Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 13 (1.4.1940)
- Date
- 1940-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2424658-2424686-2424699--488-2425250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Gdynia 1× ep/1044599
- Kalisz 1× ep/1002366
- Sierpc 1× ep/1791646
OCR text
Aeitt 4 JUDI3CHJC WELT-RUNDSCHAU 1. April 1940 Dringende Bitte Wir bitton oll« B«zl«h«r der JWR", dl« mit d«r lezohlung d«t Abonn«m«ntt Im Rückstand« sind, um sofortig« Ubtrwfliungl B«d«nk«n Sit), wl« lang« dl« Post braucht, und vnfr wl« schwi«rlg«n Verhältnissen wir arbeiten müssen. Nachrichten ans aller Welt sind nach den Friedhöfen überführt worden. Bevor dies alles eich abspielte, herrschte ein fürchterliches Durcheinander, insbesondere in der Zeit zwischen dem 5. und 8. bzw. 11. September. Riesige Wellen von Flüchtlingen fluteten von Czenstochown, Kalisz, IxkIz, etc. nach Warschau und woiter nach dem Oaten. Die Chausseen | kett der .Junior Hadassah* in New York eine An waren bis an den Rand gefüllt mit Menschenspräche, In der sie ihr tiefes Mitgefühl für das mausen, welche ständig durch deutsche Flug-1 Schicksal der Jüdischen Jugend von heute zum Der Zentralrat für jüdische Flöehtllnfshilfe in Txvndon 'früher Council for German Jcwry) veröffentlicht die erste Liste der Sanumluniren zu dem 400.000 Pfund-Fond. Die List« enthält an der Spitze 3 Spenden h f Jn\000. von der Familie Rnth*rhil4, der Familie Lord Bearsted, und Familie Mark*-Fnchrr-m*ff . Es folgt Lt. Col. St. Cohen mit 110,000, wahrend der Konfektlonxmagnat Sir Montague Rurton nur mit I ftOOO vertreten Ist. Drei Spenden zu 13000 und drei zu «2800 schüessen sich an. Die Gesamtsumme bis Mitte Mar« betrug IIM.OOO. Die ungarische und die } u goslavl sch e Regierung haben ein Ansinnen der Nazi-Behörden, die deutsche antisemitische Ausstellung „Der ewige Jude" In Ihren Lindern zu zeigen, abgelehnt und die Veranstaltung verboten. Nach einem Bericht des Londoner ..Jewish Chronlrle" hat Snmner Wellen wahrend seines Aufenthaltes In Paris ein Gespräch mit dem polnischen Ministerpräsidenten der Exils-Regierung Gen Rikorskl über die J u d en f r a ge In Polen gehabt. Die Unterredung wird ala „sehr offenherzig" bezeichnet. Mrs. Roosevelt, die Gattin de» Präsidenten der Vereinigten Staaten, hielt bei einem Banzeuge beschossen wurden. Daraufhin begannen die Flüchtlinge nur nachts zu wandern, die Gegenden, welche diese Menschen passierten, wurden von allem entblösst, als ob sie von Heuschrecken heimgesucht worden wären. Infolge eines missverstandenen Rundfunk-Aufrufs verlies! am 6. die waffenfähige minnliche Jugend die Stadt. Und dann begann der Rückzug der Ausgehungerten und Verelendeten, welche unterwegs nicht gefangen oder ins Konzentrationslager gebracht worden sind, übrigens wurde In der Zwischenzelt ein «weiter witziger Befehl erlassen, dass die Polizei, Gemeindebehörden etc. die fluchtenden Massen zurück nach den Städten leiten sollten und zwar „nach dem Durchmarsch dsr deutschen Stosstruppen, Jedoch vor dem Passieren des deutschen Nachschubs". Zum Glück wanderten diese Flüchtlinge nicht mehr auf den Chausseen und ausserdem gab es auch nicht mehr allsuviele diensteifrige Polizisten und Gemeindebehörden. fielt der Besetzung von Warschau wird die Lage immer schlechter. Verschiedene voneinander unabhängige Behörden nehmen sich besonders fürsorglich der Juden an, bei denen man Haussuchungen abhält, nach „Waffen" sucht und dabei alles Mitnehmbare mitgehen lisst, Möbel, Betten und selbstverständlich Bargeld. In den Läden suchen sich die Soldaten die Waren aus und zahlen dafür Preise nach eigenem Gutdünken, oft im Verhältnis 1.100. Übrigens sind die Engros-Lager schon durch die amtlichen und nichtamtlichen Beschlagnahmen — Gestapo — gam geleert worden. In unserem Hause haben die Deutschen schon eine Reihe von Lokalen beschlagnahmt, aber unsere Wohnung nehmen sie nicht Da das Dach Uber unseren Köpfen abgebrannt ist, ist ihnen dieselbe zu feucht. Sie haben nur Teppiche