Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 14 (8.4.1940)
- Date
- 1940-04-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. ApriJ 1940 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seit« Zehn Punkte Eli PIIOMAMM FÜR Oll MUSTMEiMtNE JUOE1S0MFT Von Dr. med. et phil. Stephan Kraus« Research Fellow der Univ. Jerusalem (h.t. In Cambridge) Das jüdische Volk hat seit seinen Anfangen die ethisch« Vervollkommnung des Einzelnen auf seine Fahne geschrieben. Der Dekalo* enthält die Grund- und Mini mal Forderungen, die an eine ethische Individualität zu steilen sind. Dieser ethische Personahsrnus findet aber seine Ergänzung in einem ethischen Sozialismus, wie ihn die Bibel und die Propheten in hohem Masse fordern und lehren Wenn heute ein Denker seine Stimme zur Frage der ..historischen Aufgabe des Judentums im gegenwärtigen Moment" erhebt, dann W*t es nicht anders zu erwarten, als das» in dieser Stimme gleichsam ein Widerhall jenes Geistes vernehmbar wird, aus dem heraus unsere Propheten gesprochen haben Diesen Eindruck erwecken die Gedanken, die Dr. Jcschajahu Oskar Wolfsberg kürzlich im „Haolam" (vom 16. Teweth »700-28 121939) unter dorn Titel: „Die historische Aufgabe des Judentums in der Gegenwart" geäussert hat. Sein Grundgedanke geht dahin, dass die Wertordnung, wie sie der Jude im Weltgeschehen und im Menschenleben sieht und anerkennt, jener unfehlbare Schild ist, den es gilt durch die Stürme der Zeit zu tragen, als Dienst an der Menschheit. Wohl ist es wahr, dass wir gerade jene Werte, die in unserer Lehre verkörpert sind, um der ganzen Menschheit willen zu erhalten haben. Aber das Postulat, „l'takken olam", es „besser zu machen" auf dieser Welt, kann nicht allein durch Festhalten am Alten verwirklicht werden. Daraus folgt, dass ,.historische Aufgabe im gegenwärtigen Moment" nicht in der „Tradition" liegt, sondern die Aufgabe heinst, in unserem Lande in exemplarischer Weise soziale Ordnung und Gerechtigkeit vorwärts zu tragen Teilnehmend am Leben Erez Israel», als ein Bürger des Landes, habe ich im sozialen Leben Erscheinungen verfolgt, die dringend der Korrektur und Remedur bedürfen. Ist es nicht Pflicht der Gesellschaft, der Jugend wenigstens dadurch den Weg zu erleichtern, dass sie in sich selbst die Bedingungen des sozialen Lebens verbessert? Überlegungen dieser Art haben mich veranlasst, eine Art „soziale« Grundprogramm" zu entwerfen. Es ist in eine Reihe von Poirtulaten gefaast, die alle aktuelle Fragen unseres sozialen Lebens zum Gegenstand haben Nun folgen die Punkte des Programms: 1. Parteigegemsütze müssen in ritterlicher Weise ausgetragen werden. Im Verhältnis der Parteien untereinander müssen bei allem ideologischen und Interessenkampf Sauberkeit u. guter Ton bewahrt bleiben (auch in der Presse). 2. In Differenzen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat ein unparteiisches Schiedsgericht zu entscheiden. 3 Die Besetzung von Amtern und sonstigen Stellen darf nur nach sachlichen Gesichtspunkten erfolgen. 4. Aus der geschäftlichen Konkurrenz ist jedes unsaubere Vorgehen auszuschHessen 5. Der Fortschritt auf verschiedenen Gebieten darf nicht durch Personen gehemmt werden, die seit Jahrzehnten ein Wirkungsfeld beherrschend, keine neue Idee, die über ihr Können oder Wollen hinausgeht, dulden wollen. 6. Das wissenschaftliche S t u d i um der sozialen Phänomene muss einen breiteren Raum an der Hebräischen Universität einnehmen, sowohl was die grundlegenden Disziplinen (z. B Soziologie) als auch was die Hilfsdisziplinen (z B. Sozialpuychologie) anbelangt (ich erinnere an das Gewiehr., das den sozialen Wissenschaften an den amerikanischen Universitäten beige meaftetfi wird). 