Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 9 (4.3.1940)
- Date
- 1940-03-04
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Min ltMO JÜDISCHE WKLT RUlfD0CHAU FREIE TRiBVNE (In dieser Rubrik veröffentlichen wir t'on Z<:it zu Zeit Zuschriften aus unserem Letterkreis über aktuelle Probleme, Mit Rücksicht auf den Smst der Lttge und die tiefgehenden Veränderungen in unserer Zeit halten wir eine freie Aussprache ohne dogmatische Beschränkungen für geboten, wobei natürlich jeder Schreiber in «einem eigenem Samen spricht. Red. ZIEL MITTEL Gestatten Sie, (Um ich einige Bemerkungen tu der Kontroverse mache, die zwischen Tristan Leander, Dr Baer und Kroker stattfand. Ich möchte mich zuerst vorstellen. Ich bin seit vielen Jahren Zionist wenn «yeh oft als Zweifler und Oppositioneller verschrien. Aus bestimmten (für diese Auseinandersetzung unwichtigen) Gründen sitae ich in Irland und. nicht in Palistina, bin also sozusagen „Aualandesionist". Durch diesen Umstand aber glaub, 'ch, für viele Emigranten, die nicht in Palast, ^a sind, sondern in der ganzen Welt verstreue leben, sprechen zu können, und ich gehe wohl nicht tmhi, wenn ich annehme, da** Ihr Blatt für diese eine Sprechtribüne bildet. Wie Leander richtig bemerkt, ist der springende Punkt der Debatte eine Differenz in der Auffassung des Begriffe» Nation. Hierzu möchte ich folgendes bemerken. Der Zionismus sucht den Nationalitätsbegriff Europa» aus dem 19. und teilweise 20. Jahrhundert auf die Juden zu übertragen. Wir Juden sind aber eine Gemeinschaft (ich vermeide absichtlich das Wort Nation) anderer Art als die Engländer, Franzosen, Deutschen, etc. Was für eine Art der Gemeinschaft wir repräsentieren, ist nicht so leicht zu definieren. Meiner Ansicht nach hat Spengler im 2. Band des „Untergang des Abendlandes" diese Frage viel tiefer und richtiger erfasst als viele Zionisten. Worum es im Zionismus heute gehen muss, sind reaipolxtUtche Fakten, Um diese Frage aber zu diskutieren, müssen wir uns zuerst fragen: Warum entstand der Zionismus? Der Zionismus entsprang weder dem Drang der Juden aus Mitteleuropa und sonstwo, nach Palästina zu gehen, ja nicht «itunal «dnem plötzlich entstandenen Drang sich zu einer Nation Im abendländischen Sinn zusammenzuechliessen und so wie die andern Völker tu leben. Der Zionismus entstand vielmehr durch einen äusseren Druck, als eine Notlosung, nachdem es sich herausstellte, das« die „Assimilation" fehlschlug. Man lese nur Herste „Judenstaat" darauf hin nach Der Zionismus bedeutet, das müssen wir uns eingestehen, auch wenn es manchem schwer ankommt, die kümiiivfie Schaffung einer Nation im abendländischen Sinn, zu deren Verwirklichung eben auch ein Land gehört. Wenn wir die Wahl Palästinas, die Wahl der hebräische.t Sprache und alles, was wir zionistische Kulturarbeit nennen, von diesem Standpunkt betrachten, dann erst können wir die Bedeutung alier dieser Dinge richtig werten. Dies gilt aber für beide Seiten, für den „Ex-Assimilantenj" wie auch für die eingefleischten Zionisten. Alle diese Fakten erscheinen dann nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck. Damit anerkennen wir die neugeschaffenen Werte als Notwendigkeit an, ohne dass wir die Liebe «rad Zuneigung zu unserem früheren Kulturbesitz aufgeben müssen. Letzteres wird nur in den Augen von Nationalitätsfanatikern ein Manko sein, und ich meine gerade, von dieser Sorte haben wir genug zu verspüren bekommen. Ich kann es wohl verstehen, dass ein „Exaasimiiam" sich schwer in diese neue, und wie gesagt nicht einmal organisch gewachsene Welt, hineinfindet. Am ehesten mochte ich dir Besiedlung Palästinas mit der Besiedlung der Vereinigten Staaten vergleichen, wo auch aus den verschiedensten Elementen (Italiener, Engländer und Tschechen z. B. sind ebenso verschieden wie die russischen und deutschen Juden) im Laufe der Zeit eine geschlossene und von den Ursprungsländern der einzelnen Elemente sehr