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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-01 · 13 (1.4.1940) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
13 (1.4.1940)
Date
1940-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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1. April 1940 t JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU feite a Dokumente dieser Zeit Jüdhche Amlxelchnmngen am» dem Kriege Der Ausbruch des Kriege* im September /9.I.9 liegt beinahe schon in toeitcr Ferne, aber es ist effn Datum, da* man nieht vergessen *oil. Ah:> den uns au* unserem Leserkreis;ugegangenen Zuschriften und 8chUdcr*ngen inöffentlichen wir nachstehend einige Stücke, die Erlebnisse und Eindrücke, jener Tage festhalten. London. Soptombor 1939 T»gebnrhbl»rter einer Palästinenserin „Enrol to thr National tservicc. A.R.P." Seit Wochen ist da» Londoner Stadtbild verändert Kein Haus, kein Laden, keine Ecke ohne diese mahnenden Worte dieser Aufforderung die nationale Pflicht zu erfüllen, dauä Gespenst des Kriege«. Vorkricgssti m rmmg Keine Klassenunterschiede. keine Rassenunterschiede. Alle» fragt die bange Frage: „Glauben Sie, d*w der Krieg kommt?" Lord. Postbote, Lady, Gemüsefrau. Jeder Einzelne diskutiert, räsonniert. wird Politiker. Die äussere Ruhe. Kuhle und Disziplin bleibt gewahrt Angriff auf holen. England sitzt am Radio, harrt auf die Verkündung des grossen Grauens, harrt auf das, was Leben und Einzelschicksal zerstören wird. Nein, man wartet, man harrt nicht mehr. Gehen Sic herum, sprechen 'Sie mit den Menschen auf der Strasse, je<!«r gibt auf seine einfach« Art, dieselbe Antwort, die Chamberlain späler in seiner Rede wiederholt: .Wir müssen nun kämpfen für die Ehre Englands, für Englands Wort, für Recht und Freiheit, gegen Gemeinheit, gegen Lüge, gegen heimtückischen Überfall!" — Ruhige Entschlossenheit auf allen Gesichtern, ohne Aufregung, ohne Geschrei, ohne Gehetz werden die letzten Vorbereitungen im Lande getroffen. Kriegserklärung Wo bleibt die Panik, wo das Glockengeläutc, die Kriegsbegeisterung. Volksansammlungen und Gejohle? Nichts von alledem. Drei Tage lang ist der Verkehr im Lande nicht ganz regelmässig, über 1.500,000 Kinder w-rden in vorbereiteter Strasscnbild Das Stadtbild London* scheint unverändert Verkehr und Gcjchäftsleben geht weiter. Jeder, der nicht unbedingt für den National Service gebraucht wird, soll seiner täglichen Beschäftigung nachgehen. Und man sieht, sie UbwaVr'ätarrt''~hintcr Dcis Regenschirm^ unter dem Arm. die »asmnske sorgfältig um die Schulter geschnallt Dieser braune Karton, den Jung und Alt mit sich führt, verändert das gewohnte Bild der Stadt. Neu sind dir Sandsäcke, die in fieberhafter Eile, oft von jüdischen Flüchtlingen, gefüllt werden Man wandert durch die Strassen, und man bestaunt die grossen Shefter. in die «ich die londoner Bevölkerung bei Luftangriffen flüchten soll. Der Abend naht Blackout In London. Kein Strassenlicht. nur grosse weisse Streifen weisen den notwendigsten Transportmitteln den Weg. Sterne und Mond beleuchten in diesen klaren Scptcmbcrnächtcn die dunkle Stadt besser als die weissen Markierungen. Phantastisch erscheinen am hellen londoner Nachthimmol rlesengrosae silberne Ballons Abwchrballons gegen Luftangriffe. Man starrt in den Nachthimmol. und man kann nicht glauben, dass all das nicht Märchen, sondern Wirklichkeit ist Ungläubig legt man sich schliesslich in der ruhigen Stadt schlafen. Plötzlich wecken Dich Warnungssignale aus dem schönsten Schlaf. Gasmasken Schutzsheiter t Nur elno Übung-A.R.P. -Enrol to the National Service — Für Freiheit und Gerechtigkeit! Rosch Ha Hchana in London ..Der nächste Alr-Ratd-Shelter": Diese Worte sind gross vor Jeder Synagoge angeschlagen. Eigentümlich, unheimlich: Du sitzt in der Synagoge, sprichst die altbekannten Gebete und wirst plötzlich durch die Ankündigung des Vorbeters _ , ....... . . '! aus der Andacht gestört: „Meine Herrschaften, Ordnung evakuiert Jedes Kim! ist vorschrifts-, S|e Hrauch€n kelne Angst zu haben, dl« Reglemässig mit. dem seibsigenähtaa Rucksack und}rtlnÄ hal Vorrichtungen für uasere Sichcrder umgehängten Gasmaske ausgerüstet. Für j halt" getroffen. Bitte, keine Anaammlungen vor jedes Kind ist irgendwo, weit draussen Im Lande, dcr Synagoge" usw. es folgen Vcrhaltungsmassein Privat- oder Collegcplatz vorbereitet Eltern,! rpRC,n iDnnn fährt'die Gemeinde im Beten fort. Geschwister trennen sich von denen, die hinaus Du denkst mit Grauen an die vielen tausenden ziehen, längst vor den Männern — hinaus In die Brüder in Polen, für die die Regierung keine Sicherheit eines unbekannten Platzes Fast ohne j „Vor.Hichr.