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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-08 · 14 (8.4.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
14 (8.4.1940)
Date
1940-04-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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8. April 1940 JÜDISCHE WKLT-RUND8CHAU MM7 Erziehungsprobleme ZtrspttUtnutg der Juxend In der „Palestine Review", einer In Palästina In englischer Sprache erscheinende, hauptaächlich für die enalischsprechende Diaspora bestimmten Wochenschrift, beschäftigt sich der Redakteur Ehss M Spmein mit einer wichtigen Frage, nämlich mit der Zersplitterung der Jugendorganisationen in Palastina. Kr weist darauf, hin, dasa es für einen aussenstehenden, sogar gut informierten Zkmtstan g*> radesu unmöglich sei, die feinen Unterschiede all der Organisationen, wie Qordonia, Haschomer Hassir, Dror, Nexach etc. tu verstehen. Die zionistische Öffentlichkeit habe sich daran gewöhnt, •ine Dreiteilung des zionistischen Lagers anzuerkennen, nämlich Allgemeine Ztonlsten, Arbeiterpartei und Mlsrachf; man könnte sieh auf den; Standpunkt stellen, daea es bei der Jugend gar nicht so selbstverständlich ist, diese Untsrechet düngen gleichfalls festzuhalten, aber was soll man ■ sagen, wenn die Jugend nicht nur sine Dreiteilung hat. sondern mindesten» 12 getrennte „Weltorganisationen", alle mit ihrer besonderen Ideologie, d&e nicht einmal Immer einer politischen (Anschauung entspricht, sondern mit einer bestimmten Form des Zusammenlebens in Palästina zusammenhängt, die gerade diese Gruppe für die beste erklärt. Elias Epstein ist der Mei nung, dass man zu einer Vereinheitlichung kommen müsse; die Grundlage hierfür könnte dar Gedanke der Chaluziuth bilden, der bei allen Jugendorganisationen vorhanden ist. Dies würde für die Jugend in der Diaspora, die mit Ihren palästinensischen Altersgenossen in Fühlung treten will, eine grosse Erleichterung bilden, denn wenn eine Jugendorganisation z. B. in Johannesburg sich als Cheluz-'Bewegung organisieren will, muss sie mit einer der 12 ideologisch unterschiedenen Jugend-Welt-Organisationen in Verbindung treten, wae die Menschen vor eine schwierige Wahl stellt. Man müsse auch bedenken, das» die meisten dieser Ideologien in Europa entstanden sind unter Bedingungen, die von den Lebensbedingungen in westlichen Demokratisn völHg verschieden sind; sodass man in westlichen Ländern dafür gar kein Verständnis hat Man könnte noch hinzufügen, dass viele dieser Differenzen ausgehend von europäischen Ideologisn eine besonders scharfe Ausprägung in Palärtima gefunden haben, wo die Verwirklichung der Ideologie versucht wird, häufig mit einer Ausschliesslichkeit und Intoleranz gegenüber anderen Anschauungen, die nahekommt der Unduldsamkeit monotheistischer Religionen. Diese Zersplitterung dar Jugend und ihre Neigung zu einem Dogmatismus erschwert die Volkvwerdung, da au einem Volke auch die gsfühtanisalgsn Grundlagen des Zusammenlebens gehören. Keime Politik fttr Kiader Die heutige Situation ist ein Resultat der allzu grossen Unabhängigkeit, die der Jugend gewährt wurde, entsprechend den Anschauungen, die unmittelbar nach dem Kriege 1018 in Europa herrachten, aber inzwischen längst überwunden sind. Das ganze zionistische Rrztehungssystem bedarf einer grundlegenden Überprüfung und es gibt leider nur wenige Menschen, die sich verantwortlich mit diasam Gegenstand befassen, denn ein grosser Teil der Parteiführer aSsr Art betrachtet die Festlegung der Jugend auf ein bestimmtes Parteiprogramm als einen Machtzuwachs ssiner Gruppe, ohne sich darum su kümmern, welche Zerstörung die unverstandenen und unverdauten Propaganda-Brocken in den jugendlichen Gehirnen anrichten. In dam „Sozialen Grundprogamm" von Dr. Stephan Krause (s.S.3) wird