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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-08 · 14 (8.4.1940) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
14 (8.4.1940)
Date
1940-04-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU 9. April mO Fluchtlingsproblem hingewiesen, wo er anregt, die palästinensischen Siedlungen eis Vorbild und AufbildungMtttten zu nehmen. Aber auch tonst Beigen die oft ao geringKhlfUiK angesehenen Juden Kräfte, die niemand in ihnen vermutet hätte. 80 r.. B. liegt uns ein Bericht vor Uber da* Schicksal der aus Mähr. Ostrau nach Nisko (Im Kreis Lubltn) deportierten Juden, die von den Nazis im Winter auf freiem Feld ausgeladen wurden und unter schrecklichsten Umständen aus eigener Kraft aus dem Nichts ihr Lager selbst aufgebaut haben (wobei, wie man allgemein hört, die örtlichen Juden, selbst arm und elend, das grösste Mitgefühl und Hilfsbereitschaft bewiesen haben). Der Berichterstatter über diese traurige Episode fügt hinzu: „Das Aufbauen des Lagers in Nisko hat bewiesen, dass diese Juden tu schwerer Arbeit fähig und bereit sind und dass sie imstande wären, in San Domingo oder anderswo, wenn man ihnen dazu Gelegenheit gibt, schwere Aufbauarbeit zu leisten. Auch ihre Familienmitglieder, Frauen und Kinder, sind dazu bereit, auch solche, die jetzt noch im Protektorat leben". In wenigen Jahren hat sich, sozial, psychologisch und sogar körperlich, eine gewaltige Wandlung vollzogen. Wir haben es mit einem neuen jüdischen Volk zu tun. Das fordert auch einen neuen Ausdruck nach aussen, vor der Welt. Sogar innerhalb de« jüdischen Kreises ist dafür noch nicht das genügende Verständnis. « Um die jüdische Stimme zu Gehör zu bringen, muas ein starkes Selbstbewusstsein der Juden da sein, denn die grosse Masse der Juden zieht heute mehr als je die Anonymität vor, sie ist »ich der Lage und des Austmasses der Bedrohung nicht bewusst. In dieser Zeit der Not haben wir, so bitter es klingt, nicht einen Schatten einer repräsentativen Vertretung des jüdischen Volkes. Der Schlüssel dieses Problems liegt in Amerika. Das amerikanische Judentum ist anscheinend noch nicht zur Erkenntnis seiner Verantwortung erwacht. Es gibt in USA keinen fühlbaren und entschlossenen jüdischen Willen und keine der Aufgabe der Stunde gewachsenen Führer. Die spärlichen Andeutungen, die über Weizmanns Amerika- Aufenthalt in die Öffentlichkeit gedrungen sind, zeigen, dass die Entwicklung der Dinge, auch unter der Wirkung der eigentümlichen Stellung Amerikas in diesem Krieg, noch in den ersten Anfängen steht. Vorläufig herrschen die Meinungsverschiedenheiten über Ziel und Wege vor. Es kann aber nicht unmöglich sein, Grundsätze für ein jüdisches überparteiliches Gesamtprogramm aufzustellen, die allen gemeinsam sind, die einen Sinn für die Realität haben. Für enge Parteigesichtspunkte ist heute kein Platz. Hier wäre Raum für eine Initiative der Zionisten. Wie aber der Londoner „Jewish Chronicle" berichtet, besteht in USA eine Art FUhrerkrise im amerikanischen Zionismus; der gegenwärtige Präsident Dr. S. Goldman hat viel Widerstand hervorgerufen, und die ältesten Führer sind nicht mehr bei vollen Kräften. Der „J. Chr." meint, Weizmann werde nach USA zurückkehren und dort eine neue Bewegung zu schaffen versuchen; auch wenn man diese Voraussage bezweifelt/wird man zustimmen, dass das amerikanische Judentum einen neuen Impuls erhalten und sich neu organisieren muss, es ist ja das letzte grosse jüdische Bollwerk. Es kommt darauf an, ob — durch Wirkung von aussen und von innen — das amerikanische Judentum aus