Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 16-17 (22.4.1940)
- Date
- 1940-04-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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22. April 1940 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 5 Besuch bei RabindranathTagore Von PRTER KMEMSR Zt. Calruttn 1nd%t:n> Das Ausland kennt Rabindranath Tagore im wesentlichen als den Dichter einer Anzahl von Romanen (der bekannteste unter ihnen ist: „Das Heim und die Welt") sowie zarter lyrischer Gedichte voll einer fremden Bildlichkeit. Sein Vaterland verehrt in ihm daneben noch den grossen nationalen Erzieher und geistigen Führer seines Volkes. Bereits vor vielen Jahren erkannte Tagore, dass da« Schicksal der indischen Renaissance-Bewegung wesentlich von der nationalen Erziehung, der Erziehung!Tz u r inneren Freiheit" abhinge. Mit einer kleinen Zahl von Freunden gründete er unweit Kalkuttas im bengalischen Flachlande ein« Waldschule. Den Boden hatte bereit« Maharshi Tagore, sein Vater, erworben und Santiniketan, „Hort des Friedens" genannt. Tagores Idee war eine dreifache: Durch eine Elementarschule in der bengalischen Umgangssprachc wollte er dem Analphabetentum In seiner Heimatprovinz entgegentreten; ein College mit englischer Unterrichtasprache sollte eine Stätte der höheren Bildung inmitten eine» absolut einfachen Lebens in der Natur abgeben. Und schliesslich war Santiniketan bestimmt, «In Ortruhiger Forschung zu werden, an dem Gelehrte j aus aller Welt ihre Studien, speziell In Bezug! auf die asiatischen Kulturen und Religionen pfle* j gen konnten. Es war dies die Tdee einer „inter- | nationalen Universität", wie Tagore es nannte. j Ein Menschenleben hat gerade ausgereicht, den Plan in die Tat umzusetzen. Wer heute nach San- I tinikc.an kommt, erblickt vom frühen Morgen an j Schulklassen und Vorlesungen des Colleges, die j im Schatten der uralten Baume im Park des Institutes abgehalten werden, kann ferner die; prachtvolle Bibliothek bewundern, dit iiüUen in j dieser Einöde errichtet eine reiche Sammlung ini ternationnler über Asiens Kulturen und Völker j enthält. Und abgesehen von der heissesten Zeit i des Sommers wird der Besucher in Santiniketan zu jeder Zeit ein© Zahl hervorragender Gelehrter -versammelt finden. Santinikeian ist heute eine« der Zentren feinster und edelster Kultur, in dem, wie kaum an einem anderen Orte im lande die führenden Männer des indischen Geisteslebens zuj samnienkoinnien. > Ich war spät in der Nacht in Santiniketan ein- 1 getroffen und ging am nächsten Morgen in aller; Frühe durch den ausgedehnten Park zum Hau«« des Sekretärs, um mich bei Dr. Tagore anzumelj den. Im Büro des Sekretärs traf ich Rathindranath Tagore, den Sohn des Dichters. Man bcgrüsste sich mit grosser Würde, indem man nach indischer -Weise die Hände vor dem Gesicht fa^- j tete und dabei den Kopf ehrfürchtig neigte. Ra-; thindranath ist einer jener jungen kultivierten ' Inder, die durch Haltung und Umgangsformen j den durch die weiten togaförmigen Gewänder hers vorgerufenen Eindruck des Römers noch verstärken. Sein grosser gedrungener Schädel mit dem ernsten Blick unterstreicht noch diese Wirkung. Rathindranath Tagore ist kein geistiger Riese wie sein Vater, aber er ist ein kluger Verwalter und Bewahrer des Bestehenden. Zur festgesetzten Stunde am Nachmittag näherte ich mich mit meinem Begleiter dem grossen roten Steinbau, dem neuen Wohnhause des Dichters. In der eigentlichen Atmosphäre Santiniketans, die ganz von der aristokratisch-souveränen Persönlichkeit Tagores und der Stimmung seiner lyrischen Dichtungen (die hier sogar als Morgen- und Abendgebete dienen) erfüllt ist, spricht man schlechtweg von "the poet". Die Inder lieben es, von ihm per "guru-devo" oder göttlicher Lehrer zu reden, und die diesem Volke eigene starke Bereitschaft xur Anbetung und scheuen Verehrung kommt sm Verhältnis zu dem Dichter voll zum Ausdruck. Ein Diener in gelblicher Toga führt uns in das Arbeitszimmer Tagores, der mächtig und altersschwer in breitem Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch sitzt. Der Prophetenkopf des Dichters ist von prachtvoller Schönheit und Gewalt. Nach der üblichen Art der Begrüssung erzähle ich, dass ich im Namen der H ebräischen Universität