Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 14 (8.4.1940)
- Date
- 1940-04-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette« JÜDISCH)! WBLT.RUNDeCRAU 8. April 1M0 MARIE SCHMOLKA WU: *rhon gemeldet, i»t Marie Rchmolka am tl ,1.19)0 in Isrndim grMrjrbm. Als 1933 die Jüdische Emigration aiu Deutschland in die Tschechow iovakei einströmte, wurde Frau Schmolka In der weiteren Öffentlichkeit bekannt. Ein Zufall hat'.r sie an die Stelle gestellt, von der au» s-ie sogleich begann, eine umfassende jüdisch« Flüchtlingshilfe Aufzubauen. In den Jüdischen Büro«, in den Polizeiämtern und den Ministerien wurdo ihr Nam« zum Inbegriff der Eimlgrantenfürsorge. Der atisscrordentliche Respekt, den ihr die Behörden erwiesen, entsprang nicht nur den guten Beziehungen, die nie aus ihrer eigenen früheren Berufsarbeit her mit hohen Mitgliedern der tschechischen Kcgierungskreise unterhielt. Er -wurde noch mehr hervorgerufen durch den Einflmw Ihrer Persönlichkeit, die unbestechliche Gerechtigkeit, geduldig« Gürte und scharfen Verstand (mit raschem Intuitivem Handeln verband. Jeder mustite die entschksisene Hingabe bewundern, mit der diese Frau jeden Tag der letzten eccha Jahre einer unermüdlichen Hilfstätigkeit widmete. Frau Schmolka hatte Ihre Arbelt für Jüdlache Angelegenheiten in der .Jjiga jüdischer Frawm für Frieden und Freiheit" begonnen, deren Varel tz sie in nehmt*-. Diese Gruppe hatte neben der tschechischen und der sudetende utechen Liga in der CSR keinen leichten Stand. Doch Marie Schmolka wurde auch hier zur unanfechtbaren Vertreterin der Idee, um die es ging, und Ihre Gegenwart entwaffnete aftle Parteiintrigen. In der späteren einheitlichen tschechoslowakischen Iig» hatte sie grosse Bedeutung und auf den internationalen Kongressen der Pazifistinnen trat sie hervor. Ebenso auf den Kongressen der Völkerbundligen; sie war Generalsekretär!n der judischen Völkcrbundttiga in der CSR. Der Übergang zur soeolen Arbeit lag sehr nahe. Das Elend der Ostjuden der Republik führte sie zur Arbeit an der Kar pathorusetsohe n Notstandshilfe, zur Reise In diese Gegenden und in späterer Folge zum Kontakt mit dem Joint. Das war insofern bedeutsam, als sie im Zuge der Ereignisse dann zur Vertrauenspereon der ausländischen grossen Hilfsorganisationen Uberhaupt wurde. So organisierte und repräsentierte sie die HICEM in der CSR. Nach der Okkupation der Sudeten war sie RepöJtentantin de» Londoner ZUM GEDÄCHTNIS Ix>rd M.ä/or-Fonds. Als die Deutschen nach der Besatzung Prag« tte trotz ergefrnUtoavr Unter- /urhung 'monatelang im Gefängnis MelOen, konnte der tschechische Fürsorgeministcr. der für ihre Freilassung intervenierte, auf Dutzende von Gesuchen anvsrikftnjscher und englischer Organisationen und Persönlichkeiten hinweisen, die zugunsten von Marie Schmolle« eingegangen waren. Tn den kurzen Jahren der Arbeit hatte sie «Ich Bewunderung und Vertrauen auf allen Seiten gewonnen. Die deutschen Instamen sogar beauftragten sie, werter zu arbeiten. Auf einer offiziellen Mission für die Juden im ..Protektorail" Überraschte arte der Kriegsausbruch In London, und hielt sie, sehr gegen ihren Willen, von der Heimkehr zurück. Nun kam, sehr unerwartet, die Todesnachricht In der t*cKerhf>alowaki»chvn WtZO war sie ein führendes Mitglied, ihr Haus der Sammelort zionistischer Frauen aller Länder. Miriam ttehcwrr-Qaide* (Tel-Aviv) Die Wizo in Palästina veranstaltete In Tel- Aviv eine Tnauerfeler, in der die Persönlichkeit und das Werk Marie Schmolka's gewürdigt und der unersetzliche Verlust beklagt wurde. BELGISCHE ZTONISTENKONFERENZ In Antwerpen fand kürzlich in Anwesenheit des Mitglieds der Exekutive Mosche Schertok die 28. Jahreskonferenz des zionistischen Landesverbandes in Belgien statt. Bei der Eröffnungssitzung waren u.a. der Grassrabbiner von Belgien, Joseph Wiener, und der Präsident der Jüdischen Gemeinde. (Antwerpen, Joseph de Lange, anwesend» Die Eröffnungsrede hielt der Präsident das Zionistischen Laiktoavertoandes N. Torciynor, der «Inen umfassenden Überblick über die Lage in der Welt und im Zionismus gab. Für alle jüdischen Gemeinden in der Wert, so sagte er, gibt es jetzt zwei Probleme: Erstem die Erhaltung der Juden in allen Ländern, zweiten« die Vorbereitung einer Lömmg der JwMenfraffe, Auf diesen Gebieten sind in den meisten Ländern die Zionismen führend. Torczyner schilderte die Situation bezüglich der jüdischen Einwanderungsmöglichkeiten und gab seiner Verwunderung Ausdruck, dass in der Debatte über j die Kriegsziele zwar von der Wiedererrichtung Polens, der Tschechoslowakei und Österreich* gesprochen wird nicht aber über die Zukunft dor Juden. Um.