sich heraus die neuen, heute noch nicht geahnten Kräfte und Menschen produzieren wird. In Palästina sieht man der weiteren Entwicklung der lokalen Politik mit Unbehagen entgegen. Die Berichte Uber die Debatten im irakischen Parlament zeigen, daas in arabischen Kreisen der feste Glaube besteht, da« Aus Nazi-Polen JVDCft M DIN ITHASSENMMMU De» offizielle Nazi-Organ „Krakauer Zeitung", Folge BS meldet: „Eine Regehing der in errter Linie aus Ge- Aundheitsgrunden grosse Bedeutung zukommt, ist jetzt durch «ine Bekanntmachung des Stadt- Hauptmann* von Krakau Uber die Benutzung der Straawenbahn dfcvc*> Juden getroffen worden. Grundsätzlich werden in Zukunft Judjen die Krakauer Strassenbfthn in für sie bemmder» abgetrennten Abtetim benutzen. Die Durchführung wird im «Inieinen «o sein, dam auf allen Linien, auf denen die Triebwagen mit Anhänger verkehren, die Judjan das Ihnen im Anhängewagen zugewiesene hintere Abteil zu benutzen haben. Das Betreten des Triebwagen» ist ihnen untersagt. Auf den Linien, auf denen mir Triebwagen allein verkehren, werden Im hinterer» Teid der Triebwagen besondere Judenabtei le eingerichtet Soweit die Wagen nicht cwetteiUg gebaut sind, geschieht die Abtrennung der Judenabteile durch bewegliche Vorrichtungen, die vom Schaffner Je nach Raumbedarf angebracht werden können. Entsprechende Aufschriften werden auf die Trennung in den Abteilen besonders aufmerksam machen. Die Absonderung der Juden von den übrigen Fahrgästen üit, wie genagt, in erster Linde ata eine notwendige gesundheitliche Mmmtahnus anzusehen, da bekanntlich die Juden aus angeborener Unaauberkeit heraus in starkem Masse Ungeztofltrtrager sind, und damit auch «ehr oft die Gefahr von Seuchen* und Krankhettsübertragung gegeben Ut. Die enge Berührung mit Juden, die in einem vollbesetzen Straßenbahnwagen sonst nicht zu vermeiden wäre, fördert eine solche Übertragung, Allein aus diesem Grunde bedeutet dteee Regelung eine dringende hygienische Massnahme," Ea ist bereits gemeldet worden, das» die Juden in Polen die Eisenbahnen nicht benutzen dürfen. Der genaue Wortlaut dieser Verordnung Hegt jetzt in dem .Verordnungsblatt dea Genenaigouverneur» für dl» Dantaten polnischen Gebiete" vor, deren erster Absau foigendermaasen lautet: „Auf Grund dea Par. 5 Abs 1 des Erlasses dea Führers und Reichskanzler* Uber die Verwaltung der besetzten polnischen Gebiete vom 11 Oktober 1939 (Reichsgesetzbl. I. 3 2077) verordne ich: (1) Die Benutzung der Eisenbahn durch Juden wird bis auf weiteres verboten. f2> Dies gilt nicht für Reisen, für die eine schriftliche Anordnung des Generalgouvemeurs, seines Amtes oder eines Distriktschefti vorliegt." AD das darf nie venteasen werde*! „SELIST OER JUOE..." Wie eine Ironie klingt folgende Bemerkung in der Nr. 49 des Kriegaaonderdienates der Na- UonsdaoataÜJit lachen Partei-Korrespondent „Die Innere Front" in einem Artikel „Wie leben die Polen im Generalgouvernement". Ordnung nach dem Chaos". „Seibat der Jude geniemt in aeiner Gemeinde ein bestimmte* Maas von Freiheit, da durch die Errichtung der Jüdischen Altestanräte, eine Inatanz geschaffen ist, die den jüdischen Gemeinden in der Durchführung aller Verordnungen einen gewissen Spielraum und eine klare Verantwortung lässt..." Die Begriffe der Menschen sind so verwirrt, daas wahrscheinlich die Leaer dieser Auffassungen ganz stolz sind Uber den Nazi-Edelmut, der „seibat dem Juden" ein „bestimmte« Maas von Freiheit" (!) gibt. Nach einer - geradezu unglaubhaft klingenden — Meldung werden Briefe, die an Juden nach Lodz adressiert sind, den Absendern zurückgeschickt mit