-smassregeln" zu treffen vermag und, die die Mienen zu verliehen. Immer noch diszipliwoh, nchwvr einander noch „Schana Towah" niert. so fahren sie fort. Seils Jämmerlich schluch- Ansehen können. Auch In der Synagoge führt zend, teils strahlend fort in das Abenteuer die- (jeder 9eine Oasma-ske mit sich. Aber nicht .«er-neuen Ferien. (8 Tage vor Beginn von Schule : (|ic Gasmttske, nicht die „Alr-Rald-SheKer-Pla- und Kindergarten setzen diese ..Ferien ' ein. deren . kate» verandern den altbekannten Ort. Die Men- Ende keiner ahnt.) Ruhig und organisiert wie | Hchrn Mlbgt d,e gfrh M diMem Rosch Ha-8chana die Kindertransporte geht auch die Bvakule-; h,er versammelni slnd Andere: junge Burschen in rung der Krankenhäuser. Mimen und B*bllo;heumform, viel Jugendliche ~ keine Kinder, keine ken von «i*tPn. jn diesem Lande der alten R,ten ,^.ute < Kinder und alte Leute wurden aus Traditionen bleibt bei diesen ganz tradlUonelosen der Oefahrzone evakuiert.) Wenig «mi- Vorgängen stets die äussere Haltung gewahrt. ,,ranten Rührend wie die Bahnbeamten. AutobasschafTf * ner, freiwilligen Helfer, wie Jeder Mensch diesen JVr 5" schweren Prozesa zu erleichtem sucht j Heute ist deine Nummer dran, du musst auf Pas J" im Pa»s * dle Po»*««!, da »ibt es keine Synagoge, keinen #»v ^/vAAft »> * u Ä . , t. — w (Feiertag — nichts — du musst zur Polizei-Station. über 40.000 Deutaohe. ötterreich.r Tschechen Man w"rUt Ia stunden. Gestern brachte man stehen im Bloomabury House. Woburn House. noch ^nke hinaus in die warme Herbstaonne. FlomeOffice^ Was wird aus uns? Zurück nach R dfi am Ro^h ,uht dlt ndWieder ^nirattailu«rV Ab-|, *,,ht W(tfU|Mhn im R«gen. Dein. ^J^kA"11^ ^M ^gÄ^«^leT#r Nummer Ist dran. Du wirst ausgefragt - von r: "r?8 ^^r^ ^i^n^^1^ Beamten, die sich bemühen, deufch L ppenetiti hervor Der alte Berliner Nouir läuft | hen. A„e Deutj,chen. Österreicher, Juden. S^nf dfr mTw 'hJ Flüchtlinge, zufälligen Besucher usw. dent der Maler, der Journalist - was für einen j ^erd<n vor!äufi|r g|elchmäs.lg als ..enemy allens» SEIÜ "1 ™ aÄJl m°gen f?V*t behandelt. Sie dürfen .ich bTs auf weiteres nicht Tausenden von judischen Refuge« s.nd geeint: 5.Me|IenJtolM ,^ndonJ1 entfern<n. Dle. ses Schicksal teilen sie allerdings mit fast allen Einwohnern Londons, denn — land halfen im Kampfe gegen das Nazitum! Die meisten jungen Männer melden sich für die vorderste Front, andere für Hilfsarbeit im Lande. Keiner will zurückstehen. Das .,J" im Paas — eingezeichnet aus Hass und Verachtung, wird jetzt Rettungs- und Ehrenzeichen England weissv dasa die Inhaber der deutschen „J Pässe" keine Deutschen mehr sind, wenn auch Sprache und die Außenseite des Pasees die ehemalige Heimat bezeugen. Und England bereitet sich vor, diese Tausesde von jüdischer. RefugscÄ einzureihen in den Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus lil'tck-out in London 1 Wo sollte man auch wohl am Abend hingehen? j Ab .7.30 Uhr ist es stockfinster auf den Strassen.) Ja selbst in den Wohnungen gibt es meist nur' kümmerliche Beleuchtung. Der Wächter deines j Häuserblocks macht dich aufmerksam, falls ein Lichtstreifen durch die schwarz verhängten Scheiben fällt. In leuchtenden Kleidern wagst du es woh! manchmai, su dem Nachbarn zun: Bridge oder Schach herumzugehen, aber die 5-Meilen- Zone werden sicher wenige übertreten. Für Jcrusalemr-r. die an Curfcw gewohnt sind, die fast ein Jahr ohne Kinos, Theater, Caf^s. Feste usw. gelebt haben, sind die Londoner Massnahmen nur altbekannte Gewohnheit. Nicht nur dio Palästinenser, sondern