Mannheim
Compact Memory

Jüdische Weltrundschau · 1940-03-04 · 9 (4.3.1940) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
9 (4.3.1940)
Date
1940-03-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2424658-2424686-2424695--451-2425209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4. Min 1M0 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU SetteS \sstrom in Betgien „Illegale" Wanderer — Wahre Humanität — Frauen arbeiten — Milden Geflngnlft — Die Hilfsaktionen — '/lonl»tl«he Arbelt — <i<XU*dien»te. Von rjinem Au/igeuxtnderten Brüssel, Februar 1940 In einer künftigen Geschichte der heutigen Judenwanderung wird (neben den anderen demokratischen Nationen Westeuropa»—A.d.R.) das tapfere und wackere belgische Volk, insbesondere sein edler Fürst, König Leopold III. ein nie verwelkende» Ruhmesblatt erhalten. Während eine ganze Welt, vor dem immer grösser werdenden Flüchtlingsstrom der Juden aus Mitteleuropa ihre Tore fest verschlossen hat, hat Belgien seine Tore weit geöffnet, um gehetzten Menschen eine, wenn auch kurzfristige Ruhestatt zu gewähren. In den letzten zwei Jahren war ein Visum nach Belgien, nur nrch in sehr seltenen Ausnahmefällen zu erhalten; umso mehr setzte ein noch nie erlebter illegaler Wandereratrom nach Belgien ein, der alles zu Uberfluten drohte. Dank einer bis ins einzelne wohl organisierten - von amerikanischen und hiesigen Juden zum grössten Teil subventionierte — Flüchtlingshilfe konnte all den unglücklichen Menschen mit Rat und Tat geholfen werden. Die belgische Polizei ist - man darf das, ohne der Übertreibung geziehen zu werden ~ sagen, die beste Polizei der Vvelt. Das Wort Polizei hat hier jeden Schrecken verloren. Man geht zur Polizei, wie man zu aufrichtigen edlen und menschlich mitfühlenden Freunden geht und wird dort, als illegaler Wanderer, mit vollem Verständnis für die Lage des Unglücklichen aufgenommen. Alle illegalen Wanderer, fast ohne Ausnahme, erhalten zunächst eine vierwöchentliehc Aufenthaltserlaubnis, die immer wieder verlängert wird. Ist die vierwöchentliehc Aufenthaltserlaubnis abgelaufen, so erhält der Flüchtling eine Aufenthaltserlaubnis von drei Monaten. In den letzten Wochen haben, zur grössten Freude aller, sämtliche Emigranten, die vor dem 15. Juli 193» belgischen Boden betreten haben, die sogenannte „Weisse Karte", die zu einem Aufenthalt von sechs Monaten berechtigt, erhalten. Während den Männern Arbeitserlaubnis nicht gewährt wird — und erst nach einem Aufenthalt von mindestens 2 Jahren nicht schwer zu erhalten ist — können die Frauen Arbeit im Haushalt; ohne weiteres annehmen, ja sie werden vom Flüehtlingskomitee dazu angehalten und dürfen ohne zwingenden Grund Arbeit nicht verweigern. Nach Ausbruch dies Krieges erwartete man hier allgemein ein Abebben des Flüchtlingsstromes. Das Gegenteil trat ein, immer neue Menschen — 70-jährige Greise und Familien mit mit kaum einige Monate a;t*n Säuglingen kamen hier an. Die Behörden sahen sich gezwungen, neue strengere Einwanderergesetze zu erlassen. Der 15. Oktober 1939 war in dieser neuen Verordnung als Stichtag angegeben. Wer nach rlem 15. Oktober ohne Erlaubnis nach Belgien kommt, hat zu gewärtigen, eingesperrt zu werden. Die Drohung mit dem belgischen Gefängnis war wirkungslos; aufs neue erschienen unzählige Menschen, mit ihren kleinen Kindern und ihren Alten, bereit, ins Gefängnis zu wandern. Vier und mehr Wochen verbleiben sie dort, Freunde und Bekannte sorgen sich um sie. sie aber tauchen eine» Tages wieder auf, sehen aus, als ob sie einen Erholungsurlaub angetreten hätten -•- so gütig menschlich werden sie dort behandelt. Charakteristisch ist folgende Episode. Einem Rabbiner aus Berlin- Charlottenburg wird nach Verlassen des Gefängnisses nahegelegt, den üblichen Dankessegen in der Synagoge zu sprechen. Er weigert sich: so schön hübe ich es zu Hau«« nicht, gehabt, meint er. - Das wäre also ein falsches Gebet. Das Verhalten der Behörde den Emigranten gegenüber ist für da* hiesige Flüehtlingskomitee Muster und Vorbild. An der Spitze dieser einzigartigen Organisation steht