Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 13 (1.4.1940)
- Date
- 1940-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ft JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 1. April 1W0 Zolas Juden-Roman ZUM 100. GEBURTSTAG OES DICHTERS AM 2. APRIL SSola hat diesen Roman nicht rwchr geschrieben. In dem Moment, als er dazu ansetzte, ereilt« ihn der Tod Am 2». September 1902 Er war zu Jener Zeit müde und enttäuscht, die „Affatre" hatte ihn zerbrochen. Dreyfus, für den er sich mit »einer Kränzen Persönlichkeit eingesetzt hatte, war zwar begnadigt, aber Gerechtigkeit war ihm - damals -- noch nicht widerfähren, die gerichtliche Feststellung seiner Unschuld noch nicht erfolgt. Zola, ehemals als „Vaterlandsverräter" der Allgemeinen Verachtung preisgegeben, jetzt wieder rehabilitiert, wurden verschiedene literarisch» Angebote gemacht, er lehnte sie ab. Er. der Zeit seines Lebens der flcissigste literarische Arbeiter gewesen war, schrieb weder Romane noch Dramen Das einzige, was er tat, war, daas er die lotete Hand, anlegte an seinen Roman „Veritc". In dem er den Fall Dreyfus behandelte. Die Feder hielt auf dem abschliessenden Wort „Justice" (es war wirklich so, wie es vor wenigen Jahren der Paul Muni-Film" gezeigt hat) — da stiegen Gase aus seinem Ofen, vergifteten und töteiten ihn -- — Zola hat sich in den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Entwicklung für jüdische Fragen durchaus nicht besonders interessiert Er erzählte rmr einmal beiläufig, dass es ihm in sei ner Jugend aufgefallen sei, dass in seiner Hei matstadt Aix viele Familien den Verkehr mit Juden gemieden hätten — bis auf die Offiziere, die anscheinend die Reize jüdischer junger Mäd^ chen trotz aller Vorurteile zu schätzen wussten. So weit in den frühen Romanen Zohu Juden auftraten, so gehörten sie meistens jener bourgeoisen und kapitalistischen Schicht an, die Zola bekämpfte, indem er sie beschrieb Die französischen Antisemiten zogen daraus den Trugschlus?, daas sie den Dichter zu Ihren Anhängern zählen dürften. Insbesondere war der französische Antisemitenführer Eduard Drumont, der Verfasser von „La France Juive" (178 Auflagen f) zunächst ein grosser Bewunderer Zola« Der Bewunderung folgte abeT bald Haas — einerseits wohl aus literarischen Gründen, denn Drumont, der Romantik zugeneigt, sah in Zolas naturalistischen Beschreibungen Bilder der Stttenloalgkeit, der Rohheit und der Bestialität; dann aber als sich Zola für Dreyfus einsetzte, wurde der Haas endgültig besiegelt und fand in der von Drumont bereits 18&2 begründeten „Libre Parole" ständigen Ausdruck. Die „Libre Parole" war es auch, die ihre Anhänger während des grossen Belcldlguntrsprozesses gegen Zola — 7. bis 23. Februar 1898— zu Strasscndemonstrationon und immer neuen Überfällen auf die Dreyfusards aufhetzte Zola charakterisierte Drumont: „Sein einziges Verdienst, wenn man die« ein Verdienst nennen kann, bestand darin, die Unzufriedenheit des Volkes für sein vernunftwidriges Unternehmen auszunutzen. Er profitiert« von den ärmlichen und elenden Verhältnissen, in die ein Teil der Massen versunken war, um eine künstliche Bewegung gegen die Juden i zu schaffen. Dergestalt, dass diese ahnungslosen Massen Kapitalismila mit Judentum verj wechselten, einander gleichsetzten. Eine Institution und eine Menschenklasse " Diese Charakterisierung Drumonits zeigt, dass; Zola den Antisemitismus zunächst noch einseitig erfasste. Andererseits ist er aber nicht erst durch seine Beschäftigung mit dem Fall Dreyfus auf dieses Problem gekommen. Ganz unabhängig von der Beantwortung der Schuldfrage war Zola offensichtlich sehr betroffen vom Umfang der antisemitischen Propaganda, die die Reaktion gegen Ende des vorigen Jahrhunderts (allerdings im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affalre) in Frankreich zur Entfaltung brachte. Er veröffentlichte deshalb im Dezember 1897 im „Figaro" einen sensationellen Artikel „Für die Juden" (nachgedruckt in Herzig Zeitschrift „Die Welt" v. 4.2.98). In diesem Artikel schreibt Zola, das» er den Antisemitismus alseine Ungeheuerlichkeit empfände, als eine Verblendung, die Frankreich um Jahrhunderte nt«eh rückwärts führt, als eine Sache endlich, welche auf die schamloseste aller Nichtswürdigkeiten abzielt Er zählt dann die einzelnen Anklagen gegen die Juden auf, die Üblichen Anklagen des Antisemitismus einer „milderen" Prägung. Zola bemüht sich nicht weiter, die Behauptungen r.