Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 9 (4.3.1940)
- Date
- 1940-03-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Stfttt« JÜDnCRB WELT-RUNDSCHAU 4« Min 1M0 BÜCHER ZeUachrittenselum ALFRKD ADLKR, AP08TLK OF By PhylUs Bottome. Faber A London. 386 S. 10/fl Von dem grossen Drclgestirnj der analytischen Psychologie, die einer Neufur»i»icrung dieser Wissenschaft gleichkommt, Freud. Adler, Jung Bind die ersten beiden Jt»(Jen. Dleüe Tatsache Ist weder belanglos für di* Eigenart ihrer Denk weise, noch filr die Beurteilung, die Ihr zuteil wurde. Ist doch auHÄCtf <ic:m „jüdischen" Marxls rrrus kaum eine wissenschaftlich* Leistung sosehr mit antijudischen Argumenten bekämpft worden wie die Psychoanalyse, und auch in den internen Diskussionen, z.B. «wischen Freud und Jung, spielt das Jud»nmoment eine erhebliche Rolle. Alfred Adler •ntstammte dem typischen Wiener jüdischen Bourgeois-Milieu, wozu auch gehört, dass er getauf* war (was nicht allgemein bekannt ist). Seine Uiographln. die im übrigen der Leistung der Juden im Kulturlehen Wiens Gerechtigkeit widerfahren liisst, meint, dass Adlers übertritt zum Protestantismus eine Protesthandlung gege« die jüdische Isolierung war. Sic meint auch, dass Adler von den typischen Qualitäten seiner Rasse frei war, weil er in einem Vorort in nic!it.jüdlseher Umgebung aufwuchs. Jedenfalls ist Adler am Ende seine» Lebens dem JudenschIckrAl nicht entgangen, wenn er auch die Hltlerisieruitig seines geliebten Wien nicht mehr erlebt hnt. Der Reiz der vorliegenden Biographie liegt in ihrer stark persönlichen Note, die freilich auch rtwinchmal zu Abschweifungen und Subjektivismen führt. Der Begründer der Indivldualpsychofogie und Entdecker des - inzwischen sprichwörtlich gewordenen ..... „Minderwertigkeitskomplexes" ersteht vor uns In seiner ganzen Menschlichkeit, und auch die wissenschaftliche Leistung wird voll gewürdigt. Bei der Darstellung des Abfall» von Freud steht die Biographin natürlich auf Adlers S*lte. Wir bekommen Einblick in die versehiedanen (stark jüdisch durchsetzten) Kaffeehaus-Zirkel, in denen aich in Wien ein guter Teil des geistigen Leben* abspielte. Spatere Kapitel zeigen Ausschnitte des wissenschaftlichen Lebens in Englnnd und USA, nicht ohne Schattenseiten. Es ist ein vielseitiges Buch, das interessantes Material enthält. Ein von der Blographin zitierter Ausspruch Adlers sei hier - weil auf viele Lebensverhältnisse anwendbar — wiedergegeben: „Erfahrung ist wie eine niedrige Tür in einer Mauer. Die meisten Menschen müssen Ihren Kopf neigen, um durchzukommen. Der Neurotiker will seinen Kopf nicht neigen, aber Ich zeige ihm, dass wenn er es nicht tut, er unvermeidlich mit dem Kopf gegen die Wand rennen wlrdl und dann wird es nicht die Wand sein, die die Schmerzen leidet. Alles was ich tun kann, ist ihm dies darzulegen; welter geht meine Verantwortung nicht." ..JHdlache Retrlertintr4*. Aus Bombay wird gemeldet: Sieben Europäer wunden hier verhaftet, well sie auf Illegale Welse Briefe nach Deutschland geschickt haben Unter den Verhafteten befand sich auch eine Frau Urchs. die an ihren Sohn nach Deutschland einen Brief geschrieben hat, worin u. a. der Satz stand: „Alle Auftrüge kommen hier von der jüdischen Regierung In Simla." — Der Richter äusserte sich über diese Bemerkung besonders abfällig, aber es ist interessant, in welcher idiotischen Welse die Nazi-Terminologie um sich gegriffen hat und wie die Welt-Verdummer überall ihre Agenten haben. FRKKDOM. j lu <Jer vorzüglichen Zeitschrift „Mass und Fat«*» r*(f Uv#rt" (Herausgeber Thomas Mann und Konrad Fafire, Verlag Oprecht Zürich), die heute die repräsentative Zeitschrift des nicht-hitleristiiichen deutschen Scfifjfttums ist, finden wir im zweiten lieft 'Januar-Februar 1940) u.a. einen Aufsatz von dem aus der Jüdischen Politik der Vor-Weltkriegszeit bekannten Dr. Philipp Menczel — damals Czernowitz — fcr das Unglück der Nachkriegszeit nicht, wie du* üblich Ist, aus dem Vertrag von Versailles, sondern aus dem Vertrag von St. Germain, der Österreich-Ungarn zerstörte, ableitet. Das alte Österreich, so schreibt er, war ..