Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 8 (26.2.1940)
- Date
- 1940-02-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MU4 JOfHBCHl WfeL/f*RUlfD0G8AU 26. r«teu*r 1M0 Emigration in England DIE „DRITTE PERIODE" (Brief au» London) Di« jüdisch« Emigration tn England und in* Hilfe des Reemitlnf-Office des Bfeomsbury-Houe« besondere in London Ist in «in netM*«CBdinm ihrer gebildet wird; auch nicht von der erweiterten, Entwicklung eingetreten. Wir erinnern uns, dass wenn auch durch gründliche bürokratische Prmedas erete Stadium von IMS bis 198* gedauert hat > dur gehemmten Möglichkeit, Arbeltaerlaubni« tu Di« Zahl dar Einwanderer in dtaaer Zalt war erhalten und eich im bürgerlichen Laban wiadar nicht gross gewesen: auwer ainar Anzahl junger; nützlich tu machen. Dies alles iat bedeutsam; aber l>ei*t* befanden eich unter ihnen industriell« noch hedeuUiamer ist es, dass eine geietig« Fachleute, denen die Niederlassung unter dar B#~ Formierung begonnen hat. die, aus vielen Quellen dingung gestattet wurde, daas sie Fabriken in' gespeist, immer weitere Kreise «Iaht und dar den sogenannten "distreased nreaa" gründeten, wie grauen Masse der Emigration allmählich ein Gezum Beispiel in Wales. Tynssid«. Teilen von Lanj sieht gibt. Oberall bilden sich Clubs und Veretnlcaahire und Schottland, Dia tweite Periode, die j gungen. dl« sich eines lebhaften Zuspruch« «rnach den Novemberereignissen von 1038 «Inaetst«,! freuen; Arbeitsgemeinschaften und Vortrlge wartet noch in frischer Erinnerung. Sie brachte im; den gehalten. Geselligkeit wird gepflegt und ga- | Laufe des Jahres 193» die Gesamtzahl der Emlgenseitlge Hilfe wird geboten. Die Mitglieder der granten Im Land, Deutsche, Österreicher und Agtirfa sammeln sich im Wesentlichen im Nordsn Tschechen tuaammengenommen, auf rund 55.000, Londons. die Zlonlsten vereinigen «ich In der deren Einordnung durch die auegebreitete Büro- ..Theodor Herzl Society", unter den landsmannkratie des Bloomsbury Houae kaum mehr bewälschuft Hohen Vereinigungen Ist die Seif Aid Aaeo- Ügt werden konnte. Die Mahrsahl dar neu Zu-\ dation der Tu den aus Böhmen. Mahren und der gewanderten bekam nur die Erlaubnis tum vori Slovakei offenbar die aktivste. Diese Gruppe geübergehenden Aufenthalt bis sur Ermögllchung j wlnnt ihre Bedeutung (Iber den Kreis des rein der Weiterwanderung, meist nach den Vereinigten i Tjandsmannschafthehen hinaus dadurch, daas sie Staaten oder nach Palastina. Die mittleren j «ich das Ziel gesetzt hat die gesamte deutsche, und ilteren Altersklassen bildeten einen erheb-! österreichische und tschechische Emigration tu liehen Prosentset* dieser schutzsuchenden Panik-;einer «emeinsamen Interessenvertretung aller Emigration; daneben bildeten sich die Gruppen i ihrer Teile zu vereinigen. Der Zusammenachluss der auf Hachacharah befindlichen jungen Leute der drei tschechischen Gruppen zu einer Arbeitades Hechaluü. der Insassen der Richborougheerneinschaft Ist schon erJoisrt und-die Verband- Camps, der Mädchen und Frauen in domestic ser- 'untren mit den Repräsentanten der Juden aus vice und In der Ausbildung als Krankenschwester Deutschland und Österreich sind In vollem Gang, und der von englischen Familien und Heimen n** bedeutet mehr als auf den ersten Blick aufgenommenen Kinder. Die aoslale Gliederung deutlich werden mar: es bedeutet, dass die Emlder Einwanderungaschicht dieser Periode ist dem- ~ratlon aufhören will, nichts als ein Objekt gemäss einfach: in der gleichen grauen Masse der Fürsorge zu *ein und <*as* sie beginnt der unbeschäftigten „Garantierten" geht allee unihre Stimme im Kreis der eingesessenen oder ter, was einmal persönlicher Stolc auf Leistung »chon früher zugewanderten englischen Ju- und Lebenswerk gewesen war. Nicht Jedem Ist es denheit aktiv geltend su machen. Man darf möglich, ohne geregelte berufliche Tätigkeit die hoffen, dass dieser Elnfluss su einer Belebung Erinnerung an das Gewesene aufzulockern und kultureller sozialer und politischer Tätigkeit neuen Mut zum Laben su gewinnen, im ■ifld'sohen Kreis führen wird, nach der Nun aber Ist der Beginn «iner dritten Pe- *0 viele In dieser Zeit der Prüfung und Bewährung riode