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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-04 · 9 (4.3.1940) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
9 (4.3.1940)
Date
1940-03-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seit* 2 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 4. Min 1940 reit« Mitglieder des Völkerbundes — momen tan sogar des Rates — sind, so viel oder wenig das bedeuten mag. Wer die politische Welt-Entwicklung der letzten twei Jahre aufmerkaam und ohne Illusionen verfolgt hat, konnte sich darüber nicht im unklaren sein, das* den Interessen der Keichsverteidiguag und de« damit zusammenhängenden Bündnis- Systems alle anderen Erwägunger., so wichtig sie auch sein mögen, untergeordnet werden. Es ist unglaubhaft, das* Grosshritannien, das den Juden in dieser Notzeit so viel Verständnis und Hilfe zuteil werden Hess, einen Schlag gegen die Juden führen wollte. Das Gesetz entspringt ganz anderen Erwägungen. . Nur wer allmächtig ist, kann immer nach Gerechtigkeit und Mitgefühl entscheiden; wo die Macht beschränkt ist, müssen oft sehr schmerzliche Opfer gebracht werden. .Wir habea das vor unsern Augen an dem Beispiel der Tschechen so eindringlich und vielsagend erlebt wie selten ein Zeitalter. Seit der Münchener Konferenz war es jedem Sehenden klar, dass auch in Palästina sich gewisse Änderungen vollziehen werden, und im jüdischen Lager wurde damals( freilich nur von einer kleinen Gruppe) darauf gedrängt, die Zeichen der Zeit zu verstehen und einen freiwilligen Ausgleich mit den Arabern — auch unter Opfern — zu versuchen. Denn selbstverständlich kann es ohne beiderseitige Konzessionen keinen Ausgleich geben. Die Frage, ob das Mandat verletzt wurde oder nicht, ist gewiss moralisch nicht gleichgültig; aber wir dürfen doch die Augen nicht verschliessen vor der Tatsache, dass auch andere Verträge und Verpflichtungen unter dem Drucke der Verhältnisse verletzt worden sind, sogar der hochheilige Völkerbundspakt selbst. Hier geht es nicht um Fragen des Rechtes, sondern der Macht, denn die Ausübung und Durchsetzung von Recht ist gebunden an die Macht, ihm Geltung zu verschaffen. Seit 1018 lebte die ganze Welt in der Vorstellung, dass durch die neue Weltordnung des Völkerbundes eine solche oberste Macht existiert; seit der Eroberung der Mandschurei, besonders deutlich — wie ein Fanal —- aber seit der Münchner Konferenz muaste dieser Wahn vorbei sein, und daher hiess es, Politik auf Grund der realen Machtverhältnisse zu machen. Dabei aber steht das Faktum, dass in Palästina fast eine Million Araber wohnen, die sich zu nationalem Bewusstsein entwickeln und von unabhängigen arabischen Staaten umgeben sind, an erster Stelle. Es wäre verfehlt, wollte man auf jüdischer Seite auch jetzt noch diese Tatsachen nicht als wesentlichsten Faktor aller Palästina-Politik anerkennen. Dem gegenüber können auch die berechtigten Hinweise auf die furchtbare Lage def jüdischen Volkes und auf unsere betrogenen Hoffnungen nicht viel ausrichten. Die Basis der bisherigen jüdischen Palästina-Politik, die nicht das arabische Problem als Zentralpunkt anerkannte, hat sich als irrig erwiesen. Vielleicht ist es noch Zeit, das Steuer herumzuwerfen, falls die massgebenden jüdi sehen Stellen zu derselben Erkenntnis kommen wie sie hier angedeutet ist. Wir glauben nicht, dass die jüdische Politik mit schlecht angewandten Bibelsprüchen gemacht werden kann, die doch nur das Gegenteil von dem bewirken können, was beabsichtigt ist. Zu einem so billigen und phrasenhaften Mittel der Polemik, wie es in einigen palästinensischen Kundgebungen geschieht, dürfte ein reifes Volk auch im Moment verständlicher Erregung nicht greifen. Und bei all dem sind wir uns bewusst, dass hier ein neues Kapitel der furchtbaren jüdischen Tragödie unserer Zeit vor sich geht. Wie viel guter Wille und Idealismus wurde seit Jahren gerade auf die Hoffnung der