der Major im belgischen Heere, Advokat Dr. Max Gonschaik, ein aus dem Aachener Bezirk stammender Jude. Ganz einzigartig ist die Arbeit dieses Brüsseler | Komitees. Geschäftsführer ist Direktor Kowalsky. In aller Stille wird eine tagliche Arbeit geleistet, die für den Ausaenstehenjen fast unvorstellbar ist. Täglich werden Hunderte von Flücht-! lingen bedient. Alles Menschenmögliche wird j getan, um dem Flüchtling sein schweres Los zu j erleichtern. Alles wird getan, um das körperliche \ Wohl des Emigranten zu fördern. Zehn und j meiir Ärzte Wiener und Berliner beraten j täglich die erscheinenden Patienten. Eine öffentliche Küche, mit eigenem Präsidium und eigenem Direktorium an der Spitze steht Direktor Podliaschuk von der Tungsram AG. liefert für wenig Geld hervorragendes Essen. Einen Kaffee für 30 belgische Ctms cn. 1 Penny. — der Menschen und Götter erfreut Für einen belgischen Franken 2 Pencc ein Abendessen, bestehend aus Suppe, Wurst und Kartoffeln. Die Z i o n i s t e n unterhalten ein eigenes Flüchtlingsbüro — an der Spitze der Wiener Dr. Brenner. Sie haben sich besondere Aufgaben gestellt; haben Umschichtungskurse für die Flüchtlinge eingerichtet. Da hat der Emigrant Gelegenheit, das Schuhmacher- und Friseurhandwerk zu erlernen. Die Umschichtungskurse werden stark frequentiert. Durch Errichtung einer jüdischen Bühne und durch Abhaltung von Vortrügen sorgen sie für geistige Anregung. Auch sonst stehen die Zionisten jedem neuen Ankömmling mit Rat und Tat zur Seite. Auch das Komitee hat Kurse eingerichtet zur Erlernung der französischen, englischen und spanischen in den letzten Tagen auch der hebräischen Sprache, die überfüllt sind. Von vielen wird bedauert, dass eine Stätte fehlt, die den zahlreichen Flüchtlingsk indem Gelegenheit bietet, Religionsunterricht, Hebräisch, und jüdische Geschichte r.n erhalten Desgleichen fehlt eine eigene Andaehfsstätto. Di* zahlreich hier vorhandenen kleinen Bethäuser sind für die aus Deutschland und Österreich stammenden Flüchtlinge ungewohnt. Kehr viele nuehen den sogenannten ..Holländischen Tempel" auf. die Synagoge der belgischen Juden, in der französisch Repredigt wird und Orgel und Frauenchor im Gebrauch ist, Im Westen der Stadt Brüssel ist ein herrlich eingerichtetes kleines Gotteshaus knnbvrwttivvr Kiehtung vorhanden. Vorsteher ist Herr Henoch Waldmann, früher Grosskaufmann in Berlin-Pankow. In dieser »Synagoge halt ftabb. Dr. RoxenwaxMer (früher - Berlin, MÜnchcnerstr.) albabbathlich Jugendgottesdienste mit deutscher Predigt für zahlreiche Flüchtlingskinder ab. In den letzten Tagen hat das Komitee eine öffentliche Lesehalle für Emigranten eingerichtet und ist jetzt dabei, auch eine Bücherxnmmlnng zusammen zu bringen, um den Grundstock zu einer öffentlichen Bibliothek zu schaffen. Sie bittet um Zuwendung von Büchern jüdischen Inhalts. Eine reichen Segen stiftende Einrichtung zur Erleichterung des Ixtse* der Emigranten soll hier noch genannt werden. Du» ist die „Hidag" (Hilfswerk der Arbeitsgemeinschaft der Juden aus Deutschland). Geschäftsführer ist der frühere Oberstaatsanwalt in Heidelberg, Dr. Hugo Marx. Die „Hidag" unterstützt in grosszügiger Weise Emigranten, die unschuldig in Not geraten sind Die Gelder stammen von deutschen Juden, die schon längere Zeit in Belgien ansässig sind. «. B. lt. DENKWÜRDIGE BEGEGNUNG WEIZMANN UND BRANDET* Ober <H« Zusammenkunft von Dr Weizmann mit dem S3-jährigen Ex-Justice BrtmJeix in Washington hat Dr. Solomon Goldman, Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, der d«r Besprechung beiwohnte, eine interessante Darstellung gegeben. Es muss gewiss eine Szene von eigenartigem persönlichen und dramatischem Reiz gewesen sein, ab» diese beiden Persönlichkeiten, die zu den bedeutendsten Juden der letzten Epoche gehören, einander nach 20 Jahren inneren Grolles wieder begegneten, in dem Moment, wo die Grundlagen der ganzen Zivilisation wanken und wo die Existenz des jüdischen Volkes in weit höherem Masse auf dem Spiele steht, als man das je voraussehen konnte. Wenn die Darstellung von Dr Goldman vollständig