Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 10 (11.3.1940)
- Date
- 1940-03-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Min 1940 JÜDISCHE WKLT-RUlfDÄCHAU Mt«D Auf der Suche einer Lösung ZUH UOE IN MUITIM | rÄo VorscÄtok/e von wiMerer IMfp tfetrwicät! uvnoV». f>te*e Vorschläge können Mar auf der Hanl» ctae* I^adentwleklufigfiplane« ^Ich bewegen, der Juden and Araber ein¬ Jerusalem, 8. März. NÜCHTERNE BETRACHTUNG Die Verkündung den Gesetze« Über die Beschränkung des Boden verkauf es hat das Land, soweit der jüdische Bevölkerungsteil in Betracht kommt, in einen turbulenten Zustand gestürzt. Wir haben eine Woche der Erregung und Verwirrung hinter uns. Wir sind verpflichtet, uns zu fragen, wo wir stehen, und welche weitere Entwicklung die Dinge nehmen sollen. Wir Juden in Palästina sind ja nicht — wie Juden so oft im Verlauf der zweitausendjährigen Galuth-Geschichte — blosses Objekt der Entwicklung, das sich treiben lassen darf, sondern wir sind ein verantwortliches ElemenjL Träger einer Idee und Repräsentanten des jüdischen Volkes vor der Geschichte und vor der Menschheit. Darum ist auch im Moment einer schwe ren Enttäuschung und eines unleugbaren Rückschlages eine nüchterne Betrach tung der Dinge unerläßlich vor allem für alle die, die in diesem Sturm am Steuerruder stehen. Das Bodengesetz hat in allen jüdischen Kreisen Palästinas und in den zionistischen Kreisen der Diaspora eine wahre Bestürzung hervorgerufen. Dies ist begreiflich. Das Gesetz schränkt den jüdischen Bodenerwerb im Lande erheblich (wenn auch nicht vollständig) ein und setzt dadurch —- zwar nicht im Augenblick, aber für die fernere Zukunft — der Auadehnungsmöglichkeit der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation, die stets als das Kernstück des Zionismus, sowohl von seiner politischen als auch von seiner sozialen, menschlichen und moralischen Seiice, betrachtet wurde, eine Grenze. Durch dieses Gesetz wird also ein konkreter Schritt in der Richtung auf eine „Kristallisierung41 des jüdischen Nationalheims gemacht, eine Wiederaufnahme des Gedankens, der zum ersten Mal im Posafield-Weiaabuch von Oktober 1930 formuliert war und damals durch das Eingreifen verschiedener englischer Politiker, unter denen der junge Maleolm Macdonald an erster Stelle zu nennen ist, wieder aufgegeben wurde. Der Gedanke der raummässigen Beschränkung war aber auch nach dem „Macdonald-, Brief" vom Februar 1931 nicht von der Takonstruktiven Bntwi ck 1 ungipogesordnung verschwunden; die Teilungs-!,itik •«»ireift britische Staatskasse m\l pläne der Peel-Kommission und der Woodführt wird, ein Zeichen. dass diese« von den Juj D|« Uberzeugung, dann ein solcher Entwicklungsden 'bekämpfte. Im englischen Parlament umttrit- \ pl(ln notwendig int, besteht schon seit 10 Jahren. In dem „Macdonald-Brlef" vomFebrimrl9.il wurde teno und von der Mandatskommission des Vd! kerbundes verurteilte Dokument nach wie vor i n Kraft ist und die Richtlinie der britischen Politik bildet; auf der anderen Seite die Uber-* zeugung, da«« die dem Gesetz gegebene Begrün dung (ökonomischer Schutz der Araber) nur eine »ohlechte Verhüllung de» In Wahrheit rein potitischen Sinne» des Gesetzes ist. Die Absicht der Regierung geht dahin, den Arabern einen stimmten politischen Besitzstand zu sichern, und zu vorhindern, dass durch privatrechtliche, „unpolitische" Transaktionen ein politischer Effekt erzielt wird. Man wendet dabei ahnliche* Gesichtspunkte an wie etwa bei den Reservationen, die z.B. in Britisch Ostafrika zugunsten der Eingeborenen festgesetzt wurden: Gebiete, In denen der Landerwerb durch „Weisse" verboten ist, um eine allmähliche völlige Verdrängung der Eingeborenen zu verhindern. Diese Politik hat in Ostafrika den Widerspruch der weissen Sied ler hervorgerufen, denen gegenüber die Londoner Regierun* als Schutzherr der Eingeborenen