\t entkräften, meint aber: , Die Juj den von heute sind das Werk unserer tauaend-! jahrigen Verfolgung " Indem man die Juden veri folÄc, könne man aie aber gewiss nicht bekämp- I fen ..keine Sache ist je gewachsen, wenn sie! nicht mit Märtyrerblut begossen wurde. Wenn! r-5 noch imnwr Juden gibt, so ist dies Eure I Schuld, sie wären längst verschwunden, hättet I Ihr sie nicht gezwungen sich zu verteidigen, sich , zusammenzutun und auf ihrer Rasse zu bestehen " Zola »ehMesst seinen Artikel mit der Aufforderung: „Die Arme weit geöffnet! ...Empfangt sie mit Liebe, um sie zu absorbieren und mit uns zu vermischen... Fördert die Ehen mit ihnen und überlaset es den Kindern, die Väter miteinander zu versöhnen?..." Kaum war der Artikel (von dem die Redaktion der ..Welt" begreiflicherweise bemerkt, dass sie sich mit Ihm nicht in allen Teilen identifiziere) erschienen, meldete sich bei Zola der Jüdische Journalist Bemard Lazare, der damals schon der Vertrauensmann der Familie Dreyfus war und bereits zwei Broschüren zugunsten des auf die Tctifclsinsel verbannten Hauptmanns veröffentlicht hatte, um die Revision herbeizuführen. Lazare hatte »ich damals schon an eine Reihe prominenter französischer Juden gewandt, ohne freilich irgend ein Interesse zu erfahren. Auch bei den NichtJuden stiess er zumeist auf taube Ohren. „Der Prophet in dieser Krise Israels und der Menschheit", wie Lozare von Charles Peguy genannt wurde, ermüdete trotzdem nicht. So also kam er auch zu Zola und überreichte ihm eine Denkschrift. Zola las sie zunächst nicht einmal, er arbeit-te gerade intensiv an seinem Roman „Paris" Aber dann nette er eine Unterredung mit Scheurer-Kestner, dem Senatsprasldenten. Dass dieser wichtige Mann für Dreyfus eintrat, stimmte ihn nachdenklich Jetzt machte er sich mit dftn Tatsachen vertraut Und als er ahnte, was für ein ungeheuerliches Unrecht an Hauptmann Dreyfus geschehen war, da packte ihn die Empö- I rung Er schrieb erst drei Artikel im „Figaro",! und als ihn dann das Blatt wegen der vielen Abbestellungen nicht mehr haben vroltte, zwei Broschüren — den ..Brief an die Jugend" und den „Brisf an Frankreich". ..Kommt doch eine Minute lang zur Besinnung!" ruft er der Jugend zu ..Macht Euch frei von dem kindischen Aberglauben, dass dl? Juden mit ihrem Geld an Stelle von Dreyfus einen (Thristen einkerkern wollen! Lernt doch endlich begreifen, dass die Gewissen von lebenden Menschen durch kein Geld der Erde gekauft werden können! Oder hat das Gift des Antisemitismus Euch schon um jede Klarheit des Gedankens gebracht?**... Man könnto es annehmen, denn Tausende glaubten damals Rocheforts alberne Behauptung, die übrigens auch in England verbreitet wurde, der Baseler Zionistenkongress habe die Befreiung Dreyfus' beschlossen... Zola sprach mehr oder minder ins Leere. Da feuerte er sein letztes und grösstes Geschoss ab: Er schrieb sein zündendes „J'accuse" in Form eines Offenen Briefes an Felix Faure, den Präsidenten der Republik — einen Artikel, in dem er in genialer Intuition das gesamte Bild der erschütternden Affaire und ihren Hintergrund darstellte, obgleich ihm nur spärliches Tatsachenmaterial zu.- Verfügung stand. Er brachte seinen Artikel auf die Redaktion der „Aurore" und las ihn dort Bernard Lazare, Jospeh Reimten und George« Clemcnceau vor. Die Freunde meinten: „Diese schwere Anklage bringt Dir bestimmt einen Proze*.