und Kleinigkeiten mitgenommen. Die Juden tragen ein Ehrenabseichen, eine weisse Armbinde mit einem Davidstern darauf. Dadurch wird es angenehm erleichtert, den Juden die verschiedensten Arbelten zuzuteilen, s.B. Abräumen von Schutt, Waschen von Wagen, Tragen von Kohlen und von weggenommenen Sachen, Möbeln etc. Das ganze Land wird gründlich ruiniert, insbesondere Jüdische Unternehmungen Ausdruck brachte. Der Präsidentin wurde ein Album mit Bildern des Kinderdorfes Melr Schefeja überreicht, und sie sagte, wie glücklich diese Kinder sein müssten. sicheren Boden unter den Füssen zu haben Man müsse hoffen, dass die Menschen, die dort aufwachsen, anderen Kindern dazu verhelfen werden, In einem demokratischen Land glücklich zu leben. In London starb plötzlich Frau Marie S c h m o 1 k a aus Prag Im Alter vor. SO Jahren. Frau Schmolka war in den letzten Jahren eine der wichtigsten Figuren im Jüdischen Leben der Tschechoslowakei und die Leiterin der sozialen Fürsorge und. Auswanderungshilfe gewesen. Nach der deutschen Invasion war sie längere Zelt verhaftet. Sie war eine Frau von stärkster organisatorischer Befähigung und warmem Herzen, deren Verdienste unvergessen bleiben werden. Anlässlich der Ankunft der palästinensischen Expedltlnnstruppe In Frankreich verbreitete das enellsche Radio eine Schilderung und mehrere Gesoräch« mit den Freiwilligen, die ihrer Freude Ausdruck gaben, in der Armee dienen zu dürfen. Mehrere Juden erzählten dabei Ihre I,eben*«re*rh1chte. Er wird hervorgehoben, wie harmonisch Juden und Araber In dleeser Truppe zusammenwirken. Dns Parlamentsmitglied Sir Frank San derson. der schon mehrmals hn Parlament und In der Presse für e'ne Eröffnung des Negew (8üdna1ästln«> für jüdisch« Kolonisation eingetreten ist. wiederholte seinen Vorschlag kürzlich In eine-m Brief an den „Dallv Telegraph", worin er Im Anochluss an das Bodengesetz auf die grossen Möglichkeiten im Negew hinweist. Tm Staate New York wurde ein Gesetz verkündet, dass Rassenunterscheldun^en In den Gewerkschaften verbietet. Der Gouverneur des Staates New York, Herbert Lehmann, erklärte nnlässlich der Unterzeichnung dea Gesetzes, dass die Ransen- und Religionsunterschiede In den Gewerkschaften eines der stärksten Elemente Im Wirtschaftsleben Amerikas geworden sind. Nach einem Bericht aus Amsterdam habe die Nazi-Regierung die Absicht, 900.000 Juden aus Polen als Landarbeiter nach Deutschland zu bringen. Diese Landarbeiter erhalten lediglich Elfsen, während die Bauern 2 Mark pro Kopf an die Regierung zu zahlen haben. Bei einer Enquete bei den Bauern, was für Art Landarbeiter sie wollen (Polen, Juden, Kriegsgefangene etc.), sollen 30c£ geantwortet haben, sie wünschten nur Juden, während ö$% sagten, e» sei Ihnen egal. Nach einem Bericht der „Times" wurde In Rom 111 Jüdischen Ärzten, 75 Rechtsanwälten und M Ingenieuren die Arbeltserlaubnis entzogen. Auch der Präsident der Jüdischen Gemeinde Dr. F/scoli verlor seine Advokaten praxi s. Der Vereinigung der Radio-Stationen In USA hat sich dem Aufklärungswerk angeschlossen, das Jetzt In Amerika von der Vereinigung der Kirchen gegen Rassenpropaganda durchgeführt wird. In London wurde ein Verein der In England ansässigen polnischen Juden gegründet. Vorsitzender ist der Maler Arthur Schick. ADS DER NAZI RUCH Die Kattowltzer „Allgemeine Zeitung", em Nazl-Organ, teilt mit, dass der Gouverneur von Posen, Herr Greiser, der (durch sein lausbUbtsches Benehmen während der Völkerbund-Tagung In Genf berühmt gewordene) ehemalige Präsident des Danziger Senats, eine Anordnung erlassen hat, wonach in Posen aller Jüdischer Gemeindebesitz, einschliesslich der Synagogen, Schulen und Friedhöfe, beseitigt werden sollen. Dies Ist das Ende einer noch im vorigen Jahrhundert berühmten jüdischen Gemeinde. Der Nazi-Gouverneur von Polen Dr Frank hat vier Nazi-Kommissaren Auszeichnungen für besondere Dienste verliehen, u. zw. Fritz Inselmeyer, Berthold Deier. Franz Heidrieh, und Eichmnnn. Alle vier haben sich in der Judenpo Ii