Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 13 (1.4.1940)
- Date
- 1940-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gefahren in Südafrika Palästina-Idee heute Wie bekannt, hat der Auabruch des Kriege« in Südafrika zu politischen Umgruppierungen geführt, da ein grosser Teil der burischen Bevölkerung gegen Teilnahme am Kriege war, sodass die „Vereinigte Partei", die aus der (von General Herttog geführten) buriachen Nationalpartei und der (von General Smuti geführten) vorwiegend englischen Südafrikanischen Partei bestand, zersprengt wurde. Im Verlauf dieser Entwicklung muaste Ministerpräsident HerUog zurücktreten und Smuts Ubernahm die Regierung. Diese Entwicklung, deren Ergebnis zweifellos zu begrUesen ist, wird jedoch, wie aus Südafrika berichtet wird, von der jüdischen Bevölkerung mit grosser Besorgnis aufgenommen. Denn die Partei des General Hertxog hat sich mit der Nationalisten- Partei des Dr. Mal an vereinigt, die offiziell ein gemässigtes antisemitisches Programm vertritt, unter ihren führenden Mitgliedern aber auch radikale Antisemiten nach Nazi-Vorbild hat. Es ist noch erinnerlich, daas unter dem Druck der Agitation der Malan-Partei die Einwanderung nach Südafrika abgedrosselt wurde, und dass die Ankunft des unmittelbar vor Torschluse eigens zu dem Zweck der Überführung jüdischer Einwanderer gemieteten Schiffes „Stuttgart" damals in Südafrika zu grösseren antisemitischen Demonstrationen bentttrt wurde, die einen starken Widerhall in der Öffentlichkeit fanden. Seitdem verstummt die antisemitische Propaganda nicht mehr, die auch von Deutschland aus mit allen Mitteln der Nazi-Technik angetrieben wurde, in der letzten Zeit durch die in burischer Sprache von Berlin aus gesandten Radio-Übertragungen. Die Verschmelzung der Partei dea früheren Ministerpräsidenten Hertzog mit der Partei Dr. Malans läaat die Frage entstehen, wer in dieser Kombination die Oberhand behalten wird. HerUog und andere haben aich ouedrücklich vom Antisemitismus distanziert, aber informierte Kreise sind der Meinung, dass die Malan-Gruppe die stärkere sein wird und bei den nächsten Parlamentswahlen wahrscheinlich den grösseren Teil der Kandidaten stellen wird, sodass im Falle eines Sieges der Oppositionspartei Dr. Malan Aussicht hätte, Promierminister von Südafrika zu werden Die gegenwärtige parlamentarische Majorität von General Smuts beträgt nur 16 Stimmen. Durch verschiedene Massnahmen bemüht sich Smuts, seine politische Position zu festigen. Vor allem wird eine systematische Aufklärungs-Kampttgne Über das Wesen der Nazi-Gefahr unter der burisch sprechenden Bevölkerung durchgeführt. Die Frage ist, ob diese im Namen der Wahrheit unternommene Propaganda schlagkräftiger sein wird als die mit Nazi-Methoden organisierte, wahrscheinlich sehr populäre antisemitische Propaganda. Die Lage der Dinge bringt es mit sich, dass in einem solchen polltischen Kampf der Antisemitismus automatisch als bewährtes demagogisches Mittel in den Vordergrund tritt, was die Gegenwehr der Juden zur Folge hat, wodurch die angreifende Partei nur noch immer mehr in den Antisemitismus hineingetrieben wird. Man darf die Gefahr dieser Entwicklung in einem bis vor kurzem liberalen Land gewiss nicht unterschätzen. Im Grunde handelt es sich aber hier um einen Bestandteil des grossen Weltkämpfe», der jetzt ausgefochten wird. Wenn die Niederzwingung des Nazismus in absehbarer Zeit gelingt, werden gewiss auch diese seine Ableger in den verschiedenen Ländern verschwinden. Der gegenwärtige Premierminister von Südafrika, General Smuts, ist eine der grossten politischgeistigen Persönlichkeiten der Welt, der In Uberaus eindrucksvoller Weise in den letzten 25 Jahren immer wieder für eine Neuorganisation der Welt auf Grund von Ideen der Humanität eingetreten ist. Der seinen Gedanken entsprechende Völkerbund wurde 1018 nicht realisiert, aber der Gedanke an eine bessere Ordnung ist gerade jetzt wieder besonders lebendig. General Smuts ist auch einer der grossen Befürworter des Jüdischen Nationalheims in Palästina und verbindet mit der Regeneration des jüdischen Volkes auch die Erwartung grosser geistiger Beiträge zur Kultur der Menschheit In einer grossen Rede ermahnte er einst die Juden, nicht in den Materialismus zu verfallen, sondern ihrem geistigen Erbe treu zu bleiben. // DAS „LUBLIN-PROJEKT Schon mehrmals wurde darauf hingewiesen, dass bezüglich des phantastischen Projektes der Judenkonzentration im Lubliner Bezirk Meinungsgogensätze zwischen den verschiedenen deutschen Behörden bestehen. Während die Gestapo die Deportation organisiert, sind die Okkupations-Behörden in Polen dagegen. Die Sache geht Jedenfalls sehr schwierig vor sich und hat schon unzählige jüdische Opfer gekostet. Einem Berlin-Bericht der „NZZ" über diese Aktion entnehmen wir folgende Darstellung der momentanen Situation in dieser Sache: „In der Deportation nach