-o entschiedener müssen wir unser Ziel vertreten, den verzweifelt«! und entwurzelten Juden eine neu* Stätte produktiver Eingliederung in die mpn-sehüche Gemeinschaft zu .«schaffen. Nach einer eingehenden Erörterung d«r palästinensischen Probleme kam der Redner «chlieashch zu dem Ergebnis, das» ea jetzt darauf ankommt, sich nicht von der verzweifelten Lage des Jüdischen Volkes zermürben zu lassen, sondern die Nerven tu behalten und den Weg für eine bessere Zukunft zu bahnen. Im Verlauf seiner Rede sprach der Redner auch der beigi- *chen Ke&vntnf/ für ihre humane Haltung gegenüber den Flüchtlingen den Dank au» und stellt fest, daas die deutsche Propaganda im flämischen Teil des Landes antisemitische Keime gesäen. hat. Er dankte dem Bürgermeister der Stadt Antwerpen, Camille Huywmans, für seine im Parlament gehaltene Rede gegen den Antisemitismus Die Konferenz nahm eine ausführliche Resolution an. die gegen das palästinensische Bodengesetz protestiert und der Überzeugung Aufdruck gibt, daa* das jüdische Volk sich von seinem Weg einer friedlichen Eroberung seiner Heims«, nicht abbringen lassen wird. Da» Jüdische Volk, so helsst es darin, wird in aufrichtiger und brüderlicher Zusammenarbeit mit der arabischen Bevölkerung in dem Lande Wurzel schlagen. Aber es kann sich durch kein« Gegenkraft abhalten lassen, die Lösung der Judenfrage im Lande seiner Väter zu suchen. In einer besonderen Resolution wurde eine Neubelebung des Pro-Palästina Komitees In Belgien gefordert, ferner sendet die Konferenz Grüsse an die belgischen Chalusim Im Kibbuz Dan (Mezudath UssischMn) an der Nordgrenze Palästinas. „IN DER STILLE../1 Die Berliner Nazi-Zeltung „Der Angriff" schreibt anlässJich der Löschung von 2500 jüdischen Handwerksbetrieben in Berlin: „Das Reich ist in seinen einmal gefassten Entscheidungen unerbittlich, auch wenn die notwendigen Arbeiten in der StUle durchgeführt werden. Das gilt insbesondere auch für die restlose Bereinigung des deutschen Wirtschaftslebens von alten jüdischen Elementen." Klöoierstundon für Uri „So alte Leute wie wir können nicht nach Palästina gehen", hatten die Eltern B. ihreJm in Erez;-Isr«el lebenden Sohn vor zwei Jahren geschrieben. „Wir werden dem Lande keinen Nutzen bringen und Euch nur zur Last faMen..." Frau B., die ich von früher her kannte, haltte schon in Berlin mindestens zwei Generationen Klavierunterricht gegeben und hoffte dort ihren Lebensabend in Ruhe zu verbringen. Herr B. Ist Kaufmann von Beruf; ein ordentlicher, vorsichtiger Kaufmann, der auf diesen ruhigen Lebensabend hin auch einige Ersparnisse zurückgelegt hat. Nun hat «ich alles geändert. Klavierstunden können Juden In Deutschland kaum noch erteilen. Die Ersparnisse sind dahin, und von einem ruhigen Lebensabend Ist keine Rede. Daher gab das alte Ehepaar dem Drängen seines Sohnes nach und entachlost» sich zu übersiedeln. Es gelang noch kurz vor dem Ausbruch des Krieges, für sie ein Zertifikat zu erwirken, und nun sollten sie nach der Kwuzah Kirlath-Anawinv zu ihrem Sohn, der dort Che wer ist. Ich wus*te nicht recht, ob ich mich für die alten Leute freuen soll. Sie werden sich sicher sehr fremd fühlen, sagte ich mir; «ie werden unzufrieden sein, sie wären sicher lieber in der Stadt, aber dazu haben sie doch kein GeOd. was wird nun? Als ich Frau B. plötzlich in Jerusalem beim Hubernmnn-Konzcrt erblickte, hatte ich mir selm?