Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 13 (1.4.1940)
- Date
- 1940-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fldt*2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 1. April 1940 letzten Tagen haben wieder die Palästina- Nachrichten die jüdische Presse der Welt gefüllt, wieder standen palästinensische Sorgen im Mittelpunkt trotx all des Furchtbaren, was wir Honst als Juden erleben. Denn Rückschläge in Palästina sind für die Judenheit umso schwerer tu tragen, weil sie mit diesem Land und diesem Werk so grosse Hoffnungen verbinden; dieser eine Ort, von dem eine Botschaft des Trostes iJnd der Hoffnung kam, sollte uns nicht genommen werden. Gewiss ist das Leben in Palastina besonders für diejenigen, die mittellos hierher kamen, nicht leicht. Viele leiden schwer, ja es gibt Einzelfälle von einer geradezu schmerzlichen Aua* sichtslosigkeit; aber diejenigen Kiemente, die arbeiten können und wollen und mit Geduld und Zähigkeit einer Sache su dienen bereit sind, begnügen sich mit dem Bewuastsein, Boden unter den Füssen su haben, der gleichzeitig der Boden einer neuen Volkswerdung und schöpferischen Leistung werden soll; und schöpferisches Handeln kann es, wie A. D. Gordon so schön gesagt hat, nicht ohne Geburtswehen geben. Zu all den Klagen, die wir sonst vorzubringen haben, Widerhall! jetzt die Welt uueh von jüdischen Klagen, die sich auf Palästina beziehen. Dies kann zu MissverstundnihHcn führen, die vermieden werden sollten. Zwar ist die neue Palästina-Politik der englischen Regierung ein schwerer Schlag für die Juden und es muss ein Ausweg gesucht werden, um nach der jetzigen Ubergangszeit wieder eine Erweiterung jüdischer ländlicher Siedlung auf jüdischem Boden zu ermöglichen. In welcher Richtung sich solche Versuche b«wegen sollen, steht hier nicht zur Erörterung; wir glauben, dass auch von jüdischer Seite eine neue Betrachtungsweise des bisher vielfach verkannten arabischen Problems not tut, und dass im übrigen in dieser wie in anderen Weltfragen alles von dem künftigen Ausgang des Krieges abhängt, der, wie wir hoffen, nicht nur politische Regelungen, sondern auch eine neue grosszügigere Denkungsart der Völker und bessere Organisation ihrer Kräfte bringen wird. Zunächst aber, für die Bedürfnisse der unmittelbaren Gegenwart, gibt es noch Boden und Arbeit genug, und die Hauptsorge muss darauf gerichtet sein, da» Bestehende und das neu zu Bauende innerlich und äusserlich zu sichern. Wir dürfen aber nicht zulassen, dass duren die vielen berechtigten Beschwerden, die wir bezüglich Palästinas auf dem Herzen haben, die Rangordnung der jüdischen Werte — und auch der jüdischen Klagen — verwischt wird. Zwar haben die Juden Palästinas weit mehr Schwierigkeiten als in den günstigen Jahren 1933—35, aber noch heute ist hier eine Quelle jüdischer Kraft, jüdischen Stolzes und vor allem eine Aufgabe, die für das jüdische Volk entscheidend sein wird, weil es hier seine sittlichen und geistigen Kräfte in einer sichtbaren Leistung bewähren kann. Gerade in dieser Zeit, wo die Not beispiellos ist, wo wir gegen die täglich zu uns gelangenden Schreckensnachrichten beinahe schon abgestumpft sind und auch die vom Krieg in Spannung gehaltene Umwelt dem grauenvollen Schicksal grosser Judenmassen kaum Beachtung schenkt, scheint uns von grösster Wichtigkeit, auch im politischen Kampf um Palästina nicht den Eindruck entstehen zu lassen, als ob auch dieses Land nur eine der vielen jüdischen Unglückstätten wäre. Es ist in Wahrheit der Boden, auf dem ein neues jüdisches Geschlecht als Garantie der Zukunft heranwächst. Wohin mit den Juden? Einig« Ziffern illustrieren dl« lag« Nach einer amtlichen Mitteilung waren im vergangenen Jahr 1930 bei amerikanischen