t i k betätigt. Am bekanntesten ist Elchmann, der in Berlin, Wien. Prag und zuletzt In Warschau das Jüdische Referat der Gestapo leitete. AUe vier Genannten verstehen etwas Jiddisch uj Hebräisch; es wird behauptet dass sie alle aus einer deutschen Kolonie in Palästina stemmen und dort geboren sind. Die Behörden in Dan zig haben allen Jüdidas Geld ist blockiert, ein Wirtschaftsleben) sch(n Besitz in Dancig, Zoppot und Oliva begibt es überhaupt nicht mehr. Ich selbst habe \ schlagnahmt. alles verloren. Ein Bericht aus Kopenhagen besagt, dass In Ich kann noch hinzufügen, dass man alle Polen der letzten Woche 17.000 Juden aus verschiedenen aus Gdynia, Pomereilen etc. ausgewiesen hat. In Teilen Deutschlands zu Strassenarbeiten nach Schlesien hat man anscheinend nur die Arbeiter Ostpreussen geschickt wurden belassen. Besonders aus den „angeschlossenen Die deutsche Ufa-Filmgesellschaft hat mit der Gebieten" sind die Juden ausgewiesen worden. In Herstellung eines Films „Shylock" begonmanchen Städtchen »chmiss man sie besonders nen, nach Shakespeares „Kaufmann von Venedig." feierlich hinaus, so .B. in Sierpc, da wurden die Die Titelrolle spielt Werner Krauas, der auch in Frauen zur Durchsuchung nackt ausgezogen und dem antisemitischen „Jud Süssn-Film mitwirkte, dann wurden alle mit Musik zum Bahnhof ge- Die deutschen Zeltunsren erklären, der Film „Shybracht. In Warschau wurde in dem Hause Nalock" werde der stärkste bisher existierende antilewki Nr. 9 ein polnischer Polizist getötet und semitische Film sein -~ ein Prädikat, das man zwar von einem bekannten Verbrecher, welcher auch schon in den Voranzeigen dem „Jud-Sttss"- im Zusammenhang mit dem Kriege aus dem Ge- Film verliehen hatte Offenbar hoffen die Nafängnis entlassen worden ist. Trotzdem dies einzis, durch diesen mit Shakespeares Namen In Verwandfrei fest stand, wurden S3 jüdische Männer, bindung gebrachten Film besonderen Eindruck Einwohner dieses Hauses, erschossen. auf englisch-sprechende Minder zu machen. LORD SAMUELS REISEBERICHT Lord Samuel gibt In einem in vielen Zeitungen veröffentlichten Artikel die Eindrücke seiner letzten Palästinareise wieder. Er findet die Verhältnisse sehr gebessert gegenüber seinem Itstzten Besuch vor zwei Jahren. Er betont, dass in den meisten Städten und auf dem Lande die gut*n nachbarlichen Beziehungen zwischen Juden und Arabern wiederhergestellt sind Einen urwüchsigen Antagonismus zwischen den zwei Völkern gebe es nicht. Dennoch, so fährt Lord Samuel fort, besteht noch die politische Spannung Die Probleme, die durch jüdische Einwanderung, jüdischen Bodenkauf und die arabische Forderung der Selbstverwaltung aufgreworf<m werden, sind noch nicht gelöst. Die Politik der Regierung erfüllte einen grossen Teil der Forderungen der Araber, aber sie versagte den Juden einen noch grösseren Teil der ihrigen und sie stehen der Jetzigen Politik unversöhnlich gegenüber. Trotzdem haben die Juden, angesichts der überwältigenden Rücksichten auf den europäischen Krieg, keine Intranalgente Haltung eingenommen Wenn d|eser Waffenstillstand anhält, ist es zumindest möglich — wenn man auch nicht isagen kann wahrscheinlich dass eine freundlichere Stimmung zwischen Juden und Arabern entsteht, besonders durch engere Zusanv menarbeit auf ökonomischem Gebiet, und dass dann in einigen Jahren die ganze Situation In anderem Lichte erscheint. Besondere Worte widmet Lord Samuel den 70.000 eingewanderten Juden aus Deutachland. Österreich und Tschechoslowakei und ihrer Bedeutung für das Land. Viele von ihnen haben Kapital. Fachkenntnisse und Unternehmunfrsfreist mitgebracht und haben eine gewaltige Menge produktiver Kraft geschaffen Neue Industrien sind entstanden und ihre Produkte gehen auch in die Nachbarländer. 20 000 deutsch-jüdische Immigranten sind in die Dörfer gegangen und bilden dort ein wertvolles Element. Zum Schluss weist Visccunt Samuel darauf hin, d«JH in der letzten Zeit eine deutliche Wendung zum Besseren auf allen Gebieten zu verzeichnen ist.