auftritt. Die Juden Palästinas sind aber der Meinung, dass die Analogie falsch Ist. Leider Ist in der jüdischen Argumentation nicht genügend deutlich zum Ausdruck gekommen, dass eine Verdrängung der Araber tatsächlich nicht beabsichtigt ist und dass Jede* zukünftige jüdische Entwicklungs-Schema davon ausgeht, durch Erschliessung und wirtschaftliche Höherentwicklung des Landes bessere Lebensbedingungen für beide Volks teile zu schaffen. EIN FINGERZEIG Will man das Jetzige Gesetz richtig verstehen, so muss man den Woodhead - Bericht zur Hand nehmen, auf dem es fusst. Was in dem Bodengesetz als „freie Zone" bezeichnet wird, entspricht In rohen Umrissen dem „Judenstaat" gemäss Plan C des Woodhead-Berlchtes. Die Zone B des Bodengesetzes entspricht dem Gebiet, das Im Plan B des Woodhead-Berlchtes in den „Judenstaat" einbezogen wird, nach dem von der Kommission empfohlenen Plan C jedoch, zusammen mit der im Woodhead-Bericht 4ls „Galiläa" bezeichnete Provinz das sogenannte „Nördliche Mandatsgebiet" bildet. Das Bodengesetz folgt in Bezug auf die Möglichkeiten von Bodenverkauf In diesem Gebiet vollständig den Empfehlungen des Wood hosd-Bericht«**. Im Woodhead-Bericht ist bei der Besprechung der Bodenfragen ein grosser Nachdruck auf die Forderung gelegt, dass die Regierung mit einer head-Kommission sind ja im Grunde nichts anderes als eine räumliche Begrenzung des Gebietes, das als Jüdisches Nationalheim gelten soll. Was den Peel-Bericht betrifft, so wurde von einem grossen Teil der zionistischen Welt sein Grundgedanke damals im Prinzip angenommen, wenn auch Uber seine praktische Durchführung ( gebietmassige Ausdehnung) keine Einigkeit vorhanden war. Die Ablehnung des vorliegenden Bodengesetzes als Ganzes machte es unmöglich, in die Erörterung von Einzelheiten einzutreten. Eine Analyse im Einzelnen würde zeigen, dass das Gesetz viele Abnormalitäten enthält, vor allem auch an vielen Stellen die Grenzziehung einer Kritik nicht standhält, die Entwicklung mancher Landesteile bei objektiver und sachlicher Prüfung durch das Gesetz geschädigt wird, und dadurch auch — zumindest nach jüdischer Meinung — dem Lande als Ganzem, was seine ökonomischen Perspektiven betrifft, ein schlechter Dienst erwiesen wird. POLITISCHE MOTIVE Besonders erschwerend wirken zwei Umstände: Auf der einen Seite die Erkenntnis* dass hier eine im Palästin« Welssbuch vom Mai 1939 angekündigt« Massnahme durchs*- dafür Gelder aufwenden und zwar, so sagt der Woodhead-Bericht, muss es völlig klar sein, dass England Gelder englischer Steuerzahler nicht einfach zugunsten der Araber ausgeben könne, vielmehr „muss klar anerkannt uwrden, dass Ute einzige Rechtfertigung für finanzielle Unterstützung seitens britischer Regierungsgelder das Vorhandensein unserer nationalen Verpflichtungen gegenüber den Juden ist." (j 288,1). Der Woodhead-Bericht Ist von jüdischer Seite als Ganzes abgelehnt worden, sodass nie Gelegenheit war, diese konkreten Vorschläge im Einzelnen zu diskutieren und die Fragen *Ji prüfen, ob sie den Fingerzeig für eine Lösung enthalten. Auch die englische Regierung hat zu dem Woodhead-Bericht als solchen nicht Stellung genommen, sondern auf Grund dieses Berichtes seinerzeit im Oktober 1938 die Round Table Konferenz In London einberufen, die dann in ihrem weiteren unglückseligen Verlauf zum Welssbuch vom Mal 1939 geführt hat Wenn wir jedoch Jetzt vor der Tatsache dieses Bodengesetzes stehen, so ist es unerlässlich, auf den Woodhead-Bericht zurückzugreifen und nach unserer Meinung müssen alle Anstrengungen der jüdischen Politik darauf gerichtet sein, wenigstens diejenigen Vorteile für die jüdische Ansledlung und für das Land als Ganzes zu sichern, die sogar der fUr die Juden so ungünstige Woodhead- Bericht noch vorschreibt. Wenn wir überzeugt sind, dass das Bodengesetz in dieser Form nicht haitbar Ist und einer anderen