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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-25 · 12 (25.3.1940) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
12 (25.3.1940)
Date
1940-03-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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25. März 1940 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU Sott« 8 Judenstaat und VORSCHLAG EINER FUNDAMENTALEN LOSUM Von Dr. MAYER EBNER (Ceinauti) (Wir stellen den nachstehenden Artikel zur Diskussion. — A. d. Red.} I. Man behandelt das Judcnproblcm als „Flüchtlingsproblcm". Wir Zionisten aber wollen, wie W ti z in a n n es im Mekkatcmpel in New York gesagt hat, das» die Juden nicht ständige Wanderer bleiben. Wir verlangen eine fundamentale Lösung der jüdischen Frage. Fundamental kann das jüdische Problem nur gelöst werden, wenn man die fundamentale Ursache unserer jüdischen Weltnot beseitigt. Sie liegt in unserem allwcltlichen Minoritätent u m. Nirgends Mehrheit, überall Minderheit. Wir sind mehr als eine Religionsgesellschaft und weniger als eine Nation, und dieses in der nichtjüdischen Umgebung besonders auffallende Doppelwesen wird als eine unwillkommene Minderheit empfunden und als uolchc behandelt. Ob mit Recht oder Unrecht soll hier nicht diskutiert werden. Die Tatsache als solche ist eine unanfechtbare Prämisse. Die Säkularität dea Judenhasses ist unleugbar, und er ist auch nach Mommscn eine Folge unserer mehrtausendjahrigen unvermeidbar gewesenen Absonderung. Zum eisernen Bestände unserer zionistischen Ideologie gehört es, das» unsere volkliche, Ja sogar bürgerliche Stellung in der Diaspora für die Dauer unhaltbar ist. Erfahrung und Geschichte haben diese zionistische Auffassung tausendfach erhärtet. Die „neue Welt", von der die englischen Staatsmänner träumen, dass sie nach diesem Kriege kämmt, wird eine dauernde und faktische Gleichstellung der Juden mit den anderen Bürgern in den Ländern der Diaspora nicht bringen, weil die Verhältnisse, die zu unserer Judennot geführt haben, in der Diaspora fortbestehen werden, zumal die menschliche Natur mit ihrer eingewurzelten Xenofobie sich nicht ändert. Es kann sein, dnss nach dem Kriege die bisherigen brutalen Formen der Judenverfolgung (für immer?) aufhören. Im ewigen Zick-Zack werden bessere mit schlechteren Zeiten abwechseln. Bis in unabsehbare Fernen aber werden wir neben einem allgemein menschlichen auch ein Judcnschicksal tragen. Die gleiche Sicherheit für Ehre, Leben und Eigentum wie die anderen werden wir als Minderheiten in den Ländern der Diaspora niemals haben. Wer hätte es geglaubt, dass auf das gesegnete XIX. Jahrhundert der Emanzipation und des Liberalismus das Zeitalter folgen wird, welches wir schaudernd erleben? II. In der Beseitigung unseres Minderheitentums liegt ahto die fundamentale Lösung des Jiulunproblems. Darum ist jede weitere Zerstreuung über die Welt vom Standpunkte einer Lösung der Frage zwecklos. Sie verschleppt den Antisemitismus wie eine ansteckende Krankheit, Damit wir ihm entrinnen, müssen wir ein Volk werden, wie alle anderen Völker es sind, ein Volk auf eigener Erde, Majorität und nicht mehr Minorität, ein Volk mit autonomer Gestaltung seines Lebens in eigener Kultur und in nationaler Eigenart. Auf dieser Argumentation baut sich die Ideenwelt Pinskcrs auf. Er war der erste Territorialst und seit Herzl sind wir zionistische Territorialitäten. Wir lehnen die „Nachtasyle" ab, in denen man des Morgens findet, dass uns der Antisemitismus wie ein Schatten gefolgt ist. Wenn also tvandern, dann nur in Massen und nur dorthin, wo wir von vornherein nicht Minderheit, sondern Mehrheit werden, also in Gegenden mit minimalster Dichte der Urbevölkerung. Wie schwer es ist, in einem bereits besiedelten Lande