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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-25 · 12 (25.3.1940) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
12 (25.3.1940)
Date
1940-03-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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ttelre 6 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU 25, Märe 1940 PROPÄDEUTIK DES UMSTURZES In seinem Ruche „Di? Revolution df* Sihili»- inux" hat sich Hermann Rauschning nur In einem kurzen Kapitel mit dem Thema des An* HHeinUismu* beschäftigt. Diese Ausführungen verdienen Beachtung, gilt doch Rauschning in mawhen Kreisen als einer der kommenden Männer Deutsehland«. Für Ihn Ist der Kampf der Nazis gegen das Judentum ein Hilfsmittel der revolutionären Auflockerung, da* der National- Hoziiili.«t:iiis ah Abschlagzahlung auf den revolutionären Zcrstörungswillcn der Massen benutzt Die Bewegung braucht stets Feinde als Objekt Ihre« Handelns, und der Jude ist stets als Feind zur Hand, wenn alles andere versagt. Die rtw ainvhc WtJtan.irhauunft sei für die Masse bewiiHHt zurechtgemacht, ohne dass sie von der eigentlichen Elite geglaubt wird. Auch au.iHrnpolitisch habe der Antisemitismus seine besondere Bedeutung, Die gefühlsmäßige Abneigung gegen England steht mit dem Antisemitismus in enger Verbindung. Der englische Kapitalismus «ei über da» Puritaner* tum eng mit dem Judentum verknüpft, England gilt als^ „Jüdinehes Weltreich", ja England 1 h i (für die Nazis) geradezu Juda. Auch in Bezug auf die deutschen KolonUilfordenmgen ergeben sich von Rassenlehre und Antisemitismus her wichtig Tendenzen. Das neue Herrentum, das in den kolonialen Räumen etabliert werden «oll, braucht eine Schule, die der Antisemitismus ist. Der Jude gilt als der „Farbige" Europas, der entsprechend behandelt werden muss. Hier ist die Pflege der Grausamkeit oberstes Gebot. In seiner Beurteilung des Antisemitismus lüsst Rauschning den Begriff der Kasse beiseite. Er weist auf den Umstand hin, dass die antisemitische Aktion ein Umsturzsurrogat ist und geradezu eine „Projkideutik zu einem kommenden revolutionären Uimturz" darstellt. Die dadurch eintretende Zerstörung von Rechtsbegriffen sei Liefgehend. Der konservative Politiker, als den sich Rauschning selbst bezeichnet, müsse prüfen, ob das Judentum wirklich das „Ferment der Dekompensation" ist oder nicht ebenso ein Element der Ordnung, Er fordert eine genugtuende Wiederherstellung der Rcchtsbegriffe. Weder der gläubige Christ noch der humanistisch Denkende könne den Antisemitismus anerkennen. Für den praktischen Politiker sei die Juden frage lösbar und zwar im Rahmen europäischer Zi vilisntion. Sie sei ein schweres Problem, insbesondere „das parasitäre jüdische Proletariat' Eine Illusion sei es jedoch, dass der deutsche Lebensraum durch die Zerstörung des jüdischen vergrössei t werde. Nicht das Judentum, sondern der Nationalsozialismus lebe von der Parasitenhaften Auszehrung der von ihm befallenen Nation. An diesen Ausführungen ist, soweit es «ich um die GrundzUge eines Programms handelt, der Hinweis auf das jüdische Proletariat bemerkenswert. Es Ist nicht zu verstehen, warum Rauschning gerade diesen Bevölkerungstell, der mehr oder weniger von seiner Hände Arbeit lobt oder lebte, solange und soweit es ihm gestattet wurde, mit dem ominösen Beiwort „parasitär" belegt, während er gleich hinterher diese Eigenschaft für das Judentum als solches ablehnt. Wünschenswert wäre auch gewesen, dass Rauschning sich zu der Frage geäussert hätte, wie es darum steht, dass der Antisemitismus „ycradczH als die gcfühi^mäaaioo Unterlage der Lvwcgung" bezeichnet worden ist. So gewiss Hdne Beobachtung stimmt, dass der brutale Ju- «Jcnhass und die Zerstörung der jüdischen Le- Ivns.iphüre zu taktischen Zwecken gebraucht wird, so bedeutsam ist doch das Problem, worin die tieferen Wurzeln der Orgie dieses 1 asses liegen. Eine Analyse dieser Zusammenhange gerade von Seiten eines Beobachters wie Rauschning wäre von erheblichem Interesse gewesen. Kurt Löwenatein (Tel-Avlv) In London starb Herbert Sidebotham, ein bekannter Journalist, der seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Vorkämpfer des Zionismus ist. Seit dem Weltkrieg