Konstruktion weichen muss. dann müssen u>»r deutlich nagen, weder bereit* In Aussicht gestellt, und die damals geplante RegierungszuWendung für Palastina Ist erst im Herbst jenes Jahres ins Wasser gefallen, Als nämlich infolge der potzllchen englischen Flnnnzkrlse die Nationale Regierung gebildet wurde, die ein radikales Sparprogramm aufstellte, dem auch die Im Macdonald-Brlef mgftjffcherte Entwlcktungsanlelhe für Palästina zum Opfer fiel. Heute aber weht ein anderer Wind Erst vor kurzem hat die Regierung ihren Entschluss verkündet, Sine Summe von 5 Millionen Pfand jährlich für koloniale EnttvU:kung auszugeben. Im Krieg, der nach Aussage des britischen Schatzkanzlers täglich 6 Millionen Pfund kostet, Ist sicherlich das Empfinden für die Notwtmd4gkeit der produktiven Aufwendung von (leidem, die sich fttr das brlttoche Reich reichlich bezahlt machen, vorhanden. Dass eine solche Aufwendung nur durch die den Juden gegenüber bestehende Verpflichtungen gerechtfertigt ist, hat der Woodhead-Bericht. wie oben erwähnt, klar aussprechen. Hier anzusetzen scheint uns die einzige produktive jüdische Politik in dienern Moment. Es ist zumindest unwahrscheinlich, dass die Regierung, auch bei heftigem Protest der Juden, das Bodengesetz wieder aufhebt. Es muss davor gewarnt werden, die Bedeutung zu überschätzen, die der parlamentarischen Behandlung von Palästinafragen In England zukommt. Häufig haben wir dabei schon Enttäuschungen erlitten. Die Peel-Kommission hat sogar ausgesprochen, das» die Ablehnung des Wauchope-Planea eines Legislative Councils, der eine ungünstige Aufnahme Im englischen Unterhaus gefunden hatte, einer der Gründe der Verschärfung der Lage in Palästina war Von oberflächlichen jüdischen Betrachtern aber wurde jene Unterhaus-Debatte als eine Art jüdischer Sieg aufgefasst. Ebenso dürfen wir nicht verkennen, dass innerhalb der parlamentarischen Spielregeln das Verhältnis zwischen Regierung und Opposition in allen Fragen entscheidend ist. Die Arbeiterpartei, heute die offizielle Opposition, die in Ihrem Kampf gegen die Regierung jede geeignete Frage aufgreift, bekämpft die Palästina-Politik Malcolm Macdonalds Vor 10 Jahren hat die Konservative Partei und andere prominente Regierungsmitglieder, wie der damalige rechtsliberale Führer Sir John Simon (heute Schatzkammer) die Paläst Ina-Politik des Arbeiter-Kabinetts Ramsay Maedonald- Passfleld bekämpft. Dass das Unterhaus den Miastniucnsantrng der Arbeiterpartei wegen der Palästinapolitik ablehnen wird, war von vornherein klar. Leider* werden in Palästina in dieser Hinsicht von der hebräischen Presse manchmal Illusionen bei der unpolitischen Masse erweckt und die Dinge falsch eingeschätzt Es ist natürlich möglich, dass aus irgendwelchen Gründen ein Regierungswechsel in England kommt, und dass überhaupt neue politische Bedingungen entstehen, die auch in Palästina eine neue Lage schaffen Aber unter den gegebenen Verhältnissen sind die Hoffnungen, die viele an das Parlament knüpfen, weit übertrieben. Ebenso fragwürdig scheint uns die Unterscheidung zwischen englischer Regierung und „englischem Volk". Das englische Volk als solches hat wahrscheinlich in dieser höchst komplizierten Frage gar keine Ansicht und auch in seinen Beziehungen zu den Juden gibt es Im englischen Volk sehr verschieden« Strömungen Worum es sich handelt, ist In diesem Fall weniger das „Volk", als die staatsmännisch e Einsicht der führenden Männer, und zwar nicht nur der englischen. BLICK IN DIR ZUKUNFT Wir Juden müssen in der Wahl politischer Mittel sehr vorsichtig sein. Mit Kinder-Demonstrationen und Steine-werfen ist wahrscheinlich sehr wenig zu erreichen. Die persönliche Erklärung, die der Präsident des Waad Leumi, Rutenberg, in dieser Hinsicht abgegeben hat, wird sicherlich die Zustimmung weitester Kreise des Jischuw finden. Worum es sich im Augenblick handelt,