sehr deutlich festzustellen. Die "allen« mit iresoannter Erwartung Ausschau halten. Dia tribunals", die kurz nach Kriegsbeginn eingerlch- T^Adnr Herzl Socletv Ist auf einem der vielen tet wurden, haben ihre Tätigkeit abgeschlossen, w*»«?e. die zu diesem Ziel führen sollen, voran ge- Man kann diese Tätigkeit nur mit dem Gefühl fr*nsren, indem sie unter Leitung von Dr. Abraham der Bewunderung und Dankbarkeit registrieren ff e s c h e I und unter Teilnahme bekannter deutfür die verständnisvoll humane Groaszügigkeit i ~«*hf*r m,d *nellsrh«?r Gelehrter ein ..Institute for welche die englischen Behörden und so viele be-: Teuish Learning" ins Leben gerufen hat das die teiligte Einzelpersonen bei dieser Gelegenheit ge- : besten Traditionen der jüdischen Lehrhautbewezeigt haben. (Das Ergebnis war in Nr. 5 der nuna. u-ie sie fleh in Deutachland albnähtich tier- ,.JWR" vr.öffentHcht. — A. d. R.) Damit ist un- *u«™>>üd<>t hatte, fortführt Prof. Brodetsky. dar ter allee. was vor dem Krieg gewesen war, der; neueewählte Präsident des Board of Demities of Schiusatrich gesetzt. : British Jews. hielt die Eröffnungsansprache. Viel- Die neue Periode iat dadurch gekennzeichnet, j leirht relinst es. in einer neuen Welt die Innere daas der plötzlich gestoppte äussere Zuwachs sich j Erschütterung fortzupflanzen, die alle diejenigen in einen inneren Wachstums prozess ergriffen hat. die durch die Geschehnisse der letzumgesetzt hat der erstaunlich und erfreulich iat. ten» Jahxs mit dem BawuMtsain dar Grösse und Wir sprechen hier nicht von dem Pionier Tiefe des Erlebten hindurchgegangen sind. Corps, das aus Kreisen der Emigration mit Werner Jakob Cahnmann (London) frUehte, keinem Rei» etc., atmendem muaaten eis eich mit einem geringeren Quantum. Fleisch btgnügen, nämlich mit 3009 Gramm im Monat. Besonders einschneidend iat die neueste Bestimmung, wonach die jüdische Bevölkerung in Berlin seit dem 15. Januar generell von der Milchverteilun g ausgeschlossen ist, Indem man ihr bei der letzten Kartenverteilung keine Bczugs» karten für Milch mehr gegeben hat. Die ausserordentliche Kälte der letzten Wochen hat dazu geführt, daas eine grosse Knappheit in Kartoffeln eingetreten ist, die es bisher noch reichlich gab, sodass sich vor den Geschäften sogenannte Kartoffelschlangen bilden Nur Brot gibt es bisher noch In reichlichen Mengen. Es dürfen nur noch drei verschiedene Sorten Wurst hergestellt werden, eine Schlagwurst eine Mettwurst und eine Leberwurst, die es aber auch nur gegen Fleischkarte gibt. Auch die Zigarren alnd rationiert worden. Die Schaufenster der meisten Geschäfte Berlins täuschen eine Reichtum vor. der nicht vorhanden tat Denn dort sind meistens Attrappen Ausgestellt Dls entsprechenden Waren Im Laden sind schon lange nicht mehr su kaufen. Im Schleichhandel werden Phantasiepreise bezahlt. So werden für «in Pfund Ksffee RM. SO— verlangt, von denen angeblich HM 30.— an die Winterhilfe abgeführt werden müssen, für eine Gans RM. 45 — etc. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, dass Jeder In Deutschland das Eintreffen eines Leben»- mittelpakete» aus dem Aualand mit besonderer Freude begrüsst Man hat aber festgestellt, daas die Juden vielfach für diese I^ebsnsmIttel einen höheren Soll zahlen müssen ala NichtJud«n, ..Adam and Evn" Dass die Juden auch keine Kleiderkarten erhalten, wurde bereits erwähnt. Der Berliner Volksmund spricht deshalb davon, daas man sie nicht mehr „Israel und Sara", sondern „Adam und Eva" nennen müsse. Diese Bestimmung trifft die ärmere indische Bevölkerung natürlich sehr hart, besonders in diesem strengen Winter, well sIs nicht In der Las« Ist, sich irgendein warmes Kleidungsstück su beschaffen, und well sie auch keinerlei Möglichkeit hat Stopfgarn. Nähgarn etc. su beziehen, und defekte Kleidung«- oder Wäschestücke auszubessern. Die Juden besitzen infolgedessen auch keine Möglichkeit, neue Schuhe su bezieben. 