vertritt er unverändert und mit grosser Beredsamkeit die Idee, dass ein jüdisches Palästina eine politische und strategische Notwendigkeit des Britischen Reiches sei. Diesem Gedanken war die kleine Zeitschrift „Palesüne" gewidmet, die Sidebotham redigierte, ausserdem sehrieb er unter verschiedenen Pseudonymen (Scrutator, Candidus etc.) Regelmässig in englischen Zeitungen und Zeitschriften. Selma Lagerlöf Die Hebräische Universität Jerusalem hat anlässlich des Todes der schwedischen Dichterin Selma Lagerlöf Kondolenz-Depeschen an die Schwedische Akademie und an die Familie der Verstorbenen gerichtet. Selma Lagerlöf gehörte dem „Komitee der Freunde der Hebräischen Universität" in Skandinavien an. Die verstorbene Dichterin hat in jüdischen Kreisen viele Verehrer gehabt. Grosse dichterische Erscheinungen haben stets willige und begeisterte Aufnahmen bei einem grossen Kreis des Jüdischen Publikums aller Länder gefunden und auch jüdische Kritiker hatten einen scharfen Blick für wirkliche künstlerische Leistung. Zu den Ersten, die die Bedeutung der Lagerlöf erkannten, gehörte Georg Branden, Die Lagerlöf hat in ihrem Leben eine merkwürdige Beziehung zum Judentum dadurch gehabt, dass ihre engste Freundin Sophie Elkan eine Jüdin war, der die Lagerlöf selbst in einer erschütternden Grabrede ein Denkmal gesetzt hat. Sophie Elkan hat die Lagerlöf auf ihrer Orientreisc begleitet, der wir den Roman „Jerusalem" verdanken. Es war freilich ein Palästina, in dem es die Regungen eines neuen Judentums noch nicht gab. Den Roman „Jerusalem" hnt die Lagerlöf ihrer jüdischen Freundin gewidmet. Nach dem Sieg des Nationalsozialismus hat die Lageriöf deutlich ihre Ablehnung der Rasscntheoric und ihr Mitgefühl mit den Verfolgten zum Ausdruck gebracht, und sie hat auch dem schwedischen Hilfskomitee für die Flüchtlinge grössere Summen zur Verfügung gestellt. Seit jener Zeit ist ihr Interesse an der Judenfrage und auch am Palästinawerk erheblich gestiegen und hat sie zu der bereits erwähnten engen Verbindung mit der Hebräischen Universität veranlasst. Eine Einsendung unseres Mitarbeiters C. Z. Klötzel (Jerusalem) entnehmen wir folgendes: Als die Nachricht von Selma Lagerlöfs Tod in Jerusalem eintraf, rief ich Herrn A. H. L a r s s o n, den schwedischen Konsul, an und fragte Ihn, ob es in der schwedisch-amerikanischen Kolonie Leute gebe, die sich des Besuches von Selma Lageriöf in der Heiligen Stadt noch erinnern können? „Gewiss", antwortete Herr Larsson, „ich selbst bin einer von ihnen. Ja, ich erinnere mich noch genau, wie Selma Lagerlöf nach Jerusalem kam." „Larsson-House", in der „Amerikanischen Kolonie", liegt in jener Gegend nicht weit der alten Stadtmauer in der sich die amerikanischen und schwedischen religiösen Gruppen nach ihrer Ankunft in den achtziger Jahren nicderliessen. Nicht weit vom Hause des Konsulats liegt jenes grosse Gebäude, das in Selma Lagerlöfs Schilderung als „Baram Pascha'a Palast" das Heim der Kolonisten darstellt, in dem sie ein Gemeinschaftsleben nicht unähnlich dem in den heutigen Kwuzoth führten. Konsul Larsson selbst kam 1896 als junger Mensch mit der amerikanischen Gruppe (meist schwedischen Ursprungs) nach Jerusalem, und heiratete die Tochter des Führers der Bauern aus Dalarne, die ein paar Jahre später tu den „Amerikanern" stiessen. „Es ist jetzt beinahe auf den Tag vierzig Jahre her, dass Selma Lagerlöf hierherkam, um Stoff für ihr zweites grosses Buch zu sammeln. Ich war damals 19 oder 20 Jahre alt, und obwohl ich sie oft gesehen habe, hatte ich doch wenig Kontakt mit ihr. Aber ich erinnere mich noch genau, wie erstaunt wir alle Uber ihre Einfachheit und Bescheidenheit waren. Wir hatten uns «Ine berühmte Autorin anders vorgestellt. t*ie traf die schwedisch-amerikanische Kolonie in der Blütezeit Ihres Idealismus an aber Jerusalem machte auf sie den Eindruck einer unerbittlich strengen Stadt — und das war es damals wohl auch. Sie erinnern sich wohl des ersten Satzes aus dem Kapitel ,Gottcs Heilige tadt': „Es verhält sich wirklich so, dass nicht aHe Menschen stark genug sind, um das Ixben in Jerusalem aushalten zu können. Selbst wenn sie das Klima ertragen können und nicht von Krankheiten angesteckt werden, so kann es doch geschehen, dass sie