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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-11 · 10 (11.3.1940) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
10 (11.3.1940)
Date
1940-03-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE WaXT RUNDSCHAU 11. Hin 1M0 Die Woche Proteste und Demonstrationen Nach der Ankündigung den Bodengesetzes am Mittwoch (28.2.) nbcnd wurden im Donnerstag eine Reihe von jüdischen Protestkundgebungen in Palästina abgehalten. Auch da» engere Zionistische Ak tlonikomltee hielt eine dringende 8!Utting ab, in der eine Protestresolution angenommen wurde. Weitere Beschlüsse Uber die Haltung der Zionistischen Organisation wurden auf eine spatere Sitzung vertagt. In den Synagogen wurden im ganzen Lande Gottesdienste abgehalten, bei denen der Trauer Uber das Gesetz Ausdruck gegeben wurde. Umzüge wurden in Tel-Aviv veranstaltet, ebenso In Jerusalem und Haifa und In den grösseren Kolonien, wobei auch verschiedene Ansprachen gehalten wurden. IMe Vorginge am Samstag Zu ernsten Zwischenfallen kam es am Sonntag, den 2. März. Das Informationsbüro der Regierung gab darüber folgende Mitteilung aus: „Jüdische Demonstrationen, die von Steinewürfen auf die Polizei begN waren, fanden in Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa statt Am Morgen wurden Umzüge in Jerusalem veranstaltet und dl« Menschenmenge wurde von der Polizei zerstreut. In Haifa bewarfen die Demonstranten die Pollzeistation in Hadar Hakarmel mit Steinen und beschädigten den Wagen des Distrikts-Offiziers. Eine andere Demonstration fand vor dem GerlchtsgebMude statt. In Tel-Aviv errichteten die Demonstranten Barrlkaden und mussten durch die Polizei zerstreut werden. Dabei wurden mehrere Polizisten verletzt. Auch eine Anzahl Demonstranten wurden verletzt. Um 1 Uhr mittags wurde ein Ausgehverbot In Tel-Aviv verhängt. Eine Deputation von fünf jüdischen Frauen wurde auf Ihre Bitte In Jerusalem vom Chefsekretär empfangen.* Infolge der Unruhen In Tel-Aviv hat der Militärkommandant des Distrikts ein Ausgehverbot (Curfew) Uber das gesamte Stadtgebiet Tel-Aviv ab Samstagmittag 1 Uhr bis D 1 ri st a g vormittag 9 Uhr verhängt. Während dieser Zelt durften lediglich von »—11 Uhr vormittags am Sonntag und am Montag Frauen ausgehen, um Lebensmittel zu kaufen. Die Bewilligung für den Montag wurde später zurückgenommen, well am Sonntag die Auagehmöglichkeit der Frauen zu einer Frauen-Demonstration missbraucht worden war. In Haifa wurde am Samstag ein neunstündiges Ausgehverbot von 7 Uhr abends an verhängt Die jüdischen Viertel der grossen Städte boten in diesen Tagen ein bewegtes Bild. Es gab ein starkes Polizeiaufgebot und auch britische Truppen in Kriegsausrüstung waren zur Aufrechterhaltung der Sicherheit aufgeboten und belebten das Strassenbild. Demonstrationen, die »ich immer wieder bildeten, wurden von Zeit ZU Zelt zerstreut. Die Stadt Tel-Aviv war für drei Tage vollständig stillgelegt; sämtliche Läden, Cafes, Kinos etc. waren geschlossen, was besonders am Samstag abend das Aussehen Tel-Avlvs vollständig verwandelte. Umzüge In Jerusalem und Haifa In Jerusalem kam es zu einer Demonstration von Studenten und sonstigen Jugendlichen, die einen Umzug veranstalteten und verschiedene Protestrufe ausatlessen. Dabei erfolgten Zusammen stösse mit der Polizei und es gab mehrere Verwundete; ein 17-jähriger Student des Lehrer-Seminars, Menachem Prlvas, ist später seinen Verletzungen erlegen. Anlässlich des Begräbnisses dieses Studenten am Dienstag vormittag wurde ein völlige Arbeltsruhe Im jüdischen Teil Jerusalems proklamiert. Am Begräbnis nahmen grosse Menschenmassen teil. Es wurden eine ganze Reihe von Ansprachen gehalten. Nach dem Begräbnis kam es in manchen Teilen der Stadt wieder zu Demonstrationen und Zusammenstoßen. Nach dem offisiellen Bericht wurde ein Polizist leicht verwundet, ferner wurden von den jüdischen Demonstranten die Fenster in verschiedenen (jüdischen) Geschäften der Janastruäa« und im jüdischen Eden-Kino eingeschlagen. Nach diesen Demonstrationen würde in Jerusalem am Dienstag