Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 12 (25.3.1940)
- Date
- 1940-03-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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35, Mär* 1940 JODISCHE WELT- RUNDSCHAU Seit« 7 Zur politischen Lage Von Dr. Franc Meyer (Tel-Aviv) Im „Mitteilungsblatt der Hitachduth Olej Germania" (Tel-Aviv) veröffentlicht Dr. Franz Meyer (Tel-Aviv) einen programmatischen Aufsatz zu drr durch das Bodengesetz geschaffenen Lage, worin er die Forderungen der Stunde wie folgt zusammenfaßt: A. Bodenpolitik. 1) Unsere Arbeit muss mit ungebrochener Energie weitergeführt werden Wir dürfen nicht einen Augenblick aufhören, oder gar aufhören wollen, nach h'ret Israel einzuwandern um* hier zu siedeln Unser Arbeitsprogramm muu Jedoch der aktuellen Situation angemeaien «ein. Mindestens ebenso wichtig als der Erwerb de» noch käuflichen Bodens tat die Behandlung des bereits gekauften und heute noch brach liegenden Lande», Ist die Auffüllung unserer Lrwdreserven mit Menschen, die wir aus der Stadt auf's Land bringen müssen. Wir verlangen daher einen nationalen Kolonlsatioosplan. der die Energien des KKL und KH in dieser Stunde zusammenfasst und der, soweit es irgend durchführbar ist, auch die socialen Hilfsgeldcr des Mass Cherum einer konstruktiven Verwendung im Rahmen einer produktiven Arbeitslosen-Fürsorge zuleitet. 2* Organisation de« privaten Bodenkaufs unter nationaler Führung und nationaler Kontrolle. 3) Schaffung einer nationalen Treuhand-Gesellschaft für Pachtung privater landwirtschaftlicher Böden. B. Politik gegenüber den Arabern. Die Meinungderjenigen zionistischen Politiker, die unsere einzige Chance in unserer Hoffnung auf Englands Unentschloasenhelt in der Weissbuch-Politik, auf die Sympathien des britischen Unterhauses, auf das Wohlwollen der neuen Männer tm Kabinett und auf die militärischen Erwägungen der englischen Armee-Leitung gesetzt haben, hat sich als falsch erwiesen. Die gleichen Politiker haben immer wieder erklärt, daaa es eine konkrete arabische Politik für uns nicht geben könne. Wir haben als politische Bewegung' die Verpflichtung, nunmehr denjenigen Kräften Raum zu verschaffen, die im Gegensatz hierzu nicht nur an die Notwendigkeit sondern auch an die, wenn auch äusserst schwierige, Durchsetzbarkeit einer positiven arabischen Politik glauben. Diese Politik muss sich nicht nur auf Palästina, sondern wahrscheinlich wegen der besseren Erfohj»- chancen vor allem auch auf das arabische NachbArgebiet erstrecken, um von dort aus auf die palästinensischen Araber zurückzuwirken Das Weissbuch, das Bodengesetz und die englische Regierungs-Erklärung geben uns die Chance für zusatzliche Bodenknufigenehmigun gen für binationale Kolonisation*plane. Es war wahrscheinlich mehr als ein technisches Unglück, dass die Huic-Kon Zession bis Jetzt nicht realisiert werden konnte, Umso dringlicher sollte Jetzt auf den Beginn der Arbeit und die Schaffung der hierfür notwendigen Voraussetzungen von unserer Seite gedrängt werden. Wir sollten versuchen, die arabische Landgenellschaft zu gründen, ,odcr zu unterstüzten, die für die Erschliessung und Verwaltung des für die Araber abzutretenden Teils der KonzessionsflAche notwendig sein würde. Die Idee grösserer Umsiedlungspläne von palästinensischen Arabern nach den Arabischen Nachbarstaaten verlangt eine langfristige diplomatische Vorbereitung. Aus diesem Grund und im Hinblick auf die von englischer Seite Immer wieder vorgetragene Idee einer Föderation der Arabischen Staaten, oder Zusammenlegung der britischen und französischen Mandate, erfordert eine solche Politik unsere aktive Unterstützung. C. RensJftwuioe der zJonlfttfftchen Bewegung. Als dritte Hauptaufgabe steht vor una der Wiederaufbau, ja eigentlich -die Neuschaffung der Zionistischen Weltorganisation. In letzter Stunde müssen wir versuchen, den kardinalen Fehler der letzten 20 Jahre wieder gutzumachen, der darin bestand, dass wir die Zionistische Organisation