auch die übriRrn Einwoh» ncr <l*>r Stadt fangon an. sich an diese ersten Londoner Kriesfsers'.'heinunKen tu gewohnen, und die Judeilheit beginnt das Jahr ">TfK> im Blackout Palfi*ti»r:tser uiivfrn auf Vim Nein, an den" Feiertagen rennen wir nieht herum. Manche haben die Hoffnung verloren, je die Heimat wiederzusehen, andere sagen, dass das i Rumstehen?»n den Feiertagen uns doch nicht die I ersehnte Ausreise verschafft, andere haben ein- 1 fach keine rnitintive mehr. Wir sind hier über 1200 Palästinenser, wir sitzen in der Golah. und iwir sehnen uns mit allen unseren Brüdern, denen, idie das Land kennen, und denen, welchen es Gc- I bet und Sehnsuch? bedeutet, nach dem Lande | unserer Väter, nach unserem tande. -- Du [brauchst ein französisches Visum, ein Italien!- J sches Visum, ein englisches Exit-Vlsum und, wenn | du alle diese Visen „erstanden" hast, noch sehr | viel Geld und ein Schiff, um nach Erez Israel zu j gelangen, Vielleicht wird das Neue Jahr die Möglichkeit der Fahrt in die Heimat bringon? Da* Leben geht \eriter Ein Tag in I»ndon, ein Alltag, ein Donnerstag, wie jeder andere auch. Was spielt es In dioser Riesenstadt für eine Rolle, wenn ein paar Juden diesen Tag als einen besonderen betrachten, jsich am Morgen in ihren Tempeln versammeln j und festlich gekleidet durch die Strassen gehen. | Autos, Autobusse, gedrängte Strassen, eilende , Menschen. In London geht da» „Leben" welter. 1 Aber etwas Belebendes fehlt: Es gibt überhaupt keine Kinder. Stundenlang kannst du durch Strassen oder Parks wandern, niemals hörst du ein Kinderlachen. Auto« fahren, Regen fällt, Menschen eilen das Leben ohne Kinder geht welter.! Das Leben geht weiter, das Jahr beginnt.! Schana Towah. Bomben in Polen, Tote. Vermisste, [Gefangene. Stöhnende. Du wartest, gehst, eilst, rennst — du betest, sprichst, denkst und hoffst: dass ein Gericht dem Wahnsinn ein End© bereitet. Das Leben geht weiter das Jahr beginnt. Dr. Ella Wittower * Im zerstörten Warschau Der nachfolgende Brief au* Warschau wurde uns von einem Leser in W e * t i n di e n eingesandt, der ihn von einem Freunde aus Warschau erhalten hat. Auch dieser seltsame Weg eine.» /triefe« über die Erdkugel ist ein Merkmal der aus den Fugen geratenen Zeit. Warschau, tf. Dez. 3». Mein Lieber, Der schwärzeste Tag für uns war wohl der 25 Sept.. An diesem Tage wurde Warschau von einigen hundert deutschen Flugzeugen mit Bomben belegt und zwar von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends ohne Unterbrechung. Welter hatten, wir die normale Beschlessung durch schwere Ar-1 tillerie, woran wir uns aber schon gewöhnt haben, ebenso wie an die täglich zweimal erscheinenden Bombenflugzouge, weich« regelmässig einige Stunden lang Bomben abwarfen. Die Verhandlungen mit den Deutschen begannen wahrscheinlich am 27ten September. Zu dieser Zeit sassen wir schon seit einer Reihe von Tagen In den Kellern ofcne Wasser und ohne Licht, da Kraft- und Wasserwerke schon vorher ausser Betrieh waren, infolge der Beschiessung. Der offizielle Einmarsch der Deutschen sollte am 29. stattfinden. Dies wurde Jedoch um eine Woche verschoben, wahrscheinlich um den deutschen Truppen den Anblick der auf den Strassen umherliegenden Leichen zu ersparen Übrigens wurde das amtliche Ersuchen gestellt, die Stadt zu reinigen, d.h. die Barrikaden zu beseitigen und die Fahrbahnen frei zu machen, um den Verkehr zu ermöglichen. Über 70% der Häuser von Warschau sind beschädigt. In der Innenstadt ist der Prozentsatz noch höher. Die Feuersbrünst« dauerten noch einige Tage an. da kein Wasser da war. Jetzt ist das Bild der Stadt schon etwas verändert Eine Reihe von Häusern, bei denen dies noch möglich war. ist notdürftig zusammen' geflickt worden, d«r Schutt ist soweit beseitigt, dass wenigstens die Fahrbahnen frei sind. Es eribt keine Fensterscheiben, man behilft sich mit Sperrholz, usw. »Einige Strassen existieren eigentlich überhaupt nicht mehr, man kann dies alles nicht in einem Brief beschreiben. Die Gräber, mit welchen alle Grünanlagen übersät waren,

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