1a, sie sind sogar von der Eintragung für dl« Schuhbeeohlung ause*srh!o*«en. für die die Seifenkarte «Ja Legitimation gilt. Durch die Einführung der Kleiderkart« wird auch der übriren deutschen Bevölkerung der Bezug von Kleidungsstücken sehr erschwert. Die grossen Konfektionshäuser haben Infolgedessen heute kaum noch etwas zu tun. Frei ist bisher nur der Bezug von Saide und Seidenwaren. Von einem Arier, der einen Bezugsschein für einen neuen Mantel erhalten hat. wird meistens vertan srt, dass er zwei alte Kleidungsstücke abgibt. Es Ist erklärlich, dass die Stimmung unter den Juden In Berlin und in ranz Deutachland äussert gedrückt ist. Wenn auch bisher von einer Deportation deutscher Juden (aus dem Altreich) nach dorn Lubllner Bezirk nichts bekannt wurde, so leben sie natürlich in der steten Furcht, dass «Ines Tages doch ein Abtransport dorthin stattfinden könnte. In Stettin hat man vor kurzem mehrere lüdlsche Familien, die eigene Wohnunren besessen, gezwungen, Ihre Wohnungen innerhalb von swei Stunden zu räumen, ohne: daas sie irgendetwas mitnehmen durften. Sie mussten Ihre Wohnungen baltendeutschen Familien zur Verfügung stellen und wurden 14 Tage hindurch in einem Warenhaus, da« man zu diesem Zwecke freigemacht hatte, einquartiert. tVgl. den an anderer Stelle wiedergegebenen Bericht der „N. Z. Z." — Red.) Nachdem ch> Raltendeutaehen weitergewandert waren, durften dielen!ren, die In Stettin geblieben waren, 1n ihre Wohnungen zurückkehren, die anderen, die etwa nsch Berlin gegangen waren, sind ihre Wohnungen für immer los geworden. Kein An*er«verbot Eine offizielle Bestimm»ma. durch die es den Juden verboten ist, nach 8 Uhr abends «usi U g# h e n, existiert nicht Es acheint «ioh hierbei aber um eine interne Anweisung des Vorstände« der Jüdischen Gemeinde an die Jüdische Bevölkerung Berlins zu handeln, die im Einvernehmen mit der Gestapo erlassen wurde. Infolge der Verdunkelung werden nachts oft Kontrollen der Passanten vorgenommen. Juden, die bei diesen Streifzügen angetroffen wurden, sind blshsr in keiner Welse bastraft worden. Die Entfernung der Rundfunkapparate aus den jüdischen Wohnungen erweist sich indirekt als Schutzmassnahme: Die Juden sind dadurch gegen die Behauptung geschützt, dass sie feindliche Sendungen mitabhören und Gerüchte verbreiten, die für Deutschland ungünstig sind. Denn trotz der horrenden Strafen, die auf das Abhören von ausländischen Rundfunksendungen gelegt werden, hört ein grosser Teil der Bevölkerung doch regelmässig die ausländischen Berichte. Die allgemeine Stimmung der deutschen Bevölkerung ist, soweit es sich nicht um Parteifunktionäre und die Jugend handelt, schlecht. Allgemein aber ist man von der alleinigen Schuld Englands an diesem Kriege überzeugt. Zu der schlechten Stimmung trägt die allgemeine Warenknappheit bei. Ebensowenig wie es z. B. eine Taschenlampe oder eine Batterie zu kaufen gibt, kann man einen Kochtopf erhalten. Benzin Ist so knapp, dass den Autobeaitzern nur noch ein Quantum von 30 Litern per Monat zugeteilt wird. Infolgedessen ist der Verkehr rapide zurückgegangen. Die gigantischen Bauten, die Hitler in Berlin auaführen lassen wollte, mussten sämtlich eingestellt werden Auch die Ruinen der Synagogen stehen noch unverändert da als eine traurige Erinnerung an die Pogrom taga von 193i. Es Ist bezeichnend, da« Jüdisch« Familien, da» jetzt auswandern, beim Abschied manchmal gesagt wird: ,Jetzt wollen Sie noch fortgehen, da» lohnt »ich doch aar nicht mehr!" HILFSAKTION FttR POLEN Zwischen dem belgischen Roten Kreuz und den deutschen Okkupationsbehörden in Polen wurde eine Vereinbarung über eine Hilfsaktion in Warschau beschlossen, worin bestimmt wird, dass mindestens ein Drittel der Sendungen der jüdischen Bevölkerung zugute kommen muss. An der Finanzierung der Aktion beteiligt sich auch der Joint Wie jetzt gemeldet wird, hat sich der Plan der völligen Entjudung von Lodz (über den wir in der vorigen Nr. berichteten) als technisch undurchführbar erwiesen. Der Plan wurde daher aufgeschoben und inzwischen den Juden in Lodz ein Ghetto angewiesen. Gemäss einer Veröffentlichung im .Danziger Vorposten" wurde vom Danziger Sondergericht der Jude Max Israel Cohn sceaen Ranaewtchnnde zum Tode ivmtrteilt. Die arische Geliebte Paula Neidhardt erhielt U Jahre Zuchthaus. Daa Verhältnis bestand seit 1»25; in der Verhandlung wurde behauptet. Cohn habe sich seit SepUmb«r 1939 als „Volksdeutscher" ausgegeben.