Landansiedlung gerichtet! Eine ganze Jugend wurde in der Diaspora in diesem Geist erzogen und eine gante Generation Protest der Jewish Agency Die palästinensischen Zeitungen vurAsTentliehen «inen Brief, d«n der Vorallsend« dsr Palaetina-Esekutive der Jewish Agency, David Ben Gurion, am 17. Februar an den High CommlMlon«r gesandt hat. In dem Brief wird erklärt, dass da« Bodengcsetz die lie- Htimmungen des Mandate« verletzt und dessen Zweck, die Errichtung de* Jüdischen Nationalheims, vollständig zunichte macht. Ben Gurion stellt die Forderung, die Frage dem Internationalen Gerichtshof Im Haag iu unterbreiten. In dem Briefe wird zunächst darauf hingewiesen, dass dieses Gesetz die Gleichberechtigung der Juden aufhebt und eine fiassenunterscheidung einführt. Da» Gesetz beschränke die Juden auf einen Ansiedlungsrayon wie er im ehemaligen zaristischen Russland bestand und heut« nur noch unter Nazi-Herrschaft besteht. Im weiteren Verlauf zitiert der Brief das Mandat und die Beschlüsse der Parmanenten Mandatskommission des Völkerbundes, die das Weissbuch vom Mai 1939 als unvereinbar mit dem Mandat bezeichnen. Das ökonomische Argument, ho wird weiter gesagt, sei völlig unfundiert, denn in Wahrheit ist der grössere Teil des Bodens Palästinas noch nicht kultiviert, und die ökonomische Lage der Araber (sowie ihre Zahl) hat sich gerade in den Landesteilen gehoben, wo Juden sich ansiedelten, während in den anderen Gebieten eine Stagnation herrscht. Das Gesetz selbst widerspricht sich, denn es erlaubt den Bodenerwerb gerade in dem Gebiet, wo heute schon eine dichte jüdische Bevölkerung lebt und verbietet es dort., wo keine Juden leben. Die arabische Delegation bei der Londoner Palästinakonferenz hat selbst zugegeben, dass von den 27 Mill. Dunam in Palastina westlich des Jordan 19 Mill. unbebaut und von ihnen nicht bebaubar sind. Das Gesetz verurteilt all dieses Land zu dauernder Unfruchtbarkeit und schädigt damit auch die Araber. Die Veröffentlichung der Verordnung in diesem Zeitpunkt ist höchst bedauerlich. „Das Land beginnt gerade erst »ich von den Folgen vierjähriger Unruhen zu erholen; die Verordnung kann nur die Rückkehr zu normalen Bedingungen und die Wiederherstellung friedlicher Beziehungen zwischen Juden und Arabern sowie ihre Zusammenarbeit mit der Regierung gefährden. Während man behauptet, dass die neue Politik den Frieden zwischen Juden und Arabern herstellen soll, muss die neue Verordnung die Kluft zwischen den zwei Gemeinschaften vergrössern und jede Zusammenarbeit auf dem wichtigen Gebiet der Landwirtschaft verhindern." Zum Schluss wendet sich der Brief Ben Guiions dagegen, dass Gross-Britannien das Streben des jüdischen Volkes, wieder im Boden zu verwurzeln gerade in der Zeit grausamer Judenverfolgungen zunichtemacht. „Das jüdische Volk wird eine Verwandlung des Nationalheims in ein Ghetto nicht hinnehmen und kann auch nicht glauben, dass Grossbritannien für eine solch« Travestie einer internationalen Verpflichtung verantwortlich sein wird." Schliesslich zitiert Ben Gurion den Brief, den Lord HaiItriam und 3ir John Simon (der Jetzige Sehatakaasler) 1930 veröffentlicht haben und worin st« damals empfahlen, die Frag« dem Haager Gerichtshof vorzulegen. Die Jewish Agency nimmt diesen Antrag wieder auf. Auch die Londoner Exekutive der Jewish Agency hat eine Deklaration veröffentlicht, worin nachdrücklich gegen das Gesetz Stellung genommen wird. Das Gesetz, so heisst e« darin, ist eine Konzession an die politischen Forderungen der Araber, nicht eine Massnahme für den ökonomischen Schutz der Araber. Die Regierung bringe nach Palästina für die Juden alle Obel der Diaspora. Die Juden werden dagegen mit allen legalen Mitteln kämpfen. Die Deklaration appelliert an da« Britische Volk, an dessen Seite die Juden in diesem Krieg stehen, und wendet «ich schliesslich an die Juden, fest und einig zusammenzustehen bis der Tag kommt, an dem auch