«•in Damm, Hen der Scuutzgott der kleinen Völ ker errichtet hatte"; heute erkennen sie, welches Los sie ereilt, nachdem Sie selbst diesen Damm zerstört haben. Auf die Frage, wie ein national fühlendes, demokratisches kleines Volk im Rahmen einer aus der Vielfalt kleiner Völker bestehenden Grossmacht 'naclt dem Muster des alten Österreich) leben soll, antwortet Menczel mit der Formel, die einst Moritz fielmann für seine eigene Doppclstellung zwischen Deutschtum und Judentum gegeben hatte; <4Es ist nichts Unnatürliches darin, seine Bahn mit zwei Mittelpunkten zu durchlaufen; einige Kometen tun es und die Planeten alle." Bei der Aufzählung der kleinen Völker erwähnt übrigen» Menczel auch die J u - <l e n im Donauraum. „Die Juden in Galizien und in den ungarischen Karpathen waren auch zu Österreichs Zeiten «rm und litten materielle Not, aber sie durften aly Menschen unter Menschen— ein natürliches Leben führen. Nun ist es ihnen nicht leicht gemannt eines natürlichen Todes zu sterben." Die Redaktion distanziert sich in einer Nachbemerkung von Menczels Ausführungen, die eine-;* Bekrag zur Diskussion bilden, denen andere folgen werden. Dabei wird darauf hingewiesen, das« in Menczels 1932 erschienenen Buch „Trügerische Lösungen" sich manche verblüffend Voraussage findet, die inzwischen einge trotten ist. , Aus dem weiteren Inhalt des Heftes, das u.a. auch eine Novelle von Bruno Frank bringt, sei ein glänzend geschriebener Aufsatz von C. A. Borgese „Kaiser und Caesaren", eine Art theologisch-gcschichtsphilosophische Deutung unterer Zeit, sowie mehrere Bemerkungen des Redakteurs Golo Mann hervorgehoben, so z.B. die ausführliche Besprechung der Briefe des amerikanischen Journalisten Lincoln Steffens, der die Weltereignisse bis 1933 aus nächster Nähe beobachtet und mit offenem Blick kommentiert hat; oder üb«r Marxismus, der mit seinen Wahrheiten und Irrtümern der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts eingeordnet, nicht aber künstlich für unsere Marx ganz fremde Zeit aktualisiert werden soll. Interessant auch gerade für jüdische Leser eine Besprechung von Hans Kunz über Fritz Heinemanns Schrift „Odysseus oder die Zukunft der Philosophie", worin der Rezensent sich dagegen wehrt, dass das Ressentiment des Emigranten zum gefühlsmäßigen Fundament prätendierter philosophischer Erkenntnisse gemacht wird. In London erschien ein Buch unter dem Titel „Jüdischer Beitran ewr menschlichen Kutter", das ein Verzeichnis wn 2G00 Werken enthält, die von Juden oder Judenstämmlingen geschrieben sind. Der einzige Gesichtspunkt für die Auswahl war der. ob das betreffende Buch in Deutschland verboten war Daher sind auch Bücher enthalten, die an »ich mit jüdischen Dingen nichts zu tun haben. Die Einleitung stammt von Stefan Zweig. In Amerika erschien soeben der Band der .Universal Jewish Encvclopedia*. herausgegeben von Isaac lAndman. New York. Das Werk, das auf 10 Binde berechnet ist, stützt sich in seinem Aufbau auf das in deutscher Sprache im „Jüdischen Verlag" erschienene fünfbändige „Jüdische Lexikon", Ist jedoch sowohl zeltlich all auch örtlich erweitert, Das American Jewish Committee (386, Fourth Ave, New York) gibt eine Zweimonatsschrift unter dem Titel „Contemporary Jewish Rccor d" heraus, die soeben in ihren dritten Jahrgang eingetreten ist. Es ist eine laufende Sammlung von Berichten zum jüdischen Zeitgeschehen. Der wertvollste Teil dieser Publikation ist die ausführliche Chronik afler Ereignisse von jüdischem Interesse, nach Ländern geordnet, sowie Wiedergabe von Dokumenten, Anzeige von Publikationen nebst Hinweisen auf wichtige Artikel in amerikanischen Zeitschriften, natürlich unvollständig. Aus dem publizistischen Teil erwähnen wir neben einer tiefgehenden Abhandlung von Erich Kahler über „Formen und Tatsachen des Antijudaismus" einen Aufsatz von Richard Rothschild „Werden die amerikanischen Juden in die Nazi-Falle gehen?" Der Verfasser wendet sich gegen die Befangenheit, die sich in der Judenfrage der amerikanischen Juden bemächtigt hat, und warnt sie, nicht auf die Absichten der Nazi-Propaganda hereinzufallen. Jedes Eintreten z.B. für „rassische Gleichheit" sei schon ein solcher Hereinfall, <denn das Reden von „Rasse" überhaupt helfe nur Hitlers