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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-25 · 12 (25.3.1940) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
12 (25.3.1940)
Date
1940-03-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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25, März 1940 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seilt 5 Die jüdische Waffe im Lebenskampf Von Dr. Gustav Krnjankf r (Jerusalem) Im April d. Js. kann die Hebräische Universität zu Jerusalem auf ein fünfzehnjähriges Bestehen zurückblicken. Sie hat in dieser Zeit grosse Leistungen vollbracht, und sie steht mitten in der Verwirklichung neuer Pläne zu weiterem Ausbau. In diesen fünfzehn Jahren aber hat sich das Gesicht der Welt gewaltig verändert, und ein Bericht über geistige Errungenschaften findet wenig Interesse in einer allgemeinen Situation, in der alle Kräfte ganz auf die unmittelbaren Erfordernisse des Tage« konzentriert elnd. Der Krieg, der über die Welt geht, nimmt die Energien aller Nationen ausschliesslich für steh in Anspruch, Die grossen Judenzentren Europas sind vernichtet worden, und alle Fürsorge ist auf die Opfer dieser Katastrophe gerichtet. Wellen von Flüchtlingen ergiessen sich über den Erdball, und die wenigen noch glücklicheren Länder haben ihre Versorgung zu tragen. Da erscheint es wie ein grosser Widerspruch, wenn unter diesen Umständen eine Statte der geistigen Arbeit Aufmerksamkeit und Interesse für sich erheischt. Inter armes silent musae. (Im Waffenlärm verstummen die Musen). Muss dies Wort, wenn es schon allgemein gilt, nicht erst recht für die jüdische Gemeinschaft gelten, die schwer damit ringt, noch nicht verlorene Positionen zu halten und ihre schon geschlagenen Teile vor der letzten physischen Vernichtung zu bewahren? Was soll ihr in solchem Augronblick ein kulturelles Werk -— und sei es von höchster Bedeutung im Reiche des Geistes? Inter armes silent musae. Aber die „Musen" sind für die jüdische Gemeinschaft die wesentlichste Waffe in ihrem Lebenskampf. Wären die Juden ein unbeachtliches Volk, wären sie die Zigeunerhorde, zu der man sie in Mitteleuropa zu erniedrigen trachtet — sie hätten nie die Welle neidischen Hasses gegen sich erregt, die heute über sie hinbraust. Weil sie nicht unbeachtlich sind, weil sie bei aller äusseren Machtlosigkeit einen geistigen Faktor im Leben der Völker darstellen, ist gegen sie ein Kampf der Vernichtung entfesselt worden. Sie sind die uberlebenden Träger jener ethischen Werte, auf denen die Kultur des Abendlandes beruht. Und es ist kein Zufall, dass in der schweren Gefahr, vor der eben diese Kultur heute steht, gerade die Juden zum ersten Opfer wurden. Ihr hoher Durchschnitt an geistiger Ausbildung und das grosse Kontingent an schöpferischen Kräften, das sie auf allen Lebensgebieten stellen, macht sie zum symbolischen Ausdruck einer Kulturwelt, die jeUt einem neuen Barbarentum weichen soll. Man kann zwar Millionen nicht rein physisch vernichten, aber man kann das Volk der Ethik durah Entziehung aller Existenzgrundlagen zu einem Volk von Verbrechern, man kann das Volk der Intelligenz zu einem Votk von Heloten machen. Und da» ist das Ziel. Dieser Schlag: aber, wenn er gelänge, wäre in der Tat der vernichtendste Schlag. Wenn er gelänge... In den meisten Ländern Europas ist schon heute kaum mehr eine Ausbildungsmöglichkeit für die heranreifende jüdische Jugend gegeben. In dem weiten Bereich, der jt'tzt Hitlers Macht untersteht, haben sie noch nicht einmal die Möglichkeit zur Erlernung praktischer Berufe, geschweige zu höherer Bildung. In den meisten anderen Ländern Europas ist, mit mehr oder weniger Radikalismus gehandhabt, die gleiche Tendenz am Werk, und es ist kein Zweifel, dass die nächste Generation weit, erschreckend weit unter das geistige Niveau ihrer Väter herabgedrückt sein wird. Aber damit ist eine Situation gegeben, wie sie noch nie in der jüdischen Geschichte bestanden hat. Denn wenn den Juden auch früher die Auabildungsmügüchkeiten der Völker nicht zur Verfügung standen, so hatten sie doch ihre eigenen. Sie hatten die religiöse Erziehung, die die moralischen und geistigen Kräfte des jüdischen Menschen zugleich zu formen verstand. Und diese Erziehung hat das Volk durch alle Zeit auf hoher Stufe gehalten. Als die Mauern fielen, da haben sich den Juden die Möglichkeiten der Völker erschlossen: sie haben sie blldungehungrig genutet, und was sie empfingen reichlich zurückgegeben. Heute aber stehen sie vor verschlossenen Toren. Die