Jerusalem komme und überreiche ihm ein Bild, das den Skopus mit seinen Gebäuden zwischen den Häusern Jerusalems und den terrassenförmigen Abstufungen der judäischen Wüste zeigt, Tagore nahm das Bild in seine beiden Hände, und angesichts der unvergleichlichen Landschaft des Skopus wurde der j Greis zum glücklichen Kinde. ..Wie schon, wie! schön", »igt er immer wieder. ..eine Universität . am Rande der Wüste". Und er fragt einige Fra- Ken über das Bau-System der Universität, den Stil | des Bihüothcksgebäudes und den Lehrbetrieb am | Skopus. „Nicht lange zurück", sagt er dann. | „war einmal davon die Rede, dass ich Pnläj s t i n a be s u c h e n sollte. Aber das Reisen ist I mir schon tu schwer. Was ich von meinen I Freunden hörer i«t jedoch wunderbar. Ihr Volk! scheint dort etwas ganz Grosses geleistet zu | haben." Und dann beginnt er zu erzählen, wie j manche seiner jüdischen Freunde sich ihm gegenl über gegen den Zionismus geäussert hätten. „Da i war z. B. Prof. Sylvain Levi (berühmter franzö-! Fisch-jüdischer Indologe, der lange in Santinike- ) tan weilte), aber ich habe ihm immer gesagt: Das; jüdische Volk kann sich nicht aufsaugen lassen.; Es ist zu stark und eigenwillig," (Sylvain Levi 1 hat vor der Friedenskonferenz in Versailles im | Februar 1919 als Vertreter der „Alliance Israelite Universelle" sich gegen den Zionismus ausgesprochen, was eine scharfe Gegenerklärung Weizmanns zur Folge hatte. A.d.R.) Tagore fragt darauf Einiges über den Stand des Hebräischen im Lande. Ob nicht die Gefahr der Überwucherung durch die vielen anderen Sprachen droht, in denen Juden sprechen. Dann sagt er „Es gibt natürlich ein Kriterium für die Verwurzelung einer Sprache im Volke: Die Schöpferkraft. Hat ihre wiedererweckte Sprache schon Männer gefunden, die in ihr dieh- < tcrisch schaffen konnten? Haben Sic neuhebriUi sehe DkthUrr?" Und mit grossem Interesse hört er zu. was ich von der neuhehrälschen Literatur, speziell von Bialik und Tscherniehowskl erzähle. ..Ich würde gerne Gedichte von mir in hebräl- : scher Übersetzung hören. Ich weiss, einiges ist übertragen worden."! „Letzten Endes", sagt er, aufs Politische über- { lenkend, „müssen Ihre Leute zu einer Vcrstä n- ' d i g u n g mi t den arabischen N»chibarn kommen. Säe sitzen ja mitton in einer larabischen Welt. Sie sollten?.u.iainmrn das Land i aufbauen. Wenn Sic es dazu brächten, konnte j das alte Palästina noch einmal einen gewaltigen I kulturellen Aufschwung nehmen". I Bevor noch das Schlusswort fr»'-s«gt ist, kommt leine dringende Botschaft.; Tagore spricht mit einigen Männern seiner j Umgebung in der Bengali-Sprache, während ich I die Pause ausfüllend mit meinem Begleiter ein | paar Bemerkungen In Hebräisch wechsle. Di«Me! Zwischenszene ist sehr oczeiehnend. Jeder aus I einer anderen nationalen Weit kommend haben | wir uns zur notwendigen Verständigung des j KnyliHrhcn bedient. Aber keinem von uns ist ' dies die eigene Sprache, in der er das ihm Wichtige, Wesentliche ausdrückt. Der „Indische" Tagore ist mir somit verschlossen geblieben, nur mit dem Internationalen Dichter habe ich hier geplaudert. Die Stimme des „jüdischen" Palästina ist nicht an Tagores Ohr gedrungen, nur allgemein Verdolmetschtes und Übersetzbares kotinte ich ihm sagen. Nach der Pause nehme ich alle meine Kenntnisse im Bengali zusammen und sag« ihm ein paar höfliche Worte in seiner Sprache. Das scheint ihn sehr zu freuen, und bevor er mich verabschiedet, drückt er den Wunsch ans, mit i:use:cn kulturellen Institutionen in Palästina in näheren Kontakt Zu kommen. »POLITIK UND RELIGION« In der Synagoge „Emeth we'emunah" in Jerusalem fand dieser Tage ein religiöses Zwiegespräch über den Gegenstand „Politik und Religion" zwischen Professor Hugo Bergmann und Pastor Heinz Kappes statt Die Räume der Synagoge waren dicht gefüllt Wenn auch vielr leicht ein Teil der Zuhörer durch die Sensation; einer Aussprache zwischen einem jüdischen und; einem christlichen Denker angezogen worden war, so zeigte das tiefe Interesse, mit welchem die Zui hörer der zweistündigen Aussprache folgten, wie I sehr religiöse Themata geeignet sind, heute In Jerusalem, insbesondere unter den deutschen Ein- ■ wanderern, Beachtung zu finden Das Gespräch ging von einer Abgrenzung gegen