Konsulaten 957.353 Personen ale Bewerber um EI nwanderungsvisa nach USA registriert (1038 : 317 000). Von diesen Bewerbern fallen 309.783 auf die deutsche Quote. Diese Personen sind fast ausschliesslich Juden. Die deutsche Quote beträgt 27,370 pro Jahr, sodass eine Abwicklung der bisher registrierten deutschen Juden, die nach USA einwandern wollen, 11 Jahre in Anspruch nehmen würde. Bei Auswanderern aus der Tschechoslowakei genügen die bisherigen Vormerkungen für die nächsten Ii Jahre, bei solchen aus Polen für 17 Jahre, bei Einwanderern aus Ungarn 37 Jahre, da hier die dass das Unternehmen in einem Ort gelegen ist, der ein kühleres Klima hat als der Rest der Kolonie. Wenn man bedenkt, dass es sich bei dem mit einem so grossen öffentlichen Apparat in Ssene geseilten Plan der Ansiedlung in San Domingo — der vom Evian-Komitee, d.h. den Vertretern von 35 Staaten und einigen Ministern und dem Kommissar de« Völkerbundes ausgearbeitet wurde und an dessen Spitze ein unter den ersten Wirtschaftsexperten der Welt rangierender ehemaliger belgischer Ministerpräsident steht — sunächst Im ganzen um 800 Personen handelt, wofür die Kosten naturgemäss sehr hoch sein müssen, wenn man die Aussichten, Kosten und Grössenverhältnisse der anderen viel diskutierten Quote nur 86» im Jahr betrifft. Als ein Kurlosum Pr>j<>Uu? überlegt, dann kommt man immer mehr wird danebengestellt, dass die englische Quote für Einwanderung nach USA 66,721 beträgt, aber nur 3004 Personen sie in Anspruch nahmen. Während die Hauptländer, die ohne erhebliche Schwierigkeiten Einwanderer aufnehmen und wenigstens die Frage der einwanderungaberechtigten deutschen und tachechoelovakischen Juden liquidleren und sie vor dem Transport in das Lubliner Konzentrationsgebiet bewahren könnten, ganz oder beinahe verschlossen sind, werden welter eine ganze Reihe von Projekten diskutiert, die eine gewisse Erleichterung bringen sollen, aber bisher keine konkrete Ergebnisse haben. Allerhand Projekte Dr. J. Steinberg, der Leiter der territorialistischen Liga („Freiland") aus London, sich noch immer in Australien und propa zu dem Ergebnis, dass die einzige durchführbare und finanziell noch im Bereich des Möglichen liegende Judensiedhing in Palästina und nirgends anders entstehen könnte, es sei denn, dass UHA oder das Britische Weltreich selbst mit ihren ungeheuren Resourcen und ihren riesigen leeren Ländereien diese Siedlung In einem wirklich geeigneten Gebiet vornehmen wollen. Dafür ist aber bisher nicht der leiseste Anhaltspunkt gegeben. Die Möglichkeiten einer Einwanderung su dauerndem Aufenthalt in diesen Riesenreichen mit ihren ungeheueren wirtschaftlichen Resourcen bewegen sich nur in den gesetzlichen Gegebenheiten, die schon vor der Hitler-Katastrophe bestanden. (Quotengesetz in befindet Amerika)* Damit aber ist das jetzige dringende Bedürfnis nicht zu befriedigen (siehe die giert dort den Plan einer grösseren Judenansledj ftiffern »» Anfan* di«w» Aufsatzes). Auch die lung in Kimberley. Die widersprechenden Nach-j Unterbringung von Ö00 da und 600 dort ändert richten, die über die Verhandlungen in die Presse |nur wenl* W«nn mftn vor dem Problem die dringen, lassen nicht mit Bestimmtheit erkennen.! Au«en verschlisset, so wird dies zu einer dauernob das Projekt aeitens der massgebenden polWden Beruhigung der Welt führen, denn man sehen Stellen Australiens unterstützt wird oder kann njch[*uf die nach Hunderttausenden zahlende Menschenmassen untätig unter Verbot Der deutsche ,,B u n *1' in USA, «ine nationalsozialistische Organisation, die auf da« schwerste kompromittiert ist, httt, wie gemeldet wird, ihr amerikanisches Hauptquartier von New York nach Mexiko verlegt, um von dort aus iihre Tätigkeit