> eine Geschichte zurechtgelegt: Es ging wirklicht nicht mit den alten Leuten in der Kwuzah, sie wohnen nun in der Stadt, der Mann versucht wahrscheinlich ein neues Waschmittel oder «ine neue Kaffeesorte den Hausfrauen anzubieten - - und sie, sie »sucht Kiavlerstunden. Ich überlegte schnell, ob nicht in meinem Bekanntenkreis noch ein paar Kinder da sind, deneni nwn j Klavierstunden gehen könnte, beschloss aber un bedingt das neue Waschmittel oder die neue Kaffeesorte auszuprobieren. Ich wusste «war nicht, was Ich mit dem alten Manne machen «oll der mir bis jetzt den Kaffee geliefert hat, aber Herr B. hat doch hier noch gar keine Verbindungen... Nach dem Konzert ging ich auf sie zu, und ilud sie für den nächsten Abend ein. „Sie müssen mir dann alles erzählen", sagte ich und bereitete mich darauf vor, eine hange Liste von Enttäuschungen zu hören. Frau B. kam so frisch und munter, wie Ich sie seit je in Erinnerung hatte. Hat die Frau Haltung, dachte ich mir. Der alte gute Schlag, Die junge Generation sollte sich daran ein Beispiel nehmen. Aber trotxdeJm hatte ich ein bischen Angst, das Gespräch anzufangen und stellte daher erst die neutrale Frage: „Seit wann sind Sie denn Im Lande?" — „Seit sechs Wochen, aber ich bin erst Jetzt tum ersten Mal in Jerusalem," Diese Erklärung machte mich stutzig. Ich fragte weiter Vorsichtig: „Wieso denn?" — „Na X ich bin die ganze Zeit in Kiriath Anawim, Ich bin nur des Hubermann-Koneerts wegen gekommen. Das ist doch ein Genuas, den wir in Deutschland seit Jahren nicht hatten " — „Bleiben Sie in Kiriath Anawim?'* — „-Selbstverständlich, warum sollen wir wegziehen? Unser Sohn ist dort. Es gefällt uns auch sehr gut. Und von der Landschaft sind wir ganz begeistert. Immer viwn ich Zeit habe, mach ich einen Spaziergang um die Kwuzah herum, von jeder Seite sehen die Berge anders aus." „Haben Sie viel zu tun?" — „Vormittags arbeite ich in der Flickstube. Ich bin sc-ion zu Alt um in der Landwirtschaft zu helfen, aber srhlieslich müssen die Hemden auch auf dem Lande gepflegt werden, nicht wahr?" — „Und On Nachmittag haben Sie nun für sieh iallein zum Lesen und Spazierengehen?" — „Ja. nach den Stunden. Ich gebe nämlich jeden Nachmittag zwei Stunden Klavierunterricht:" Ich staunte. „Sie wundern sich? Es gibt viele musikalische Kinder in Kiriath Anawim. Es fällt (mir nur noch schwer, mich mit ihnen zu verständigen. Aber ich lerne schon hebräisch... ani kvar lomedeth ivrlt", fügt Frau B. ganz stolz hinzu. Und dann berichtet sie weiter: „Richtig schön wird's erst, v/en.ü ich mein Klavier und meine Noten bekomme. Es ist mir nämlich gelungen, das Klavier und meine sämtlichen Noten mitherauszubringen. Vier Zentner Noten sind das. Die stifte ich der Kwuzah". Ich freute mich für Frau B. Ich habe sie mir eigentlich auch nur schwer anders vorstellen können als neben einem schwarzen oder blonden Kinderkopf am Klavier sitzend und geduldig Takte zählend. Nun hat sie das doch wieder. Und über die Fortschritte eines Uri oder einer Chajuta wird sich Frau B. sicher nicht minder freuen als über die Erfolge von Hans und Erna. Aber da fiel mir Herr B. ein. Hat er auch eine Beschäftigung finden können? Für die Landwirtschaft ist er doch gleichfalls zu alt, zum Flicken und Stopfen ist ein Mann nicht erzogen worden, was wird er nun den ganzen Tag machen? — „Mein Mann ist im Machsan (Schuppen). Er gibt morgens die Geräte aus und ordnet sie abends wieder ein. Er hat immer gern gebastelt, das kann er jetzt verwerten, er macht Kisten für Weintrauben, Regale, alles, was man braucht." „Und wo wohnen Sie denn in der Kwuzah? Zusammen mit Ihrem Sohn?" „Ja, mit der Wohnung ist es noch etwas schwierig. Unser Sohn hatte ein kleines Zimmerchen. Das hat er uns überlassen und er selbst ist zu einem Chawer gegangen. Aber in ein paar Monaten wird es besser. Es wird jetzt ein neues Chadar-Haochel (Esszjmmer* gebaut." Ich verstand nicht den Zusammenhang. „Dann kommt die Nähstube In das alte Chadar-Haochel. Und die alte Nähstube wird in einzelne Zimmer aufgeteilt. Dann kriegen wir ein grösseres Zimmer, und unser Söhn kann wieder sein Zimmerchen haben. Besuchen Sie mich doch einmal in Kiriath Anawim. Ich zeige Ihnen dann, wie wir's gemacht haben." 8onja Gottgetreu (Jerusalem)