändfcsche Kinder, letztere zumeist Kinder von kunft kein Wort hebräisch Nach ao kurzer! deutsch-jüdischen und russischen Flüchtlingen in Zeit bereits aU hebräische Schauspielerin aufm- Frankreich, adoptiert wurden, d.h. die Adoptivtreten. ist eine Energieleistung, an der »ich viele Eltern leisten jährlich 5 Pfund für zusätzliche mitteleuropäische Olim (Schreiber dieser Zeilen Ernährung nimmt sich selber nicht aus) ein Beispiel nehmen sollten. Auch ihr Mitarbeiter und Regisseur, Martin Kost ist ..deutscher" Abstammung, und unter den Textdichtern finden wir, nebst einigen bekannten hebräischen Autoren, den Namen unseres allverehrten Sammy Gronetmmn. L>.e Premiere trug einen allzu festlichen und offiziellen Charakter, als das» der heitere Unterton voll zur Geltung hätte kommen können. Manche Kinderkrankheiten des neuen Ensembles werden sich gewiss noch mit der Zeit beheben bissen. Hier sei vor allem nur der grosse äussere Erfolg vermerkt, der besonders den SoJonummern von Stella Kadmon und A. Skiarz galt, der aber auch, weit über eine normale Theaterwirkung hinaus, die 'Anerkennung einer nationalen Kulturtat bedeutete. Und wenn an diesem Abend die Tel-Aviver Blumenhändler ebenso ausverkauft waren wie die Räume des „Papillion", haben sie es der Anerkennung für die junge Wiener — jetzt Tel-Aviver - Künstlerin zu verdanken. Tristan Leander <Tel-Aviv).

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