7. Jedes Kmd im Lande hat Hecht auf Volksschulbiidnnrf und äs musa ihm die Möglichkeit dazu gesichert werden. Erziehung»- und Berufsberatung müssen auf breiter Basia organisiert werden und der Allgemeinheit zugänglich sein (als Mangel wird von Fachmännern das Fehlen einer heilpädagogischen Beobachtungsstation empfunden). » Das Bildungsprogramm der Mittelschuljugend, muds verbessert und die Fortbildung der aus der Volksschule entlassenen Jugend gesichert werden. Die Jugend soll auch andere Werte kennen als Nationalismus und Sport (wir wollen keine hebräisch sprechenden ..Barbaren" heranbilden). Jugendbibllotheken müssen geschaffen werden. Die oberste Klasse jeder Schule sollte aurh Bürgerkunde und soziale Ethik (Torath ha-Ezrachuth) ebenso wie Hygiene in ihrem Lehrplan enthalten. Bestrebungen in Richtung auf die „Schulgemeinde" sind zu unterstützen m'.t gleichzeitiger Hebung der Selbst-Disziplin. 9 Die Jugend bis zu 12 Jahren soll nicht von hauptsächlich p ol I t I s c h orientierten Bünden, sondern von einer allgemeinen Jugendbewegung, etwa auf der Grundlage des Makkabi, organisiert werden. Es muss eine von der nationalen Unterrichtsvcrwattung unterstützte Schule für Jugendf (ihrer geochäffen werden (es bleibt natürlich trotzdem den ländlichen Sdedlungen die Möglichkeit, ihre spezielle Lebensform und -auffassung schon auf. die frühe Jugend zu übertragen). 10 Die sociale FUrsorge ist, «iange die jüdische Kommunalsteuer noch nicht wirksam durchgreift, auf breiterer Basis zu organisieren, etwa in Form Indirekter Abgaben, wie sie beim Kofer Hajlschuw angewendet wurden. Jeder Bedürftige im Lande «oll die Möglichkeit zu ärztlicher und Spitalshllfc und auch von Rechtshilfe haben (aus den Behandlungs- und Rcchtsstr-Hgebühren der Bemittelten könnten j Prozent« fnr die Bedürftigen abgesondert weriden* Di* Möglichkelten für AUers-Pcnsioncn; müssen vermehrt worden In Ergänzung dieses Programms befürworte | ich zwei Institutionen, die für das Wuri zeira^en und Gedolh'-n eine?« sozialen Programms i von allgemeiner Wichtigkeit sind. Erstens sollte j es modeen« Formen von Schiedsgerichten '! (Mlsrhp*?. 8chalom> mit einem weiten Bereich j ihrer Wirksamkeit geben. Die zwei;o Institution wäre ein unparteiisches Komitee zum Studium «ozlnlor F r a - Igen, zusammengesetzt aus Vertretern der nationalen Verwaltung, aus SnchvrrstAndlgen in den! sozialen Wissenschaften und aus Personen mit \ besonderer Erfahrung in allen Schichten und! Zweigen d«?s öffcmliehen Leben* (Ich nehme hier [Bezug auf eine nahezu ähnliche Institution, dl« seit einig r Zeit in England unter dem Titel | „Society for PoMinal and Eeonomlenl Plannlng",;kur* PEP genannt, tätig ist und kürzlich eine Jschr Iniere.'aante Schrift über „Man-Power" veröffentlicht hat) Erfreuliche Ansätze zu einer Art von ..Beamten-Akademie" .sind In den Groestädten des Landes bereits vorhanden, und wenn in derartigen Kursen die Gedanken eines .sozialen Programms Fuss fassen, so wird «Lies ein Gegengewicht gegen die bedenklichen Ansätze van „Büroknitlsierung" bilden Da« soziale Ann des Nationalrates (Vaad I/eunvl) sollte zu einem Amt für »ozlaio Angelegenheiten (nicht nur Fürsorge» erweitert werden. Die Vereinigung von religiöser und sozialer Idee in Harmonie mit einem nationalen Ziel macht das Judentum zum Wegweiser unter den Volkern Hoffen wir. das« es dieser Grundsubstnnz seines Wesens treu bleibt. Rangordnung der Interessen EM ARTIKEL VOR ICH. OOREUK Im „Haarez" erörtert Sch. G o r e I i k die Frage_ worauf die von manchen beklagie „Gleichgültigkeit" der palästinensischen Juden gegenüber Schicksalsschlägen wie das Boden besetz zurückzuführen sei. Ein Artikel Im „Haarez" habe den Juden vorgeworfen, dass sie an dem Tage der Vcrkündung de» Bodengesetzes in Tel-Aviv wie immer spazieren gegangen seien. Bedeutet das wirklich ein« seetische Ferne? Junge Mensehen haben einen natürlichen Drang nach Lebensfreude. Dieser Tage lasen wir in der Zeitung von einer jungen Frau, die auf einem Purlm-Ball während des Tanzes ohnmächtig hinsank, weil Ihr Auge auf ein Stück Zeitung gefallen war, wo sie die Traueranzeige Über den Tod ihre» Vaters In Warschau las — wahrlich wie eine Szene aus dem 4. Akt