Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 10 (11.3.1940)
- Date
- 1940-03-11
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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11. MAR 1M0 JOHSCHB WZLX-RUNDSCBAU Schawe Zum Ungeschminktes Zukunftsbild Von Dr. (Jmtuv Kroj«nk«r (Jerusalem» I. Dm Buch des englischen Journalisten Douglas Reed mit dem Titel „Disgrace Abounding", erschienen 1939 (Im Verlag Jonathan Cape, London), hat viel Beachtung gefunden, und es sind viele Kritiken darüber geschrieben werden. (Auch in der „JWR" wurde es am 16. Juni 1939 von C. Z. KJötiel besprochen). Hier soll das Buch tum Ausgangspunkt einer Betrachtung über Zukunftsperspektiven dienen, die von uns Juden in diesem Moment nicht übersehen werden dürfen. Der Autor, der narh seinen eigenen Angaben viersahn Jahre dem edttoria) staff der „Times" angehört hat und elf Jahre ihr Korrespondent in vielen Teilen Europas gewesen war hat 1938 sein Amt aus Widerspruch gegen die Politik der „Times" niedergelegt und ist freier Schriftsteller geworden. Sein Buch ist eine einzige Anklage gegen die Politik der englischen Regierung, gegen ihr Zurückweichen vor den Diktaturstaaten, gegen die Preisgabe aller jener politischen Prinzipien, die bestimmt waren, die Grundlage der Völkerexistenz nach 1918 zu bilden. Er, als glühender englischer Patriot, sieht da* alles mit tiefster Erbitterung und banger Sorge; er erkennt die todliche Gefahr, die In dieser Politik für England liegt Nur zwei Möglichkeiten stehen England noch offen: Krieg oder Kapitulation. Und Kapitulation, so schreibt er, bedeutet für England, „was es für die Tschechoslowakei bedeutete: das Aufgeben von Territorium, das Aufgeben innerer Freiheit, ein fremdes Vo\k im Besitz strategischer Punkte auf englischem Boden". Diese auasenpolitische Ansicht verbindet sich mit sehr fortschrittlichen Gedanken über die innere Fortentwicklung des sozialen Lebens in England. Und das alles wird äusserst temperamentvoll, lebendig und anschaulich vorgetragen. Es ist also kein Wunder, wenn das Buch in weiten Kreisen Englands und Amerikas labhaften Widerhall fand. Ein politischer Schriftsteller, der durch die „Times" weithin bekannt ist, wendet sich hier gegen eine Politik, deren Auawirkungen die Welt mit Staunen und Bestürzung erlebt hat. Und es ist gewiss klar, das« gerade der jüdische Leser Anschauungen dieser Art mit innigster Teilnahme liest. Der Jude ist da« erste und am meisten betroffene Opfer einer politischen Umwälzung in Europa geworden, die solches Ausmass nur durch jene Politik annehmen konnte, die der Autor so leidenschaftlich bekämpft. Aber nun geschieht das Merkwürdige und Verblüffende: Derselbe Autor, von dem man annehmen sollte, das» er ein Freund auch der jüdische* Sache wäre, stellt sich als ein erbitterter Antisemit heraus, ja, als ein Antisemit, der sich in seiner Auffassung der Judenfrage kaum von den deutschen Nazis unterscheidet Er findet offenbar fast alles gerechtfertigt, was die Deutschen gegen die Juden unternommen haben, und distanziert sich höchstens von den unnötigen Grausamkeiten ihrer Methoden. Er macht sich auch keineswegs die Muhe einer ernsthaften Auseinandersetzung: Seine Begründungen sind wie die der Nazis in sich widerspruchsvoll, sinnlos und stellenweise einfach albern. Sie beruhen zum grossen Teil auf Verallgemeinerungen persönlicher Erfahrungen, die überdies unglaubhaft klingen. Ks handelt «ich hier um eine demagogische Hetze, die in einem auffälligen Widerspruch zu der humanen Grundhaltung zu steilen acheint, die die übrigen Teile seines Buches auszeichnet. n. Diesem ersten Eindruck nach hat die Kritik, soweit sie mir bekannt wurde, bisher auch geurteitt Sie hat staunend den Widerspruch festgestellt und den Verfasser als einen roeriewürdigen. wenn auch gefährlichen Bimelgänger behandelt. Aber wenn man die Dinge so sieht, kann der jüdische Kritiker leicht des Vorurteils beschuldigt Warden. Und so erzahlt der Autor auch, das* er auf Grund eines früheren Stiches ähnlicher Art einen Brief von einem Leser aus Palästina «*komraen habe, in dam ez fciszz: J£s haben «ja gute* Buch