alte jüdisch-traditionelle Welt hat, so sehr man es beklagen mag, ihre werbende Kraft für die Jugend von heute verloren, und die Kulturwelt Europas sperrt sich gegen sie ab. Damit aber ist mit aller Krassheit die Gefahr eines tiefen Absinkens für den jüdischen Durchschnitt gegeben. Infolge des ungeheuren Tempos, In dem sich die Ereignisse dieser Zeit vollziehen, hält unser Bewusstsein noch bei einem Inzwischen längst uberholten Problem. Noch vor kurzem konnte man das Vorhandensein eines akademischen Proletariats und einer gewissen geistigen tfberzuchtung unter den Juden beklagen. Und man stand vor der Aufgabe, in wirtschaftlich-beruflicher Beziehung einen gesunderen Ausgleich zwischen den Schichten herbeizuführen. Aber die Frage, die heute gestellt ist, ist von ganz anderer Art: Es ist die Zukunftsfrage nach dem geistigen Niveau der jüdischen Gesamtheit, eine Frage, die mit der nach dem Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft beinahe identisch Ist. Das Absinken ihres geistigen Durchschnitts bedeutet für jede Gemeinschaft eine schwere Gefahr, eine tödliche Gefahr für eine Gemeinschaft ohne äussere Macht. Sie hat keine andere Waffe im Lebenskampf ah ihre artige Kraft. Wird sie geistig proietarislert, dann erleidet sie das Schicksal des Proletariats, das aus langer Geschlechtslosigkeit erst durch Erwecker und Führer aus anderer, aus bürgerlicher Schicht allmählich emporzusteigen begann. Sie wird zur Unselbständigkeit verurteilt und muss dann einer Zukunft harren, in der ein freundlicherer Zeitgeist sich wieder der Gesunkenen annimmt, um sie aus dem Dunkel Ihrer Existenz langsam ins Licht zu holen. Das Absinken ins Dunkel aber ist es, das sich jetzt vorbereitet; gerade jetzt, wo sich die jüdische Gemeinschaft auf lange Zeit hinaus vor neue und ungeheure Aufgaben gestellt sieftit. Die Welt hallt jetzt wieder von der Not der Flüchtlinge und den grausamen Einzelschicksalen, die Hunderttausende treffen. Aber das alles ist doch nur ein Vordergrundbild, das mit seinem Getümmel noch den Hintergrund wohltätig verdeckt. Denn all dies wird vorübergehen: mit Untergang der Einseinen oder ihrer Rettung. Und Dringende Bitte Wir büton oll« ••ii«h«r d«r ,JWi", dl« mit d«r ••lohlung tos Abonn«m«ntf Im Rückstand« sind, um sofortig« Ubtrwtiiungl B«d«nk«n Sl«, wl« lang« dl« Post braucht, und unt«rwl« s«hwl«rlg«n Verhältnissen wir arb«lt«n mtffitn. W«rbt Abonn«nt«n für dl« J WRI dann erst, wenn der Rasen erlittenes Leid schon deckt, wird »ich das wahre Ausmasa der Katastrophe enthüllen: nicht, nur eine dezimierte Judenhcit wird zurückbleiben, sondern was» schlimmer ist - eine armselige, eine in ihrer wirtrchaftlichen und geistigen Existenz schwer getroffene; und wer vermag zu sagen, ob und wann sie »ich wieder zu neuer Kraft erholen kann. Wenn wir so aus der Wirklichkeit von heute in die von morgen sehen und in diesem Zusammenhang von der Hebräischen Universität zu Jerusalem sprechen, wird en klar werden, daas hier nicht für „Luxuswertc" dos Geistes in einer Zeit Interesse erweckt werden soll, die knum den praktischen Bedürfnissen des Tages Genüge zu leisten vermag. Die Arbeit der Universität als Arbeit an der geistigen Ausbildung jener jüdischen Jugend, die eine neue Zukunft gestalten soll im Lande sowohl wie ausserhalb des Landes —ist eine eminent praktische Aufgabe; durch sie wird, auf die Dauer gesehen, die wirk-samste Waffe gegen jenen Vernichtungskampf geschmiedet, den die Fürsorge an seinen Opfern wohl zu lindern, aber in seinen Ergebnissen nicht zu ändern vermag. Es ist ein konstruktives Werk von höchstem Rang. Und als ii>25 ein bescheidenes, zunächst nur der Forschung gewidmetes Institut in Jerusalem errichtet wurde, hat noch niemand geahnt, dass dort nach 15 Jahren schon eine Universität mit zwölfhundert Studenten und hundertdretosig wissenschaftlichen Mitarbeitern , stehen würde, die so schnell zur Durchführung einer entscheidenden Aufgabe für die Volksgcsamtheit berufen sein würde. Die Hebräiache Universität Jerusalem, die am 1. Aprii ihren 16. Geburtstag feiert, ist landschaftlich so schön gelegen wie keine andere Universität der Welt. Van der einen Seite errfasst der Bück die Jerusalemer Altstadt mit dem Tempelplatz und der Omar- Moschee, auf der anderen Seite erstreckt »ich dan grossartige sandige Hügelland hinunter bis zum Toten Meer, jenseit» dessen man die Berge Moabs sieht. Unser Bild zeigt den Blick vom Amphitheater der Universität nach Osten zum Toten Meer,

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