Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 10 (11.3.1940)
- Date
- 1940-03-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 11. Min 1940 der Umwelt aber ist uns nicht glcichgiltig. Daher müssen wir - mehr als irgend ein anderes Volk — dauernd im Zeichen der Selbstkritik und Selbsterziehung leben, ohne allzu grosse Empfindlichkeit rein prestigemäsaiger Art. Nichts ist lehrreicher alt uns im Spiegel der andern zu sehen, sogar wenn es manchmal bitter ist. Wenn wir wirklich inneres Sclbstbewusstsein und Selbstvertrauen haben, dann werden wir eine Kritik von aussen ohne besondere Empfindlichkeit auf ihre Berechtigung prüfen. In bezug auf die wichtige Frage des inneren Verhältnisses von Engländern und Juden scheint uns das Buch von Douylas Heed, dem englischen Journalisten, höchst interessant, das in der heutigen Nummer der „JWR" den Ausgangspunkt einer nachdenklichen Untersuchung von Dr. Krojanker bildet. Ob Krojankers pessimistische Ansicht, das« auch nach einem siegreichen Krieg in den Westländern der Liberalismus verschwinden und damit das Los der Juden ausweglos werden wird, richtig ist, oder ob, wie andere meinen, als Folge der Erkenntnis der Unheilfolgen des Nationalismus ein neuer Humanismus sich durchringen wird, wollen wir nicht entscheiden. Aber das Buch von Heed, so ungerecht es fraglos gegen die Juden ist, scheint uns doch auch der jüdischen Selbstkritik dienen zu können. Selten hat ein Autor so unbefangen ausgesprochen, was ihm an Juden abstösst, und es gibt dabei manches, was auch viele Juden selbst als beschämend empfinden. Haben doch viele grosse Juden an jüdischem Verhalten offen Kritik geübt, allen voran Theodor Herzl. Nehmen wir als Beispiel Heed'» Schilderung einer Tanzbar in Prag im November 1038, d.h. in den letzten Monaten der Tschechoslowakei; das Lokal Uberfüllt mit gut angezogenen Juden, die halb betrunken ein Couplet mitsingen, und Reed fügt hinzu: „Eine Stunde von Prag lag die neue deutsche Grenze; der Feuerschein brennender Synagogen am Himmel, wenige Nächte zuvor, hätte von Prag aus beinahe gesellen werden können. Juden wurden Uber die Grenzen gejagt. Die Aussenwelt erhielt fast jeden Tag einen Jammerbericht Uber judisches Elend..." Wir wollen hier nicht prüfen, welche allgemeinen, auch bei anderen vorhandenen Seiten der menschlichen Natur zur Erklärung des Verhaltens jener Juden dienen können, und ob nicht auch eine wohlwollendere Beurteilung möglich wäre (denn schliesslich gab es im selben Moment auch andere Juden, die der Autor nicht sah, weil er gerade in der Tanzbar sass); was uns interessieren muss, ist die Wirkung solcher Szenen und anderer in dem Buch berichteter Erlebnisse auf einen außenstehenden Mann, der schliesslich als Ex-Korrespondent des angesehensten Blatte« der Welt nicht der Erstebeste ist. Das ist eine Seite der Dinge, die viel zu selten beachtet wird, und die gerade für die jüdische Renaissancebewegung von ausschlaggebender Wichtigkeit ist. * Wird erst eine solche Stimmung wie sie aus dem Buch von Reed (und anderen Dokumenten) spricht, geschürt, dann hat Hitler es leicht, alle Register der Demagogie spielen su lassen. Dazu gehört zum Beispiel auch der Teil seiner letzten Rede, der offenbar dazu bestimmt war, den Engländern und auch anderen Ausländern die englische Propaganda verdächtig zu machen, indem er andeutet, dass sie von Juden stamme. Die geaennacklosen Bemerkungen des „Führers" Uber die Leute, die nicht deutsch und nicht englisch können' und ihren eigenen Jargon sprechen, und von denen Deutschland sich befreit habe, könnte man lächelnd hinnehmen, wenn man nicht annehmen