neuerlich ein Ausgehverbot von 3.30 nachmittag bis 1 Uhr morgens verhängt. Auch in Haifa »Hadar Hakarmel) fanden wieder Demonstrationen statt, wobei ein jüin Palästina dt scher Polizist schwer verwundet wurde. Nach der Aufhebung des über Hadar Hakarmel verhängten Curfew von 39 Stunden kam es tu heftigen Demonstrationen, wobei das Postamt und verschiedene Schaufenster beschädigt wurden, und die Pollzelstation von der Menge gestürmt wurde. Eine Frauendemonstration, die sich tum Distrikts-Kommissar begeben wollte, wurde aufgehalten; ein Deputation jedoch begab sich Im Auto dahin und erklärte dem Distrikts-Kommissar die Entrüstung der jüdischen Frauen. Am Montag (4.3.) fand In Jerusalem eine Plenarsitzung des W a a d L e u m I statt, die ein Manifest an die jttdlsche Bevölkerung erliess und eine persönliche Erklärung des Vorsitzenden Rutenberg zur Kenntnis nahm. In Rutenbergs Erklärung wurde u.a. auch betont, dass die Juden zwar gegen das Gemtz protestleren, aber keine Mlsstimmung gegen die englischen Boldatm haben und dass alle Zusammenstösse mit diesen ver./ileden werden müssen. Montag — während des Curfew In Tel-Aviv —- srnb es auch jüdische Demonstrationen in den an Tel-Aviv angrenzenden Vierteln von Jaffa, die von der Polizei zerstreut wurden. In Tel-Aviv und Haifa wurden mehre > Personen wegen Verletzung des Ausgeh verbot js bestraft. In Jerusalem explodierten Montag abend in jüdischen Vierteln zwei Bomben, die aber keinen Schaden anrichteten. In Tel-Aviv nahm das Leben am Dienstag zunächst den normalen Verlauf. Anfangs waren die Strassen überfüllt und die Zufahrtsstrassen aus der Umgebung waren von den Autokolonnen verstopft. Um 6 Uhr abend wurde Jedoch neuerlich ein Ausgeh verbot verhängt. Nicht nur in Tel-Aviv, sondern auch in anderen Städten und Orten schwirrten naturgemäss Immer wieder Gfcrüchte durch die Luft über beabsichtigte oder vorgefallene Demonstrationen, über Zwischenfälle aller Art. sowie Uber angeblich geplante Massnahmen der Regierung oder sonstiger Stellen. Die meisten dieser Gerüchte erwiesen sich jedoch schon nach kurzer Zelt als falsch oder ungenau. Es fehlt natürlich auch nicht an anonymen Stellen, die sich die Verwirrung zunutze machen und verschiedene politische und andere Parolen ausgeben. Die grosse Mehrheit der Jüdischen Bevölkerung hat jedoch Ruhe und Disziplin bewahrt. Am Dienstag abeiij starb Im Regierungskrankenhaus in Haifa Llpmann tApnchitz, ein 27-Jähriger aus Lettland stammender Jude, an den Verletzungen, die er bei der Demonstration erlitten hatte. An dem Begräbnis am Mittwoch nahmen unabsehbare Menschenmaasen teil. Eine Demonstration jüdischer Studenten begab sich in Jerusalem zum amerikanischen Oenerottconml und Uberreichte ihm ein Memorandum gegen das Bodengesetz, das dieser seiner Regierung weiterzugeben versprach. Jttdlsche Arbeltarahe Am Donnerstag, 7. März, wurde im ganzen Land eine jüdische Arbeitsruhe für die Zelt von 3—6 Uhr nachmittag verkündet, um auf diese Weise nochmals gegen das Bodengesetz zu Protest leren. Gleichzeitig wurden grosse Kundgebungen veranstaltet, nebst Urnzügen durch die Strassen der Städte. An diesem Tage nahmen zum ersten Mal die offiziellen Repräsentanten an den Kundgebungen teil, während die Demonstrationen an den früheren Tagen von unbekannter Stelle organisiert und auch nicht genügend kontrolliert waren. Die Kundgebungen waren diesmal von den Jüdischen Gemeinden angesagt. In Jerusalem gingen die Oberrabbiner an der Spitze des Zuges, ferner die Vorsteher der Gemeinde sowie Mitglieder des Waad Leuml. In Tel-Aviv wurden Ansprachen gehalten u.a. von Bürgermeister Rokach, .