einer Oper. Aber wie gross ist die Kraft des Optimismus und der Lobensdurst der Menschen: Diese bedauernswerte Frau hatte einen! Vater, der in Warschau lebt, und das Leben in [ Warschau unter Naziherrschaft bedeutet Todesgefahr und ist vielleicht noch schlimmer als derj Tod, und. die Tochter In Tel-Aviv tanzt auf dem; Purim-BaH! Gegenüber solchen Lebenstatsachen j versagen alle Moralpredigten. Der Autor fährt dann fort: j Vielleicht lohnt es. bei dieser Gelegenheit noch i Uber eine andere Art von Gleichgültigkeit zu i sprechen, wenn man überhaupt diesen Begriff zur j Bezeichnung einer ernsten Haltung benutzen kann: Ein Mensch kann ein sehr guter jüdischer! Patriot und «in ausgezeichneter Zionist sein und; trotzdem die Überzeugung haben, dass ein schwerer Schlag wie das Bodengesetz nicht verglichen werden kann, ja in keinem Verhältnis steht.; mit <>m furchtbaren Unglück, das über die euroj päische Judenheit gekommen ist. Ein Jude hier J muss während er am Aufbau des Landes, Bo-1 denkauf etc. arbeitet, trotzdem wissen, das» es I nicht angeht, diese Niederlage (Bodengesetz) über; jenes furchtbare Unglück zu stellen. Bei all! ihrer Bedeutung ist diese Sache zweitrangig. Es S gibt einen anderen, kategorischen Imperativ, den j man jedem Juden in Palästina einpflanzen muss, i so wie er im Herzen aller Juden der Weit sitzt, j Ei» ist die Tatsache, die Paul Renaud im französischen Parlament kürzlich «o formuliert hat:; „In diesem Krieg werden wir alles gewinnen oder alles verlieren," Wenn der Vertreter einer grossen und mächtigen Nation so spricht, was; &">llen wir Juden aagen? Tausend Mal mehr gelten dies« Worte für uns Heute 'müsste man Jeden Juden beim Rockzipfel fassen und ihm ohne Unterlans sagen — denn gerade auf diesem Gebiet ist eine bedauerliche Gleichgültigkeit zu verzeichnen ..... und wiederholen: Tat Dir bekannt, dara die Zukunft Deinen Volkes und Deine eigene Zukunft ganz und gar nur von dem Ausgang diewes grossen Kriegen abhängt? Tue Deine tägliche Arbeit ata Arbeiter. Kaufmann, Beamter etc., aber wisse diese eine ■Sache, und wenn Du s i e nicht weinet dann webwt Du garnlchts, dann bist Du blind gegenüber,. Deinem eigenen Schicksal und gegenüber dem Schicks«! Deines eigenen Volkes. Chanita und hundert andere Chanita'» werden Dir nicht« helfen am Tage des Verhängnisses, wenn Hitler *:ieg:. Und sogar wenn Hitler nur halb siegt, wenn er garnleht nach Palästina kommt. Du hast keine Hoffnung auf Hilfe und Trost, wenn nicht diesen Regime von der Erde verschwindet. Tue Dein« Arbeit, aber all Dein Interesse mitffa diesem grossen Krieg« gelten. Dorthin richte Deine Augen. Gedenke und wisse, dass in dieser Stunde a II e s andere zweitrangig tat, zwar «ehr wichtig, aber nicht das Wichtigste. Das Wichtigste, das auf der obersten Stufe '«teht, das Alphi und OmegÄ, ist der Ausgang de* Krieges Wenn ein Jude nicht In dieser Hoffnung leb:, imiist man fracren, wie kann er überhaupt noch leben. Regen wir uns nicht auf über die Gleichgültigkeit und den primitiven Optimismus der jungen Leute.-die In ihrer Lebensfreude tanzen wollen, sondern regen wir uns auf über die Gleichgültigkeit der vielen die eine wichtige, aber doch rwcitranjrifre Angelegenheit über die erste und entsc hei dam de Angelegenheit stellen. Das Int. der Irrtum und die Selbsttäuschung Nur das Eine müssen ".vir Immer vor Augen haben: In diesem Krieg werden wir Juden alles gewinnen oder alles verlieren. Die Isr. Kultusgemeinde in Brünn wurde von der Bezirkähehörde in Brünn aufmerksam gemacht. da»s fe'tmä-'ss Erlajy» Nr. 4023/40-I/F des Handelsministeriums in Prag nich {arische Personen ihren Bedarf an Textilwaren und Schuhwerk bei AltwarnnMin-tttern frei erwerben können. Die Ausgabe v«>n Bezugsscheinen kann daher nur in aufe«ergi?wöhnlichen Fällen dringendster Not, wenn der Bedarf nachweislich nicht durch Altwar© gedeckt werden kann, erfolgen Das bedeutet, da&g Jud*n nur alte Sachen bei Trödlern kaufen können.