unterliegen. Die Heilige Stadt macht sie schwermütig oder wahnsinnig, ja sie kann sie geradezu umbringen. Man kann dort nicht zwei Wochen wohnen, ohne die Leute von diesem oder jenem, der plötzlich gestorben ist, sagen zu hören: „Den hat Jerusalem getötet." Das ist ein Eindruck von Jerusalem, der heute keine Aligemeingültigkeit mehr hat. Und doch geschieht es auch jetzt noch dem einen oder anderen Einwanderer, dass die Stadt lange wie ein Albtraum auf ihm lastet. „Was Selma Lageriöf am meisten bedrückte", fuhr der Konsul fort, „war die fanatische Unduldsamkeit seiner Bewohner — eine Intoleranz, die bei allen Konfessionen gleich stark vorzuherrschen schien. (Auch hiervon ist das heutige Jerusalem durchaus nicht ganz frei. -Anm.d.A.) Hier redet der Katholik schlecht von dem Protestanten, dar Methodist von dem Quäker, der Lutheraner von dem Reformierten, der Russe von dem Armenier... Hier streitet der Orthodoxe mit dem Ketzer, hier wird keine Barmherzigkeit geübt, hier hasst man zu Ehren Gottes seine Mitmenschen." So hat sie geschrieben, und ihr Buch .Jerusalem' ist eigentlich die Geschichte des Kampfes einer Schar „Menschen guten Willens" gegen die starre Intoleranz des damaligen Jerusalems. Als ihr Buch erschien, lasen wir es mit dem grössten Interesse; aber viele unter uns nahmen es nicht günstig auf. Selma Lagerlöf hatte das Leben in der Kolonie zum Vorwurf genommen, aber sie h »tte es nicht porträtiert. So wie sie alle Namen geändert hat, so hat sie Menschen, Charaktere und Schicksale ihrer eigenen Imagination geschaffen. Das wurde hier nicht von allen verstanden. Erst mit der Zeit begriffen wir, was für ein grosses, unsterbliches Buch „Jerusalem' ist". PROFESSOR DODD Erst jetzt erreicht uns die Nachricht, dass Professor William Dodd in Amerika gestorben ist. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, dem auch die deutschen Juden Dank und Verehrung schulden, Professor Dodd, seiner Zunft nach ein Gelehrter und kein Diplomat, war zur Zeit des Sieges des Nationalsozialismus in Deutschland Botschafter der Vereinigten Staaten. Er hat mit Verblüffung und mit Schrecken aus nächster Nähe die Entwicklung mitangesehen, die ein Volk genommen hat, dessen Kultur und Leistung er — selbst ein alter Heidelberger Student — bewunderte. Dodd war ein durch und durch liberaler ,von echter Humanität erfüllter Mann, der die Wendung der Dinge in Deutschland nur mit tiefstem Abscheu erleben konnte, doch verbot ihm seine Stellung, seine Ablehnung öffentlich cu äussern. Bei mehreren Gelegenheiten aber hat er eingegriffen und versucht, zu Gunsten der Juden zu intervenieren. Damals in der Anfangszeit war am Hofe Hitlers die Stimme des amerikanischen Botschafters noch von grossem Gewicht, und wenn er auch den Gang der Entwicklung nicht aufhalten konnte, so konnte er doch manches mildern. Seine Tochter Martha Dodd hat in ihrem Buch „Through Embassy Eye*"_____ manche« Interessante Uber jene Berliner Zeit 'sprach. ausgeplaudert. Sein letztes Jahr in Berlin war, wie die Tochter berichtete, etwas ungemütlich, denn die Nazis hatten bereits damals seine Einstellung zum Nationalsozialismus begriffen. 1937 war er nach Amerika auf Urlaub gefahren und gegen seinen Willen, so berichtet die Tochter, hat damals sein Stellvertreter r.usammen. mit dem britischen und französischen Botschafter beschlossen, zum ersten Mal die Einladung zum Nürnberger Parteitag anzunehmen Gegen diese Tatsache hat Dodd in Amerika in einem Privatbrief Stellung genommen, der auf irgend eine Weise in die Presse kam. Trotzdem ist Dodd nochmals nach Berlin zurückgekehrt, wenn auch nur für kurze Zeit. Sobald er dann offiziell vom Präsidenten Rooscvelt zurückgerufen und durch einen anderen Botschafter ersetzt war, konnte er als Privatperson frei sprechen. Er zögerte nicht, seine Meinung über das Nazi-Regime und vor allem die Judenverfolgungen in Deutschland offen zu sagen. Später hat Dodd in Amerika bei mehreren Gelegenheiten — auch im jüdischen Kreise — Vorträge über die Nazi-Gefahr gehalten. _ Nahum Ooldmann von der Jewlsh Agency wurde in Montevideo vom Präsidenten der Republik Uruguay empfangen; dem er den Dank für die den Juden bewiesene Sympathie aus-

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