Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 12 (25.3.1940)
- Date
- 1940-03-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 25, März 1940 dem c« Ist praktisch Bestandteil des Britischen Reichet. Btüfour aber ist 10 Jahre tot Diese Woche jährte sich zum sehnten Mal «ein Todestag. Der Name Halfour ist im jüdischen Volke so bekannt wie der keines zweiten englischen Politikers, sogar Dtsireli eingeschlossen. Den, Hurch die Deklaration vom 2. Novembev IVtt, ^ie seine Unterschrift trägt, begann «In neue* Abschnitt der jüdischen Geschi'Jite, basiert auf der ersten Anerkennung der nations.en Ansprüche und Ziele des jüdischen Vcdcea. Balfours echtes Interesse fü» Üo Ju<.en, seine menschlich freundschaftliche Ziehung zu Chaim Welzmann und seine Liebe zur zionistischen Idee werden in der Biographie Balfours von seiner Nichte Blanche Dugdale ergreifend geschildert. Solange Balfour lebte (als der unstreitig erste Mann Englands), hatte der Zionismus in Ihm eine nie versagende Stutze. Alteren Palästinensern ist sein Besuch im Lande zur Einweihung der Universität am 1. April 1925 — jetzt also genau vor 15 Jahren — in lebendiger Erinnerung. Balfour wusste aber auch um die Schwierigkeiten, von denen das ihm so teuere Werk umgeben ist. Seine vielleicht bedeutendste Rede Uber den Zionismus war die am 12. Juli 1020 in London, in der er, gewiss ein autorisierter Sprecher, den Gedanken der Bundesgenossenschaft zwischen England und den Juden aussprach: „Wir haben uns eingelassen auf ein grosses Abenteuer, ich sage mit Absicht, .Wir' und rneine mit diesem Wir auf der einen Seite das Jüdische Volk und auf der anderen Seite die Mandatsmacht Palästina. Wir sind Partner in diesem grossen Unternehmen. Wenn wir Sie Im Stiche lassen, werden wir nicht Erfolg haben. Wenn Sie uns im Stiche lassen, können Sie nicht Erfolg haben. Aber ich bin Uberzeugt, dass wir Sie nicht Im Stiche lassen werden und dass Sie uns nicht im Stiche lassen werden. Und wenn ich mit dieser Prophezeiung von Hoffnung und Vertrauet? Recht habe — und ich bin dessen sicher— dann können wir einer glücklichen Zukunft entgegensehen, In welcher Palästina in einem vollen Mas« des Erfolges eine Heimat für das judische Volk werden wird." In dem ersten Teil seiner Rede zählt Bai* four die Schwierigkeiten auf, mit denen die Juden in Palästina zu tun haben, vor allem die Beziehung zu den Arabern. Balfour wandte sich in der Rede gegen diejenigen, die für Palästina das Recht der Selbstbestimmung anwenden wollen, was bedeuten würde, dass die arabische Bevölkerung das Bestimmungsrecht im Lande hätte. Demgegenüber müsse gesagt werden, „dass der Fall der Juden in allen Ländern ein absoluter Ausnahmsfall ist, ausserhalb aller gewöhnlichen Regeln und Maximen und daher auch nicht in irgendeiner Formel oder einem Satz zusammengefasst werden könne. Er muaa daher auch durch Ausnahmamethoden behandelt werden.'4 Die zionistische Bewegung, so sagte Balfour weiter in dieser Rede, kann nur von Idealisten verwirklicht werden, aber Idealismus trage auch eine Gefahr in sich: „Gerade die Eigenschaften, die einen Hann veranlassen, alles was er hat, für eine Idee zu opfern, machen ihn oft blind für kühle und ruhige Überlegung, ohne welche grosse Ideen nicht zu einer wirklichen erfolgreichen Entfaltung gebracht werden können." Nun ist Balfour 10 Jahre tot Ein anderes England steht vor uns, das freilich seine repräsentativen Gestalten noch nicht aus sich herausgestellt hat, und eine andere Welt, von der Balfour nichts wusste. Es wäre ein Irrtum, für Fragen der Gegenwart nicht die Masstäbe der Gegenwart anzuwenden. Aber gewisse Grundgedanken, die Balfour mit