müsste, das* so etwas willige Ohren findet, nicht nur bei einem grossen Teil des deutschen Volkes, sondern auch bei Aas dem Nazi-Reich m 20 ffEMW MHMITTEL Es Ist bereits mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die Juden in Deutschland keine Kleiderkarten erhalten, well sie angeblieh, wie es in einer Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros hieas, auf Grund ihres früheren Lcbenttandards im Besitze ausreichender Kleidungsind. Bisher haben die Juden nicht einmal Nahmittel zur Ausbesserung ihrer Kleidungs- und Wäschestücke erhalten können. Das „Jüdische Nachrichtenblatt" Berlin, Nr. 11/1*40, enthalt folgende Bekanntmach uns; „Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland teilt mit: Nach einem uns zugegangenen Erlas» des iRelchswirtschaftsministers erhalten Juden nicht die Reichskleiderkarte; auch werden an Juden grundsätzlich keine Bezugscheine für Spinnstoffwaren, Schuhe und Sohlenmaterial ausgegeben. Juden erhalten einen Bezugschein für Nähmittel im Betrag« von RM.0.20 im Vierteljahr. Es ist in Aussicht genommen, den Bezugschein gelegentlich der Ausgabe der Lebensmittelkarten formlos auszuhändigen. Die Reichsvereinigung wird Sammlungen veranstalten, um dem dringendsten Bedarf abzuhelfen. Weitere Nachrichten folgen in Kürze. Es ist zwecklos, vorher Anträge zu stellen; derartige Antrage können auch nicht beantwortet werden." DIE JUDE» VON lAHNFAHRT AUSOESOHLOUEN Die „Krakauer Zeitun g", offizielles Organ der deutschen Okkupationsmacht in Polen, schreibt: „Durch eine vom Generalgouverneur soeben erlassene Verordnung wird einem VbeUttand abgeholfen, der nicht nur von der deutschen, sondern ebenso vom Grossteil der polnischen Bevölkerung als unerträglich empfunden wurde; es handelt sich um die Tatsache, dass Juden, die wie bekannt, in den unmöglichsten sanitären Verhältnissen in ihren polnischen Ghettos wohnen, die Möglichkeit haben, sich mitten unter die andere Bevölkerung in den vielfach überbesetzten Bahnen zu drängen, und so für die Mitreisenden die grössten Gefahren einer Ansteckung in allen möglichen Seuchen und Krankheiten zu bilden. Abgesehen von diesen sanitären Gründen bringt die Verordnung auch noch eine andere begrüssenswerte Seite. Die Juden im besetzten polnischen Gebiet haben in letzter Zeit gezeigt, dass sie im ganzen Lande hamsternd und Schleichhandel treibend umherfahren. Durch die genannte Verordnung ist ihnen nun auch diese Möglichkeit stark unterbunden worden. Die Verordnung, die sofort in Kraft tritt, bestimmt, dass die Benutzung von kirnnbahnen durch Juden nur dann erlaubt ist, wenn eine schriftliche Anordnung des JDeneralgouverneurs seines Amtes oder eines Distriktchefs vorliegt. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis und mit Geldstrafe bis zu unbegrenzter Höhe otfar mit einer dieser Strafen belegt. Zuständig für die Aburteilung ist das Sondergericht." Nebenbei gesagt: Die Zusammenpferchung der in den Ghettos mit den in der Tat „unmöglichen sanitären Verhältnissen" erfolgt jetzt durch die Nazi-Behörden in Polen. Die Zeitungen in England und Frankreich sowie in mehreren neutralen Ländern sind voll von schreckenerregenden Bericht e n von Personen, die aus Polen entkommen sind, in diesen Berichten werden die furchtbaren Verwüstungen berichtet, die das Nazi-Regime unter den polnischen und jüdischen Bevölkerung anrichten, wobei weder Leben noch Vermögenswerte geschont werden. Am schlimmsten sieht es nach den Berichten der „Times" in Warschau aus. Es wird auch mitgeteilt dass aus Westpolen neuerlich eine halbe Million Juden vertrieben werden sollen. Die Zahl der Obdachlosen geht in