verschiedene Art der Gemeinschaft entstand. Aber wir müssen uns auch eingestehen, das» auch der geschichtliche Zusammenhang der heutigen Juden (seien sie aus Deutachland öder \ Rusaiand) mit Palästina nichts ander«« Ist ab» ein« ..ArbeIt«hypotheae" Ich stimme hier jedenfalls mit Herrn Leander überein, der auf die Kürze unserer nationalen Koiiektiverinnerungen hinweist. Dies gilt wohl für die Juden aus West- und Mitteleuropa mehr als für die Ostjuden, aber auch unter jenen besteht keine wirkliche weitreichende Erinnerung. Die Schwierigkeit, sich In eine neue WeH (und bei künstlichen Gebilden gilt dies besonders stark) hineinzufinden, hat wohl jeder Merufch. der die Umwelt, In der er aufwuchs, plötzlich (und nicht In der Jugend) verlassen muss. Diese Schwierigkeit muss aber jeder für sich überwinden, oder an ihr zugrunde gehen. Es ist natürlich höchst wünschenswert, daaa die neue Umwelt einem dieses Einleben erleichtert und nicht aus ideologischen Gründen erschwert. ist ein Fehler vieler Zionisten, dass sie in jedem Nichtzionlsten entweder einen verblendeten „Assimilanten" oder einen Verräter sahen, statt steh zu bemühen, Ihn durch ruhiges Argumentieren zu Überzeugen. Auf der anderen Seite darf die Idee des Zionismus auf keinen Fall durch diese Schwierigkeiten einzelner leiden Und noch eine Frage sei hier nur angedeutet: Was soll mit den vielen Juden im Geüuth geschehen? Heute werden sie aus Deutschland vertrieben, wandern nach den verschiedensten Ländern der Erde, wo doch nach einiger Zeit dasselbe Problem auftaucht. Ich bin mir dessen voll bewusat. dass heute kein Mensch auf. diese Frage eine Antwort geben kann, aber sie muss immer wieder gestellt werden, wenn wir von der Verwirklichung von Herzls Idee reden. fritz Hitsehmann (Carrick on Buir, KireJ Der bekannte deutsche Journalist und Heise- Schriftsteller Colin Kos» hat in Amerika, wie von dort gemeldet wird, eine Reihe von antisemitischen Artikeln für die dortige Nozi-Presete geschrieben, z. B. einen Artikel betitelt ..Die Juden in Amerika" in Franz Kuhns „Deutschem Weckruf". Colin Rosa war früher Angestellter der Firma Ullstein in Berlin. Das „Dies-Komitee" zur Untersuchung von anüamerikaniachen Aktionen hat in einem von allen Mitgliedern unterschriebenen Bericht die Ausweisung von Colin Ross verlangt. ßrlebni* beim Friseur Manchmal muss man aus der Schule plaudern. Aus der Schule der Frauen. Gestern liest ich mir nämlich eine Dauerwelle machen. So eine Dauerweilenlegung ist eine ernste Angelegenheit. Wie; ein Chirurg bei einer verantwortungsvollen Operation steht der Friseur über meinem Kopf, ein Lehrmädchen assistiert Ihm, reicht die Klammern, die Schere. Sie brauchen gar nicht miteinander zu sprechen, so gut sind sie eingespielt Plötzlich braucht der Meister irgend eine Flasche, die sich in einem anderen Raum befindet. Er sagt es leise dem Mädchen, sie begreift aber nicht. Er sagt es lauter, das Mädchen versteht immer noch nicht Dann fällt dem Friseur die Beseichnung in deutscher Sprache ein. Da weiss Grete Bescheid. Sie bringt das Gewünschte und sagt tu mir ganz traurig: „Leider verstehe ich noch nicht so gut hebräisch." Ich tröste sie: „Sie werden's schon lernen". Und frage darauf: „Wie lange sind Sie schon im Lande?" „Vier Monate", antwortet Grete. „Sind Sie mit der Jugendalijah gekommen?" „Nein, ich bin achtzehn. Das ging nicht mehr. Ich kam mit einem kleinen Schiff. Wir waren sehr lange unterwegs. In Palästina wurden wir zuerst Ins Lager Barmfand gebracht. Nachdem wir freigelassen worden waren, bin ich nach Jerusalem gekommen." Grete wird abgerufen. Also führt der Friseur selbst die Unterhaltung mit mir. Er knüpft an das Gespräch mit Grete an. „Sie kann noch so wenig hebräisch", meint er mitleidig. Wie er vor einem Jahr ins Land gekommen ist, habe er auch noch kein Wort hebräisch gewusst. Der Friseur macht einen ziemlich orientalischen Eindruck. Ich dachte sogar, er wäre ein „Sabre". Ich sagte es Ihm auch. „Nein", meint er, „ich komme aus dam russischen Mittelasien " „Bind Sie direkt aus Russland gekommen?" „Uber Persien. Ich war ein Jahr dort, und da habe ich auch persisch gelernt". „Haben Sie in Mittelasien auch Dauerwellen gemacht? Brauchen denn die kommunistischen Frauen Dauerwellen?