geschrieben, abgesehen von Ihrer erschreckend unwissenden und häaaHctten Haltung gegen die Juden." Worauf dar Autor lächelnd unter Hinweis auf die Kommunisten und Faszlstan erwidert, die auch sein Buch ausgezeichnet fanden bis auf jene Teile, die dem Kommunismus oder Fassismus gewidmet sind. Er ruft also dieser Art von Kritik gegenüber mit Leichtigkeit den Bindruck hervor, daas es sich hier nicht so um einen Mangel seines Buches wie um einen Mangel an Selbstkritik beim Leser handelt. Vielleicht ist es so, dass da» Buch mit seinem scheinbaren Widerspruch nur derjenige wirk Hon verstehen kann, der die Anfänge den deutschen Nationalsozialismus - noch vor der 'Zeit seiner Machtergreifung — kennt, insbesondere Aber die Ideen, die in der Zeitschrift!;Dle Tar verbreitet wurden. Der Kenner dieser Gedanken versteht, dass hier gar Mein Widerspruch vorliegt, er findet hier vielleicht den Nationalsozialismus der Anfangszeit, der sich wirklich noch ehrlich bestrebte, seinem Namen gerecht zu werden: Er wollte Nationalismus und Sozialismus zugleich, und beides auf radikale Art. Wir sehen jetzt etwas Ahnliches bei dem Engländer Heed: Da ist der glühende englische Patriot, der sich auflehnt gegen die Minderung englischen Prestiges und englischer Macht, der vor der Gefahr, die dem Weltreich droht, schon zittert während der Durchschnittabürger noch ruhig schläft. Und da ist zugleich der Sozialist, und zwar eine besondere Art von Sozialismus: nämlich nicht der parteigebundene, auf ein bestimmtes theoretisches System festgelegte, sondern rein gefühlsbetonte, gedanklich verschwommene Sozialist Hier ist eine geradezu erschrekkende Ähnlichkeit mit den Gefühlen und Vorstellungen der Leute vom „Tut -Kreis Er sieht die Mlsatände des kapitalistischen Systems, und er ist Antikapitalist Er sieht die Verheerung des platten Landea durch Schornsteine, Rauch. Schmutz und Elend — und er singt das Lob der grünen Wiese, des freien Bauern, der verwurzelten Scholle. Er hat sehr unklare Vorstellungen darüber, wie das alles zu ändern ist; er fühlt nur, dass es geändert werden rr.üs», und er ist nach innen Revolutionär, während er zugleich nach aussen imperialistischer Nationalist bleibt Gewiss hat das alles bei dem Engländer eine andere Farbe als bei dem deutschen Vorläufer des Nationalsozialismus, aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die örund.itimmung bei beiden die gleiche ist. Tatsächlich hat auch dieser englische Bekämpfer de» deutschen Faschismus gegen den Faschismu* selbst kaum etwas einzuwenden, ausser der Bedrohung, die er für England bedeutet. Er sagt im Gegenteil, dass Hitler Grossartiges für Deutschland geleistet habe, vieles, von dem er wünschte, das« es in England geschehen wäre. Und nun zählt er eine Reihe von sozialen Errungenschaften auf, die in Wahrheit höchst bestreitbar sind. „Um solcher Ergebnisse willen können sogar rigorose Mattsaden gegen politisch« Gegner gerechtfertigt sein." Und es klingt nicht «ehr überzeugend, wenn er dann allzu grosse Grausamkeiten beklagt. Für denjenigen also, der das Buch richtig liest löst sich der Widerspruch, der zunächst so verblüffend schien, und der Antisemitismus des Autors fügt «ich reibungslos in das Gesamtbild ein. Jedem radikalen Nationalismus sind die Juden zumindest verdächtig. Und hier gesellt sich zum Nationalismus die amikapitalistische und die antimarxiatische Richtung zugleich.' Aber Juden finden sich gleichermaasen auf diesen beiden Flügeln der Gesellschaft, diesen beiden sich bekämpfenden Fronten, die trotzdem beide zusammen die bestehende Gesellschaft bilden. Und wenn nun, wie in den Anfängen des deutschen Nationalsozialismus, eine neue Zukunftsschau aufkommt — mehr noch die Sehnsucht nach einer völlig veränderten Gesellschaft als schon ein klares Bild von ihr — und wenn sich diese unklaren Vorstellungen überdies mit einem starken Nationalgefühl mischen, dann ist für den Juden kern PkUn in diesem Zukunftsbild; dann ist dar jüdisch« „MftrxUt" m unerwUnächi und sv haaasnsweit wie dar judische „Kapitalist". Dann gü»t es nur das Programm der Zurückdringung oder der Vernichtung das Juden. Der Engländer hält