zu einer Schelnexlstenx herabsinken Hessen Wir werden uns bei dem Wiederaufbau der zionistischen Organisation von vielen überlebten Formen, die einem anderen Zeitalter angehörten, frei zu machen haben. Wir werden der Tatsache Rechnung zu tragen haben, dasa die Ideologische Verbundenheit einer politischen Bewegung durch das gemeinsame Ziel des Aufbau* der Nationalen Heimstätte In Palästlina In der heutigen Zeit verknüpft sein müssen mit der Herstellung realer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher kultureller Beziehungen zwischen dem Jüdischen Palästina und der jüdischen Diaspora. Auf solchen Erwägungen muss die von uns viel zu lange verschleppte Reform der erweiterten Jewish Agency aufgebaut werden. ZU EINEM ENGLISCHE* BUCH Im Zusammenhang mit gewissen Symptomen, die kürzlich an dieser Stelle anlässlich des Buches des englischen Journalisten Douglas Reed besprochen wurden, ist ein Buch interessant und recht verblüffend, das nach Kriegsaasbruch in England erschienen ist Das Buch heisst „Unfinished Victory" (Unbeendeter Sieg). Der Verfasser ist Arthur Bryant und das Buch erschien in dem angesehenen Verlag Macmillan. Es ist geradezu verblüffend, mit welcher Selbstverständlichkeit hier eine Paraphrase natfowaisozüilistischer Propaganda gegeben wird, die sich nachweisbar auf Naziquellen stützt «— zu einer Zeit, da England mit Nazi-Deutschland im Krieg lebt und in Deutschland jedenfalls jeder Versuch einer pro-englischcn Propaganda nicht nur undenkbar ist, sondern wahrscheinlich mit dem Tode bestraft würde. Bryant stützt seine Darstellung auf eine ganze Reihe nachweisbar falschen Tatsachen, vollständig im Stile der sattsam bekannten deutschen Propaganda mit all ihren Geschichtsfälschungen. In dieser Weise behandelt er auch die Judenfrage, In der er vollständig ungeniert für die Nazis Partei ergreift Trotz einiger Bedenken über die wissenschaftliche Zuläasigkeit der Arier-Theorie unterstützt er alle Nazi-Thesen in Bezug auf das Uberwuchern des jüdischen Einflusses in Deutschland zur Zeit der Republik, wie es in den bekannten einseitigen Propagandabüchern des sogenannten „Institutes zum Studium der Judenfrage" in München verbreitet wird. Es ist hier nicht unsere Absicht, die Behauptungen einzeln zu widerlegen oder die darin enthaltenen Fehler — natürlich ist ein Teil der Angaben richtig und von einsichtigen Juden nie geleugnet worden — aufzudecken. Das Buch von Bryant macht nicht einmal den Versuch einer tieferen Erfassung der Judenfrage. Man fragt sich schliesslich, was der Sinn einer solchen Publikation sein kann, zumal In Kriegszeiten, und leider kann man das Gefühl nicht unterdrücken, dass gerade die antisemitische Note dasjenige ist, was von bleibender Wirkung sein kann. Es ist wichtig für die englischen Juden, aber auch für die Juden der Welt, solche Zeichen der Zeit nicht zu übersehen. Jüdische Schauspieler aus Deutschland. Kurt Katsch, vielen deutschen Juden aus seiner Tätigkeit sm Bertiner Kulturbund bekannt, spielte kürzlich in Boston in dem 8tück ..Margin for Error" von Cläre Booth den Nazi-Konsul, der sich an die New Yorker Polizei um Schutz gegen eine Demonstration wendet und einen jüdischen Polizisten zugeteilt bekommt. Das Stück ist seit Monaten eine der Attraktionen des New-Yorker Broadway. — Der frühere Wiener Theaterdirektor Dr. Ernst Lothar hat in New York eine „Osterreichische Bühne" begründet — Die Koloratursängerin Rita Atlas, früher im Berliner Kulturbund, ist auch in New York eingetroffen (Sie wird Dr. Fritz Struck heiraten, einen Neffen von Hermann Struck). — In USA sammeln sich immer mehr von ehemaligen jüdischen Schriftstellern und Künstlern aus Österreich und Deutschland. So z.B. ist auch Anton Kuh jetzt in Amerika und hält dori vor Emigranten dieselben „Stegreifvorträge" wie früher in Wien oder Berlin. Dr. Mox J. Boch»nh«imer In diesen Tagen feiert in Jerusalem Dr. MaxJ. Bodenheimer .seinen 75-Jährigen Gehtirtstag. Wer mit der Geschichte des Zionismus