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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-25 · 12 (25.3.1940) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
12 (25.3.1940)
Date
1940-03-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Trotadem hat dieser Tag des „Gelben Flecks" in Deutschland seine historische Bedeutung für die jüdische Geschichte unserer Zeit, denn er war der Anfang, er war das Signal jener Umwälzung und Entwurzelung, die seither das jüdische Leben in einen völlig neuen Zustand versetzt hat. Damals am 1. April 1933 dachten viele, es handle sich nur um die Entziehung der moralischen und teilweise auch materiellen Grundlagen des bürgerlichen Lebens der Juden in Deutschland; man wusste noch nicht, daas es der Auftakt zu einer Juden Vertreibung gigantischen Umfangs aus weiten Teilen Mitteleuropas sein wird. Und doch war dieses erste Erlebnis des Ausgestossenseins aus einer Sphäre, die sie als die unstreitig eigene empfunden hatten, für tausende deutscher Juden die tiefste aller in diesen Leidensjahren erlittenen Erschütterungen. Seit jenem Tag ist auch ihre Seele auf der Wanderschaft. Das jüdische Schicksal, früher nur eine Legende, hat sie angefasst. Die Kernfrage unserer Existenz ist es, ob die so aus dem Geleise Geworfenen eine neue und dauernde Heimat finden werden — in einem erneuerten (auch durch ihre eigene Tat erneuerten) Judentum. Daran muss uns jeder wiederkehrende 1. April gemahnen. Denn die Wanderschaft ist noch nicht zu Ende, und die Heimat ist für viele noch nicht gefunden. « Alle Hoffhungen auf jüdische Erneuerung sind verknüpft mit der Entwicklung Pakt* etwas, das ein jüdisches Kraftzentrum werden muss in einer Welt, die das Judentum bedroht und die jüdische Gemeinschaft immer mehr atomisiert. In Palästina, bei allen sich hier ergebenden Schwierigkeiten und Rückschlägen, wächst eine Generation neuer und aufrechter Juden auf, mit gesunden Gliedern und Liebe zur Arbeit, verbunden mit jüdischer Sprache und dem alten Schrifttum, verbunden auch mit dem historischen Boden, der ihr zur Heimat geworden ist. Was hier entsteht, bedarf der zärtlichen Pflege, der Hilfe seitens der Juden der Welt. Wie anders würde alles aussehen, hätten die deutschen— aber auoh die polnischen — Juden rechtzeitig ihre volle Kraft für den Aufbau des Jüdischen Nationalheims eingesetzt und nicht gewartet, bis sie nach einer Katastrophe als hilflose Flüchtlinge an den Strand getrieben werden! In der heutigen Judenheit gibt es eigentlich nur noch die grossen überseeischen Gemeinden, die imstande sind, aktiv an jüdischen Gesamtaufgaben teilzunehmen. Vor allem USA und — in kleinerem Ausmasa — Südafrika, (wohin aus Palästina gerade eine Keren Hajessod Delegation unter Führung von Dr. Michael Traub und Mrs. Hadasaa Samuel abgereist ist). Unter den gegebenen Umständen ist es verständlich, dass die jüdische Öffentlichkeit mit Ungeduld den Berichten Uber die Ergebnisse der nun beendeten Amerika-Reise Dr. Weismanns entgegensieht. Hat Weizmann das Ohr der amerikanischen Juden gefunden und werden sie auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen? Weizmanns Besuch war kurz, und neben seinem öffentlichen Auftreten in vielen Versammlungen hat er gewiss viele Verhandlungen und Einzelgespräche geführt Es wird alles davon abhängen, ob diese Arbeit fortgesetzt wird und ob es gelingt, eine jüdische Gesamt-Plattform zu finden, die eine gemeinsame Stellungnahme zu allen brennenden jüdischen Fragen der Gegenwart enthält. Wir verhehlen uns aber nicht, dass che allgemeine Situation schwierig ist, auch für die Juden Amerikas, denn die Verhältnisse haben sich geändert und legen auch der jüdischen Betätigung Erschwerungen auf. Alles hängt von der Frage ab, wie dieser Krieg beendet werden wird. Zum ersten Mal seit Menschengedenken ist die Judenfrage eine Kardinalfrage in der Auseinandersetzung von Mächten geworden. Zur Judenfrage Stellung nehmen, heisst heute nicht nur eine menschlich und sittlich bedeutsame 'Angelegenheit aufgreifen, sondern heisst Parteinahme in