Mehrheit zu werden, sehen wir an Palästina. Gewiss kann Palästina zu beiden Seiten des Jordan so viele Juden aufnehmen und ernähren, als zu der von gewissen Ländern gewünschten Entlastung der Diaspora ausreichen würde, und auch ich würde vor der Friedenskonferenz den ausschliesslich zionistischen Territorialismus vertreten. Aber ich stelle mir die Situation vor, wenn feststehen wird, dass die Errichtung eines Palästina umfassenden Judenstaatcs nicht bewilligt wird. Ich möchte nicht, dass wir nach dieser traurigen Eröffnung erst in Diskussionen und Verhandlungen mit den anderen jüdischen Parteigruppen treten. Auch eine Frledcnskonfe- , renz hat ihre Stimmungen und Strömungen, und was man von der Minute ausschlägt, gibt bekanntlich keine Ewigkeit zurück. Wir müssen den Dingen gerade ins Auge schauen. Die Araber sind eine Realität, der Nationalismus wird in absehbaren Zeiten nicht verschwinden, die englische Politik wird keine Sprünge machen, einzig real bleibt euis Projekt der Teilung Palästinas und die Schaffung einer autonomen jüdischen Gemeinschaft auf Teilen Westpalästinas und vielleicht auch auf einem Teile von Transjordanien. Diese autonome Gcmclnwhaft kann und soll ein von einer Weltmacht (England) oder von einem exekutionsfählgen neuen Völkerbund protegierter jüdischer Staat werden ,dcr etwa zwei Millionen jüdische Einwanderer wird ernähren können. in Man wird einwenden, dass nach dem Friedcnsschluss die Juden aus ihren Heimatländern der Diaspora nicht mehr flüchten werden, und dass die Friedenskonferenz zweifellos unsere Kardinalforderung nach bürgerlicher Gleichberechtigung anerkennen und sie allen Staaten zur Pflicht machen wird. Wir aber sind fest überzeugt, dass die neuen internationalen Verträge im Judenpunkte ebenso versagen werden, wie sie hinsichtlich des Schutzes der Minderheiten versagt haben. Nach Jahr und Tag beginnt das Spiei von neuem, und für mich ist es Dogma, auf das ich schwöre, dass unsere Lage in der Diaspora immer eine labile und daher unhaltbare ist. Auch wenn nach Beendigung des Krieges die Juden in den Ländern mit jüdischer Massensiedlung nicht gezwungen sein werden, zu flüchten oder auszuwandern, soll eine universell gedachte jüdische Politik Juden veranlassen, dass sie aus den - - wie Nordau gesagt hat — mit Juden „gesättigten" Ländern auswandern, und die Aufgabe einer universellen jüdischen Führung soll es eben sein, — auswandernde Judengruppen nicht mehr in „Nachtasyle" zu verführen, sondern den Strom der Auswanderung dorthin zu leiten, wo sie von vornherein Mehrheit und nicht Minderheit werden, also In erster Linie in den wenn auch kleinen Judenstaat in Palästina und sofern dieser so gros-: se Massen nicht fassen wird, in andere fa»t menschenleere, klimatisch uns zuträglich« und fruchtbar» Gegenden von Kanada, Australien um. Hei dt>r Friedenskonferenz soll die christliche Welt, diu oft so stürmisch eine Ordnung der Juden frage fordert, es beweisen, dass es ihr um eine vernünftige menschliche Lösung dieser schmerzensYeichen Weltfrage wirklich ernst Ist, Sic soll uns wenigstens einen Teil von Palästina— als Stamm- und Mutterland und geeignete Territorien aus Ihren überseeischen Besitzungen einräumen. Wenn die christliche Welt es ernst meint, müsstc sie, die so viele Milliarden in Gold für den Krieg aufgewendet hdt, noch so viel erübrigen, um eine Wcltanlcihe für die menschenwürdige Ansiedlung jüdischer Massen zu garantieren und in einem auf mehrer«] Geschlechter zu verteilenden Tilgungsplan zu bezahlen. Gewiss gehört dazu ein starker Optimismus, an diese Möglichkeit zu glauben, aber der Optimismus jener Juden, die von dem Friedenskongross das Ende unserer Leiden erwarten, ist viel naiver, viel traumhafter und gcschichtswldrlger. IV. Judenstaat mit Kolonien? Der kleine