vertraut Ist, dem brauch! Bodenheimer nicht vorgestellt zu werden. Er ist eine der markantesten Gestalten aus sler klassischen Zeit iIm Zionismus, einer der engen Mitarbeiter Theodor Herzl's und Mitbegründer d*r Zionistischen Organisation und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Bodenheimer war schon vor Herzl seiner Gedankenrichtung, nach Zlonlst Nach llerzl's Auftretet) schloas er sich der Bewegung nn uro! hielt auf dem ersten Kongress «las Referat Über Organisation. Uber die Arbelt Bodcnhelmcrs In Jen«r Zeit berichten hiesse eine Geschieht« des Zionismus Jener Tage schreiben Er begleitete Herzl 1898 nach Palästina, er war einer der gewandtesten und bewahrtesten Kongreas-ProsI- «lenten. er war später seit Wolfsohns Zeiten Leiter des Jüdischen Nationalfonds, er nahm an der Ausbreitung des Zionismus In Deutschland lebhaften Anteil. In den Nachkriegsjahren hat Bodenheimer an ao manchen inneren Kontroversen im Zionismus teilgenommen, Immer von dem Gedanken beseelt, der ursprünglichen Hcnel'sehen Idee treu zu bleiben Mehrmals hat er Palästina besucht und seit 193.1 hat er sich im Lande sthn- <*'g niedergelassen, nachdem sein Hohn übrigens verheiratet mit Ussischkins Tochter bereits Professor an der Universität war. Manches was Bodenheimer hier m-ft eigenen Augen sieht, mag Ihm unzulänglich erscheinen, vieles aber wird er wohl als die Erfüllung eines Traumes empfinden, den er vor Jahrzehnten in einer für die Judenheit noch ruhigeren Zelt als ferne Vision betrachtet hoben mag. Die zionistische Welt, der palästinensische Jlschuw und vor allem die Zionisten aus Deutschland bringen dem Jubilar ihre herzlichen Glückwünsche dar und wünschen, dass die Sache, der er sein Leben geweiht hat, vor seinen Augen zu immer vollendeterer Verwirklichung gelange. Jüdisches aus Schweden Von unserem Berichterstatter. HR. Stockholm, Ende Februar. Die Jüdische Gemeinschaft in Schweden hat «ich nach ihren Kräften an den Hilfsaktionen für Finnland beteiligt. So veranstaltete der Htocktutlmtr Jüdische Studentenklub einen Finnlandabend, der einen Reingewinn von f>"00 Kronen ergab. Der Höhepunkt dieses ausgezeichneten Abends bildete die Ansprache des finnischjüdischen Bürgermeisters S. Jacobs o n, der einen Interessanton historischen Uberblick der Entwicklung de» finnischen Judentums gab, und die Gleichberechtigung hervorhob, deren die Juden Finnlands sich erfreuen. ~ Die Initiative zu einem interskandinavisch musikalischen Flnniandabend unter Mitwirkung des Stockholmer Opern- und Konzertvereinigungs-Oröhestera stammte von dem Stockholmer -Musikscliriftsteller und Komponisten Moses Pergament, dessen Instrumentierung einiger Lieder auch auf dem Programm vorkamen. Ferner trug Schwedens grösste Schauspielerin Tora Teje wirkungsvoll-erschütternd David Frischmanns „Messias" vor, in formvollendeter Ubersetzung von Marcus Ehrenpreis und R. Joaephson; das Gedicht hinterliess bei dem Publikum ..... mit Prinz Eugen an der Spitze — durch seinen literarischen Wert und brennende Aktualität stärksten Eindruck. Ein Internat für Ausländer, <lie aus Schweden ausgewiesen werden sollen, aber nicht Über die Grenzen gesetzt werden können, und teils für die, welche unter «taaiiieher Kontrolle' ' gestellt werden sollen, wurde in 2 Arbeitshäusern — 70 Personen fassend ~~ in der Provinz Dalarna gegründet. Dort sollen die Internierten mit Land- Gartenun«i Waldarbelt sowie Handwerk beschäftigt werden. Für diejenigen, die sich mit Studien verschiedener Art befasst haben, gibt es in den Heimen — die nur männliche Insassen aufnehmen — Möglichkeiten, diese fortzusetzen. Der ehemalige belgische Ministerpräsident van Zeeland, der als Wirtschaftssachverständiger den Vorsitz der „Coordinaiion Founda-- tlon" zur Finanzierung jüdischer Flüchtlingsansiedlung führt, ist in San Domingo eingetroffen und hatte mehrere Besprechungen mit dem Diktator von San Domingo, General TruJIMo, der seiest sein Gut Sosua für die Ansiedlung zur Verfügung »teilt.