dem Distrikt von Lublin ist eine Stockung eingetreten, welche die Durchführung des ganzen Planes wenigstens für die nächste Zelt in Frage stellt. Bei der Ankunft der Tran spotte aus Stettin, die bei Piasko östlich von Lublin anhielten, ergaben «ich grosse Schwierigkeiten für die Unterbringung und Verpflegung der mehr als tausend deportierten Juden, die infolge der Überfüllung der Häuser in den umliegenden Dörfern in Ställen untergebracht werden mussten. Die Seuchengefahr, die bei den unhaltbaren sanitären Verhältnissen er.t standen ist. hat bei den Behörden des General fOttvernaments, die den Kampf gegen die Epidemien als eine ihrer wichtigstes Aufgaben betrachten, eine« starken Eindruck gsmaeht. Auf veranlassung des Distriktschefs von Lublin. Zoerner, hat Generalgouverneur Dr, F r a n k in Berlin Einspruch gegen die Wetterführung der Deportation erhoben. Es scheint auch, dass die Erwartung, durch die Umsiedlung der ukrainischen und weiasrussischen Minderheiten aus dem Distrikt Lublin nach Sowjetrussland Unterkünfte für die deutschen Juden freizumachen, fehlgeschlagen ist. Der Wegzug hält Bloh in engen Grenzen, da viele Bauern, besonders die Ukrainer, sich vor der Übersiedlung nach Sowjetrussland und der dort drohenden Enteignung fürchten. In die wenigen | Häuser und Gehöfte, die frei geworden sind, sind | beroits die von Deutschland aus dem früheren westpolen ausgesiedelten polnischen Bevölkerungsteile nachgerückt. Unter dem Druck der verschiedenon organisatorischen Misstande haben die relchsdeutschen Behörden die bereits angeordnet« Deportation sämtlicher Juden aus Htolp, Kolberg, Neuntettin und anderen pommerschen Städten sowie aus Frankfurt an der Oder, Hchneidetniihl, Guben und Landaberg an der Warthe vorläufig aufgehalten. Den von den Massnahmen betroffenen Juden ist aber die Verpflichtung auferlegt worden, ihren* Wohnsitz innerhalb! einer bestimmten kurzen Frist su verlassen und auszuwandern.'' „Auszuwandern" ist natürlich ein leerer Begriff, denn es gibt keine legal« Einwanderung», mögliehkelt. Als 1333 die Katastrophe über diu Juden in Deutschland hereinbrach, von deren Um- I fang man damals freilich noch keinen Begriff hatte, war es für die vielen seelisch last zusammenbrechenden Menschen und darüber hinaus» für einen grossen Teil der diese Ereignisse mit stärkster Erregung miterlebenden Judenheit der Welt ein Trost und; eine innere Aufrichtung, dass P a 1 ä s t i na den entwurzelten Menschen eine neue Heimat bot. Es handelte sich dabei noch nicht in dem heutigen Ausmass um sogenannte i „Flüchtlings"-hilfe. Eine wirkliche „Flucht" gab es nur in Ausnahmsfällen, bei Menschen, 'die wegen ihrer früheren politischen Tätigkeit oder aus anderen Gründen direkt gefährdet waren. Im übrigen lehnten die Juden Deutschlands die Bezeichnung „Flüchtlinge" ab. Ihre Auswanderung, die damals einsetzte, war bei vielen diktiert von dem | Bestreben, wegen der über sie in Deutschland! verhängten Beschränkung der Berufstätigkeit aich einen neuen Ort der Tätigkeit und der | materiellen Existent tu suchen, bei vielen aber auch von der plötzlich erwachenden |Erkenntnis, dass die Judenfrage in ihr persönliches Schicksal eingetreten ist, und 'dass es keinen anderen Ausweg gibt als eine ganz neue Art des Lebens zu beginnen. Dafür war Palästina die grosse | Chance und die grosse Aufgabe. Auf jüdi- \aoh&n Boden konnten Juden mit eigener Kraft und eigener Verantwortung ein Gemeinwesen aufbauen, das in ganz anderer Weise als dies bisher der Fall war, das Judentum vor der Welt repräsentieren sollte. Mensch-Sein und Jude-Sein konnte hier zusammenfallen. Nach dem furchtbaren persönlichen Erlebnis der Ausstossung aus der bis dahin als unverlierbaren Besitz empfundenen Kultur-Gemeinschaft der Umwelt scharten sich Tausende dankbar um die grosse Idee der Volks-Auferstehung, die sie früher verkannt oder verketzert hatten. Dankbar empfanden sie auch das Werk derer, die durch 50 Jahre mit sehr geringen äusseren Aussichten mit ihrer Pionierarbeit den Boden vorbereitet hatten, sodass Palästina politisch und wirtschaftlich als Aufnahmebecken für die Sachenden bereit stand. Die Menschen, die damals ins Land strömten und einen grossen Teil dessen, was wir als das Palastina von heute vor uns sehen, aufgebaut haben, fühlten sich glücklich an der Schwelle eines neuen Lebens. Hatten sie an äusseren Gütern und kulturellen Werten auch viel aufgeben müssen, hier waren sie wenigstens im eigenem Bereich, das niemand ihnen entziehen konnte. Die zuversichtlichen Nachrichten aus Palästina waren für die Judenheit in diesen Jahren des Hitler-Regimes ein wirksames Gegengewicht gegen die dauernden Trauerbotschaften aus Deutschland. Man muss sich dies vergegenwärtigen, um zu ermessen, welche Tragik darin liegt, dass mehrere Jahre später auch Palästina ein Land wurde, aus dem UngtückfibotteHaftm zu der Judenheit hinausdrängen. Und in den