dem Vermerk: ..Adressat lebt im Ghetto, Ariern der Eintritt verboten, daher Brief unbestellbar". nach der Immigration und dem Bodenkauf nun auch der dritte Punkt dea Weissbuches dran kommt, nämlich die konstitutionelle Reform. In Bagdad sprach man gar von einer angeblich bevorstehenden „arabischpalästinensischen Regierung". Die jüdische Öffentlichkeit hat ihre scharfe Opposition gegen Bodengesetz und Weissbuch nicht aufge geben. Aus der in einem Londoner Kommunique hervorgehobenen Tatsache, daas die Demonstrationen aufgehört haben (man kann doch nicht ununterbrochen demonstrieren), darf nicht gefolgert werden, daas man sich mit dem Gesetz abgefunden hat. Die Juden tragen dem Umstand Rechnung, dass wir im Kriege stehen. Aber man hofft auf den Moment, wo die Beschränkungen wieder fallen werden. « Bin grosses Verdienst hat Sch. Gorelik sich erworben, indem er als erster in der hebräischen Prasse auagesprochen hat, was Tausenden von Juden in Palastina auf dem Herzen brennt (vgl.S. 5). In all den Schwierigkeiten, durch die wir in Palästina durchzugehen haben, und in aal den politischen Kämpfen erscheint es ads paradox» Situation, das» diese Dinge, die uns als Zionismen und Palästinensern in normalen Zeiten immer die wichtigsten waren, heute nicht mehr isoliert betrachtet werden können, sondern ein Teil sind der unteilbaren Juden-Tragödie und WeR-Tragodäe, die sich vor uns abspielt. Der einfach« Jude, in besonders hohem Masse die aus Mitteleuropa stammenden Juden empfinden das oft bewuast und oft unbewusst und darum sind sie oft befremdet von dam Überwuchern der innerjudischen AuseinsJKfersetxungen und lokahjtoUtisehen Streitigkeiten, aber darüber hinaus auch von den Äusserungen, die nur von JCinselproblemen auszugehen scheinen und nicht berücksichtigen wollen, dass die Problematik «ins andere geworden ist. Wir brauchen uns dessen nicht zu schämen; das Phänomen Hitler hat für dde meisten Völker der Welt ihre Probleme vollständig umgestaltet, alle früheren) Anschauungen, Begriffe, Relationen sind verändert, und es geht nicht an. so zu tun. als ob alles noch ao wäre wie in gesicherten ruhigen Zeiten. Nur wenn wir dies begreifen, werden wir in Palästina die Gefühls- und Denkgemeinschaft mit der Gesamtjudenheit wiederfinden. Das bedeutet natürlich nicht, daaa wir unsere palästinsnsischen Probleme leicht nehmen; im Gegenteil, nach unserer Meinung hängt an ihnen die Existenz und die Zukunft dea jüdischen Volkes, aber erst wenn die gröstere Gefahr beseitigt ist; denn gelingt dies nicht, dann nützt uns auch kein Einzelerfolg in dieser oder jener Frage. Meist beschleicht uns nur das unheimliche Gefühl, daas wir „alles zu verlieren" haben, und trota all unseren schweren Verlusten haben wir noch vieles zu verlieren. Aber wir haben auch alles zu gewinnen. Bedenken wir dies. Nach dieser furchtbaren Zeit kann es wieder au/w&rt» gehm. Nur müssen wir selbst wissen, was wir wollen, denn wir selbst werden unser neues Leben zu formen haben. EINWANDERUM NACH AMERIKA Über den Stand der USA-Quoten (vgl. den Artiket „Wohin mit den Juden" in Nr. 13 der ,JWR"> per 15. März 1940 unterrichtete folgende Bekanntmachung, die in Prag erfolgte: Die Vorladung zum amerikanischen Generalkonsul werden jetzt erhalten: 1) alle Personen, die auf tscheschischer Quote bis zum 21. Juli 193s registriert sind. 3) ferner eile Personen, die auf reichsdeutscher Quote bis tum 10. September 1938 registriert sind. 9) und schliesslich alle Personen, die auf polnischer Quote bis ». April 1938 regietrlert sind.

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