*' „Aber warum nicht", meinte mein Figaro, „eine Dame ist immer eine Dame. Was in Paris Mode ist, ist auch in Mittelasien Mode.1' Ich wage nicht zu widersprechen. Sicher weiss er a, wenn er's behauptet, jedenfalls in bezug auf die Frisur. „Als ich ins Land kam", setzt er seine Erzählung fort „sprach ich nur russisch und persisch. Ich bewarb mich zunächst bei einem Friseur in der Ben-Jehuda Strasse; wir konnten uns garnicht verständigen. Nun ging ich hierher. Der Chef ist aus Persien. Da konnte ich mich mit ihm persisch unterhalten. Und seitdem arbeit» ich hier." Ich stelle fest dass er inzwischen grosse Fortschritte auch in hebräisch gemacht hat. Kein Kunststück, wenn er sich mit jeder Kundin stundenlang unterhält... Ich musste aber unwillkürlich an Grete denken. Hebräisch spricht sie noch nicht, und woher soll sie russisch oder persisch können? Es gibt noch eine ungarische Angestellte im Salon, aber ungarisch versteht Grete auch nicht Sie konnte nur Deutsch als sie hierher kam. Da wird der Anfang nicht leicht gewesen sein. Irgendwie war ich dem aus Persien stammenden Chef dankbar, dass er dieses junge Mädchen, das nur deutsch sprach, aufgenommen .int. Die Chefin kam herein und bot mir an, aus der nächsten Konditorei eine Tasse Kaffee holen zu lassen. Das Angebot war mir höchst willkommen. So ein Nacrfmlttag beim Friseur macht einen kaputt. Nach wenigen Minuten brachte Grete den Kaffee. Ich konnte nicht umhin, sie su fragen: „Sind Sie allein Im Lande?" „O nein, mein Bruder ist auch in Palästina. Er ist in der Ludwig TieU-Handwerkerschul« In Jagur," „Ihr Bruder ist wohl jünger?" „Ja, er ist schon vor anderthalb Jahren mit der Jugendalijah gekommen. Nächste« Jahr tat er fertig und geht dann in einen Kibbua." Ich wollte gerne wissen, warum Grete nicht auch in einen Kibbuz geht, aber inzwischen kam der aufregendste Teil der Operation: Die elektrischen Klammem wurden herausgenommen, wobei der Friseur, der Chef selbst und sogar die Manikür-Dame auf einen Sprung hereinkam, denn jeder interessiert sich, wie die Dauerwelle ausgefallen ist. Aber Grete, inzwischen zutraulich geworden, fing dann von selbst an; „Meine Mutter ist auch hier. Wir kamen zusammen. Ich kamt sie jetzt nicht allein lassen. Nach den letzten Monaten in Deutschland ist sie sehr nervös geworden." „Aber können Sie denn beide davon leben, was Sie hier verdienen?" „Leider nicht", antwortete Grete. „Aber meine Mutter bäckt sehr gut. Sie bäckt Zwiebäcke und Kuchen für verschiedene Geschäfte, und ausserdem verdiene ich selbst ja etwas. Natürlich ist es nicht leicht. Die Hauptsache, wir sind aus Deutschland heraus." Ich möchte Greta trösten. Aber alles, was ich ihr sagen könnte, kommt mir banal vor. Ich bin schliesslich seit Jahren im Lande, sozusagen „eingeordnet", wie kann ich da mit billigen. Worten kommen? Grete hat aber den Trost gamicht nötig. Zuvernichtlich meint sie: „Nächstes Jahr wird es besser. Mein Bruder kommt aus der Ludwig Tietz-Schule heraus. Wenn er im Kibbuz ist, wird er auch die Mutter zu sich nehmen. Und dann werde ich auch in eine KwuzüIi gehen." „Wollen Sie da Friseuse werden?", frage ich im Scherz. „Ach wo", wehrt Grete ab. „Ich war ja auf Hachscharah. Ich habe Landarbeit gelernt. Ich möchte nur noch ein Jahr auf eine landwirtschaftliche Schule, dann bin ich richtig ausgebildet" Ich musste unter die Glocke. Das Haar sollte trocknen. Bei dem Lärm, den der Apparat macht, kann man sich nicht unterhalten. Ich bekam einen Stoas illustrierter Zeitungen, hatte aber keine Lust su lesen. Dar hebräisch-persisch-ungarisch -deutsche Friseursalon war mir bunt genug Hanpa Qottgotre* (Jerusalem)