Palästina verband, werden, so hoffen wir, ihre Auferstehung feiern. Aas Deutschland SESTOHLENE STIFTVMQMELDER Das „Nlkolsburgcr Krelsblatt" (Mähren) veröffentlicht unter der hübschen Überschrift „Sehluss mit den Jüdischen Stiftungen" folgende Mitteilung: ..Der Stillhaltekommissar hat folgende Stiftungen aufgelöst; Gebets-Stiftung Simon Künstler, Gebets-Stiftung Joseph Lampl, Seelen- Armen-Stiftung Wilhelm Lampl, Seelen-Stiftung Jakob Lampl, verwaltet durch Paul Johann, Ober« Wachtmeister i.R. Eisgrub. Die Stiftbriefe samt alifälligcn Nachtragen werden aufgehoben. Das Vermögen wurde unter Ausschluss der Liquidation zugunsten der Aufbaufonds-Vermögensverwaltungs-Gcsellschaft m.b.H., Wien. Zweigstelle Re i c h e n berg, ei n gezogen." „ARTVERfiESSEl" Die deutsche Zeitschrift „Grundeigentum" veröffentlicht eine Entscheidung des Landgerichts Kosltn, wonach der Verkehr einen Mieter» mit einer jüdischen Familie in der Mietwohnung eine „erhebliche Belästigung" im Sinne des Mieterschutzgesetzes darstellt. Die Beweisaufnahme hatte ergeben, dass die beklagte Ehefrau bis in die letzte Zeit hinein regelmässig den Besuch eienr Jüdin empfangen hat, dass ausserdem die Kinder der Jüdin gleichzeitig Auf dem Grundstück der Klägerin mit den Kindern der Beklagten gespielt haben. Das Gericht hat auf Grund der Beweisaufnahme anerkannt, dass der Klägerin die Fortsetzung des Mietverhältnisses nicht mehr zugemutet werden kann. Für jeden deutschen Volksgenossen sei es ein selbstverständliches Gebot, keinerlei Beziehungen mit einem Juden zu unterhalten. Das Mietverhältnis begründe auch ein beiderseitiges Vertrauensverhältnis, das aufs tiefste getrübt werde, wenn sich die Beklagten artvergeasen zeigten. „JUDENFRAGE NICHT ERLEDIGT" Der „Hamburger Anzeiger" berichtet; „Im Rahmen der Vortragsreihe Über Wirtschaft und Politik, die im Dezember in der Hamburgischen Verwaltungsakademie anlief, sprach im Grossen Saal des Hauses der Arbeit Reichshauptstellenleiter Rudolph vom Amt für Beamte der NSDAP, Berlin, über .Das Judentum, sein Wesen und seine Gestalt in Geschichte und Gegenwart*. Seine ausserordentlich aufschlussreichen Ausführungen gipfelten in der Feststellung, dass die Judenfrare für uns nicht durch die Neuordnung des Rcichsbürgerrechtes (d.h. die Nürnberger Gesetze- A.d.„JWR") erledigt sei oder auch nur an Bedeutung verloren habr. Das Judentum wird, das hat sich in .»«-.'ganzen geschichtlichen Entwicklung gezeigt, immer wieder nachstossen, immer wieder versuchen, sich durchzusetzen und anderen seinen Willen aufzuprägen. Es wird auch in Zukunft seinen Verhängnis vollen Einflu&s auf andere Länder ausüben und ca wird auch in Deutschland immer wieder versuchen, bei späteren Generationen einzudringen. Es genügt darum nicht, dn.sa wir uns gegen das Judentum wehren, wir müssen auch den Boden so fest bereiten, dass Kinder und Kindeftkinder gegen Jüdische Einflüsse gefeit sind" SCHULUNTERRICHT Die „Gumbinner Allgemeine Zeitung" schreibt „Je mehr das Judentum bei uns uus dem täglichen Leben des Volkes verschwindet, desto stärker wird die Gefahr, dass seine Gefährlichkeit nicht mehr gesehen wird. Auch die Schule wird deshalb dafür sorgen müssen, die „Kenntnis röm Feind" wachzuhalten. In „Volksaufklärung und Schule" werden Anregungen dafür gegeben. In erster Linie ist der Biologie-Unterricht heranzuziehen. Auch im Geschichtsunterricht darf für keine Periode an der Einwirkung des Judentums vorübergegangen werden. Im Erdkunde-Unterricht muss mindestens eine Kenntnis der einzelnen jüdischen Siedlungsgebiete erreicht werden. Im Deutsch-Unterricht wird das Ohr zu schärfen sein für jüdelnde Formern, die in unsere Sprache