u.a. gefordert, dass die Jugend Mssu zwölf Jahren nicht in politisch orientierten Jugendbünden organisiert wird. Dias ist ein Punkt, dar eigentlich eeJbstverständUch asm sollta, aber nach unserer Meinung müsste die Aftersgrenze noch erheblich hinauf gesetzt werden, und ss müsste versucht werden, die Jugend mit den wirklichen Werten des Lebens und mit den Jeder Erziehung zugrunde liegenden menschlichen Idealen zu erfüllen, und sie damit urtetisfähis; gegenüber den Bedürfnissen der Gemeinschaft Palästinas SekoJ-S/gten Das Problem «ler Herelnskenung von Partei- Propaganda in die Jugenderziehung ist dieser Tags noch von anderer Seite aufgeworfen worden. Der Erziehungs-Direktor der Palästina-Regierung Mr. Jeroms Farretl hat an das Erziehungs-Komitee des Waad Leumi ein ausführliches Memorandum geschickt, worin eine grundlegende Reorganisation dar jüdischsn Erzi ehu nsi» verwa.lt u ng im Lande gefordert wird* Die judische Öffentlichkeit erfuhr zunächst nicht den Inhalt dieses Dokuments, dagegen hörte sie viel von flammenden Protesten der Lehrerverbinde und anderer Körperschaften gegen diesen „Angriff auf die Autonomie der jüdischen Ersiehung". Verschärft wird die Sache dadurch, das» die Regierung die Auszahlung ihres Beitrages zum judischen Unterrlchubudgst von der Durchführung der Reformen abhängig »macht. Erfreulicherweise wurde nunmehr das Dokument in vollem Wortlaut von der „Palestine Review" verö ff entflicht, die sich dadurch ein wirkliches Verdienst erworben hat. Bei Lektüre des Memorandums gewinnt man die Überzeugung, dass hier von einem übelwollenden „Angriff" nicht die Rede sein kann, sondern dass der Erziehungsdirektor — bei aller Freiheit in Bezug |auf Lehrpläne etc administrative Reformen! fordert, die längst überfällig sind und die auch von verschiedenen judischen Komml.ssionen und Sachverständigen, die mit VerwaUungsmtithoden fortgeschrittsner weltlicher Lander vertraut sind, längst vorgeschlagen wurden. Den Ausgangspunkt -aber nicht den clnxigen Punkt bildet die im Jüdischen Schulwesen Übliche aus der Politik übernommene Dreiteilung der Schulen in „Allgemeine", Mliurachi. und Arbeiterschulen, wobei Jede Kategorie ihre eilten« Verwaltung hat. Die Regierung ist der Meinung, dass dadurch die Kontrolle* der sachlichen Zulängltchkeit. der technischen, und päclagogischen Qualität und die Inspektion erschwert und tuisscrdem erhebliche finanzielle Verschwendung erzeugt wird. Sie tritt der falschen Auffassung von „Demokratie" entgegen, wonach jede Verwaltung von Interossentenvcnretern durchgeführt wLrtii. «Uvtt einer überlegenen, mit Sachkenntnis und Kompetenz ausgestatteten von Parteien unabhängigen Zeutrale. Wir wollen hier nicht behaupten, dass restlos alle Einzelheiten dieses Memorandum* ins Schwarze treffen und <Uum nicht gewisse Besonderheiten unsere« poilästinerwischen Lebens Berücksichtigung erfordern. Aber im Ganzen scheint uns das Memorandum der Regierung eine wohlgemeinte und wertvolle Grundlage eines Reformwerke« zu sein, und man sollte sich hüten, bc4 einer solchen Gelegenheit so zu tun, ak» ob eine feindliche Macht iwusero heiligsten Güter antastet Wir sollen der Regierung dankbar sein, dass sie uns hilft in einer Sache, wo wr allein anscheinend nicht imstande sind, einen Ausweg zu finden und ein vor 20 Jahren einmal angefangenes, inzwischen Hchon wegen des Wachstums des Jiachuws unbrauchbar gewordenes System den wirklichen Bedürfnissen anzupassen. KARL BOERITZ ZUM BEOABHTNIS Es wird uns geschrieben: Durch eins der fluchwürdigen Verbrechen unserer Zelt ist der holländische Dampfer „Simon Bolivar" auf eine der nicht angekündigten Minen aufgelaufen. Eines der Opfer, die mit ihm untergegangen sind, war Karl Goerits aus Chemnitz, der mit seinen zwei Kindern, einem Schwager samt Frau und Tochter von 17 