die Hunderttausende. Der Gouverneur von Polen Dr. Frank veröffentlichte eine Verordnung, nach der es Juden verboten ist, ohne Bewilligung ihren Wohnort zu wechseln. VERMISCHTE NACHRICHTEN Nach einer Meldung aus Kopenhagen veröffentlichte das bekannte deutsche Schmutzblatt „Der Stürmer" eine Behauptung, dass der gesamte britische Geheimdienst unter jüdischem Kommando steht und von jüdischem Geld organisiert wird. Darum, so schreibt der „Stürmer1', müsste Deutschland, wenn es die Juden besiegen will, — zuerst England besiegen. Gemäss dem „Deutschen Reichsanseiger" vom 6. Februar wurde „den Juden Prof. Dr. Martin Israel Buber und dessen Ehefrau Paula Sara Buber geb. Winkler, beide früher in Heppenheim, jetz in Jerusalem" aufgegeben, Ihr Haus in Heppenheim „binnen 2 Wochen an den Landkreis Heppenheim zu veräussern", widrigenfalls ein „Treuhänder zur Herbeiführung der Veräußerung" bestellt werden wird. Der Sachverhalt ist klar, die Ausdrucksweise verdient festgehalten zu werden. Deutsche Zeitungen berichten: Vom Königsberger Sondergerieht wurden ein Fleischermeister und seine Frau zu je einem Jahr und drei Monaten Zuchthaus verurteilt, da sie einem Juden wiederholt widerrechtlich Fleisch zugeschanzt hatten. einem — wenn auch kleinen — Teil des Auslandes. Wir würden dies nicht zu fürchten haben, wenn nicht die Anwesenheit der Flüchtlinge und Emigranten in vielen Ländern ohnedies schon eine Miss-Stimmung erzeugt hätten, die sich statt gegen den Urheber dieser furchtbaren Menschenjagd häufig gegen deren Opfer wendet, einfach weil sie sichtbar und leichter erreichbar sind. Daher tragen auch die Emigranten eine grosse gesamtjüdische Verantwortung, die nicht allen von ihnen bewusst ist, oft leider gerade den Vermögenden nicht, weil sie keine äueeerlichen Nöte haben. Auch für sie gilt das Obengesagte, dass das Verhauen der Juden Reaktionen weckt, die häufig nicht sofort, sondern erst später einmal cum Vorschein kommen. Diese Überlegung müsste von allen Verantwortlichen -- Lehrern, Seelsorgern, Organisatoren, Schriftstellern — immer wieder ins Bewusstsein der Juden allerorts gebracht werden. Nichts ist so gefährlich wie die noch vielfach anzutreffende Unbekumraertheit weiter Kreta». A propos letzte Hitler-Rede: In (oben erwähnten) Rede hat Hitler sein schon obligatorisch gewordenes Propagandastück Palästina wieder hervorgeholt und er« klärt, dass England nicht nur die Araber, sondern auch die Juden in Palästina betrogen habe. Es ist rührend, dass Hitler sich der Juden annimmt; aber wir Juden brauchen sein Palästina-Literesse nicht. Was immer für Meinungsverschiedenheiten in Palästina- Fragen zwischen England und den Juden entstehen mögen, Hitler sollte erst seine eigene Rechnung bereinigen, soweit es sich um Betrugen anderer handelt. Die Juden wissen ganz genau, auf welcher Seite der Front sie stehen. Gewiss ist es schmerzlich und tragisch, dass in dieser Stunde, wo die Juden den Sieg der englischen Waffen herbeiwünschen, «in Konflikt zwischen der englischen Palästina-Politik und der Judenheit in einer wichtigen Frage ausgebrochen ist; über die Ereignisse, die damit zusammenhängen, wird in dieser Nummer berichtet. Aber selbst in der leidenschaftlichen Aufwallung, die von der Enttäuschung Uber eine geraubte Zukunftsvision bei vielen Palästinensern und vor allem bei der Jugend erzeugt wurde, haben die Juden nie vergessen, dass alles was sie in irgend einer Form in Palästina erhoffen, in der Jetsigen Weltentscheidung von dem Sieg Englands abhängt, und niemand kann hoffen, durch SchUrung des jüdischen Unwillens Uber die neue Politik diese Erkenntnis tu verdunkeln.