eingedrungen sind. Schliesslich muss im Religionsunterricht jede Verherrlichung des Judentums als eines auserwählten Volkes unterbleiben." Das tschechische Wochenblatt ,ßtit Naroda" („Schild des Volkes") gibt bekannt, dass es zum Zentralorgan der antijüdischen Liga im Protektorat Böhmen und Mähren wurde, die eine Zweigstelle der antijüdischen Weltliga in Nürnberg ist. Die „Warschauer Zeitung" teilt mit, dass demnächst eine Zählung der Deutschen in Polen veranstaltet werde, wobei jeder Deutsche seine arische Abstammung nachzuweisen hat. Und noch einen anderen Todestag begehen wir dieser Tage. Vor zwanzig Jahren fiel (am 11. Adar) Josef Trumpeldor in Tel Chaj. Die stärkste Kraft der Verwirklichung liegt in dem opferbereiten Einsatz der eigenen Person. Eine Verkörperung dieser Opferbereitschaft ist die Gestalt von Josef Trumpeldor. Seit dem Tode Trumpeldors bis heute ist so viel Zeit verstrichen wie seit dem ersten Zionistenkongress bis zur Baifour-Deklaration. Trumpeldors Tod am 11. Adar des Jahres 1920 bei der Verteidigung von Tel Chaj in Ober-Galiläa, wo heute junge Menschen atts Deutschland für das Land erzogen werden, war der Abschluss eines romantischen Lebens, das in seiner Eigenart den Typus eines neuen Juden vor uns hinstellt, der in völligem Gegensat« steht zu dem Ghetto-Typus der vorausgehenden Zeit. Trumpeldors Persönlichkeit kann man aus Berichten von Zeitgenossen und aus seinen eigenen Tagebüchern kennen lernen. Er verband mit persönlicher Tapferkeit ein inniges Gefühl für Natur und Menschlichkeit und all sein Sinnen war auf die Schaffung einer besseren Lebensordnung gerichtet, in der Gemeinschaftsgeist und menschliche Nähe das Zusammenleben bestimmen. Als der Weltkrieg in Osteuropa ein ungeheures Chaos geschaffen hatte, war es Trumpeldor, der die jüdische Jugend für ein neues Leben zu organisieren begann. Er war es, der damals (1917) die Parole der „Chalu- 2 i u t h " auagegeben hat, Im November 1918 kam Trumpeldor selbst nach Palastina mit der Absicht, die „Legion der Arbeit'4 zu schaffen, nicht zum Kampf, sondern zum Aufbau eines neuen Lebens der Arbeit auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit Leider ist Trumpeldor zu früh gestorben. Der Kampf, der sich damals um Tel Chaj entspann, hatte nur mittelbare Beziehung zu jüdischen oder palästinensischen Fragen, es war ein Übergreifen der in Syrien im Frühjahr 1920 im Zusammenhang mit der Tronbesteigung des Emir Feiaal entstandenen Wirren. Trumpeldor kannte nur einen Gedanken: Jüdischer Boden durfte nicht preisgegeben werden. Er liess sich auf einen Kampf ein, der von vornherein mit dem Untergang enden musste. Wenn wir heute sehen, dass die Grenzziehung des jüdischen Gebietes in Palästinas sich auf tatsächlichen Bodenbesitz stützt, so verstehen wir Trumpeldors Gedanken. Sein Kampf und Tod ist für grosse Teile der jüdischen Jugend zu einem symbolischen Ereignis geworden, das auch in diesem Jahre wieder mit einer Prozession zu seinem Grabe gefeiert wird. Das Palästina von 1940 ist nicht mehr zu vergleichen mit jenem Palästina von 1920, in welchem eine kleine Schar idealistischer Kämpfer die Judenheit repräsentierte. Heute haben wir, teilweise durch das Verdienst dieser Pioniere, einen grossen und komplizierten Organismus des jüdischen Lebens, der seine endgültige Form noch nicht gefunden hat. Bei den Erschütterungen aller Art, wie wir sie durchleben, ist der Gedanke an die gewaltigen Veränderungen und Leistungen der letzten 20 Jahre ein Fundament der inneren GcinTisshvit für das weitere Wachstum und für die lebendige Entfaltung der Idee, an die, jeder in seiner Art, Balfour und Trumpeldor geglaubt haben.