eine falsche Auffassung des Problems: Politik ....... Glauben aus: abgelehnt wurde sowohl die Identifizierung der Religion mit einer staatlichen Partei (Klerikahsmus, Staatskirche, Zwei-Schwer-' terlehre der Kirche) als auch die Indifferenz zwischen staatlichem und kirchlichem Leben, wie sie sich in der Auffassung der Religion als Privatsache äussert. Die Religion durchdringt vertikal alles Leben, sie ist die Spitze der Pyramide, das Prinzip, das allem Leben zugrunde liegen muss. Daher wurde auch die Auffassung der Religion als eine „Äusserung" der Kultur neben der .Kunst, der Wissenschaft, der Sprache etc. als eine „Offenbarung des Volksgenius" abgelehnt. Religion ist allem Irdischen übero*x*rdnet und durchdringt alles. Die Unterredner grenzen dann die Religion gegenüber der Moral ab Die Moral in der wissenschaftlichen Strenge der Ethik kennt nur das sittliche Gebot, sie kümmert nicht die Wirkung der sittlichen Tat. Die Religion dagegen weiss, was die Ethik nicht wissen kann und nicht wissen darf: dass in der Welt nichts verloren geht, dass es ein Gesetz der Erhaltung der Energie des Sittlichen in der Welt gibt. Von da stammt die Kraft des Glaubens und seiner besonderen Dynamik: der Glaube an das innere Licht auch im Gegner, die Kraft der Fürbitte, die Furchtlosigkeit, die Oberwindung auch der Todesangst So wird der Glaube der „Transformator der Dynamik einer höheren Frequenz", deren Energien Energien der Liebe sind, die den Energien der dämonisierten Welt überlegen sind Von da stammen auch die politischen Ideale des Glaubens: die Einheit des Menschengeschlechts, die messianische Gewissheit, „der neue Himmel und die 'neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt". Das Gespräch bemühte sich zu zeigen, dass diese Ideen nur als krafterfüllte, dynamische Ideen Geschichte machen können also in ihrer Dynamik weit entfernt sind von einem Fortschritts-Liberalismus, dem die Kraft des Glaubens fehlt. Als eine solche Kraftquelle wurde die Hoffnung als Element der jüdischen Glauberishaltung in Gegensatz gebracht zu. einem billigen Optimismus und Illusionismus, der die Wirklichkeit nk-ht sehen will. Die Propheten Israels sind'hoffnungerfüllt, aber sie stehen im Gegensatz zum politischen Illusionismus, dem sie einen politischen Realismus entgegensetzen. Dies wurde insbesondere dargetan in Ezechiel Kap. 11,12. Der Gläubige vermag der Wirklichkeit In» Auge zu sehen. Die glaubenslose Menschheit unserer Tage vermag es nicht, und verfällt daher den Hypnosen, die mit immer gesteigerten Mitteln der Suggestion dem Menschen Angst erzeugen, um ihm andererseits „Sicherheiten" technischer und ökonomischer Art zu geben, die keine Sicherheiten wind Hier wurde die praktisch-politische Bedeutung eines gläubigen Optimismus sichtbar gemacht, der nicht billig ist. sondern täglich erkämpft werden musa und eine Lebenstechnik des Glaubenden verlangt: Aufbau des persönlichen und des Gruppenlebens nach einer spirituellen Disziplin, Stille, Meditation zur Entfaltung eines unabhängigen geistigen Lebens, Übung der Organe für spirituelle Kräfte, deren innerer Führung gehorchen, sich isolieren vom Betrieb und der Betriebsamkeit, Aufbau des gesellschaftlichen Leben* von unten her, Geist der Kooperation. Hier wies das Gespräch hin auf die besonderen Aufgaben und auch die besonderen religiösen Kraftquellen des Ostens, in welchen so viele westliche Menschen versetzt worden sind Mit den Worten des Propheten Jesaias (7,9): „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nfcrht" achlos» das Gespräch. Fast anachronistisch erscheint ein solches Gespräch, das nacii den gemeinsamen Wurzeln, dem Ziel und der Verantwortung unseren Lebens fragt, geführt von einem Juden und einem Christen, von denen ein Jeder ganz dl« Aufgab« »eines Juden- und Christentums fühlt, und dieselbe bange Frage nach dem Wie unseres Lebens in der heutigen Welt einigt. Und fast anachronistisch erscheint auch die Stellung eines solchen Themas in einer Zeit, dn die Mächte der Politik auf Leben und Scerben miteinander kämpfen, und' in der die Mächte des Geistes stumm zur Seite zu stehen haben Aber dieser eine Abend zeigte, das« über der Alltags-Wirklichkeit etwas da ist, das an die höhere und dauerndere Autorität des GeUtes appelliert,