*em Arbeiterführer Remez. Rabbi Amiel und Dr. Mossinsohn. In Haifa sprachen gleichfalls Vertreter der Partelen. Die offizielle Demonstration verlief in Ruhe, später aber kam es in Jerusalem und Tel-Aviv wieder zu Zusammenrottungen, die von der Polizei, die während der Umzüge völlig im Hintergrund geblieben war, zerstreut wurden. In diesen beiden Städten wurde dann ein Curfew bis zum nächsten Morgen verhängt, so dass das Geschäftsleben auch über die ursprünglich vorgesehene Stunde ruhte und die Strassen menschenleer waren. Seit Freitag, 8. März nimmt das Leben überall wieder seinen normalen Gang. AUS DIU MUSTINA-INIIPtilK High Commissioner Sir Harold MacMichael und Gattin verbrachten das letzte Wochenende In Tiberlas. von wo aus der H. C. verschiedene Polizeistationen Inspizierte. Lady MacMichael besichtigte u.a. das Säuglingsheim in Haifa. Ein Jüdischer und ein arnbischcr Lastwagenführer, die von Akaba nach Tel-Aviv unterwegs waren, wurden im Beerschewa-Dlstrikt tot aufgefunden. Sie sind aus dem Hinterhalt erschossen worden. Das Jerusalemer Militärgericht verurteilte einen Araber, der am 2.9.38 einen arabischen Polizisten in Haifa erschossen hatte, zum Tode. Diese Woche sollte die feierliche Grundlegung von „Ma saryk-Dorf" (Kfar Masaryk), einem neuen Siedlungspunkt bei Haifa, anlässlich des W>. Geburtstages von Masaryk stattfinden. Wegen der Verhältnisse Im Lande wurde die Zeremonie verschoben. Die Blutschuld zwischen der Jüdischen Siedlung Ginossar und dem arabischen Dorf Abu Schuscha bei Tiberlas wurde dieser Tage In feierlicher Welse in Anwesenheit von Regierungsvertretern nach alter beduinischer Sitte beendet und das zur Zeremonie gehörende Schaf gemeinsam verzehrt. Der Muchtar des arabischen Dorfes war bei einem Feuerwechsel getötet worden, weswegen kürzlich 10 Juden zu Gefängnis zwischen 8 und 10 Jahren verurteilt worden waren. SrfKDEi FÜR DEN KEREN KAJEMCTH Als Antwort auf das neue Bodengesetz sind aus vielen Ländern und auch aus Palästina selbst Spenden beim Hauptbüro des Keren Kajemeth in Jerusalem eingegangen. Die Zionistische Organisation Amerikas Uberwies einen Scheck von $250.000, begleitet von einem Telegramm des Präsidenten des KKL. in USA Dr. Israel Goldstein. — Der Präsident des Fonds, Ussischkin, hat an die Sammelstellen im Ausland ein Telegramm geschickt, worin diese aufgefordert werden, Jeremia 32, 44 zu lesen, die Stelle, die vom Landkauf handelt. Darauf kamen begeisterte Zustimmungen, die ersten aus Dänemark und aus Südafrika. Nachrichten aus alter Walt Unter Bezugnahme auf die Bemerkungen zweier Minister, Sir Samuel Hoare und Oliver Stanley, über die Bedeutung des Exporthandels in Kriegszeiten, macht der Londoner ,Jewinh Chronicle" darauf aufmerksam, von welchem Nutzen in dieser Hinsicht für England die jüdischen Refugees sein können, die aus Zentraleuropa'ein gute Kenntnis der Märkte z.B. auf dem Balkan mitbringen. Diese Flüchtlinge, die früher zahlreiche Auslandskunden beliefert haben, sind noch heute In vielen Ländern bekannt und England könnte sich diese Umstände zunutze machen und damit die Flüchtlinge produktivleren. Im Unterhaus sagte der Innenminister Sir John Anderson, dass zahlreiche Flüchtlinge die Erlaubnis zur Errichtung von Fabriken und zur Eröffnung von Geschäften erhalten haben und auf diese Weise zahlreichen englischen Arbeltern Beschäftigung gegeben haben. In dem in England eingetroffenen kanadischen Expeditionscorps befinden sich etwa 300 Juden, darunter auch Offiziere und Arzte. Nach einer Nachricht aus New York hat die Regierung von Chile den jüdischen Flüchtlingen den Aufenthalt in der Hauptstadt Chile verboten und nur den Aufenthalt in den Provinzstädten erlaubt. Es wird behauptet, dass ein Teil der Flüchtlinge auf illegale Weise ins Land gekommen sind. Eine jüdische Hachscharah-Farm bei Pisa wurde von der italienischen Polizei geschlossen. Unter dem Vorsitz von Simon Marks veranstaltete der „Anglo-Palestine Club" in London einen Abend zu Ehren des abtretenden Präsidenten des Board of Deputies, Neville Laaki, und des neuen Präsidenten, Professor B rodet sk y. Unter den Rednern befand sich auch Mosche Schertok aus Jerusalem» Die Redner betonten vor allem die Notwendigkeit jüdischer Einigkeit in dieser Stunde. Der Nichtzionist Neville Laski erklärte, in dieser Stunde, wo wir von Planen einer jüdischen Ansiedlung in Lublin hören, kann es keinen Juden geben, der nicht die jüdische Ansiedlung in Palästina aus vollem Herzen unterstützt.

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