die Rechte des Schwachen wieder anerkannt werden. HACDONALDS ERKLÄRUNGEN Im englischen Unterhaus gab Kolonienminister Macdonald am Mittwoch eine Erklärung über das neue Gesetz ab. Macdonald sagte, dass infolge der internationalen Situation der Völkerbundsrat nicht befragt werden konnte, dass aber die Regierung ein Exemplar des Gesetzes dem Völkerbund eingesandt hat und bereit ist an einer Sitzung teilzunehmen, falls eines der Mitglieder des Rates den Wunsch hat, das Gesetz zu diskutieren. Die Regierung sei nicht berechtigt, weiterhin die Vorhaltungen der un parteiischen Kommission n e n über die Gefahr der Zusammendrängung der Araber in bestimmten Gebieten zu ignorieren. Die Existenz einer landlosen arabischen Bevölkerung könnte nur wieder zu Verbitterung und Gewalttaten führen. Die Entwicklung des Jüdischen NationaUieims sei nicht verhindert, denn in vielen Gebieten können Landkätife grossen Umfanges noch durchgeführt werden. Auch sei an die Beschränkungen nicht für ewige Zeiten festgesetzt; der High Commissioner könne sie abändern. An Macdonalds Rede schloss sich eine erregte Debatte an, in deren Verlauf Mitglieder aller Parteien, auch der Regierungspartei, die neue Massnahme heftig kritisierten. Unter den Rednern war der Führer der Opposition (Arbeiterpartei) Attlee, der einen Misstrauensantrag wegen der Palästina-Politik für nächste Woche ankündigte, der ehemalige Kolonialminister Amery (konservativ), Sir Archibald Sinclair (liberal), Cpt. Cazalet (konservativ) u. a. Im Verlauf dieser Debatte sagte Macdonald, er sei sich bewusst, dass in den letzten 6 Kriegsmonaten alle Teile der palästinensischen Bevölkerung mit einander und mit der Regierung loyal zusammengearbeitet haben, aber gerade weil die Unterlassung dieser Bodengesetzgebung den Frieden stören könnte, sei die jetzige Entscheidung erfolgt hoffte auf seelische und geistige Gesundung der seit 2000 Jahren umhergetriebenen, in Städte und Ghettos gepferchten Menschen durch die Berührung mit dem Boden, durch die mystische Kraft der Erde, durch die romantisch verklärte Beziehung des innerlich freien und wiedergeborenen Menschen zum werden wir Juden von diesem Gedanken der Wiedergeburt nicht lassen, weil wir ihn nicht aufgeben können, ohne uns selbst und unser Streben nach einer besseren Beziehung des jüdischen Volkes zur Menschheit zu verraten. Wir werden aber vielleicht im Lichte des heutigen Weltgeschehens und des jüdischen Ge¬ Rhythmus der Natur und Landarbeit. Gewiss ■ schehens die Rolle des politischen Nationalisist die Verwirklichung dinier Idee noch nicht; was, die seit Entstehung des Zionismus unmöglich geworden; erstens gibt es schon auch in unseren Reihen nie ganz geklärt einen erheblichen jüdischen Bodenbesitz, der war, neu durchdenken müssen, durch jüdische Arbeit verwandelt wurde, es Es ist begreiflich, dass in dieser ausweggibt aucn in den ..freien" Gebieten noch!losen Situation sich eine verzweifelte Stimkauflichen Boden, und darüber hinaus bleibt! mung des jüdischen Volkes bemächtigt. Aber die Hoffnung, dass bei Beruhigung der Ver-! gerade in solchen Zeiten heisst es, Würde hältnisse, wenn die Araber jüdische Einwan-j und Besonnenheit bewahren und - so schwer derung nicht mehr als politische Gefahr für das sein mag —nicht nur den (berechtigten) sich selbst betrachten müssen, durch freie Vereinbarung mit den Arabern oder durch ganz neue verfassungsmässige oder staatsrechtliche Konstruktionen (Gross-Staat des Middle East mit jüdischer Enklave oder so ähnlich) sich ganz neue Perspektiven such in dieser Hinsicht ergeben. Jedenfalls Affekten nachzugeben. Wir werden unsere Position zu überprüfen und dann mit Zähigkeit, Geduld und Klugheit im Rahmen der neuen Welt, mit der wir es jetzt zu tun haben und deren wahre Gestalt erst nach dem Kriege sichtbar werden wird, unsere Position zu erkämpfen haben. Robert Weltsch

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