diesem Krieg. Unbegreiflich wie es t ns sein mag, die Amerikaner wollen um jeden Preis sich vom Krieg fernhalten und ihre „Neutralität" bewahren, und Deutschland legt diesen Begriff der „Neutralität" bekanntlich sehr einseitig und weitgehend aus. Während diese Zeilen in Druck gehen, ist Sumner Weltes, der Sonderdelegierte des Präsidenten Roosevelt, auf der Rückreise. Trotz allen Dementis verstummen nicht die Gerüchte über Friedentpläne, die ihm Ubergehen wurden. In der letzten Zeit merkt man «Ine deutliche Anbiederung Deutschlands an USA, und in verschiedenen deutschen Zeitungen wurde sogar angedeutet, dass Amerika nach einer Zerstörung des Britischen Weltreiches einen Teil der Erbschaft bekommen würde — eine absurde Insinuation, wenn wir nicht wüssten, dass der populäre Flieger Lindbergh schon vor Monaten zur grossen Entrüstung der massgebenden öffentlichen Meinung Amerikas — diesen Gedanken der AngHederung Canada's ausgesprochen hat. Es gibt in USA eben Redefreiheit, und es gibt alle möglichen Strömungen, und wie anderswo arbeitet auch dort die deutsche Propaganda unermüdlich und mit allem Raffinement, natürlich auch unter Benützung des Antisemitismus. Die Juden Amerikas werden gewiss nicht in den Fehler verfallen, sich einer Uberaässtgen Sicherheit hinzugeben, und auch Amerika als Ganzem kann der Ausgang dieses Krieges nicht gleichgültig sein, denn eines Tages wird es selbst vor dm Problemen stehen, die ihm heute noch weit entfernt erscheinen. Die Gesamthaltung Amerikas wird such die dortigen Juden beeinflussen, aber unabhängig davon bleibt ihre Verpflichtung zur Mitarbeit an einem Werk, das alle jüdischen Wechselfälle als Keimselle einer neuen jüdischen Epoche Uberdauern soll. Die Judenheit Amerikas muss sich der Führerrolle bewusst sein, die ihr jetzt zufällt. Die Rückkehr Weizmanns nach London fällt in eine für den Zionismus kritische Zeit Die Palästina-Politik der englischen Regierung hat eine Wendung genommen, die bei den Juden schwere Befürchtungen weckt Während in dem vorigen Krieg die Juden keinen sichtbaren Gegenspieler in London bei ihren Palästinaforderungen hatten — die damals massgebenden Araber erhoben keine Einwände —, ist diesmal ein Gegenspieler vorhanden, in der Gestalt des Arabertums in allen seinen Verzweigungen. Leider besteht ein scharfer Antagonismus zwischen Juden und Arabern, und England ist angesichts der Ungewissheit über die Ausbreitung des Krieges gewillt, sich die Freundschaft der Araber zu sichern. Weizmann hat also diesmal eine weit schwerere Aufgabe als vor 25 Jahren, wenn er in London die Politik des Jüdischen Natiotialheime sichern will. Neben der Gewinnung von Beistand und Sympathie der massgebenden englischen und alliierten Welt steht vor ihm das Problem, die jüdischen Forderungen in ein aucA für «Ks Arsoer annehmbares Gesamtprogramm zu verflechten. Die Alliierten werden sieh der Notwendigkeit, einen Ausweg für die Judenfrage zu finden, nicht entschlagen können. Es klingt wie eine Ironie, wenn man in einer Reuter-Meldung liest, Hitler habe in seinem „Friedensprograinm'' einen Punkt aufgenommen, der die Einwanderung der Juden Palästina, Äthiopien und Madagaskar trifft. Aber diese Andeutung hat etwas Richtiges in sich, als doch ausser solcher Massen Wanderung keine Mildemag der die Welt beunruhigenden Judenfrage möglich ist, und wir müssen die Gründe nicht aufzählen, warum Palästina dabei an erster Stelle steht. Damm wird, trotz aller Wolken, die jetzt den Zionismus umschatten, im Laufe der nächsten Zeit die jüdische Patfästina- Fbrderung in irgend einer Form akut werden, und wie wir hoffen, im Rahmen eisen jütisch-arabischen Aufbawfrogrumms. Weis* mann, der jetzt sehr schweigsam ist, hat den grösseren Teil seines vor 26 Jahren oegonnonen und von so viel Glans und Hoffnung, aber auch Irrwegen und Missveratändnissem 'begleiteten Werkes noch au vollbringen. I Diesmal bat er als Partner nicht Mr. Baifour. Palästina ist für England nicht mehr wie damals ein Teil der „Aussenpolitik", ton-

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