vorläufig noch auf dem Punkt, wo er die Zuruckdrmngung dar Juden, dl« Ci&ächränkung ihrer Recht« und Möglichkeiten fordert Aber wir wissen bereits, was das bedeutet; wir wissen, dass es auf diesem Weg, ist er erst einmal eingeschlagen, kein Halten mehr gibt. V o r b f. m r r k u n g d. R r d. : .JJchawe EkmT ist eine nun ca i Jahr* bestehende jüdische Siedlung nöfHlich von Akko. die von der „Rassea* gegründet uurdr Den ttauptbestand bilden die ehemaligen Btncohner des jüdischen Dorfe* R r i in g « n in Württemberg, die gemeinsam ausgewandert sind und nun glücklich in ihrer Wirtschaft leb«n, doppelt glücklich bei dem Gedanken, was in Deutschland aus ihnen geworden wäre, Leopold Marx (früher Cansiadt) ist aus seinen Beitragen, und Qndichten in der ehemaligen Jüd. Hundsehan* vielen l#sem bekannt. -■- Red. Kleines weissesÜfest am grossen Meer... Blnue Berge scheuen zu dir her. blauer Himmel, Wolken, Wind und Wogen, Feld und Düne, Mond und Regenbogen und die Sonne, wenn sie steigt und taucht, goidnen Hauchs die Wolken Uberhaucht — In das bunte Farbenspiel der Welt bist ein Tüpflein, du hineingestellt Halt ihn fest, den Platz, der dir gebührt! Wie der Meister, der den Pinsel führt, dich erträumt, so werde, wachse, blühe! dich zu bauen urure Hand sich mühe, dich zu schmücken unser Hers sich freue, dass die Heimat sich in dir erneue, daas wir, wachsend seihst an deinem Werden, Friede findend nn geweihten Herden, wieder Israel in uns erbauen und, in dir Geborg'ne. einst erschauet. Zions lang ersehnte Wiederkehr! Kleines junges Nest am ewigen Meer... Den Ohawerim als Grus* nach unserer Aufnahme März 19*0 Leopold Marx HI. Dos ist ein Kapitel, da« den Juden In aller Welt tief zu denken geben sollte. Sie erwarten von diesem Krieg das Ende des Antisemitismus. Aber was sie bestenfalls erwarten küiiuen, ist die Auasicht darauf, dass sich die schlimmsten Methoden des Hitlerismus in anderen Ländern nicht wiederholen werden. Soviel vermag vielleicht der Abscheu vor Hitler, mit dessen Namen diese Methoden für immer verbunden bleiben werden, auch für die Zukunft zu bewirken. Aber aicher scheint, daas die Umwandlung des Bestehenden, die mehr oder weniger radikal in allen Ländern zu erwarten ist, den Juden keine neue Chance geben wird. Unser Verfasser, der Anfang 1939 ausdrücklich schreibt, es gäbe für England nur zwei Möglichkeiten: Krieg oder Kapitulation, scheut sich nicht, die Juden als Kriegshetzer hinzustellen und die Engländer vor allem antideutschen Material zu warnen, das sie in der „von Juden beeinflussten Presse Englands, Frankreichs oder Amerikas" lesen könnten. Dieser eklatante Widerspruch in einem an sich Intelligent geschriebenen Buch besagt nichts andere», als dass hier eine neue Legende entsteht. So klar es auch ist, dass die Völker diesen Krieg führen, um einer Ihnen selbst tötlichen Gefahr su entgehen ---- allein die Tatsache, dass ihr Kampf zugleich auch dem gefährlichsten Feind des Judentums giH, wird der Legende vom „jüdischen Krieg" in immer wachsendem Mass Nahrung zuführen. Beim Ende dieses Krieges werden auch die Sieger verarmt •ein und vor ungeheuren innsrsn Schwierigkeiten stehen. Und dann wird sich der einfache Mann fragen: Wozu die Not und das Blut all dieser Jshre? Und die Demagogen werden nicht fern sein, die für die Ihren Zwecken erwünschte Antwort sorgen: „Um der Juden willen haben wir diesen Krieg geführt" Es wird eine Legende sein, in ihrer Macht und Auswirkung (auf anderem Felde) nur noch vergleichbar mk der „Doichstoss"-Legende in Deutschland. Das Buch von Douglas Reed ist keine vereinzelte Stimme. Es ist der Ausdruck einer in allen Ländern immer mehr anwachsenden Stimmung. Und «• giU nicht* Vsrh&r.gr.-.svoIUrss, als wsnn die Juden der Welt sich In die Hoffnung wiegen, die kommend« Zsit bringe ein neu«* Paradiee des Humanismus und Liberalismus herauf. Für die Juden wird die Zeit such da hart werden, wo als es Jetst noch relativ leicht heben. Und eis sollten alle Kraft auf die Aufgaben ihrer Gemeinschaft konsentrieren, jsae Gemeinschaft, die sie heute vamactillssigsn und suf die sie alle bald unerbittlich surückgeworisn sein werden