« ein, vielleicht sogar Gefängnis." Zola erwiderte: „Genau das will Ich." Er wurle wegen Beleidigung des Kriegsgerichts verurteilt und musste nach England fKehen. Wenn er auch nach seiner Rückkehr den Weg zur Revision des Dreyfus-Urteils geebnet sah, spürte er jetzt doch die ganze Tiefe des Jüdischen Problems, das durch die „Affäre" so akut geworden war. Aus der Monumental-Auagabe des literarischen Nachlasses von Emile Zola (herausgegeben von seinem Schwiegersohn Maurice Leblond) wird nun ersichtlich, dass Zola zu dem Roman „VeritS" einen zweiten Teil geplant hat, der unter dem Namen „Justice" den Weg zur Befreiung der Juden zeigen sollte. Zola entwarf dieses Werk vermutlich unter dem Einfluss Bernard Lazare«. Ihm, der wenige Jahre vorher noch ein Anhänger der vollen Assimilation war, schwebte jetzt die Renaissance des Judentums in Palästina vor. Brich GotUjctreu (Jerusalem) Englische Kriegsziel-Schriften Der Führer der englischen Arbeiterpartei Arthur Greenwood hat ein Buch unter dem Titel Wofür wir kämpfen" veröffentlicht, worin er auch auf die Judenfrage zu sprechen kommt. Er sagt u.a., man müsse bezweifeln, ob In der leiilensvollen Geschichte der Juden sie damals solchen Verfolgungen und Peinigungen ausgesetzt waren wie unter der Herrschaft von Hitlf- Das Kapitel der Verfolgung der Juden durch Hitler, so schreibt der Verfasser, wird für alle Zelten eines der schwärzesten und erschütterndsten Kapitel der Menschheit bleiben. Durch dies» Verfolgungen Ist ein neues dringliches WeH.nrobiem ^»»schaffen worden, nämlich da* Problem der Flüchtlinge, auf das eine Antwort gefunden werden muss. Auch Harold Nlcolson kommt in seinem Buch „Warum Grossbritannien im Krieg ist" (Penguin Special) auf die Judenfrage zu sprechen. Nicolson, seit 1939 Mitglied des Unterhauses, ist bekannt als Schriftsteller und Diplomat. Er hat In seinem Buch „Friedensmacher", das Im vorhitlerlschen Deutschland bei S. Fischer in Berlin in deutscher Übersetzung erschienen ist, die Unfähigkeit der Nachkriegsdiplomatie, die Welt neu zu organisieren, scharf gegeisaelt. (Der zionistischen Öffentlichkeit ist Nlcolson dadurch bekannt, dass er einer der wenigen Mitglieder der Regierungspartei ist, die die Palästinapolitik des letzten Weiasbuches ablehnen). Das kleine Büchlein, worin er die Entwicklung der Dinge in den letzten vier Jahren erzählt, — Tatsachen, die jeder kennt, - ist trotzdem eine atemberaubende, dramatische Darstellung. Der Verfasser spart nicht mit Angriffen gegen die englische Regierung, die ohne Gegenwehr und in unbegreiflicher Selbsttäus^hung die Entwicklung bis 1939 vor sich frohen Hess, obwohl er sie damit entschädigt, dass diese der Volksstimmung entsprach. Nlcolson schildert den Pogrom vom 10. November 1938 und den Eindruck, den dieses Ereignis In der Welt gemacht hat; er analysiert die destruktiven Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung, aber die zentrale Stellung der Judenfrage als Eckfeiler in diesem Gebäude wird nicht genügend erfasst, was bedauerlich ist, weil gerade hier so manche Schlussfolgerungen sich ziehen lassen würden Der Verfasser schliesst mit einem etwas optimistischen Ausblick, mit der Annahme, dass nach der Überwindung des Hltler-Albdrucks ein neues Deutschland entstehen wird, das einen Bestandteil der künftigen „Vereinigten Staaten von Europa" bilden wird. Sehr radikale Kriegstiele vertritt Sir Richard Acland in seinem Buch „Unser Kampf* (Penguin-Speclal); er erwartet von einer weitgehenden Sozialisierung im Innern, verbunden mit einer neuen internationalen Ordnung noch Aussen nebst Befreiung Indiens und oller Kolonien eine Lösung, wobei er verschiedene heute phantastisch scheinende Vorschläge macht, z.B. eine in Kanada stationierte internationale Armee mit Esperanto als Umgangssprache, und die Hoffnung darauf setzt, dass eine solche Weltordnung das russische und deutsche Volk von ihren Regierungen trennen und von der Überlegenheit der britischen Moral überzeugen wird. — Diese sowie manche andere Publikationen dieser Art erregen oft den Eindruck, vorwiegend innerpolitische Streitschriften zu sein, sind aber gerade darum für ihm aussenstehenden Leser interessant, well sie zeigen, welche Art des Denkens im Kricgs-England von heute vorhanden ist. An unsere Leuer! Bei der Korrespondenz mit der „JWR" In Jerusalem bitten wir zur Erleichterung der Zennur und zur Vermeidung von Verzögerungen auf dem Brief kuvert zu vermerken: 1. Name und Adreaae de« Absendern, 3. Die Sprache, In der der Brief geschrieben tot (z.B. Engllfth, Hebrew, German ete). Ferner machen wir unsere Leaer darauf aufmerksam, dann Pont karten, bei denen die Adresse aufgeklebt fet, im Verkehr mit Palästina nicht verwendet werden dürfen.