ist, so können wir annehmen, dass die abgeklärte Aitersweisheit von Brandeis nebst seinem amerikanisch gefärbten Optimismus der Unterhaltung die Note gab. Dr. Goldman wurde von beiden Männern autorisiert, über die Unterhaltung zu berichten. Seiner Darstellung entnehmen wir folgendes: „Die Unterhaltung zwischen Justice Brandeis und Dir Weizmann dauerte etwa eine Stunde. In dieser begrenzten Zeit konnten sie ihre Anschauungen über die Probleme austauschen, die die Menschheit als Ganzes und, das jüdische Volk im Besonderen bewegen. Ich war von Anfang an tief beeindruckt von dem Optimismus, der von beiden Männern ausgeht Sic sehen die Barbarei, die Europa überwältigt, als eine vorübergehende Phase in dem Fortschritt der Menschheit auf dfm Wege zu einer Gesellschaft, die moderne Kriegsführung zerstörend, grausam und infolge ihrer Gründlichkeit barbarischer als die Kriege des Altertums und de» Mittelalters Aber ein Mai muss ja der letzt« Krieg stattfinden, und vielleicht ist es dieser. Ihr Optimismus schien von der weiten Perspektive und der Jangen Sicht zu kommen, unter der beide Männer die Dinge i\x betrachten gewohnt sind und ebenso von der Geduld, mit weicher sie an menschliche Dinge herangehen. Dr. Weizmann hat viele mühevolle Stunden in seinem chemischen Laboratorium verbracht; Brandeis viele Jahre über den Einzelhelten sozialer und wirtschaftlicher Vorgänge. Sie sehen die menschliche Raas« so, als ob sie noch mitten im Gebären wäre Die Schmerzen und Wehen dauern an, aber schliesslich wird daraus Leben entstehen. Die Diktatoren unserer Tage sind nur Anzeichen eine« Zurückfallen* in Lebensbedingungen, die in der Wildnis herrschten, wenn Gewalt und Brutalität das Merkzeichen des Stammesführers waren Aber m zeigte sich eine entschlossene Ablehnung zu glauben, das» rohe Kraft stärker bleiben werde als der Geist. (Im Englischen ein Wortspiel: Brawn wil omreach brain ) Der Mensch muss in seinem mzialen Leben zu jener technischen Vollendung gelangen, die er in der materiellen Welt erreicht hat. Dieser Optimismus, so fährt Dr. Goldmann fort, verlies« die Sprechenden auch dann nicht, als sie zu der grausigen TrAgödle des eigenen Volkes übergingen. Die Katastrophe der europäischen Judenheit drückt schwer auf ihre Seele und ihre Stimmen bebten als sie davon sprachen Aber sie glauben an die Widerstandskraft des Juden und. an seine Fähigkeit, zu überwinden, und sie sind überzeugt, das* der Jude seinen rechten Platz auf der Weltbühne einnehmen wird, nachdem Zeit und Flut die Trümmer und Zerstörungen hinweggeräumt haben, die durch die Herrschaft des Wahns entstanden sind. Dr Weizmann gab eine meisterhaft* Darstellung der Errungenschaften Palästinas in den letzten Jahren Brandeis war freudig beeindruckt und gab ein? Reihe von tiefgreifenden und wertvollen Anregungen für die Zukunft. Beide sind überzeugt, das« in der Lösung des jüdischen Problems als Ganze« und in der T<o*!ing dos Flliehtlingsproblem* Palästina die bedeutendste, wenn nicht die einzige Hoffnung ist. Die anderen territorialen Vorschläge, «o meinen beide, sind so fernliegend und ihrem Wesen nach ein m> gewagtes Experiment, das« sie gegenwärtig kaum von Bedeutung sind Beide waren der festen Meinung, dass nachdem Europa vom Krieg erlöst ist, die zivilisierten Nationen dl.» Angelegenheiten des Nahen Ostens in eine Ordnung bringen werden, die es ermöglicht, in Palästina ein Heim und einen Hafen für die Juden zu machen1' Dr Goldmann bemerkt noch, das« bei Beginn der Unterhaltung Dr Weizmann zu Brandeis sagte: ..Lassen Sie mich Sie einmal näher anschauen" worauf Brandeis erwiderte: „Die Jahre haben die Eigenschaft, Menschen älter zu machen und Sie wissen, ich glaube an die Arithmetik", setzte er lächelnd hinzu. Nach einer Reutermeldung au» Rom sind ab 1. März die Juden in Italien ausgeschlossen von den meisten freien Berufen, insbesondere dürfen sie nicht Ärzte, Anwälte, Journalisten. Chemiker und Ingenieure sein. Einige Ausnahmen werden zugelassen, die jedoch tun* Juden bedienen dürfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.