Ariertheorie. Die Juden sollen auch nicht überempfindlich sein, das alles fördere in Wahrheit nur, was sie verhindern wollen. Sie sollen nicht die antisemitische Gefahr selbst übertreiben, sondern davon ausgehen, dass so etwas in Amerika nicht geschehen kann. Der Antisemitismus in Amerika werde ebenso überwunden werden wie bisher alle importierten unamerikanischen Bewegungen Uberwunden wurden. In dem neuen Heft (2-3) der repräsentativen hebräischen Monatsschrift „Mosnajim" (Tel- Aviv) beginnt Jlzchak Griinbaum, der in der ersten Nachkriegszeit in Polen der anerkannte parlamentarische Führer der jüdischen Minderheit war und jetzt Mitglied der Exekutive der Jewish Agency In Jerusalem ist, mit einer Darstellung der Geschichte des Untergangs des polnischen Judentums. Der bisher veröffentliche Teil reicht nur bis zu den Zeiten des „Minderheitenblockes" in Polen, den der Verfasser anscheinend auch jetzt noch für die damals richtige Politik hält. Die Einleitung gibt eine Darstellung der innerjüdischen Parteiverhältnisse — S. Zemach veröffentlicht eine Abhandlung „Nazismus, Judcnhass und Schopenhauer", worin er zu folgendem Schlussergcbnis kommt: „Was michjj am deutschen Nazismus stets am meisten ver-;/ blüfft hat, ist nicht der Judcnhass selbst, sondern der Wahnsinn, der sich damit verknüpft hat, dieser romantische Rausch, die Begeisterung über eine Mission, diese KetzeriReligiosität — woher kommen die? Ich fif/de keinen" andern Ursprung dafür als Schopenhauer." Israel Kohcn beschäftigt sich in einem Aufsatz: „Unsere Generation und ihr geistiger Ausdruck" mit der Kluft zwischen Literatur und Leben in unserer ZeU eine in der hebräischen Publizistik in letzter Zeit viel diskutierte Frage (vgl. „Unzcitgemässe Bücher", JWR. Nr. 8). Der Schriftsteller, so meint Konen, müsse gerade in aufgeregten und revolutionären Zeiten unbekümmert um äussere Einflüsse sein eigenes tieferes Weltgefühl gestalten, gerade dadurch bewahre er den Samen der Zukunft über alle Stürme der Gegenwart. Anlässlich des 900-JahrJubiläums von Rasch! .veröffentlicht Jehuda Bergmann (früher Rabbiner In Berlin) eine Studie „Raschi und Rambam". über die Piutim von Raschi schreibt A. M. Habermann. Aus dem belletristischen Teil heben wir das Vers-Drama „Die Riesen" von Jakob Kahan hervor, ferner Gedichte von Brauacs („Schneefall In Polen") und Äaj/e/son-NewYork, mehrere Erzählungen und literarische Würdigungen, Das Heft enthält auch die Fortsetzung von Bubers Abhandlung über Bibelübersetzungen sowie verschiedene historische Arbeiten und eine grosse Anzahl kleinerer literarischer und anderer Anmerkungen. KLEINE NACHRICHTEN Der britische Staatssekretär für Luftfahrt, H. H. B a 1 f o u r, hat soeben eine Inspektionsreise im Nahen und Mittleren Osten beendet, wo sich jetzt, wie eine Londoner Zeitung schreibt, die gewaltigste Luftflotte befindet, die jemals im Mittleren Osten zusammengezogen war. In mehreren Veranstaltungen des Jewish Appeal (Geldsammlung für Flüchtüngshilfe) in England traten Anthony de Rothschild, Leib Jaffe und Professor Brodetsky als Redner auf. Eine Versammlung fand in der Wohnung des jüdischen Millionärs Sir Montague Burton statt. Die Vereinigung rumä nischer Juden in Amerika hat beschlossen, in Palästina eine Kolonie auf den Namen des verstorbenen rumänischen Oberrabiners Dr. Nemirowcr zu gründen. In New York läuft jetzt >in jüdischer Film ..Tewje der Milchiger", nach dem berühmten Roman von Schoknn Aleichem, Die Titelrolle spielt der bekannte Schauspieler Maurice Schwarte der bedeutendste jiddische Schauspieler und Theatermann Amerikas. Der französisch-jüdische Schriftsteller Josef Kessel erhielt vom französischen Luftministerium die Militärmedaille verliehen. Kessel erhielt 1916 das Kriegskreuz. Seine Kriegsbericht« erscheinen im „Paris Soir". Kessel wurde 1898 als Kind einer jüdischen Kolonistenfamilie in Clara (Argentinien) geboren; die französische Akademie verlieh ihm 192? den Grossen Roman- Preis. Kessel hat in seinem Palästina-Buch „Terre d'amour" ein Bekenntnis zum zionistischen Aufbauwerk abgelegt. Auf der Weltausstellung in New York wird auch in diesem Jahr der jüdische Palästina- Pavillon geöffnet sein.