Jahren, Familie Felix Frank, und einem Freund Leopold Steinhard mit Sohn in den Fluten versank. Sie aiie stammten aus Chemnitz und lebten schon längere Zeit in Holland. Karl Goeritz verdient, dass seiner in der jüdischen öffentlichkeit gedacht werde. Sohn einer der ältesten und besten Familien seinor alten Heimat, stets bemüht, die von seinem Vater ererbte Textilfabrik su vergrossern, widmete er seine Freizeit fast ausschliesslich dam Judentum. Er unterstützte Jüdische Malerei und jüdische Wissenschaft, er war ein Vorkämpfer des Keren Hajessod, für den er in Chemnitz durch sein gewichtiges Wort viele Tausende gesammelt . Er war es, der das Palästina-Orchester in Tel-Aviv mit gründen half; er hat die ganzen Blasinstrumente dafür gestiftet und vielen guten Spielern verholfen. hinüberzukommen. JSr war es, der mit seinem Bruder dafür sorgte, dass eine Strativari mit im Orchester mitwirkt. Durch seine Freundschaft und Verehrung für Hubermann hat er wohl auch viel Opfer für die Musik im Lande gebracht Auch im Tel-Aviver Museum hängen Bilder von ihm und seiner Familie. Auch hat er es vielen in der letzten Zeit vor allen Dingen ermöglicht, hier eine neue Existenz sich aufzubauen. Er war es, der in Holland nach dem 11. November 1998 die holländischen Behörden veranlasste, deutsche Juden durch Ausnshme- Elnreiseerlaubnisse su retten! Einen grossen Teil seiner Tätigkeit in den letzten Jahren, vor allen Dingen in Holland, widmete er dam Wohls Palästinas, das für ihn ein hohes Ideal aeinsa Lebens bedeutete. Es ist sin Unglück, das« ein so ungewöhnlicher Mansch schon mit 40 Jahren uns entrissen wurde, gerade als er sich zum Aufbau eines neuen Lehens jenseits das Ozeans anschickte. ____ Gesucht wird: Dr. Rudolf Rosner. Bankier aus Wien. Zuschriften erbeten an: POB. 6*4, Jerusalem. EUE LEHMANN GESTORBEN Das Nazi-Organ „Der Neue Tag", Prag, No.ft* vom 5. März 1040 veröffentlicht eine Todesanzeige, in der von dem Abhieb*!* von Frau EU* Kuh-Lehmann Mitteilung gemacht wird. Aus dieser Anzeige in dem offiziösen Blatt de» Reichsprotektors für Böhmen und Mähren vernehmen wir die traurige Nachricht, <buui die grosse Tragödin, Else Lehmann, in Prag gestorben ist. Ekc Lehmann war ojm 27. Juni 1866 tn Bertin geboren, betrat 1885 In Bremen zum ersten Mail die Bühne, kam 1888 an da» Walmer-Thoator in Berlin, 1801 an dne Deutsche und später an das Lessing-Theater. Sie war es. die unter der Leitung Otto Brahm» die Frauengestaiten der Dramen Gerhard Hauptmanns und Henrik Ibsens kreierte. Jahrzehnte hindurch galt sie mit Recht als eine der grössten Schauspielerinnen Deutschüanda. Else Lehmann war mit dem Prager Jüdischen Druckereibesitzer Oskar Kuh verheiratet und war zum Judentum übergetreten. Dies war der Grund, warum Else Lehmann nach ihrem Rücktritt von der Bühne nach Prag übersiedelte, wo sie jetzt gestorben ist. „KULTURBUND" AUCH M UNBARN Auch in Ungarn Mind jetzt jüdische Künstler von den Bühnen ausgeschlossen worden, sodass, nach der Art des in Deutschland eingerichteten „Kulturbundes", Jüdische Vorstellungen für Juden veranstaltet werden. Im Gokimark-Saai der Pester I»r. Kultusgemeinde finden jetzt Wöchentlich .solche Theateroufführungän mit Jüdischen Künstlern .statt. Gespielt wird das Drama „Der Verräter" (Josephua Flavia») des jüdischen Schriftsteller* Dr. Ludwig Szabolcai. In der Titelrolle spielt der ehemalige Heldendarsteller des Ungarischen Nationaltheaters Oskar IJeregl, der auch einige Jahre unter Max Reinhardt in Berlin gewirkt hatte. Das Stück erzielte bei der Premiere einen starken Erfolg. Interessant ist die Zunahme der Josephu« Flaviua-Literatur in den letzten Jahren. Ausaer dem Roman von Lion Feuchtwanger gibt es z.B. auch sin hebräische» Drama von Bistrizky Uber dieses Thema.

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