Judenstaat in Palästina wird, weil er num Teil auch am Meire gelegen sein wird, die Welt ebenso offen vor sich haben, wie einst die Seestadt-Staaten verflossener Jahrhunderte und wie andere kleine Staaten der Gegenwart z.B. Holland. Belgien und Portugal. Werden sich auf den den Juden zugewiesenen Territorien jüdische Gemeinwesen unter internationalem Schutze entwickelt haben, dann wird es nur logisch sein und im Geiste einer nationalen und religiösen Erziehung der kommenden Geschlechter, dass sie zum jüdischen Mutterland in Palästina in oinem dem Geiste jener Zeiten angepaßten staatlichen Zusammenhang treten. Für die von mir vorgeschlagene Lösung Ist dieser staatliche Zusammenhang nicht absolute Voraussetzung, aber genau so wie die heute unabhängigen Dominions freiwillig zum britischen Mutterland halten, werden jüdische autonome Siedlungen in der ganzen Welt »um Judenstaat in Palästina gravitieren. Man muss nicht in messianischen Zukunftsträumen schwelgen, um an die Möglichkeit eines JudensUates mit autonomen jüdischen Kolonien zu glauben. Die von mir vorgeschlagene Lösung wird unser zionistisches Palästlnaproble m entlasten — sowohl politisch, als auch ökonomisch, ökonomisch, weil das Land nur eine clhtxähliche, materiell gut fundierte Einwandering wirtschaftlich verdauen kann. Eine solche nimmt dem arabischen Widerstand die Schäi fe, und erleichtert auch die unleugbar schwierige Situation der Mandatarmacht. / Ein kleiner Judenstaat in Palästina mit organisch wachsenden, autonomen Jüdischen Kolonien, die in welcher Form auch immer in Erez Israel ihr nationales Z e n t r u m sehen, wird im Sinne unserer zionistischen, Argumentation Schutz, Ehre und Zuflucht sein .für jene Juden, die in den Ländern der Diaspora bleiben wollen oder bleiben müssen. BRIEF AUS DER SCHWEIZ Von unserem Korrespondenten Die Landesleitung der „Nationalen Front" in der Schweiz gab in einer Erklärung bekannt, dass sie beschlossen hat, ihre Organisation selbst aufzulösen. Die „Nationale Front", die sich selbst diesen anmaasenden Namen gegeben hat, ist jene aggressiv antisemitische Organisation, die sich gelegentlich des Zürcher Zionistenkongresaes 1937 mit antisemitischen Pöbelszenen hervortrat. Es handelt sich um dieselben Elemente, die 1933 in den Prozeas um die „Protokolle der Weisen von Zion" in Bern verwickelt waren und schon damals über ihre Verbindung mit Deutschland keinen Zweifei Hessen. Ihr „Sachverständiger" war Oberst Fleischhauer aus Erfurt, der Leiter des Nazi-„Wcltdienstes", In den letzten Monaten wurde die Spitzel- und Spionage-Tätigkeit der ihrer Agententätigkeit Ist, Auch in diesem Fall hat sich gezeigt, dass d»»r Antisemitismus, mit dem man Sympathien fangen wollte, in Wahrheit nur eine Tarnung der Förderung der imperialistischen Ziele des Dritten Reiches ist. Hat doch Deutschland den Antimjmijismue als eine seiner fiauptwaffen zur Erreichung aussenpolitischer Ziele entwickelt, was man auch In andern Ländern beobachten kann. Die verantwortlichen Kreise der Schweiz haben dafür einen offenen Blick bekommen. Man darf wohl annehmen, dass die Auflösung der „Nationalen Front" nicht ganz „freiwillig" war. Auf einer Konferenz der Organisation der jüdischen Gemeinden in Rumänien sprach der Führer der rumänischen Juden Dr. FiIdermann seine lebhafte Besorgnis um das künftige . jW'hieksHl <i«r rumänischen Juden all* Dr Fil- Führer der „Nationalen Front" immer mehr entj dermann wies auch darauf hin, dass die Juden hüllt, viele von ihnen wurden verurteilt, ander» die einzige Minderheit dea Landes sind, die nicht entzogen sich der Verhaftung durch die Flucht)zum Eintritt in die Nationale Einheitspartei aufins Dritte Reich, was ein volles Eingeständnis j gefordert wurden.

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