ohne Störung durch die amerikanischen Behörden führen zu können. nicht. Auch ist die Frage der Finanzierung ungeklärt. Im aligemeinen aber findet die Propaganda Dr. Steinbergs in jüdischen und christlichen Kreisen Australiens Sympathie und Unterstützung. Ein anderes öfters erwähntes Projekt ist eine Siedlung in Alaska, eine Idee, die vor allem von dem Innenminister der Vereinigten Staaten, Ickes, unterstützt wird. Der Innenminister erklärte kürzlich, dass der Plan eine gewaltige Unterstützung in der Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten gefunden hat, wie sich aus einer Statistik der Zeitungsartikel ergibt Mr. Iokes gegen die Opposition, Jeglicher Arbeit in der Welt hin und her schieben und aus Wohltätigkeitsgeldern kümmerlich ernähren. Man kann auch nicht bis „nach dem Kriege" warten. In der Unterhausdebatte über Palästina am 6. März sagte der bekannte Nationalökonom 8ir George Schuster, Palästina könne das Fluchtlingsproblem nicht lösen. Nach dem Kriege müsse England in dieser Sache die Führung ergreifen. „Wir müssen zugeben, dass bisher kein ehrlicher Versuch gemacht wurde, es (das Flüchtlingsproblem) zu lösen." Aber auch dieser Redner sagte Dagegen polemisierte! «»cht, wie und wo auch nur theoretisch die Lödie in Alaska1 sun* «rfo'tfen soll, wenn die vorläufig einzige selbst gegen den Plan laut geworden ist. Diese Gegnerschaft, so sagte er, beruhe darauf, dasa ein Teil der 30.000 weissen Bewohner Alaskas befürchte, sein Monopol auf die wirtschaftlichen Schätze des Landes zu verlieren. Die Finanzierung der geplanten Ansiedlung soll durch private Gesellschaften auf geschäftlicher Basis unter Regierungsaufsicht erfolgen. Mit Rücksicht auf das aktive Interesse der amerikanischen Regierung kann man wohl erwarten, dass in dieser Sache auch staatliche G«M*r mobil gemacht werden könnten, falls das Projekt realisiert wird. Vorläufig ist es aber nur ein Diskussionsstoff. In Britisch Honduras wurde von der Firma Weiss au» Budapest, die früher ein gewaltiges Unternehmen für bäuerliche Handarbeiten mit «000 Zweigstellen betrieben hat, ein Geschäft eingerichtet, das im ersten Jahr 500 Auswanderer beschäftigen soll und ausserdem auch noch der Eingeborenen-Bevölkerung Arbeit geben wird. Das britische Kolonialamt hat sich bereit erklärt, die Einreiseerlaubnis su erteilen unter der Bedingung, dass 85% der beschäftigten Einwanderer Rsfugees au» Oroaadeutachland sein sollen, die Jetzt bereits in England, Frankreich oder neutraler. Ländern sich aufhalten. Di« rsstlic&sa 15% sollen aus Ungarn kommen. Bs wird behauptet, praktisch greifbare Möglichkeit (Palästina) ausscheidet Gebt den Wanderern Heimat und Arbeit!! Will man den Menschen einen Ausweg eröffnen und ihnen eine Arbeit; Ja eine grosse produktive Aufgabe geben, dann bietet Palästina im Zusammenhang mit den Ländern des Nahen Ostens einen geeigneten Ort dafür. Es könnte ein grandios» Werk futsch-arabischer Zusammenarbeit unter der administrativen Hilfe der grossen Demokratien werden. Di** der Welt in entsprechender Form su unterbreiten, wäre u. E. die Sache einer jüdischen staatsmännischen Politik in dieser Zeit, denn es handelt sich auch darum, die Intransigenz des Arabertums zu überwinden. Es muss doch klar werden, dass absolute unzugängliche Intransigenz auf allen Seiten, nur tu Gewaltlösungen führen kann, die immer wieder neue Gewalt und Vernichtung zeugen. Dies su verhindern und ein eklatantes Weitproblem vorher zu erkennen, ist ein Interesse aller, die produktiven Aufbau wollen. Die Logik der zwingenden Tataachen der Wirklichkeit wird alle Beteiligten schliesslich auf diesen Weg bringen. Man würde nur wünschen, da« der Ausweg gefunden wird, aha noch U»üMii<W unglücklich« Opfer sugrunde